Rineck.

16. März 2015

Es gibt diese Orte im Odenwald, die einen ganz besonderen Zauber haben. Die auf den ersten Blick nur Leere und Weite, Himmel und absolute Stille sind. Die auf den zweiten Blick laut und deutlich die Geschichte einer Region erzählen.

 

Rineck im Odenwald1

 

Wer ein bißchen Phantasie hat, läuft hier auf der Hochfläche über schlammige Wege an unzähligen kleinen Hütten und Häusern vorbei, die es schon lange nicht mehr gibt. Er schaut den Korbmachern und den Kesselflickern zu, die hier schon lange nicht mehr arbeiten. Er sieht die Bauern, wie sie mühsam versuchen, mit Pflug und einer klapprigen Kuh dem viel zu kleinen Acker die Nahrung für die große Familie abzutrotzen.

Er hört die Alten schimpfen und die hungrigen Kinder weinen, und er hört die Mutter sagen: Bald gehen wir weg von hier, dann wird alles gut. 

 

Rineck Odenwald 2

 

Hier oben, auf der Hochfläche zwischen Muckental und Krumbach, war 1788 das Dorf Rineck gegründet worden. Mehr als 600 Menschen haben hier einst gelebt. Der kurpfälzische Staat will den ärmsten der Armen aus den umliegenden Dörfern eine neue Lebensgrundlage geben, Beamte entwerfen das Dorf quasi am Reißbrett und siedeln die Menschen hier an. Die Nachbarn atmen auf, weil sie das Gesindel endlich los sind, und die Neu-Rinecker hoffen, daß es nun ein Ende habe mit der bitteren Not.

 

Aber die Böden sind karg, die Ackerflächen klein, die Familien groß. Die Not hat kein Ende. Viele der Bauern in Rineck müssen sich Geld dazuverdienen, als Besenbinder, Korbmacher und Kesselflicker. Aber auch das hilft wenig. Die Rinecker haben Hunger, ihre Kinder sterben. Die schlimmste Zeit beginnt um 1830. Wer sich nicht anders zu helfen weiß, zieht bettelnd durch die Nachbarschaft. Väter und Mütter stehlen in den umliegenden Dörfern, was sie an Eßbarem in die Finger kriegen können. Die Nachbardörfer rufen nach dem Staat. Rineck muß weg!, fordern sie.

 

Rineck Odenwald 3

 

Die Rinecker selber träumen von Amerika. Von einem Neuanfang, von guter Arbeit, von einem Leben ohne Bettelei und Hunger. Schon 1837 wendet sich eine Gemeindeabordnung an die badische Regierung und bittet um Unterstützung bei der Auswanderung. Nach langem Hin und Her entsteht ein Zeitplan für die offizielle Auflösung des Dorfes.

 

Rineck Odenwald 4

 

An drei Tagen im Herbst 1849 und im Frühjahr 1850 werden die Bewohner abgeholt. Insgesamt 600 Menschen, die mit ein paar Habseligkeiten per Pferdefuhrwerk, Bahn und Schiff Richtung Norden transportiert werden, Richtung Küste. Nach Antwerpen die einen, nach Bremerhaven die anderen. Dann geht es mit Segelschiffen weiter ins gelobte Land. Die Reisekosten zahlt die Regierung; das verlassene Dorf wird dem Erdboden gleichgemacht.

 

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Seitdem ist es still hier oben. Dort, wo heute Wald steht, sammeln sich am hellichten Tag die Rehe, über die menschenleere Hochfläche pfeift ein scharfer Wind, am unendlichen Himmel kreist der Bussard. Nichts erinnert mehr daran, daß hier einmal 600 Männer, Frauen und Kinder gelebt und gearbeitet, gelacht, geweint und gelitten haben. Nur eine kleine Schautafel im Gelände erzählt die Geschichte des verschwundenen Dorfes.

 

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Manchmal kommen Amerikaner hierher, ans vermeintliche Ende der Welt, Enkel und Urenkel der ehemaligen Rinecker auf ihrem Weg back to the roots. Sie gehen über die Hochfläche, lassen sich alte Pläne zeigen, suchen in den Ortsverzeichnissen nach ihrem Namen. Die Auflösung des Dorfes, die Überfahrt nach Amerika war das Beste, was unseren Vorfahren passieren konnte, sagen sie, und dann erzählen sie die alte amerikanische Geschichte vom Tellerwäscher zum Millionär. Viele Rinecker haben ihr Glück gefunden, drüben, auf der anderen Seite des Großen Teiches.

 

Vor einiger Zeit, nach einem nachdenklichen Gang über das stürmische Gelände, bin ich mit einer Frau aus der Gegend ins Gespräch gekommen. Ja, die Rinecker kommen noch manchmal hierher, sagte sie und schaute mich eindringlich an. Man erkennt sie ja gleich, an ihrer Kleidung und an den Frisuren, alles noch wie damals. Aber sie wollen wissen, was aus ihrem Dorf und aus der Fläche geworden ist, deswegen kommen sie ab und zu hierher, in mein Haus. Ich lasse manchmal extra die Türen auf, damit sie rein- und rausgehen können, wie sie wollen, aber eigentlich gehen sie ja auch durch die geschlossene Tür. Und durch die Wände. Und dann stehen sie einfach da, mitten im Raum, und schauen sich um. Und plötzlich sind sie wieder weg, sie verschwinden so lautlos, wie sie gekommen sind.

 

 

Aha, verstehe, habe ich daraufhin gesagt. Das war sicher nicht besonders geistreich, erschien mir aber in diesem Moment angemessen.

 

Ich habe mich dann etwas übereilt verabschiedet. Und mich seitdem immer wieder gefragt: Wer weiß? Vielleicht ist ja was Wahres dran.   

 

 

 

 

 

 

  • 5 Kommentare
  • Astridka 16. März 2015
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    Ich mag, wie du Geschichte(n) erzählst! Und dass du sie erzählst!Irgendwie stecken sie ja wirklich in uns, mit unseren so ganz unterschiedlichen Wanderergeschichten.
    LG
    Astrid

  • waswegmuss 16. März 2015
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    Amerika, ein Drittel wanderte nach dort und nach Ungarn aus. Ein Drittel verhungerte. Ein Drittel darbte weiter.
    Das war der Spessart.

  • Regina 17. März 2015
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    Ich mag auch sehr gerne, wie Du „alte Geschichten“ aus deiner neuen Heimat erzählst. Immer wieder gerne !
    Ist mir nicht unbekannt, dass ehemalige Bewohner mal schauen kommen, was geworden ist aus einem ehemaligen Zuhause. Deine Antwort war völlig ausreichend, übereiltes Verabschieden ist in der Regel aber nicht notwendig :) Die tun nix, nicht die, die es erzählen, nicht die, die schauen kommen. War eher ein Vertrauensausdruck, erzählt wird das normalerweise nicht jeder …

    • LandLebenBlog 18. März 2015
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      So, als Vertrauensbeweis, hatte ich das noch nicht gesehen.

  • Pingback:Woanders – diesmal mit einem Dorf, Bismarck, einer Pfarrerin und anderem | Herzdamengeschichten

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