Behördendschungel.

27. Dezember 2016

Ich musste da heute wegen einer komplizierten Bürokratenangelegenheit im Rathaus anrufen, solche Sachen sind ja in der Regel äußerst nervig, Behördenkram und so, auch noch ausgerechnet zwischen den Jahren, naja, Sie wissen schon. Ich wähle also die Nummer der Zentrale, die kenne ich auswendig, und es meldet sich der Bürgermeister höchstpersönlich. Oh, sage ich, sind Sie jetzt schon Ihre eigene Vorzimmerdame?, der Bürgermeister lacht, wir plaudern noch ein bisschen und dann stellt er mich zum zuständigen Sachbearbeiter durch, und flutsch!, ist die Sache erledigt.

Ehemaliges Balsbacher Rathaus im Morgenlicht.

Bei solchen Gelegenheiten denke ich gerne an den Herrn Kiezneurotiker, den Nachbarblogger aus meiner Heimatstadt Berlin, wenn ich das so sagen darf. Den lese ich gerne, er ist so schnoddrig und so motzig, wie ich es manchmal auch gern wäre, er motzt und kotzt und mault über Berlin, und schafft es aber doch nicht, von dort wegzuziehen. Warum auch immer.

Vielleicht, denke ich so bei mir, vielleicht ist der Kiezneurotiker eben dann doch so ein typischer Berliner, der sich aus seinem Kiez nicht wegwagt, immer da gewesen ist, immer da bleiben wird, der Berliner an sich hat ja da manchmal etwas durchaus Provinzielles. Dabei fällt mir wiederum die Frau vom Kiosk am U-Bahnhof Kottbusser Tor ein, die mir damals von ihrem ersten und einzigen Urlaub erzählte, keine Ahnung, wo sie gewesen war, et war nett, wa, aba is doch schöna, endlich wieda Kotti unta de Füsse zu ham, wa. 

Wie dem auch sei, beim Kiezneurotiker also lese ich hin und wieder, wie es in Berliner Behörden so zugeht. Offenbar etwas anders als bei uns auf dem Land. Um es mal vorsichtig zu formulieren. Hier bekommen Sie mal einen Eindruck, und hier auch. Es ist zum Davonlaufen.

Ein Symbolbild.

Wenn Sie ein schickes neues Auto gekauft haben und sich schon auf die erste Ausfahrt freuen, dann müssen Sie in Berlin nicht wochenlang auf einen Termin bei der Zulassungsstelle warten, nein, nein, keine Wochen, sondern mitunter Monate. Mo.na.te. Selbst über die offiziellen Zulassungsdienste dauert es noch Wochen. Und wenn Ihnen irgendein Dödel auf irgendeinem Amt irgendeinen Stempel auf irgendein idiotisches Formular drücken soll, müssen Sie offensichtlich mal mindestens einen Tag Urlaub beim Chef nehmen.

Und dann warten Sie in miefigen überfüllten Sälen mit anderen Verzweifelten, die doch eigentlich nur von irgendeinem Dödel irgendeinen Stempel für irgendein Dokument haben wollen. Wahrscheinlich kostet das dann auch noch einen Haufen, was weiß denn ich. Und im allerschlimmsten Fall entpuppt sich der Behördendödel tatsächlich als solcher, ist unfreundlich und maulfaul, wenn Sie nach Stunden endlich zu ihm vorgelassen werden. Oder er schickt Sie zur nächsten Behörde. Zack. Haha. Noch ein Tag Urlaub. Pech gehabt.

Tja.

Oder Sie engagieren sich einen, der den Termin für Sie organisiert. Oder die Zeit für Sie absitzt. In Italien gibt es für sowas die sogenannten Galoppini, die verdienen sich damit ihren Lebensunterhalt. In Berlin gibt es dafür den Schwarzhandel mit Terminen, ich habe zwar nicht kapiert, wie das genau funktioniert, aber letzten Endes ist es mir ja egal. Ich wohne auf dem Land. Ich lebe in einer anderen Welt.

Ich erinnere mich gerne an meinen ersten Besuch auf dem hiesigen Einwohnermeldeamt, morgens vor der Arbeit war ich seinerzeit schnell da vorbeigefahren. Die Dame am Tresen geriet, als ich eintrat, völlig aus der Fassung. Ach Gott, jetzt werden Sie aber leider warten müssen, sagte sie und hob entschuldigend die Hände in die Höhe. Sonst haben wir hier nie so einen Ansturm! Der Ansturm bestand in diesem Fall aus zwei Personen: Einem jungen Mann, der seinen Pass verlängert haben wollte – und mir.

Zulassungsstelle? Neuen Personalausweis beantragen? TÜV? Einfach vorbeifahren und drankommen. Wenn es wirklich mal granatenmäßig schiefläuft, ist beim TÜV einer vor mir, bei der Zulassungsstelle fünf. Die halbe Stunde Wartezeit bietet dann aber für eine Woche Gesprächsstoff. Wie??? Du hast eine halbe Stunde…? Nein! Unfassbar. Wir hätten uns ja sonst nichts zu erzählen auf dem Lande.

