Tarnname: Goldfisch.

Ich sehe sie vor mir, wie sie in ihren Uniformen an einem dunklen Eichentisch stehen, Landkarten auseinanderfalten und sich konzentriert darüberbeugen. Wie ein Zeigefinger von Berlin aus Richtung Süddeutschland über die Karte fährt, vorbei an Frankfurt und Darmstadt, weiter nach Süden.  Dann im Odenwald zögert, und am Rand des Odenwaldes anhält.

Genau da, wo der Neckar sich mit seinem Tal direkt an die wildromantischen Odenwaldhänge schmiegt. Da, wo auf der Landkarte das winzige Dörfchen Obrigheim eingezeichnet ist. Da, wo die Welt halbwegs in Ordnung und der Krieg immernoch weit weg ist Anfang 1944.

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Ich höre einige aus dem Jägerstab sagen: Wieso denn ausgerechnet da? Odenwald? Neckartal? Wo um Himmelswillen soll das sein? Und ist das nicht ein bißchen sehr weit weg? Nein, ist es nicht. Es ist optimal für ihre Zwecke, hier gibt es die versteckten Gipsstollen im Berg, hier finden sie uns nie, und hier gibt es in der Nähe eine Bahnlinie. Güterverkehr. Genau das, was wir brauchen.

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Seit Anfang  1944 haben die Bombenangriffe rund um Berlin zugenommen, auch die auf das kleine Genshagen. Hier hat Daimler-Benz ein großes Werk, Flugzeugmotoren, kriegswichtiges Material. Das soll jetzt verschwinden. Versteckt werden, damit man weiter produzieren, weiter Bomber Richtung Alliierte schicken kann. Das Werk soll unter die Erde verlegt werden. In Obrigheim. Am Rande des Odenwaldes.

Schon im März 1944 kommen die ersten 500 Häftlinge. Zwangsarbeiter, politische Gefangene aus Dachau. Zusammengepfercht in der kleinen Grundschule in Neckarelz.  Jeden Morgen nach dem Appell müssen sie zu Fuß in groben Holzschuhen und ihren gestreiften Häftlingsanzügen Richtung Obrigheim aufbrechen, quer durch Neckarelz, dann über die Neckarbrücke, rauf zum Gipsstollen.

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Das dunkle Loch im Berg soll sich in nur sieben Wochen in eine riesige Produktionshalle verwandeln, in eine unterirdische Fabrik mit einer Grundfläche von 50.000 Quadratmetern, hoch genug, damit Kräne und schwere LKW hier ein- und ausfahren können.  Daimler-Benz leiht sich für vier Reichsmark pro Tag von der SS insgesamt bis zu 3500 KZ-Bauhäftlinge, die den aberwitzigen Plan umsetzen sollen. Koste es, was es wolle.

Die Männer aus allen Teilen Europas schuften um ihr Leben, rackern sich zu Tode. Tonnenweise Stahl, Beton, Holzbalken, alles schleppen die ohnehin schon ausgemergelten Arbeiter zu Fuß über 40 Höhenmeter eine schmale, wacklige Treppe im Hang zum Stollen hinauf, wer mit den ausgetretenen Holzschuhen auf dem schlammigen Grund ins Rutschen kommt, muß sehen, wo er bleibt. Oder bekommt Schläge. Schufte, oder stirb.

Den Stollen selber höhlen sie mit Hacke und Spaten aus, Zentimeter um Zentimeter, verlegen Leitungen, bauen Küchen und Sanitäranlagen in den Berg. Zu Essen gibt es Wassersuppe.  Immer wieder kommt menschlicher Nachschub für das Projekt unter dem Tarnnamen Goldfisch, viele der Männer sterben an Erschöpfung, verhungern, gehen im Krankenlager des Neckarelzer KZ elend zugrunde.

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2000 Maschinen aus Berlin werden geliefert. 7000 Mann Belegschaft aus Genshagen sollen in der neuen Fabrik im Berg so schnell wie möglich ihre Arbeit aufnehmen. Die Zeit drängt, die Alliierten rücken näher, und Daimler-Benz will retten, was zu retten ist und die Produktion der Flugzeugmotoren nicht aussetzen. Die Wächter im Obrigheimer Stollen werden immer hektischer, drängen die fast Verhungernden, noch schneller zu arbeiten. Wer nicht schnell genug war, bekam Schläge, bis er gar nicht mehr arbeiten konnte, erinnert sich ein französischer Überlebender. Schnell! Schnell!, das riefen die Deutschen immerzu.

