Ach, Berlin.

 

Ach, Berlin, ich liege hier herum, in einem Dorf am vermeintlichen Ende der Welt, und seit Tagen sitzt Du auf der Bettkante. Ich höre Features aus dem Podcast, und immer wieder quellen icke, dette, oder kiekma aus den Lautsprechern, und mir treibt es die Tränen in die ohnehin verquollenen Augen. Grippaler Infekt. Zuviel Zeit zum Radiohören, zuviel Zeit, die Gedanken auf die Reise zu schicken nach Berlin. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Ihre Heimatstadt.

 

Foto: Gordon Gross/pixelio

Foto: Gordon Gross/pixelio

 

 

Berlinerisch weckt Heimweh. Nach einer Stadt, die es es heute nicht mehr gibt. AltBerliner Sehnsucht. Nach dieser alten Tante, die ein bißchen ruppig war, aber eben auch sehr warmherzig. Die sich aus dem Fenster lehnte und die Welt kommentierte, weil sie die Weisheit mit Löffeln gefressen hatte. Die zu allem einen kessen Spruch drauf hatte, auch wenn ihr der Kalte Krieg manchmal die Sprache verschlug. Die stadt-gewordene Wilmersdorfer Witwe, mit Hut und Handtasche in der U-Bahn, abends schnell nach Hause in den kleinen kuscheligen Kiez, spießig, provinziell und bieder. Eine Stadt wie Eberhard Diepgen.

 

Der Puls der Zeit schlug überall, nur ganz bestimmt nicht in Berlin. In Berlin ratterten die Herzschrittmacher, eingebaut in diese kleine Exklave im Feindesland, ummauert, aber trotzig. Ein völlig unnormaler Ort, für den das Unnormale ganz normal war.

 

Die Touristen kamen und wir empfingen sie mit einer Mischung aus Abscheu und Gleichgültigkeit, die Wessis, die sich stadtfein machten und den Ku’damm rauf und runterlatschten oder staunend auf die Mauer glotzten. Wenn die Mutter abends fragte Und? Wie wars im Kino und am Tauentzien?, antworteten wir bloß augenrollend, alles voller Wessis wieder. Man ließ sich ungern stören in Berlin, im kuscheligen Kiez.

 

 

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Foto:Sven L./pixelio.de

 

 

Heute kommt Berlin mir vor wie eine von den Jacob-Sisters. Im Grunde ihres Herzens immernoch beschaulich, brav und bieder. Ein bißchen in die Jahre gekommen, fast überrollt von der Zeit. Aber irgendwann ist irgendwer gekommen und hat geflüstert Dich bringen wir jetzt nochmal ganz groß raus. Er hat ihr Botox in die Lippen  gespritzt und in den Busen, hat die angegrauten Haare aufblondiert, er hat der Stadt eine überdimensionierte Frisur verpasst und sie in hautenge Glitzerklamotten gezwängt, damit es richtig sexy aussieht, mit einem Touch ins Ordinäre. Er läßt sie mit schriller Stimme unpassende Lieder singen und mit einem Pudel tanzen.

 

 

Die olle Bretterbühne hat er ordentlich gebohnert, in jede Ecke Requisiten reingeknallt, immer größer, immer höher, es soll ja nach was aussehen. Hier noch einen Klotz hin, da noch einen Klotz, immer ruff damit, allet voll, daß die Dimensionen lange nicht mehr stimmen: scheißegal, Hauptsache, es sieht nach Glamour aus. Was nicht auf die Bühne passt, wird weggefegt. Und die Leute kommen in Scharen und wollen mehr sehen von diesem schrillen Frolleinwunder vor der glitzernden Kulisse.

 

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Foto: Armin Bothur_pixelio.de

 

War ich gut?, will die atemlose Stadt am Ende jedes Tages wissen.  Ja, Schätzchen, sagt der Manager und tätschelt ihr das Knie, Du warst richtig gut. Du könntest noch ein bißchen lauter singen, nächstes Mal, und das Bein ein bißchen höher schwingen, aber Du warst heute wirklich gar nicht schlecht. Die Leute lieben Dich und bringen Geld, das ist die Hauptsache. Und wer kein Geld dabei hat, der muß leider draußen bleiben.

 

 

 

Niemand gräbt noch Fluchttunnel in dieser Stadt, schreibt der Kiezschreiber, der nach Jahren als Kiezschreiber im Berliner Wedding nun wieder in der Provinz lebt, aber manchmal möchte man einen Fluchttunnel in die Vergangenheit graben.

 

 

 

 

 

 

 

P.S. Ich habe mal ein paar Berliner angeschrieben und gefragt, was sie in Berlin hält. Ob es sie noch wirklich in Berlin hält. Warum sie nicht aufs Land ziehen, zum Beispiel, gefälligst, endlich. Vielleicht können wir hier demnächst Antworten in Gastbeiträgen lesen.

 

 

(Nein, dieses coole youtube-Video ist nicht von 1975, sondern angeblich von 2002. In mancher Hinsicht bleibt Berlin dann eben doch die Alte.)

