Sorry, Martin.

26. Mai 2016

Eigentlich hätte ich heute mit meinem Traktor Gülle ausfahren müssen. Oder Mist streuen, draußen auf den Feldern. Das Wetter war perfekt, am Himmel Bilderbuchwölkchen, eine laue Luft und Sonnenschein und tiefe Stille überall. Und Fronleichnam, das war zumindest früher der Tag schlechthin zum Gülle-ausfahren, für echte Evangelische.

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„Das schreit nach Gülle!“, würde Martin sagen.

Ich bin keinem Fest mehr feind als diesem, es ist das allerschändlichste Fest, soll Martin Luther gesagt haben, das und noch mehr rund um Fronleichnam können Sie hier nachlesen. Ich studiere das jedes Jahr aufs Neue,  – nicht, weil ich so begeistert anti-fronleichnams-mäßig drauf wäre, sondern weil ich in meinem Alter schlicht vergesslich bin und es alle Jahre wieder nachschlagen muß, was sich denn hinter diesem Fest verbirgt.

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Foto: Hilger.

Jedenfalls hat der Reformator mit seinem Gemaule dafür gesorgt, dass über Jahrhunderte ausgerechnet an Fronleichnam die strammen Evangelischen die Gülle ausfuhren, genau zu der Zeit, als überall die Prozessionen durch die Dörfer führten. Um den braven Katholiken mal, im olfaktorischen Sinne quasi, zu zeigen, was so Sache ist und was sie von der ganzen Prozessiererei so halten. Dass ihnen das ganz gehörig stinkt. Die Katholiken haben sich alljährlich revanchiert, an Karfreitag, mit Fensterputzen, Wäsche machen oder Güllefahren. Sie müssen sich das vorstellen wie beim Fußball, Hin- und Rückspiel, und am Ende steht es unentschieden. Oder so ähnlich jedenfalls.

Ja, das war also alles nicht einfach mit der Ökumene, schon damals nicht. Heute würde soetwas natürlich nie mehr passieren, nie und nimmer, nicht mal auf den entlegensten Dörfern, fern ab jeder Zivilisation, niemals.

Soll der alte Martin sagen, was er will, ich freue mich über den freien Tag, die Zeit, das Wetter. Gülle zum Ausfahren hätte ich eh nicht gehabt, einen Traktor ja sowieso nicht, also bin ich durch die Dörfer der Umgebung geschlichen und habe aus dem sicheren evangelischen Auto heraus die Altäre und die Blumenteppiche beguckt und vor lauter protestantischem Staunen vergessen, Fotos zu machen. Ich hätte mich auch ein bißchen geniert, so als Evangelische mit dem Fotoapparat, knipsenderweise, wie eine blöde Touristin, das gebe ich zu.

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Foto: Hilger.

Stundenlang basteln die Frauen in den Dörfern an den Blumenbildern und den Blumenteppichen, schon Tage vorher wird gesammelt und gerupft und gezupft, und am Feiertag selber kriechen sie auf allen Vieren durch die Straßen, legen ihre Bilder und beten zuallererst vermutlich mal zu Petrus, dass er ihnen nicht einen meteorologischen Strich durch die Rechnung mache. Überall stecken gelb-weiße-weiß-gelbe Wimpel und wehen riesige Fahnen, die Orte putzen sich heraus, vor den Haustüren stehen kleine Altäre mit allerlei frommen Figuren und Rosenkränzen und Vasen.

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Foto: Hilger.

Während in der Kirche Messe ist, stehen in den Straßen junge Burschen herum, in roten und grünen Uniformen des jeweiligen Musikvereins, sie sehen alle frisch gewaschen aus, die Burschen und die Uniformen, und an irgendeiner Hauswand lehnen die Instrumente, Trompeten, Posaunen und Flöten. Nachher zieht die gesamte Gemeinde durchs Ort (so sagt man das hier), vorbei an Blumenteppichen und Altären, mit Musik und Gesang.

