Alles egal.

28. August 2014

 

 

Stellen Sie sich mal ein großes Mühlrad vor. (Wir berichten schließlich hier vom Lande, deswegen nehmen wir jetzt dieses Bild).

 

Stellen Sie sich also so ein riesiges Rad vor, das mit Schaufeln plätschernd Wasser schaufelt.

 

 

Früher haben wir daneben gestanden und gestaunt und uns gefragt, wo all das Wasser herkommt, wo es hinfließt. Manchmal haben wir die Hände zu einer kleinen Schale geformt und unten, am Fuß des Mühlrades, klares Wasser schöpfen wollen, was meistens in einer gewissen nassen Sauerei endete. Und überhaupt haben wir irgendwann gemerkt, daß das Wasser so klar gar nicht ist, das da geschaufelt wurde;  wir haben Ölschlieren entdeckt und tote Fische und Fetzen von vermüllten Plastiktüten.

 

Als wir immer mehr Dreck sahen und alt genug waren und uns stark fühlten, haben wir mal versucht, das Mühlrad anzuhalten. Ein paar Leute zusammengetrommelt und mit vereinten Kräften uns gegen die Bewegung des Rades gestemmt mit Gebrüll. War gut gemeint, hat aber nicht funktioniert. Das Rad war stärker. Also blieben wir daneben stehen und guckten.

 

 

Und sahen zu, wie sich das Mühlrad immer schneller drehte, immer schneller, und immer mehr Dreck transportierte und umwälzte. Weil der Wasserlauf immer mächtiger wurde, das Flußbett immer breiter, und immer mehr hochmoderne Pumpwerke auf dem Weg immer schneller immer mehr Müll nach vorne pumpten.

 

Und wir standen am Mühlrad und sahen zu, wie der ganze Dreck und die ganze Brühe von den Schaufeln schmatzend angehoben und dann fallengelassen wurde, wir sahen diese Masse, die immer zäher, immer dunkler wurde.

 

 

Es roch nach Jauche und Verwesung, nach Zynismus, Ungerechtigkeit und Hohn, und die Schaufeln schaufelten all das Elend der Welt uns vor die Füße, die Kriegsopfer und die Verhungerten, die vergewaltigen Frauen aus Indien und die versklavten Kinder aus Afrika, die israelischen Raketen und die palästinensischen Bomben, die Flüchtlinge und die Fanatiker,  den abgeholzten Regenwald und die verseuchten Meere, stinkendes Geld, gequälte Tiere, Arbeitslosigkeit, Sozialabbau, Arroganz und Hochmut. All das ergoß sich über uns, und erst wurde uns kotzübel, dann bekamen wir Schnappatmung und schließlich keine Luft mehr, da unten am Fuße des Mühlrades.

Zu viel Gestank, zuviel Brühe, und immer schneller schaufelten die Schaufeln.

 

 

 

 

Wann ist eigentlich alles egal geworden?, fragt der kiezneurotiker in diesem lesenswerten Text (nehmen Sie sich die Zeit und klicken Sie das an). Nichts ist egal geworden, verehrter kiezneurotiker, nur haben wir uns irgendwann in Sicherheit gebracht, Sie und ich und viele andere.

 

Wir haben das nicht mehr ausgehalten, diese DauerÜberflutung mit Elend und Ungerechtigkeit, wir haben dem Mühlrad den Rücken gekehrt, wir haben den Fernseher ausgemacht oder gleich abgeschafft, das Radio leiser gedreht, wir können den ganzen Müll, den ganzen Dreck nicht mehr sehen und lesen.  Reiner Selbstschutz, bevor wir selber noch ersticken. Der Gestank verfolgt uns trotzdem, und manchmal ist er so beißend, daß man ihn auf der Zunge spürt, und das ist ja auch gut so.  Sie, der Sie mitten im Moloch Berlin leben, werden wissen, was ich meine.

 

 

 

Und ja, verehrter kiezneurotiker:  dieser Gestank verfolgt mich selbst bis in die heile Welt des Odenwaldes. Ich habe den Fernseher auch schon vor Jahren abgeschafft, und in den überregionalen Teil der Zeitung schaue ich allenfalls  nur von berufs wegen.  Und trotzdem holt mich der Gestank ein, wenn ich den Kartoffeln beim Wachsen zuschaue, die Hühner füttere oder das abgestürzte Rotschwänzchen beruhige. GottseiDank.

