Allesschönundgut…

…aber warum gibts denn hier im Odenwald nur noch so wenige Gasthäuser?  Haben wir vor ein paar Wochen schon mal gefragt.

Aus gegebenem Anlaß müssen wir das Thema nochmal aufgreifen.

In den vergangenen zehn Jahren hat im Landkreis jede dritte Dorfkneipe zugemacht, und von denen, die übriggeblieben sind, wird in den nächsten zehn Jahren nochmal jede Dritte die Läden runterlassen.

 

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Im Odenwald sterben die Gasthäuser aus. Das Toast Hawaii aber lebt.

 

 

Unsereiner leidet also Hunger und Durst, und die Kommunalpolitiker jammern. Allesschönundgut, aber Politiker jammern ja eigentlich immer. Und ändern aber nichts. Oder so.

 

Oder doch? In der 470-Seelen-Odenwald-Metropole Rosenberg-Hirschlanden haben die Gemeinderäte und Ortschaftsräte erst ein bißchen gejammert über das Kneipensterben – und dann die Ärmel hochgekrempelt. Jahrelang gabs keine Kneipe mehr, nichts zu essen in Hirschlanden, keinen Dorftreffpunkt. Wenn sich hierher schon kein Profi-Gastronom verirrt, dann machen wir halt unsere eigene Wirtschaft auf. Das Hirschbräu Hirschlanden.  Im alten, leerstehenden Rathaus. Wo denn sonst?

 

Jeden Samstag bitten jetzt CDU’ler, Sozis, Grüne zu einer Wahlveranstaltung der etwas anderen Art, und das Wähler-Volk muß sich entscheiden zwischen Schnitzel mit Brot, Wildschweinmedaillons auf handgeschabten Spätzle, vegetarischer Grünkernlasagne oder Kalbsbraten.

 

Was will der Wähler? Grünkernsuppe oder Rehfilet?

Was will der Wähler? Grünkernsuppe oder Rehfilet?
Kommunalpolitiker bei der Arbeit.

 

Im Hirschbräu kann es dem mündigen Bürger passieren, daß er von seinen Volksvertretern höflich gefragt wird: Was darfs denn sein?. Hat man seine Wünsche geäußert, macht sich die Große Koalition in der Küche daran, den Wählerwillen nach bestem Wissen und Gewissen umzusetzen. Daß Altkonservative, Fundis und Realos dabei ihr gemeinsames Süppchen kochen, versteht sich hier von selbst. Grünkernsüppchen am liebsten. Schließlich eine regionale Spezialität.

 

Kochen wieder mal ihr eigenes Süppchen, die Volksvertreter.

Kochen wieder mal ihr eigenes Süppchen, die Volksvertreter.

 

Und Grünkernsuppe kann jeder. Schlichte Grünkernsuppe würde sogar ein alter CDU-Gemeinderat noch hinbekommen, und wenn er das mit Liebe macht, schmeckt die auch so. Manche Gemeinderäte halten sich auch beim Kochen an die Odenwälder Politdevise: alt bewährt, ham wir immer so gemacht, andere experimentieren, modernisieren, reformieren. Der hungrige Gast muß sich überraschen lassen – schließlich kann er sich über das jeweils aktuelle Wahlprogramm erst informieren, wenn er schon im Wahl-Lokal ist.

 

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Die Umfrageergebnisse sprechen eine deutliche Sprache:
zweimal sauer Schorle, drei Hefeweizen und ein Kellerbier.

 

 

Finanziell trägt sich das nicht zuletzt, weil wir alle ehrenamtlich arbeiten, sagt Ortsvorsteher Martin Herrmann. Aber wo, wenn nicht hier, können sich Kommunalpolitiker sonst so konkret vor Ort einbringen?

Dabei ist es mit dem Samstagabend nicht getan: das jeweils diensthabende Küchenteam muß schon im Lauf der Woche Fleisch und Gemüse einkaufen, für frische und politisch-korrekt-regionale Ware teilweise weite Wege fahren, die Küche richten, den Gastraum putzen. Amtsmüde wird dabei keiner, im Gegenteil. Das HirschbräuHelferTeam ist heute nochmal deutlich größer als beim Kneipen-Start vor sieben Jahren, viele Gemeinderäte schleppen auch Ehefrau und Kinder mit zum Kneipendienst.

 

Polit-Stammtisch mal anders.  Nach dem dritten Starkbier sieht die Welt sehr freundlich aus.

Polit-Stammtisch mal anders.
Nach dem dritten Starkbier sieht die Welt sehr freundlich aus.

 

 

Das Konzept kommt an: Einmal in der Woche hat das Hirschbräu offen, und einmal in der Woche ist der Laden mit seinen 60 Plätzen rammelvoll. Ohne telefonische Reservierung geht da gar nichts. Die Gäste kommen zu Fuß aus Hirschlanden, oder mit dem Auto von weiter her. Das Polit-Konzept macht viele neugierig, und das selbstgebraute Bier ist sowieso der Renner. Und die Hirschlandener haben endlich wieder ihren Dorftreffpunkt.

So einfach ist das.

 

 

Nicht dokumentiert, aber selber gesehen: Die Altersspanne der Gäste  reicht von Acht bis Achtzig.

Nicht dokumentiert, aber selber gesehen: Die Altersspanne der Gäste reicht von Acht bis Achtzig.

 

 

 

Danke an Martin Herrmann für die Fotos. Daß ich bei meinem letzten Besuch einen Platz im Hirschbräu ergattern konnte, ohne körperliche Gewalt anwenden zu müssen, lag bloß daran, daß ich rein dienstlich da war.  Da konnte ich nicht auch noch fotografieren.

 

 

 

 

 

 

7 Kommentare

  1. „Not macht erfinderisch“ auch wenn hier die „Not“ nur das fehlende Kommunikationscenter im Dorf war. Ich finde die Idee echt nachahmenswert und wie man auf den Fotos sieht, funktioniert die Kommunikation untereinander am besten beim Essen und Trinken. Ein Daumen-Hoch für diese Dorfgemeinschaft.

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