Man könnte jetzt natürlich kritisch theologisch werden, von wegen Verwandlung und leibhaftig und wasweißichnichtalles, aber das lassen wir jetzt mal. Ich kenne mich da viel zu wenig aus. Man könnte das aber auch ganz und gar un-theologisch einfach alles nur albern finden, oder reaktionär, überholt und altmodisch, als cooler, aufgeklärter Städter muss man das vermutlich sogar blöd finden, aber vielleicht bin ich dann eben doch kein cooler Städter mehr. Ich nehme sogar an, ich bin es nie gewesen. Und mir imponiert das Ganze, fast macht es mich ein bißchen neidisch, die Frömmigkeit, das Althergebrachte, die Tradition. Das Unerschütterliche. Das Beharren. Wie ein winziger Kontrapunkt. Oder, für Musikfreunde: wie ein trotziger basso continuo, kaum zu hören, aber immer da

Wie dem auch sei. Sie müssen sich nun keine Sorgen machen, ich werde sicher nicht katholisch, ich bin viel zu gerne evangelisch. Aber mir gefällt das, irgendwie.

Sorry, Martin.

 

 

  • 8 Kommentare
  • mikelbower 26. Mai 2016
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    Ein sehr schöner Blogpost. Danke dafür.
    Ja. Ich war katholisch, sehr katholisch. Als Ministrant habe ich unzählige Fronleichname mitgemacht, bis zum Monstranzenträger macht ich aber nicht mit.
    Ich hasste dieses Fest. Wenn es später als dieses Jahr war, wie zumeist, bei fast 30° und diesen dicken Gewändern mit dem Rauchfass stundenlang durch die Gegend rennen….
    Natürlich gibt es das auch in der Stadt, fast müsste man sagen gab es. Wir haben das Mainzer Rad im Wappen. Kurmainz. Das mit diesem Karfreitagskrampf kannte ich auch noch. Ist im Prinzip aber doch alles hinfällig heute, sorry, ganz bestimmt auch im Odenwald. Doch, ich weiß das, zu mindest in dem Teil des Odenwaldes, den ich kenne. Das ist nur noch …egal, Brauchtum wie die Kerwe auch. In Finkenbach herrscht Guru Guru etc.
    Aber was ich eigentlich erzählen wollte:
    Ich lebte als Kind 5 Jahre in Bretten, der Geburtsstadt Melanchthons, war auf einem Melanchton-Gymnasium und ich war Messdiener in der katholischen Gemeinde, die fast ausschließlich aus „Flüchtlingen“ bestand. Katholische Ex-Tschechen. (Merkt ihr was? Das Cuius regio, eius religio war durchbrochen, alles durcheinander, aber von Abendland sprach noch niemand.) Mein Vater hatte dort nur einen Job ergattert, wir waren katholisch, sehr katholisch.
    Und genau zu der Zeit, als die Stones ihr „Satisfaction“ aus dem AFN brüllten, unsere Haare länger wurden, die Twisthosen über den Schuhen spalteten und wir nach den Mädchen in den Miniröcken schielten, ja, vom Altar herab, als Messdiener getarnt, da standen wir also vor dem Eiscafe, betrachteten im Plattenladen nebenan die Cover der Singles, lästerten über Roy Black, nein, cool sagte damals noch keiner und Karl, sorry Charly kam und verkündete, dass der Pastor gesagt hätte, ja. Also der hätte gesagt, es gäbe Patrouillen, die genau guckten und wer diesen Fastnachtsumzug (Die Fronleihnamsprozession, die am Lutherdenkmal vorbei zum Melanchthonhaus zog) auch nur ansehe, würde nicht konfirmiert. Doch. 1965. Wir debattierten eine ganze Weile, was man denn tun könne und kamen auf die glorreiche Idee, dass (die APO war noch ganz klein) wir die Alten einfach überleben wollten. Spinner die, und gingen zu Jürgen, Beat hören und tanzen. Sie würden noch früh genug aussterben. Natürlich nahm ich an der Prozession teil, war ein halber Held.
    Die Religionen wurden tatsächlich immer unwichtiger. Alle. Es dauerte lange, bis ich auch rechtlich brach und gedachte nie mehr über Transsubstantiation nachzudenken oder die Einheit von preußischer Krone und Altar. Aber diese Episode unserer völligen Unverständnis dieses Hasses, doch das war Hass, hat sich eingebrannt.
    Und gerade geht es wieder um Hass, der pseudoreligiös geprägt ist, wirklichen Hass und um Flüchtlinge.
    Wollte ich nur erzählt haben.
    Und danke für den Post, hat mich inspiriert. Mehr nachzudenken über diesen faulen Kompromiss nach dem 30!jährigen Krieg. „Cuius Regio, eius religio.“ Und was so ein Spruch heute bedeuten könnte, von wegen Multikulti! Und den Werten des kriegerischen Abendlandes.
    Sagte ich schon, dass ich das Abitur dann an einer Albertus-Magnus-Schule machte, die mit dem Mainzer Rad im Wappen? :)
    Ach und von wegen Stadt und Land. Die Münchner Fronleichnamsprozession…. :)))
    btw. Ich verstehe die Faszination für das barocke Gepränge, heimlich… #pssst