Länger dauerts nur beim Bürgermeister. Wenn man mal wieder eine unschlagbar geniale Idee hat, wie das Leben auf dem Dorfe zu verbessern und verschönern sei und unangemeldet im Büro vorbeischaut. Dann hebt der Bürgermeister auch die Hände in die Höhe, grinsend, Oh, weh, kommen Sie schon wieder mit einer genialen Idee? Und dann gibt es erstmal eine Tasse Kaffee, und die Zeit vergeht im Flug. Naja, Sie wissen schon. 

 

Lieber Herr Kiezneurotiker, wir werden mal darüber sprechen müssen, wenn ich das nächste Mal in Berlin bin und Sie hoffentlich endlich mal persönlich kennenlerne, es wäre mir ein Vergnügen. Wenn Sie dann nicht gerade auf irgendeinem Amt herumsitzen und warten, stundenlang, tagelang. Oder ich setze mich einfach dazu und wir trinken irgendeinen labberigen Plörre-Kaffee aus dem Behördenautomaten und ich berichte Ihnen was aus der vermeintlichen Provinz. Wenn, –  ja, wenn Sie das hören wollen. 

 

 

 

Nix mit Behörden, aber auch lesenswert: Ich weiß ja nicht, wie man im Odenwald an einen Kita-Platz für den hauseigenen Zwerg kommt, aber so (klick!) geht das in der Großstadt.

 

 

  • 10 Kommentare
  • Herr Ackerbau 27. Dezember 2016
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    Alltag und Ekstase – das wird mein Motto 2017 !

    (Meine Berliner Behördengänge habe ich schon 2016 erledigt.)

    • LandLebenBlog 27. Dezember 2016
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      Das Foto ist in Erfurt entstanden, kann ich als Ausflugsziel überhaupt sehr empfehlen.

      • Herr Ackerbau 27. Dezember 2016
        Antworten

        Ich stehe in Erfurt gerne vor dem Seitenportal des Doms und sehe mir die törichten Jungfrauen an – allein dafür lohnt sich die Reise. (Ich bin angeheirateter Thüringer…)

        • LandLebenBlog 28. Dezember 2016
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          Oh, dann kennst Du auch Topf&Söhne?? Die Gedenkstätte??

  • Astridka 27. Dezember 2016
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    Tja, die Frau Mutter, umgesiedelt Mitte Juni aus dem Odenwald in die ehemalige Bundeshauptstadt wäre dorten bei ihrem Tod gar nicht rechtmäßig angemeldet gewesen, denn der dafür online zu vereinbarende Termin war frühestens im September möglich. Doch durch rheinischen Klüngel hat meine Schwester einen Termin kurz nach Dienstschluss ergattern und die Ummeldung rechtzeitig sozusagen über die Bühne bringen können. Jetzt haben wir den Salat, denn die Erbsache läuft nun über das Bonner Amtsgericht statt über den Odenwälder Notar ( bei dem im letzten Fall die komplette Sache in einem Vierteljahr abgeschlossen war ). Über unsere Erfahrungen mit den Bonnern habe ich ja schon einen langen Post verfasst…
    Jetzt bin ichbschon ein bisschen neidisch.
    Alles Gute fürs Neue Jahr!
    Astrid

    • LandLebenBlog 28. Dezember 2016
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      Oh, nee. Das nennt man dann wohl Ironie des Schicksals. :-(

  • kiezneurotiker 28. Dezember 2016
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    :)

  • Novemberregen 28. Dezember 2016
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    Ja, das mit den Ämtern ist so etwas, nicht nur in Berlin sondern mittlerweile in vielen großen Städten. Ich habe diesen Sommer zum ersten Mal – beruflich – eine Person, für die ich einen Aufenthaltstitel brauchte, für ein paar Wochen in eine Pension in einem kleinen Ort eingemietet und dann in der Stadt ab- und im kleineren Ort angemeldet, damit eben die Behörde im kleineren Ort für den Aufenthaltstitel zuständig wird. Denn sonst hätten wir länger als 4 Monate auf einen Termin warten müssen, den wir nicht beantragen dürfen, bevor die Person nicht körperlich im Land ist, die Person darf sich aber andererseits maximal 3 Monate ohne Aufenthaltstitel hier aufhalten. Im kleineren Ort war dann alles sehr schnell erledigt.

    Auch sehr verrückt.

  • Amelie 28. Dezember 2016
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    Was wir gerade in Sachen Behörden hier in Berlin durch haben, lässt die Zulassungsstelle noch blass aussehen. Ich sage nur, 6-8 Wochen Warten auf eine Sterbeurkunde mit dem ganzen Rattenschwanz an Bürokratie, der daraus folgt. Demnächst wird es dazu etwas in meinem Blog gehen..

  • Südlurker 10. Januar 2017
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    Da merke ich dann doch, dass ich trotz Stuttgarter Kennzeichen auf dem Land wohne. Auto abmelden hat heute früh in Weilimdorf doch glatt eine halbe Stunde gedauert. Davon entfielen aber 20 Minuten auf den Fußweg hin und zurück.

    Auch im neuen Jahr lese ich das Blog noch mit großem Vergnügen. In diesem Sinne: frohes neues Jahr!

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