Blogparade: Ich war fremd.

1. September 2015

Ich war fremd. Überall und immer wieder. Schon als Kind in Berlin war ich fremd und fühlte ich mich fremd, es war, als lachten die anderen immer über andere Witze als ich, sie hörten andere Musik, sie lasen andere Bücher und sprachen über andere Themen. Ich kam so angepasst daher und gab mir wirklich Mühe, aber ich gehörte nie dazu, so fühlte es sich an.

Für ein halbes Jahr ging ich in England auf die Schule, die Klassenkameraden machten jeden Tag den Hitlergruß und fanden das sehr lustig, und am allerletzten Tag, nach einem halben Jahr, fragte mich der Sitznachbar, wie ich denn hieße.

Dann kamen die Jahre des Umherziehens, Berlin, Heidelberg, München, wieder Berlin, dann wieder Heidelberg, Mannheim, Ludwigshafen, dann dorthin in den Odenwald, dann dahin, dauernd packte ich die Umzugskisten und zog fort, bevor ich angekommen war. Das Sich-fremd-fühlen zog mit, von einem Ort zum anderen, wie eine alte Jacke, die man eigentlich schon lange nicht mehr haben, nicht mehr tragen möchte, von der man sich dann aber doch nicht trennen kann.

DSC_0257_054

Jetzt lebe ich seit fast 10 Jahren in dem selben Haus im selben Ort, ein völlig ungewohnter Zustand. Die Berlinerin im 360-Seelen-Dorf, die hochdeutsche Preußin in Badisch-Sibirien, die Evangelische im Katholikenland. Verwurzelt bin ich hier noch nicht, vielleicht ein bißchen festgewachsen, wie Efeu, der sich an die Hauswand klammert. Vieles ist vertraut inzwischen, vieles immer noch und immer wieder fremd.

Manchmal gibt es diese Momente, wenn die Fremdheit weicht und man diese alte Jacke ausziehen und hinter sich auf die Stuhllehne hängen kann, für einen Augenblick, für einen Abend lang. Wenn man sich plötzlich zurücklehnt und denkt: Jetzt bin ich angekommen, jetzt bin ich zuhause, ganz ungeübt, für einen Augenblick, für einen Abend lang. Meistens sind es irgendwelche Winzigkeiten, ein Lächeln im richtigen Moment, eine freundliche Nachfrage, ein Essen mit Menschen, die sich langsam zu Freunden entwickeln.

DSC_4776_111

Ich war oft fremd, sagt mein Geo, aber ich habe mich nie fremd gefühlt, keinen Tag lang. Am ersten Abend nach seinem Hauskauf in Italien zum Beispiel, da ist er am Ende der italienischen Welt in irgendein verstecktes Restaurant gestolpert, hat sich in eine Ecke gesetzt und ein Buch gelesen. Weit kam er nicht, denn die Männer am italienischen Stammtisch forderten den Fremden aus Deutschland mit Händen und Füßen auf, sich zu ihnen zu setzen. Wir haben uns dann unterhalten, erinnert sich Geo, die halbe Nacht ging das so, keine Ahnung, wie, ich sprach ja noch kaum Italienisch. Und eine Woche später holten sie ihn mit dem Auto ab, er war bereits vollwertiges Mitglied ihres Stammtisches geworden. Mit ein paar dieser Männer hat Geo bis heute Kontakt, sie telefonieren miteinander, Geo brüllt dann Italienisch ins Telefon, als gelte es, die Strecke zwischen dem Odenwald und der Emilia Romagna allein mit der Stimme zu überwinden, sie tauschen sich aus, über Fußball, das Wetter und die Familien.

Wenn ich in diesen Wochen wie erstarrt vor dem Computer sitze und das Gerät mir im Minutentakt die FlüchtlingsNeuigkeiten dieser Welt auf den Bildschirm vor die Augen spuckt und irgendeine Reaktion von mir erwartet, dann denke ich viel nach über das Fremdsein und das Sich-fremd-fühlen. Darüber, was es braucht, von außen und von innen, daß ein Fremder sich nicht fremd fühlt. Darüber, ob jemand, der sich niemals fremd gefühlt hat, nachempfinden kann, was Fremdsein heißt.

 

Leben, Land, Familie oder Job: Wann und wo wart oder seid Ihr fremd? Habt Ihr Euch je fremd gefühlt? Was hättet Ihr Euch gewünscht und wer oder was hat Euch geholfen?

Schreibt Eure persönliche Geschichte: Ich war fremd. Ich rufe hiermit offiziell zu einer Blogparade auf. Vielleicht hilft das Schreiben und das Lesen auch, um Dinge neu zu sehen. Wer mitmachen will, verlinkt seinen Beitrag hier unten in den Kommentaren. Die Parade endet am 30. September, danach verlinke ich hier auf dem Blog in einer Zusammenfassung alle Beiträge.

 

Wer nochmal nachlesen will, was das ist und wie das geht, eine Blogparade, der kann (klick!) hier schauen.

BFF_1508_ButtonSW3

Und wer sonst noch was tun will, der schaut mal hier vorbei, bei den Bloggerkollegen, die die Aktion #bloggerfuerfluechtlinge aus der Taufe gehoben haben.

 

 

 

Vorheriger Artikel Blaumanns Erzählungen.
Nächster Artikel Lost place.