Der Weg aufs Land.

„Du willst – was?“ Die Frage hängt bebend in der Leitung, ungläubig vibriert das Entsetzen auf dem Glasfaserkabel, irgendwo zwischen Berlin und Ludwigshafen am Rhein. Dass es mich vor ein paar Jahren von der einzig ernst zu nehmenden Großstadt Deutschlands (meiner Heimatstadt Berlin) in die Ludwigshafener Provinz am Rhein verschlagen hat, damit hat sich Freundin Renate ja inzwischen abgefunden. Immerhin hat Ludwigshafen einen gewichtigen deutschen Kanzler hervorgebracht, und einen international agierenden Chemie-Giganten. Damit kommt selbst ein Berliner irgendwann mental zurecht.

 

Aber das hier geht zu weit. Dabei will ich doch nur aufs Land ziehen. Ich könnte Renate ebenso gut eröffnen, dass ich beabsichtige, einen Marsmenschen zu ehelichen. „Was gibt es denn in diesem Kuhdorf?“, fragt sie mich tonlos. „Ku-bach!“, verbessere ich und spule gleich die wichtigsten Kubacher Infrastrukturdaten herunter: 362 Einwohner (mit uns dann also 364), 49 Kühe, 20 Hühner und zwei Hähne, 6 Pferde, 9 Hunde, zwei Ziegen, eine Klosterkirche, ein Bäcker, 15 Straßenlaternen, zwei Haltestellen für den Schulbus (an jeder Straße eine), 13 freiwillige Feuerwehrmänner , ein gelber Briefkasten (Leerung jeden Werktag einmal), ein Glascontainer und ein Gasthaus mit Pensionszimmern (Übernachtung 25 Euro inklusive Frühstück).  Kein Gebäude höher als drei Stockwerke. Keine riesigen  Betonmauern, die den Blick abprallen lassen, keine schreienden Werbewände, an denen das Auge hängen bleibt. Kein Gedrängel und Gewimmel, kein dröhnender Autolärm, keine vierspurigen Asphaltmonster, keine Stinke-Industrie. Dafür Felder mit blühendem Raps und Sonnenblumen, Wälder, in denen sich Wildsau und Rehe Gute Nacht sagen, Wiesen, Weiden, Pferdekoppeln, Stallungen und Bauernhöfe.  Die nächste große Stadt eine Fahrstunde entfernt.

 

„Aha“, sagt Renate, immer noch tonlos. Sekunden verstreichen. Sekunden, die sich in der Telefonleitung nach Berlin zu Stunden ausdehnen. „Und… was macht man da so??“ Auf diese Frage habe ich gewartet. „Mittwoch abends ist Singstund’ im Vereinsheim!“, rufe ich enthusiastisch in die Sprechmuschel.  „Außerdem werden wir einen Gemüsegarten anlegen. Und vielleicht geht Geo in die Freiwillige Feuerwehr!“

 

Renate beendet das Telefonat. Sie habe noch einen wichtigen Termin am Alexanderplatz,  sagt sie.  Eine Vernissage in einer „total angesagten Galerie – alles da, was in der Szene Rang und Namen hat!“ In fünf Minuten fährt ihre U-Bahn.

 

 

 

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