 

 

 

21 Kommentare

  1. Großartiger Text! Danke – und gute Besserung ;o)

    Nach einer kurzen Ouvertüre in Kreuzberg habe ich über 20 Jahre im wunderbar uncoolen Wilmersdorf (Prager Straße) gelebt. Berlin ist dort am schönsten, wo Lonely Planet noch nicht war. Neubauten wie das Stadtschloss sind von Fremden für Fremde.

    • Und ich ertappe mich dabei, wie ich gerade bei diesem komplett überflüssigen Stadtschloß ganz spießig denke: Hallo? Und er bezahlt das alles? Wir in Baden-Württemberg und Bayern, letzten Endes. Von wegen Länderfinanzausgleich und so.

      • Du hast eben als Ex-Berlinerin die erste Hälfte deines Lebens auf der Nehmerseite verbracht – und die andere Hälfte auf der Geberseite. Als Rheinland-Pfälzer sehe ich den Finanzausgleich ähnlich entspannt wie die Kohlmeisen vor meinem Fenster. Eine Steuererklärung muss ich bei meinen Einkünften als Autor ohnehin nicht abgeben und als Autofahrer werde ich mangels Fahrzeug auch nicht geschröpft … Wenn die Kohle für Berlin aber wenigstens etwas sinnvoller angelegt werden könnte als in Prunkbauten und Geisterflughäfen.

        • Ha, genau das meine ich. Ich gebe gerne – aber doch bitte nicht für ein behämmertes Stadtschloß, das kein Schwein braucht. Berlin hätte mit all den Millionen wahrhaft Besseres zu tun. (Aber in Wirklichkeit wird das Stadtschloß ja angeblich nahezu komplett aus Spenden finanziert oder so – aber auch da muß ich mich fragen: ham die keene anderen Sorgen?)

  2. Wer in den heutigen Touristenbezirken seine Heimat hatte, für den ist der Verlust bestimmt sehr spürbar. In der Mehrheit hat sich Berlin aber nur punktuell verändert. Das Ruppige, das Direkte und auch das Unaufgeregte ist geblieben. Man muss halt dafür in den alten Westen fahren, in die Randbezirke oder nach Moabit und Wedding. Da findet man es noch zuhauf, das alte Berlin.

    • Ich sollte in diesem Sinne mal wieder etwas gezielter nach Berlin fahren, ich bin ja da sonst auch nur wie ein doofer Touri unterwegs, und da blutet mir dann schon manchmal das Herz. Was wiederum vielleicht auch ziemlich spießig ist, immer diese rückwärtige Betrachtung und diese Nostalgie.

  3. Mir kommen fast die Tränen, so sehr sprichtst du mir aus der Seele. Wenn ich in Berlin bin, mach ich immer eine Nostalgie-Tour durch meine alten Kieze, in denen ich mal gelebt habe: Bergmannstraße,Karl-Marx-Platz,Bayerischer Platz und ich heule Rotz und Wasser. Aber dann geh ich in die Marheineke-Markthalle und seh einen aufgemotzten Feinkosttempel. Ich fürchte mich, als Frau alleine durch die Karl-Marx-Straße zu laufen. Ich sehe großes Elend und Verwahrlosung und gräßliche, protzige Architektur. Aber es gibt tatsächlich noch das Schwarze Café in der Kantstr. und beim Bäcker blafft mich die Verkäuferin immer noch genau so schlecht gelaunt an wie früher. Vieles ist anders aber manches ist gebliegen, man muss es nur suchen. Ich habe beschlossen, das „andere“ Berlin auch zu lieben, damit gehts mir besser, als immer dem alten nachzuheulen.

    • Vorallem, weil wir Berliner ja – wenn wir dem alten nachheulen – immer irgendwie auch den Mauerzeiten nachheulen. Kann ja eigentlich nicht sein.

  4. Erst einmal „Gute Besserung!“

    Wunderbarer Text, bei dem ich wiederholt mit dem Kopf nickte. Von alteingesessenen Berlinern höre ich immer wieder, dass sie Berlin – da wo der Bär heute tanzt – nicht mehr wiedererkennen, es aber wohl noch Orte gibt, die wie aus der Zeit gefallen wirken und wo sich die Alteingesessenen „wie früher fühlen“. Wo diese Orte innerhalb der Stadtgrenzen sind, behalten sie aber wohlweislich für sich.

    • Berlin war eben über Jahrzehnte aus der Zeit gefallen, und plötzlich ist die Stadt angekommen im Jetzt und im Hier, und das fühlt sich so gar nicht kuschelig an. Weil Jetzt und Hier eben vielleicht generell nicht kuschelig sind.

  5. Mein Berlin war ja schon immer Hauptstadt … aber ‚in die Stadt‘ ist man nur mit Besuchern gefahren. Und das ist auch heute noch so. Die Stadt ist heute größer, wieder komplett, und das finde ich sehr schön. Manchmal packt es mich/uns und wir mäandern durch eine fremden Kietz, aber der eigene Kietz ist immer noch am Schönsten, am Vertrautesden, am Kuscheligsten. Warum weg ‚aus ’nem eigenen Dorf‘?
    Ich habe 5 Jahre ausserhalb (Mecklenburg, Sachsen Anhalt, Hessen) gewohnt – muss nicht!
    Gruß aus Köpenick und gute Besserung.

