Trostlos.

9. Februar 2016

Es gibt kaum etwas Trostloseres, als Gastwirtschaften beim Sterben zuzusehen. Auf dem Land begegnet man ihnen ja überall, den Gasthaus-Leichen und den Dahinsiechenden, deren Tage sichtbar gezählt sind. Es ist ein Drama, so ganz allgemein, und unsereiner muß zudem inzwischen lange Strecken fahren, wenn man etwas essen oder trinken möchte, wir hatten es ja schon davon.

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Mit dem Wirtshaus stirbt der Stammtisch. Oder umgekehrt, darüber muß man noch ein bißchen nachdenken, was da die Ursache und was die Wirkung ist. Fest steht, den guten alten Stammtisch gibt es kaum noch.

Ja, Sie haben richtig gelesen: der gute alte Stammtisch. Vor nicht allzulanger Zeit hätte mir allein das Wort Pickel im Gesicht verursacht, von wegen Stammtischparolen undsoweiter, alte Männer geben lautstark kruden Unsinn von sich oder schweigen ihre Schorlegläser an.

Inzwischen erscheint mir der Stammtisch in der Gastwirtschaft, nostalgisch-rückblickend quasi, als ein heimeliger Ort der basisdemokratischen Auseinandersetzung. Man traf sich face-to-face, schimpfte laut und war sich einig (oder nicht), man hörte zu und stritt, vertrug sich (oder nicht) und ging dann schließlich wieder seiner Wege, weinselig oder nüchtern. DSC_0856_839

Ich setze mich da gerne noch dazu, sagt mir ein Junger, der manchmal bei den Alten an einem der letzten Stammtische hier in der Gegend hockt. Ich lerne dabei immer irgendwas. Wenn es politisch wird, dann hört man da mitunter auch schon ziemlich abgefahrene Meinungen, aber ich halte dann dagegen. Die kennen mich von klein-auf, und manchmal nehmen sie sogar was an von mir. Aber außer mir sind wenig Junge da. 

Der sterbende Stammtisch, das sterbende Gasthaus als Synonym für den gesellschaftlichen Wandel. Plötzlich kommt mir das sehr logisch vor, steigende Bierpreise hin, sinkende Promillegrenzen her. Der neue Stammtischbruder, im schlechten Sinn des Wortes, der gibt sich digital, der braucht auch keinen Stammtisch mehr. Der muß niemanden tatsächlich treffen, muß sich nicht austauschen, will nichts Neues hören, will weder diskutieren noch dazulernen. Der digitale Stammtischbruder sitzt daheim in seiner muffigen Bude, allein mit sich und seinem Rechner, trinkt billiges Dosenbier und kotzt in die Computer-Tastatur. Schwallartig, ununterbrochen.

Er verbreitet weltweit seine Meinungen, seine Verschwörungstheorien und seinen hatespeech, er weiß alles besser, sowieso, und klopft sich selber auf die Schulter. Muß sich von niemandem was sagen lassen und hat für nichts eine Verantwortung. Er denkt problemorientiert und kritisiert in einem fort, er stänkert und er klickt sich weg, wenn Lösungen gefragt sind, und er beschimpft wüst jene, die mit Gegenargumenten kommen, er duldet keinen Widerspruch. Immer bleibt er anonym, versteckt hinter mehr oder weniger phantasievollen Kunstnamen, immer mit verschlossenem Visier.

Und das alles hält er dann für basisdemokratisch. Mitmischen im digitalen Rauschen; diesem Rauschen, das mehr und mehr nach einer verrotteten Klosettspülung klingt und immer weniger nach einem ruhig fließenden Fluß. Endlich mal der Welt gesagt, was Sache ist. Und Geld gespart hamwa auch noch.

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So gesehen kommt mir das Gasthaussterben noch viel trostloser vor als ohnehin schon. Vielleicht sollte ich die alte Tradition meines Wohnhauses wiederbeleben, das war ja mal ein Gasthaus, Zum Löwen, und irgendwo gibt es angeblich noch eine Konzession. Die alte Bierleitung liegt noch, wir müssten nur den Zapfhahn anschrauben und die Türen öffnen. Wir könnten einen regelmäßigen Salon veranstalten, sagt mein Geo immer gerne, und wie immer etwas abgehoben.

Ich würde eher für einen guten alten Stammtisch plädieren.

Das Wort gefällt mir besser und besser.

 

 

 

  • 20 Kommentare
  • Matthias Eberling 9. Februar 2016
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    Die Dorfkneipe hat noch eine weitere Funktion: Hier erfährst du alles aus deiner Umgebung, das nicht in der Lokalpresse und schon gar nicht im Internet steht. Zuzüge/Wegzüge, Hochzeiten/Scheidungen, Sterbefälle/Geburten und alles, was man abfällig als Tratsch und Klatsch bezeichnet. Seit genau einem Jahr haben wir keine Kneipe mehr im Dorf und die Entfremdung hat begonnen. 90 Prozent der Leute besuchst du eben nicht privat, die triffst du in der Kneipe oder auf der Straße. Aber das Siechtum des öffentlichen Raums geht immer weiter. Wie viele von unseren 500 Facebook-Freunden werden zu unserer Beerdigung kommen?