 

 

 

Und wie ich also so den Kartoffeln beim Wachsen zuschaue, denke ich: Vielleicht haben wir hier einen großen Vorteil, auf dem Lande, tief in der Provinz. Bleiben wir jetzt einfach mal im schiefen Bild und schaun uns eine Landkarte an. Wir sitzen hier ja quasi an der Quelle. Hier entspringen die kleinen Bäche, und das Wasser ist zumindest meistens noch recht klar. Das ist überschaubar, die Sauereien und die Ungerechtigkeiten gibt es auch, aber sie überspülen einen nicht. Hier gibt es hin und wieder häßliches Hochwasser vor Ort, aber nicht jeden Tag einen lähmenden JaucheTsunami.

 

 

Die Mühlräder sind winzig klein, und mit ein bißchen Kraft kann ich ihren Lauf für einen Moment anhalten und den rausholen, der da grade hilflos auf der Schaufel zappelt. Bevor er weggespült wird. Und es gibt einen Haufen Leute in der Provinz, die dauernd irgendwelche kleinen Mühlräder anhalten, oder Ströme umleiten oder gleich ganze Dämme bauen.  Weil ihnen irgendetwas nicht egal ist.

 

 

 

Haben vielleicht ausgerechnet wir auf dem Land, wir Provinznasen am Ende der Welt, es tatsächlich leichter, uns gegen die Resignation und gegen die Verzweiflung zu stemmen? Haben wir es leichter, irgendetwas zu bewegen, sinnvoll, zielführend, befriedigend?

 

Ein spannender Gedanke.

 

Ich werde darüber nachdenken müssen.

 

 

 

 

 

 

 

  • 12 Kommentare
  • Akaleia 28. August 2014
    Antworten

    Wunderbare Zeilen liebe Friederike,
    es ist tatsächlich so, dass wir nur im Kleinen uns entgegenstemmen können – das fängt im familiären Umfeld an -und selbst da ist ab und zu Resignation angesagt.
    Ich für meinen Teil kann manchmal (wie gerade momentan) tagelang wenig Nachrichten lesen, bin völligst überfordert – meine Gedanken um diesen „Dreck und fortlaufenden Schmutz“ lähmen mein Alltägliches – und da ziehe ich für mich die „Notbremse“ – was durchaus legitim ist.
    Ich habe gerade vor ein paar Tagen mit meinem 88 jährigen Mütterchen drüber geredet – eigentlich waren die Menschen früher doch durchaus etwas „glücklicher“ dran, da sie tatsächlich nicht im Minutentakt neue Nachrichen aus aller Welt aufgetischt bekamen – der Mensch hat sich doch viel mehr auf das Hier und Jetzt vor Ort konzentrieren konnte.
    HG sendet Dir
    Birgit
    P.S. Hast du meine Email gestern erhalten?

  • kiezneurotiker 28. August 2014
    Antworten

    Schöne Antwort. Danke. Ich bin da inhaltlich fast ganz bei dir. Fast. Denn du kannst dich ja in deinem Odenwald gar nicht so wirklich in Sicherheit bringen. Es gibt da ja auch Internet (wenn auch etwas langsamer wahrscheinlich, gnarf gnarf, sorry). Und du liest meinen Blog. Also kommt die Gülle quasi über Bande… :)

    • LandLebenBlog 28. August 2014
      Antworten

      Halloooo? Internetgeschwindigkeit seit gestern auf DSL 50.000 !!! Ja, da staunste. Aber ich nutze das einfach nicht mehr, um mir das Elend der Welt ins Haus zu holen, spiegel-online ade. Und der Witz ist doch vielleicht tatsächlich: Ich hier auf dem Land kann etwas tun, ganz im Kleinen bloß, aber immerhin. Und werde nicht dauernd erschlagen von der Masse derer um mich herum, denen ich auch noch hätte helfen müssen. Ich stelle mir vor, ich helfe in Berlin einem Obdachlosen, und kaum wende ich mich zum Gehen, stehe ich einem Heer von Obdachlosen gegenüber. Das ist dann wie der Ritt gegen die Windmühlen, aussichtlos, entsetzlich. Ich glaube, da haben wir es hier einfacher. Nicht, um unser Gewissen zu beruhigen, sondern einfach, um etwas zu tun und nicht in verzweifelte Agonie zu verfallen.

  • Provinzei 28. August 2014
    Antworten

    Ich habe den Kiezneurotiker auch gelesen und hätte heulen können.
    Denn genau so isses. Verdammt.
    Und ich denke auch, daß die nächste Revolution vom Lande, aus der Provinz kommt. Und zwar leise. Ohne Tam Tam, ohne Kalaschnikow und hoffentlich ohne Ideologie.

