Der Tipianer.

Navi ist unter meiner Würde. Marc Freukes habe ich trotzdem gefunden. Und das will was heißen. Freukes lebt im Wald. Irgendwo im Unterholz zwischen Hessen, Baden-Württemberg und Bayern, ganz grob gesagt.

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Freukes lotst mich per Mail erst zu einem winzigen Dorf in the middle of nowhere, dann über einen schmalen Wirtschaftsweg zu einem Gasthaus im Wald, noch tiefer im Nirgendwo. Rundherum nur noch Wiesen und finstrer Tann. Dort holt er mich ab, und zu Fuß geht es zu seinem neuen Zuhause.

Ein-Mann-Haushalt

Sagen wir besser: zu seinem Teilzeitzuhause. Fünf Tage die Woche lebt er hier im Wald, in einem Tipi. Nebendran ein kleines Versorgungszelt, eine Feuerstelle mit Plane, sein outdoor-Badezimmer und eine Art Iglu aus Laub und Weidenzweigen. Für den nächsten Winter, falls es doch mal kälter wird. Kälter als im vergangenen, milden Winter. Da waren es hier nur bis minus zehn Grad, das geht ja noch im Tipi. Feuer geschürt, dicken Pulli angezogen, so läßt es sich auch bei minus zehn im Tipi aushalten.

Pavillon für Gruppenabende.

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Freukes ist kein Radikalaussteiger. Nur einer, dem irgendwann sein schicker Job als schicker Golflehrer keinen Spaß mehr gemacht hat. Zuviele schicke Leute, zuviele dicke Autos, zuviel Geld. Zu wenig  Natur.

Freukes wollte das hauptberuflich machen was er bisher nur nebenbei getan hatte: Outdoor-Kurse geben, Survival-Trainings. Und irgendwann dachte ich, das klingt ja alles schön und gut, wie das da in der Fachliteratur beschrieben und erzählt wird – aber: funktioniert das alles wirklich auch auf Dauer? Ich wollte das doch mal auf Herz und Nieren prüfen, die ganzen Tipps und Bauanleitungen für ein Leben in der Wildnis.

Wohnzimmer.

Also packte Freukes ein paar Sachen zusammen und zog in den Wald. Einfach so. Seit dem 1. Januar lebt er nun hier und macht den  Praxistest. Ein Jahr will er durchhalten.

An zwei Tagen in der Woche kehrt er in die Zvilisation zurück, zur Freundin in die gemeinsame Wohnung an der Bergstraße. Büroarbeit erledigen, Mails schreiben, die Homepage pflegen. Schließlich laufen seine Kurse auch in diesem Jahr weiter.

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Was ihn außerdem zum Teilzeit-Ausstieg bewogen hat: sein schlechtes Gewissen. Zuhause drückste einfach auf den Knopf – Waschmaschine, Spülmaschine, Trockner – und verbrauchst Unmengen Wasser, Chemie, Energie. Ich wollte wissen, ob das nicht auch anders geht, umweltverträglicher.

Es geht, sagt Freukes: Hier draußen reicht ein kleines Waschbecken aus Holz, in das er Wasser aus dem Bach füllt. Strom gibt es nicht, gekocht wird überm Feuer. Seine Outdoorklamotten überstehen locker ein paar Wochen ohne Wäsche. Und den Hygienefimmel legt man ganz schnell ab. Müll prdouziert Freukes hier extrem wenig, mal eine Nudelverpackung aus dem Supermarkt, mal eine leere Kaffeedose.

Sehr praktisch: Geschirrspüler, Waschmaschine und Badezimmer in einem.

Auf den Tisch kommt hauptsächlich, was Wald und Bäche so hergeben, am liebsten frische Forellen, Salate aus Kräutern, täglich Brennnesseltee.  Bald hoffentlich auch Tomaten und Kartoffeln aus dem eigenen kleinen Hochbeet.

Manchmal, wenn Freukes für zwei Tage nicht im Wald war und dann zurückkommt, haben heimliche Besucher ihm etwas neues ins Hochbeet gepflanzt oder irgendwelche feinen Sachen ins Zelt gestellt. Freue ich mich drüber.

Überhaupt ist Freukes nicht einsam im Wald. Da sind die Teilnehmer seiner Kurse, die regelmäßig sein Waldwohnzimmer nutzen, da kommen Odenwälder Kinder, um an einer geführten Kräuterwanderung teilzunehmen oder um zu lernen, wie man Feuer macht. Da gibt’s Kinder, die waren noch nie im Wald, sagt Freukes und wundert sich.

Immer wieder kommen Wanderer vorbei und entdecken, geschützt im Unterholz, das Zelt und schleichen sich dann an. Da habe ich schon die tollsten Leute kennengelernt. Angst hat er hier draußen nicht. Bloß vor Zecken. Die sind eine echte Plage dieses Jahr.

Hier draußen im Wald geht alles viel langsamer. Du brauchst für alles viel mehr Zeit. Du kannst nicht mal eben was kochen. Du mußt losziehen an den Bach und auf eine Forelle hoffen. Du mußt Holz fürs Feuer sammeln. Du mußt das Feuer anmachen, und wenn es dann endlich brennt, die Forelle braten. Das dauert mitunter stundenlang.

Iglu. Oder hat er gesagt "wigwam"?

An seinem kleinen Iglu für den nächsten Winter hat Freukes ein paar Wochen gebaut. Weidenzweige sammeln, binden, ein Gerüst bauen, das hat ewig gedauert. Nichts für Ungeduldige. Aber so wird es Dir auch nicht langweilig, sagt er, während wir auf allen Vieren das Iglu von innen inspizieren. Aufrichten geht hier drinnen nicht. Aber Feuermachen. Da wird es kuschlig warm im Winter.

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Ob er durch das Leben im Wald nicht verschroben wird? Durch diese ganz andere Zeitrechnung, durch seinen komplett neuen Alltag hier? Nein, das fürchtet Freukes nicht. Er pendelt ja zwischen den Welten, zwischen der WaldWelt und der zivilisierten welt, und die zwei Tage in einer Wohnung mit Steinmauern drumrum sorgen dafür, daß er nicht ganz zum Waldschrat wird.

Suppenkelle, Modell Tipi.

Das Modell des 5-Tage-Aussteigers gefällt ihm. Das eine Jahr, das ich hier bleiben wollte, ist jetzt schon halb rum. Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, wieder ganz zurückzukehren.

Vielleicht bleibe ich einfach dauerhaft hier.

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7 Kommentare

  1. Wunderbarer, interessanter Bericht – ich könnte mir vorstellen, dass man da in der Waldeinsamkeit eher an dem alltäglichen Müll im zivilen Leben erstickt… :( oder daran verzweifelt.
    HG
    Birgit, die zwar keine Zecken mag – und nicht mehr auf dem Boden schlafen kann, aber immer wieder mal die Einsamkeit sucht.

  2. Das ist wunderschön, so zu leben. Nur dazu müsste ich n paar Jahre jünger sein….Hab mal 8 Tage im Wald gelebt mit Zelt und so….war schön, ruhig und sehr entspannend….

  3. Vielen Dank für den Bericht! Aber wie findet man ihn denn nun? Ist das Grasellenbach da in der Nähe? Dieses winzige Dorf in der middle of nowhere?

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