    • Mechthild Becker 26. Mai 2016
      Antworten

      Ein ganz wunderbarer Text! Sagt eine erzkatholisch sozialisierte und heute agnostische Fast-Landbewohnerin.

    • Astridka 26. Mai 2016
      Antworten

      Auch ich bin begeistert und fühle mich angesprochen von deiner Erzählung, da erinnert an die eigene Zeit ( 1965 war ich allerdings schon ins Rheinland verschleppt ). Einen Monat nach dem Abitur auf der Nonnenschule brach ich auch rechtlich mit der Religion und sehe in ihr oft nur ein übles Machtinstrument.
      Aber mein Sinn für & Suchen nach Schönheit kommt aus der Zeit der herrlichen Blumenteppiche & Altärchen der Fronleichnamsprozessionen im Madonnenländchen… Heute poste ich dann meine Blumendekorationen am Friday – Flowerday im Blog…Aber dahinter steckt immer noch ein mehr.
      GLG

  • waswegmuss 26. Mai 2016
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    Verfluchte Hacke!
    Jetzt wollte ich heute auf die Määnzer Fronleichnamsprozession. Aus Bloggründen und habe dann doch liebe gebacken.
    Wird nächstes Jahr nachgeholt. Määnz ist fronleichnamstechnisch der Koffer.

    • LandLebenBlog 26. Mai 2016
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      Das Backblog geht vor. :-)

  • Linda 29. Mai 2016
    Antworten

    Ich bin zwar kein strammer Bursch, aber ich bin eines der frischgewaschenen Mädels, die ebenfalls mit Instrument durchs Dorf (so heißt des bei uns) läuft und beim Musik spielen fast auf die Schnorre fällt, weil sie immer nach den Bildern linsen muss.
    So war das – seit aber mehrere Kirchengemeinden mit nur einem Pfarrer gemeinsam auskommen müssen, wird das Fest nicht mehr jedes Jahr gefeiert – der Pfarrer wird rumgereicht…
    Man kann das alles albern und retro finden – ich find es schön – eben nicht so sehr aus religiösen Gründen (mein Großonkel würde sich im Grabe umdrehen, würde er hören, was ich ‚gutes‘ über die katholische Kirche zu sagen habe – er war Pfarrer), sondern viel mehr, weil der ganze Ort gemeinsam auf Achse ist und man alte Traditionen respektiert.
    Das schätze ich am Dorfleben sehr!

    Liebe Grüße,
    Linda

    • Linda 29. Mai 2016
      Antworten

      Jetzt muss ich fairerweise noch zu meinem Groß-Onkel sagen, dass er, trotz seiner katholischen Gesinnung, aber eigentlich ein sehr aufgeschlossener Mensch war.

    • LandLebenBlog 29. Mai 2016
      Antworten

      Siehste – Ich auch!

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