Selbstversorger, die Erste

„Jetzt sieh sich das einer an!“, flüstert Geo tonlos beim sonntäglichen Morgenspaziergang durch den Odenwald. Ich folge mit den Augen seinem stieren Blick ins Unterholz. Rehe? Wildschweine? Vielleicht ein putzig-Häschen?

Schon steigt Geo über Äste und Zweige, durch ein Brombeergestrüpp, bückt sich über einen karamellfarbenen Steinpilz.

 

Da hinten: noch einer. „Und hier!“, stöhnt Geo. Landleben kann kulinarische Verzückung sein. Wir sammeln unser Abendessen. „Tagliatelle alla porcini”, flötet Geo durch den Wald. Wie einen Goldschatz tragen wir unsere Beute Richtung Kubach.

An einer Wegbiegung plötzlich ein Getrappel und Geschnaufe, rhythmisch knarrend und holpernd nähert sich eine Kutsche mit zwei schwarz-glänzenden Pferden. Jeden Sonntagmorgen, wenn die Odenwälder in die Messe gehen, fährt Gemüsegroßhändler Erwin Kohl mit der Kutsche durch den Wald.

Der Odenwald als Selbstbedienungsladen

„Was haben Sie denn da?“, fragt er mit einem Blick auf unser potentielles Abendessen. „Steinpilze – eben gefunden!“, sagt Geo stolz. Erwin Kohl guckt verständnislos. „So was muss man doch nicht mühsam sammeln – das kann man doch kaufen!“.

Geo ist beleidigt.

Steinpilze aus dem Odenwald

„Wir sind doch schließlich Selbstversorger! Wozu leben wir denn sonst im Odenwald?“. Wenn Geo das Wort „Selbstversorger“ ausspricht, klingt es wie eine Art Auszeichnung, wie ein Adelstitel. Stundenlang könnten wir täglich im hauseigenen Nutzgarten zubringen, Geo sät und pflegt, hackt und harkt, zupft und erntet. Salate und Kartoffeln, Blumenkohl und Rosenkohl, Erbsen, Möhren, Bohnen. Dazu Knoblauch und Zwiebeln, Thymian, Rosmarin, Basilikum, Salbei und Melisse. Kräuter, von denen ich bis dato nie etwas gehört habe.

Egal, ob März oder September, Februar oder Oktober: irgendwas schleppt Geo abends immer aus dem Garten an, auf dass es in Töpfen und auf Tellern lande. Unser Blumenkohl hat was von pygmäischen Schrumpfköpfen, unsere Erbsen die Größe von Stecknadelköpfen, die fettesten Möhren werden allenfalls bleistiftdick. Aber: „Wie das schmeckt!“.

Wenn Geo beim Essen nur laut genug spricht, hört man auch nicht den Salat-Sand an den Zähnen knirschen.

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