  • Fjonka 28. August 2014
    Antworten

    Mir ist das gegenstemmen auch irgendwann zu viel geworden, ich habe mich rausgezogen aus dem aktiven „ändernwollen“, vor sehr vielen Jahren schon – und momentan bin ich wieder ein wenig mehr auf dem Rückzug, was die große Welt angeht, weil ich gemerkt habe, daß ein Zuviel an Information nur ein Nochmehr an schlechten Träumen und diffusem Unwohlsein nach sich zieht.
    Jetzt sitze ich in meinem Stückchen Provinz, mache im engsten Umfeld ein wenig was besser, schreibe im Blog darüber und erfreue mich der Resonanz – aber nuja … es bleibt immer ein Wissen von „aber das reicht nicht aus“!!
    Na, vielleicht hat ja das Provinzei oben recht und ich bin zu pessimistisch- wollen wir’s hoffen.

  • Stefan 28. August 2014
    Antworten

    Liebe Friederike,

    ich antworte auf alle Deine Fragen Deines letzten Absatzes mit „Ja!“.

    Den Text des kiezneurotikers habe ich gelesen und fühlte mich in meine Schul- und Studienzeit zurückversetzt. Irgendwann damals, nach vielen Jahren regelmäßiger wöchentlicher Lektüre, hörte ich auf den SPIEGEL zu lesen. Das war mein heute-Journal und meine Tagesschau. Ich bekam den Eindruck, die ganze Welt sei korrupt und schlecht. Irgendwie wollte ich das aber nicht glauben und war nicht mehr bereit, die wöchentliche Gülle auf dem Mühlrad weiter gegen Entgelt zu konsumieren. Aber erst viele Jahre später war ich auch nicht mehr bereit, nur zu beobachten und zu kritisieren.

    Und heute wirke ich persönlich „in der Provinz“ aktiv an dem mit, was Du hier sehr schön formuliert hast: „Die Mühlräder sind winzig klein, und mit ein bißchen Kraft kann ich ihren Lauf für einen Moment anhalten und den rausholen, der da grade hilflos auf der Schaufel zappelt. Bevor er weggespült wird. Und es gibt einen Haufen Leute in der Provinz, die dauernd irgendwelche kleinen Mühlräder anhalten, oder Ströme umleiten oder gleich ganze Dämme bauen. Weil ihnen irgendetwas nicht egal ist.“

    Besten Gruß
    Stefan

  • Roswitha 29. August 2014
    Antworten

    Ja, so isses! Macht mich traurig, aber ich will nicht mehr kämpfen. Und dann lese ich landlebenblog und Kiezneurotiker und bin klammheimlich froh, dass es mehr Menschen gibt, die ähnlich wie ich denken, die noch spüren was falsch ist…
    O, ich möchte euch finden und mit euch ein Dorf im Hinterhof der Stadt gründen…

    • LandLebenBlog 31. August 2014
      Antworten

      Ein Dorf im Hinterhof der Stadt? Das klingt nach einer gelungenen Mischung.

  • Ele 2. September 2014
    Antworten

    Danke dafür!
    Gruß
    Ele

  • Stefan 16. September 2014
    Antworten

    Liebe Friederike,

    ich bin hier unten am Bodensee bekennender SWR4-Hörer (innerhalb meiner Familie bekenne ich das ;-)). Nein, nicht nur die Beiträge sondern auch die Musik höre ich. Meine Frau und meine Kinder meinen, ich sei noch nicht alt genug „dafür“ und fordern öfters mal einen Programmwechsel. Ist mir aber egal, habe mich mit meinem Radioprogramm emanzipiert.

    So, und neulich hörte ich mal wieder einen tollen „Morgengedanken“ bei SWR4 (link siehe unten). Er geht mir nicht mehr aus dem Kopf, ich denke oft daran. Und er erinnert mich auch wieder an den von Dir oben verlinkten Artikel des kiezneurotikers. Dieser hinterließ bei mir ein „Störgefühl“. Was hat das/der eine mit dem anderen zu tun? Hast Du einen Gedanken dazu?

    Besten Gruß
    Stefan

    http://swrmediathek.de/player.htm?show=d51583b0-389f-11e4-90a0-0026b975f2e6

    • Friederike 16. September 2014
      Antworten

      Danke schon mal für den Link, sehr schön, was der Herr Steinmann da so sagt. Wie das eine mit dem anderen zusammen hängt? schon irgendwie, aber ich muß darüber noch nachdenken.

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