Gegen die Zeit.

Es gibt diese Momente, da geht man durch eine Tür, oder durch ein Tor, man schaut und hört und riecht und ist mit einem Schlag geerdet, irgendwie. Hier auf dem Land gibt es diese Türen und die Tore überall, man muß nur mal hindurchgehen. Und einfach mal schauen und riechen und zuhören.

 

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Die Nacht war kurz für Herbert Kempf. Bis früh um Zwei hat er zusammen mit seinem Erntehelfer geschuftet, morgens um Acht war er schon wieder mit der Dreschmaschine auf den Feldern. Kempf arbeitet gegen die Zeit und gegen die Hitze, was er in diesen Tagen nicht von den Feldern reingeholt hat, taugt nicht mehr als Grünkern. Unreif muß das Dinkelkorn geerntet werden, um als Grünkern durchzugehen, aber die Sonne brannte tagelang, das Thermometer zeigte zwischendurch fast 40 Grad da draußen.

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Also haben Kempf und der junge Rumäne bei tropischen Temperaturen im Dauerlauf gearbeitet. Körner einholen, Hänger in die Scheune, die als Darre dient, Körner in diesen riesigen Umwälzbottich pumpen, Holzscheite schleppen, Feuer anmachen, Körner stundenlang im Rauch umwenden und rösten lassen. Der Schweiß läuft schon am Morgen in Strömen, aber kommen Sie mal mittags wieder, da ist es hier drin noch heißer als da draußen. 

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Acht Stunden lang röstet das Korn, der junge Erntehelfer bleibt so lange in der bullig-warmen, brüllenden Darre, kontrolliert Temperaturen und Füllstände, passt auf, daß nichts verstopft oder überhitzt, während Kempf schon wieder auf den Feldern unterwegs ist, Nachschub holen. Das ist ja alles schon sehr alt hier, schreit Herbert Kempf gegen das Dröhnen der Maschinen an, fast entschuldigend. Getreideteilchen wirbeln durch die warme Luft wie verirrte Schneeflocken. Aber: funktioniert alles einwandfrei. Und eigentlich machen wir das heute noch genauso wie vor hundert Jahren. 

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Der Grünkernmarkt läuft nicht besonders gut, zwar hat sich das arme-Leute-Getreide inzwischen zur Öko-Schicki-Zutat entwickelt, aber die Nachfrage könnte noch besser sein, die Konkurrenz ist groß. Sogar in Österreich bauen sie schon Grünkern an, sagt Herbert Kempf, der auch als Kreisvorsitzender des Bauernverbandes den Überblick in Sachen Grünkern hat. Dabei haben sie den Grünkern hier erfunden, hier im sogenannten Bauland, hoch im Norden Baden-Württembergs. Und darauf sind sie stolz.

Aus der Not haben sie damals eine kulinarische Tugend gemacht, der Dinkel wollte nicht reifen in der rauen Witterung der Gegend, die Leute verhungerten, die Bauern ernteten schließlich das unreife Korn und holten über dem Feuer in der Darre nach, was die Sonne nicht schaffte. Noch an die 80 Landwirte gibt es heute hier, die Grünkern erzeugen.

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Kempf hofft jetzt auf die neue geschützte Ursprungsbezeichnung, das hat die EU sich ausgedacht, den berühmt-begehrten Namen Fränkischer Grünkern darf nur tragen, was tatsächlich hier aus Badisch-Franken kommt und nicht aus Österreich oder von sonstwo. Vielleicht hilft uns das auch bei der Werbung, sagt Kempf und hebt die Schultern, so, als wisse er auch nicht genau, wie lange der Aufwand sich noch lohnt.

Dann muß er weiter, auf den Mähdrescher, zum nächsten Feld, zur nächsten Scheune.

 

 

 

 

 

8 Kommentare

  1. So früh also schon in diesem Jahr! Ich erinnere noch, dass wir Kinder damals die ersten Frühäpfel im Feuer der Darren gebraten haben. Oder sind die auch schon reif?
    LG
    Astrid

    • Nein, ich glaube nicht. Der Grünkern scheint extrem früh dran zu sein in diesem Jahr. Und es ging wohl rasend schnell, wenn ich das richtig verstanden habe. Die Fotos sind übrigens in A. entstanden, und ich meine mich zu erinnern, daß es das A. ist.

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