    • LandLebenBlog 9. Februar 2016
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      Einer oder zwei. (Das Thema wird ja immer trostloser,…:-) )

  • Seifenfrau 9. Februar 2016
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    …so geschrieben klingt Stammtisch richtig verlockend.
    „Basisdemokratisch“ – je nach Blickwinkel.
    Wann öffnest du deine Wirtshauspforten?

    • LandLebenBlog 9. Februar 2016
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      Grmpf… Wir arbeiten noch am Zeitplan.

  • christian ullmer 9. Februar 2016
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    Früher war die Dorfkneipe oft auch „nur“ Nebenerwerb. Man ging arbeiten, die Dorfkneipe war im Haus dabei und die Oma oder Tante hütete die Gäste. Wenn die dann zu alt wurden oder keine Lust mehr hatten oder sonstwie nicht mehr konnten,stand die Kneipe erstmal leer oder wurde vermietet. Aber Miete und Haupterwerb springt auf dem Dorf halt nicht heraus. Es folgt das Ende….
    Außerdem: Früher wurde auch viel und lang gearbeitet – ABER trotzdem hatte man mehr Ruhe und Muse um z.B. zum Stammtisch zu gehen. Dann trank man halt unter der Woche abends ein paar Bier o.ä., ging um 11 heim und am nächsten Tag arbeiten, Vieleicht nur mit 75 %,aber das reichte ja auch mal. Das kann sich ein heutiger Arbeitnehmer nicht mehr leisten, jeden Tag gibt’s Druck, 100% Leistung (und mehr) ist gefordert,

    • LandLebenBlog 9. Februar 2016
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      Naja, aber viele haben offenbar genug Zeit und kraft, stundenlang im Internet unterwegs zu sein, um dort ihre Hasstiraden loszulassen. Statt sich am Stammtisch mit wirklichen Menschen zu treffen.

  • waswegmuss 9. Februar 2016
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    Anfang dieses Jahres hat in Frankfurt die Quartierskneipe zugemacht. Zum Kuckuck hieß sie. Die Pächterin – schon über 70. 35 Jahre immer die gleichen Gänge in der Küche foderen ihren Tribut. Die Hüft-OP ging schief. Der Mann dement. Der Enkel, das was man in Bayern Gschaftlhuber nennt.
    Was dort am Tresen ausgetauscht wurde. Tja Frankfurt, du bist ein Kaff.
    Der Putz ist von den Wänden gekloppt. Wird wohl wieder so ein Döner oder ein schlimmer ein Konzept mit 5 jähriger Halbwertszeit.

    • LandLebenBlog 9. Februar 2016
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      Vielleicht wird ja der Döner die neue Dorfkneipe!? Auf jeden Fall haben mich Dönerläden schon manchmal in der tiefsten Provinz vor dem sicheren Hungertod bewahrt. Wo nichts mehr ist, sind Dönerbuden, darauf ist ja fast verlass.

  • sunflower 9. Februar 2016
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    gratuliere, toller Beitrag. Mir ist der Stammtisch zwar wirklich unbekannt, aber ich hatte auch schon solche Gedanken…. Save the Stammtisch! https://sunflower22a.wordpress.com/2016/01/10/digitale-verlangerung-des-stammtisches/

    • LandLebenBlog 9. Februar 2016
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      Danke für den link, auch die Kommentare sind spannend! Passt.

  • Hartmut Bock 9. Februar 2016
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    Im Nachhinein sind alle schlauer. Da wurden jahrelang Vereinskneipen, Vereinsheime, Grillhütten und so weiter in die Landschaft gebaut. Die Feste, ob öffentlich oder privat wurden dort hin verlegt. Es war billiger und sogar noch steuerfrei. Oder die Dorfgemeinschaftshäuser und Mehrzweckhallen. In jedem Dorf sollte so ein Gebäude stehen. Hier in Hessen ist das besonders ausgeprägt. Und jetzt plötzlich wird gejammert. Die Dorfkneipe, ein Stück Dorfkultur, die gibt es nicht mehr. Das ist soziale Verarmung pur.
    Oder der Tourismus. Überall entstehen neue Tourismusprojekte, zertifizierte Wanderwege, Radwege und mehr. Doch die Infrastruktur am Wegesrand, die fehlt. Der Wanderer ist gut beraten wenn er eine „eiserne Ration“ dabei hat. Denn die Kneipe ist weg und der Dorfladen sowieso, weil alldie Märkte jetzt zentral irgendwo auf der grünen Wiese stehen. So ist das.