    • Danke für diese Stimme von der „anderen Seite“! Ja, Berlin ist endlich wieder komplett, und ewig haben wir darauf gehofft, daß es mal so kommen würde, und nu isses auch wieder verkehrt irgendwie – wie gesagt: alles verdammt kompliziert. 😉

  6. Wunderbar, und so schön und wahr beschrieben. Und endlich mal von einer wahrhaft Gebürtigen. Ich selbst habe ja leider eine Generation überspringen müssen, herrjeh. Die Muddah aus B, und die Tochter auch. Waschecht, beide. Ich selbst hingegen werde mein Leben lang ein schnöder „Westdeutscher“ sein, und das auch noch aus dem Süden davon. /PS: Es gibt eine ganz schöne Seite, hier: >>> http://westberlin.tumblr.com/

  7. Allet Jute und vor allem Besserung. Also ich bin ja seit 47 Jahren Charlottenburger. Gut, ein paar Jahre Stuttgart (aber 2. Wohnsitz Charlottenburg). Dann ein paar Jahre Hamburg (aber Erstwohnsitz Charlottenburg – ging ja mit der Bahn). Langsam wird es komisch hier. Die neu renovierten Wohnhäuser heissen jetzt alle Palais!? Aber der Kiez ist noch in Ordnung. Gut durchmischt. Nur wie lange noch? Das macht mir Sorge. Langsam verliert Berlin seine Stärke – nämlich für alle dazu sein. Prenzlauer Berg oder Schwabylon, dass sind Diskussionen, die hätte es früher nicht gegeben. Und ehrlich, wenn man jetzt im P’Berg nach 22 Uhr nicht mehr draussen sitzen darf, weil es zu laut ist. Dann empfehle ich den Zugezogenen die Rückkehr ins Ländle. Ansonsten ist Berlin jetzt unglaublich international geworden und das macht Spaß. Wirtschaftlich klappt es noch nicht so, einen Flughafen bekommen wir auch nicht entraucht – aber das ist ja schon wieder fast wie früher. Ich glaube, ich schau mir das noch weiter an, hier in Charlottenburg. Ist schon dufte. Aber in so ein Palais zieh ich nicht.

    • Hey, Gernot! Das isses: Das war Berlins Stärke: für alle da zu sein, ohne großes TamTam, war einfach so, man lebte vor sich hin und alle und alles hatte Platz in dieser Stadt. Aber eben: wie lange noch? Offenbar ist ja schon lange nicht mehr Platz für alle.

  8. Mensch, Schwester, ich wusste ja gar nicht, dass du ein Berlin-Blog schreibst. Das war heute ein Blick auf die Rückseite des Mondes und ein berührendes Geschenk am Abend eines anstrengenden Tages.

    In den letzten Jahren bin ich viele, viele Male nach Berlin gefahren. Und habe mir jedes Mal etwas von dem Vertrauten zurückgeholt. Oder verabschiedet. Es kommt auf das selbe hinaus. Berlin bleibt doch Berlin, sagen die einen. Und keine Stadt verändert sich so rapide wie Berlin, sagen die anderen, und beide Seiten haben recht.

    So wie du mit deinem Landlebenblog unbedingt und immer wieder recht hast, aber eben auch mit diesem anderen Blick und dem Bekenntnis zu einer Suche nach dem, was unwiederbringlich verloren ist – und das dann plötzlich hinter einer Ecke (oder unter einer Erkältung) auftaucht, als wären nicht 25 Jahre vergangen. Einfach weil es da eine Mauer gibt, deren Schatten und tote Winkel all das in einem wunderbaren Stillstand bewahrt haben.

    • Ja, das ist es vielleicht, wir sehnen uns zurück nach diesem wunderbaren Stillstand, der ja aber mit Blick auf die schreckliche Mauer überhaupt nicht wunderbar war. Alles sehr kompliziert.

  9. SEHR schoener Artikel ueber das alte und gegenwaertige Berlin!
    Ach, und die Schoeneberger Saengerknaben … irgendwie schon so Nostalgisch und doch erst von 2002.

    Ich werde immer Berliner in meinem Herzen bleiben, auch wenn ich nicht mehr dort lebe. Und natuerlich hoffe ich, dass der „Ur-Berliner“ (grosse Schnauze, grosses Herz) nicht ausstirbt.
    Die ollen neuen Haeuser sind doch nur aeusserlich, auch die vielen Nicht-Berliner (nicht mal im Kopf). Die haben keeen Flair und Witz … mir doch ejal!

    Gute Besserung!

    Hab ’ne Stadt gefunden, wo die Leute so aehnlich sind wie in Berlin (nicht in Deutschland) … scheissegal … is jut fuert Herz.

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