1.FC Huhn.

Immer gleich machen, sagt mein Geo jedes Mal, wenn ich laut darüber nachdenke, wann und ob ich denn dieses oder jenes nur erledigen soll. Es ist die Geo’sche Variation des ewigen Themas Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen, und jedes Mal bin ich genervt von diesem dämlichen Spruch, und immer hat mein Geo nachträglich noch recht gehabt. Naja, Sie wissen schon.

Diesmal war es wieder ganz genauso. Schon lange wollte ich den selbsternannten Mitgliedern des 1.FC Huhn, also des bloginternen Hühnchen-Fanclubs, ein Portrait meiner uralt-Henne Adelheid präsentieren, in Wort und Bild. Adelheid, die Queen Mum unter den Hühnern: ein bisschen dicklich, ein bisschen langsam, aber sehr beliebt und immer freundlich. Der verknitterte Kamm schon nicht mehr feuerrot, eher in zartes Rosé verblasst, das Gefieder leicht zerzaust, die Äuglein matt, die Füße groß und schwerfällig.

Wann immer es in den vergangenen Monaten Körner in der Wiese gab und alle Hühnchen rannten, stand Adelheid erstmal eine Weile da und dachte nach. Bis der Denkprozeß beendet war, waren meistens alle Körner weggefressen, und Adelheid stakste unverrichteter Dinge von dannen. Die macht es nicht mehr lange, dachte ich, wir schätzten sie auf roundabout acht Jahre, leider führen wir nicht Buch beim Einzug neuer Hühner.

Vorgestern also lag sie tot vorm Hühnerstall, wie schlafend, äußerlich ganz unversehrt, die Augen geschlossen, die Beine weit von sich gestreckt. Der Wind zerzauste ihr immernoch glänzendes Federkleid, unter dem sie schon ganz steif geworden war. Früher hätte ich bei einem solchen Anblick geheult, wahlweise hysterisch nach Geo geschrieen, diese Zeiten sind vorbei. Vielleicht ist das so, wenn man nur lange genug auf dem Land lebt und immer wieder Tiere kommen und gehen sieht.

Also packte ich den leblosen Körper in eine Kiste und fuhr mit Adelheid in den Wald, so mache ich das immer. Ist vermutlich verboten, aber so hat vielleicht noch irgendwer etwas von Adelheid, dann schließt sich irgendwie ein Kreis, zumindest bilde ich mir das so ein.

Ich bedecke den alten Hühnerkörper mit ein bisschen Laub und schwarzer Erde, und dann denke ich noch einen Moment nach, über all die Jahre, die sie mit uns gelebt und uns mit den leckersten Eiern der Welt versorgt hat, Worte wie Respekt und Dankbarkeit wabern durch meinen Kopf, und dann gehe ich wieder nach Hause mit der leeren Kiste. Und ärgere mich, dass ich nicht noch zu Lebzeiten ein Foto von der alten Dame aufgenommen habe.

Immer gleich machen, würde Geo sagen.

Leben geht weiter auf der Hühnerwiese.

Leben geht weiter auf der Hühnerwiese.

 

 

 

 

 

3 Kommentare

  1. Ich würde sagen, dass es keine Abstumpfung ist, nicht mehr hysterisch zu werden. Es ist eher so, dass man, je länger und näher man an und mit (Nutz-)tieren lebt, dieses ganze, pathetische „Circle of life“-Zeug tatsächlich verinnerlicht.
    Man ist traurig, wenn eins geht – aber man weiß, dass es in Ordnung so ist.

  2. Immer gleich machen…ja, aber das Bild das ich jetzt, durch diesen respektvollen Nachruf, von Adelheid habe ist ein sehr schönes.

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