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Am 10. November 1944 wird die geheime Flugzeugmotorenfabrik unter der Erde feierlich eingeweiht. Die Häftlinge haben 50.000 Quadratmeter Stollen besenrein hergerichtet, müssen ein Musikstück spielen für den hohen Besuch aus Berlin. Der Großbetrieb mit fast 10.000 Beschäftigten nimmt die Produktion auf.

Dann kommen die Amerikaner. Haben die Anlage geortet, werfen erste Bomben. Es heißt,  daß es den Befehl aus Berlin gegeben habe, alle KZ-Arbeiter im Stollen zu versammeln und den ganzen Berg zu sprengen.  Der Kommandant verweigert das. Stattdessen werden die Häftlinge zu Fuß losgeschickt. Für viele ein Todesmarsch. Die, die sich nicht mehr alleine auf den Beinen halten können, Hunderte sind das, werden hektisch  zum nächsten Bahnhof gebracht und in einen Zug gepfercht.

Der bleibt mit einem Triebwerksschaden schon nach wenigen Kilometern bei Osterburken im Gelände stehen. Stundenlang harren die Überlebenden im Zug aus, lauschen in die Totenstille draußen.

Bis sie merken:  Ihre Peiniger sind verschwunden.

Davongerannt über Gleise und Wiesen.

Sie sind weg.

 

 

Genauer und fundierter kann man dieses Stück deutscher Geschichte hier nachlesen.

Seit Jahren kümmert sich sehr engagiert – und zunächst nicht immer wohlgelitten – der Verein KZ-Gedenkstätte Neckarelz um dieses Thema. Ein Besuch der Gedenkstätte neben der Neckarelzer Grundschule ist absolut empfehlenswert. Ebenso die ca. einstündige Wanderung über den Goldfisch-Geschichts-LehrPfad durch den Wald zum Obrigheimer Stollen, auf dem auch die Bilder zu diesem Blogbeitrag entstanden sind. Fotografieren am und im Stollen geht nur mit Voranmeldung und Genehmigung, weil hier inzwischen wieder industriell Gips abgebaut wird.

Einmal im Jahr kommt man trotzdem hinein: Immer im Herbst organisiert der Gedenkstättenverein eine Busfahrt in den Berg, in dem Reste der Fabrik noch zu sehen sind. In den vergangenen Jahren waren da auch immer wieder Überlebende aus Frankreich dabei. Aber sie werden immer älter, immer weniger.

 

 

 

 

22 Kommentare

  1. Uh! Gänsehaut!
    So langsam habe ich das Gefühl, mal im Odenwald Urlaub machen zu wollen.
    Ich muß zugeben, daß ich vor entdecken dieses Blogs nicht einmal wusste, wo „Odenwald“ ist und länger von „Ex-DDR“ ausgegangen war, eben weil ich so überhaupt keine Idee dazu hatte *schäm. Und das, obwohl ich seit Kindertagen mit den Eltern und auch jetzt gern innerhalb Deutschlands urlaube. Der Odenwald ist irgendwie total an mir vorbeigegangen…
    na, mal schaun,vielleicht ….

    • Man darf hier keine Luxus-Resorts erwarten, aber die Gegend hat viel zu bieten, vor allem für Leute, die gern in der Natur sind und sich für die kleinen Besonderheiten einer Region interessieren. (Hallo Touristikgemeinschaft-Odenwald-Team – habt Ihr das gelesen?, jetzt werbe ich schon Touristen!! 😉

  2. Ich bedaure oft, dass man den Kindern nicht das Gefühl vermitteln kann, was die Geschichte um die Weltkriege und die DDR-Vergangenheit betrifft. Diese Dinge müssen im Gedächtnis behalten werden und nur so kann man heutige Geschichte verstehen. Mit solchen Texten kann man ein Gefühl dafür bekommen – großartig geschrieben.

    • Ich glaube, gute Geschichtslehrer könnten das, wenn es genug davon gäbe. Wobei die Betonung (aus alter Schul-Erfahrung) auf gut liegt.

  3. Was ein Text – ich kann mich nur der Vorschreiberin anschließen – wobei ich denke, das ist auch das Attribut der Jugend – diese Unbeschwertheit, mit der man viele Dinge ausblendet und sich damit noch nicht so extrem belastet.
    HG sendet Dir
    Birgit, die eigentlich so frustriert ist, dass sich solche Dinge überall auf der Welt nur unter anderen Regimen, anderen Systemen immer wieder wiederholen.