    • LandLebenBlog 9. Februar 2016
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      Das habe ich erst jüngst gelernt: der Ursprung des Gaststättensterbens liegt zumindest in Baden Württemberg in der Gemeindereform der 70er. Da hat man viele winzige Gemeinden mit eben jenen Dorfgemeinschaftshaus- und Mehrzweckhallen-Versprechen geködert, damit sie sich gegen die geplante Eingemeindung bloss nicht wehren.

  • Astridka 9. Februar 2016
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    Oh je, Aschermittwochstimmung schon am Veilchendienstag! Aber du hast ja so Recht!
    Wenn ich so an „ming“ Heimat denke, sehe ich mindestens fünf Gasthäuser „für mich stonn“ ( nicht den Dom wie in meinem jetzigen Leben ). Einen gibt es heute noch, aber die Öffnungszeiten sind so kraus, die kann ich mir nicht merken. Mein „Ersatz“ im schönen Morretal hat auch aufgegeben.
    Die Folgen sind sicher die von dir beschriebenen…
    Übrigens gehöre ich auch noch einem „Stammdesch“ an, der regelmäßig am sonntäglichen Karnevalsumzug in Köln teilnimmt. Und beim Nähen und Basteln werden auch schon mal Meinungen ausgetauscht.
    In welchem Ort hast du denn diese Exemplar mit den schönen Fenstereinfassungen aus Buntsandstein gefunden?
    LG
    Astrid

    • LandLebenBlog 9. Februar 2016
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      Die Fotos sind nicht im Odenwald entstanden, erschienen mir aber passend….

  • ekke. braas 9. Februar 2016
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    …ein Jammertal. Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei – vor jetzt fast 30ig Jahren zog ich vom kneipenverwöhnten Rheinland in die Nordheide (1/2 Stunde südlich von Hamburg), alles bestens damals – heute gibt es von damals 7 noch gerade mal 2 Kneipen, dh eigentlich nur noch eine, weil in der anderen nicht mehr geraucht werden darf… Und mal ehrlich: Bier und Jägermeister ohne Zigarette geht ja gar nicht.
    Und, dass da dann auch noch ne Currywurst serviert wird, verstößt eigentlich schon gegen das Gesetz. Die Welt wird digital, vegan, abstinent, keimfrei, kalt, stumm. Wir sind ganz schön arm dran! Und das meine ich jetzt echt ernst.

    • LandLebenBlog 9. Februar 2016
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      Die Aufzählung trifft es wohl recht gut. In der Reihenfolge.

  • arboretum 9. Februar 2016
    Antworten

    Die Gasthäuser sterben oft auch, weil die Wirte alt sind und keinen Nachfolger haben. In Südhessen zeichnet sich das Problem auch schon seit einiger Zeit ab. Im Odenwaldkreis ist von den Kleingewerbetreibenden in der Hotel- und Gaststättenbranche fast ein Drittel 60 Jahre oder älter, im Landkreis Bergstraße 44 Prozent. Mehr als jeder Fünfte der 475 Gastronomen ist dort sogar 66 Jahre oder älter. Was das für den Tourismus bedeutet, hat Hartmut Bock bereits geschildert.

    • LandLebenBlog 9. Februar 2016
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      Keine Nachfolger, keine Kunden, keine Stammtische, da beißt sich die Katze halt auch in den Schwanz, leider.

  • m 13. Februar 2016
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    #killallwhitemen — Der Stammtisch von heute.

  • Lutz Prauser 13. Februar 2016
    Antworten

    Das Wirtshaussterben auf dem Land darf gern um einen Aspekt erweitert werden. Die dörfliche Struktur ändert sich nämlich auch durch den Einwohnerwandel.

    Die Zugroastn (bin selbst einer) gehen eben nicht in die muffigen alten Dorfkneipen. Warum auch?
    Zum Essen fahren sie in die Kreisstadt zum Tex-Mex oder Veganer (je nach Lust).
    Für die schnelle Küche geht’s zum Starbucks oder zum Pizzamann im nächst größeren Dorf.
    Zum Feierabendbier kommen sie kaum, weil sie ja aus der Großstadt noch nach Hause fahren müssen, und dann noch in die Dorfkneipe? Zu den Hiesigen hocken? Den Dumpfbacken? Den Dörflern und Ureinwohnern?
    Und sich zum Stammtisch, wenn es denn noch einen hat, dazuhocken? Im Leben nicht. Doch nicht mit denen auf eine Stufe stellen…
    Und dann versteht man die auch nicht, weil die so einen kruden Dialekt sprechen…
    Und reden sowieso nur von Leuten und Begebenheiten, die man selbst nicht kennt…

    Solch ein Denken und Handeln ist in den mal mehr mal weniger gelungenen Neubausiedlungen am Dorfrand mit eingezogen. Derweil im Orstkern das Wirtshaus irgendwann zum Italiener wird. Und der möchte, dass man was isst und nicht eben nur auf ein Bier zu ihm kommt und die Tische blockiert… und irgendwann kommt dann gar keiner mehr.

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