  4. Heute früh habe ich deinen Post verschlungen und war erschüttert, hatte aber auch keine Zeit zu reagieren.
    Diese Vorgänge in meiner ursprünglichen Heimat habe ich nicht gekannt ( bin allerdings auch mit knapp 9 Jahren weg gezogen & mir ist erst bewusst geworden, welche Schuld unsere Vorfahren auf sich geladen hatten, als die Auschwitzprozesse 1963 begannen ). In meiner Familie war zwar viel die Rede vom Krieg bzw. dass die jüdischen Mitbürger aus Hardheim weggebracht worden waren, von „Fremdarbeitern“, die auf dem Hof der Tante den in den Krieg abgezogenen Onkel ersetzen mussten, aber von einem Neckarelzer KZ habe ich nichts gehört…
    Ich habe mich allerdings mit meiner Form der Aufarbeitung auch dann auf meine neue Heimat, das Rheinland beschränkt bzw. eher im gesamtdeutschen Rahmen „geforscht“.
    Was für mich bei deinem heutigen Beitrag wichtig ist, ist die erneute Erfahrung, dass es eine schlimme Ausrede ist, wenn gesagt wird, „man habe nichts gewusst“, denn an so vielen Stellen konnte man ja mitbekommen, was da getrieben wurde. Blitzartig ist mir das auch damals in Weimar bewusst geworden, als ich von der Kirchturmsspitze der kleinen Jakobskirche auf das Plateau von Buchenwald schauen konnte…nichts gewusst. Das ist für mich das Schlimmste an der ganzen Sache. Und diese Menschen haben MIR eingebläut, dass man zu seinen Sünden, Fehlern, Vergehen stehen muss…
    Wenn ich mal wieder mehr Zeit habe & mich eher im Gleichgewicht fühle als derzeit, werde ich mich bei einem Odenwaldbesuch mit der Geschichte befassen.
    GLG
    Astrid

      • Ich habe mich jetzt den ganzen Abend durch die im Netz zugänglichen Informationen gekämpft und meine Erschütterung IST immer größer geworden und meine Wut auf meine erwachsenen Mitmenschen, die sich mir in meiner Jugend immer als absolut nicht- wissend dargestellt haben. Wie verlogen muss man eigentlich sein, um solche offensichtlichen Geschehnisse vor den eigenen Augen leugnen zu können. Momentan bin ich empört wie als Kind, als mir das ganze Ausmaß der Verbrechen klar geworden war. Da hast du was losgetreten in mir…
        Gute Nacht!
        Astrid

        • Dafür werde ich im richtigen Leben sogar bezahlt… 😉 Aber im Ernst: Wenn ich das richtig verstanden habe, kommt Deine Familie aus dem nördlichen Kreisteil? Der war vielleicht damals – ohne, daß ich da was beschönigen will – einfach noch weiter weg vom Neckartal als er das heute immer noch ist. Verdammt weit weg. Wenn Dich das Thema interessiert, besorge Dir doch mal das kleine Büchlein „Buchen im Dritten Reich“ von Günther Ebersold, ziemlich neu, sehr spannend, auch, weil man auf den alten Bildern so viel wiedererkennt. Das zeigt im Übrigen auch – wiederum ohne etwas beschönigen zu wollen -, daß es die Nazis da oben im katholischen Hinterland zunächst mal sehr viel schwerer hatten als im evangelischen Neckartal.

          • Aha,interessant! Danke für den Tipp! Damit kannst du Recht haben. Mein Großvater, ein überzeugter Zentrumsmann hat sich sehr kritisch gegenüber Nazis geäußert & deren Umgang mit dem von ihm geschätzten jüdischen Viehhändler und war entsetzt über seinen Sohn, der zur SA ging. Er ist allerdings 1939 gestorben, bevor der Krieg ausbrach & er sich ansehen musste, wie seine Söhne in den Krieg zogen ( mein Vater zum Schluss als noch nicht 2ojähriger ). Besonders die Osterburken- Episode hat mich aufgewühlt, denn das ist ja wirklich nicht sehr entfernt von meinem Heimatdorf…
            LG
            Astrid

    • Also, ehrlich gesagt, treibe ich mich nahezu rund um die Uhr nur da herum, wo mein Arbeitgeber mich hinschickt. 😉 Über die Goldfisch-Geschichte habe ich mal eine einstündige Sendung gemacht.

  5. Pingback: 6 weitere „Reiseblogger“, die ich gerne lese | Kristine Honig

  6. Guten Abend,
    ich bin geschockt – habe eigentlich nach Goldfischen gegoogelt und bin nun hier in diesem Blog gelandet. Nicht der Blog ist das Problem – aber auf ein so ernsten Thema zu stoßen, darauf war ich nun nicht vorbereitet. Ich habe den Artikel jedoch quasi verschlungen. Meine Stimmung ist sehr betrübt, es ist wirklich schlimm was da vor vielen Jahren passiert ist.
    Nachdenkliche Grüße
    Gaby

  7. Pingback: Eine Spur. – LandLebenBlog

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