Nix los hier.

 

 

Wir fragen uns aber schon manchmal, ob Euch das hier nicht ein bisschen langweilig wird, gibt Großstadt-Manne beim Dorfspaziergang zu bedenken.

 

Manne, der als erfolgreicher Industriekaufmann um die halbe Welt jettet und sein privates Häuslebauer-Glück (und den hoch sechsstelligen Kredit dafür) unter den Schloten eines international agierenden Chemie-Giganten gefunden hat, mitten drin im Gewimmel einer Stadt, die sich selbst für eine Groß-Stadt hält.

Manne wäre froh, ich würde wieder in Berlin leben.  Dann könnten sie dort mal vorbeischauen. Coole Stadt.  Leider wohne ich nun tief im Nirgendwo.

 

Ja, ich meine… hier ist doch gar nichts los!, pflichtet Anna vorsichtig bei. Ganz am Anfang unserer Provinzkarriere haben sie uns manchmal besucht, die beiden, mit ihren Großstadtkindern und in schicken outdoor-Jacken. Und alles vermutlich ziemlich langweilig gefunden. Weil ja hier nichts los ist.

 

morgenrunde

 

 

Während Geo eben zu einem Wie? Nichts los? anheben will, öffnet sich über uns ein Fenster. Else Bungenstab ist völlig aufgelöst: Um Gottes Willen!, kreischt sie mit spitzer Stimme aus dem Fenster, haben Sie schon gehört, was passiert ist?

 

Unter ihrer rosafarbenen Kittelschürze bebt der ganze große Körper. Der Schreck fährt uns in die Glieder, vor meinem geistigen Auge spult in Zeitraffer ein Horrorfilm nach dem nächsten ab. Was denn? brülle ich besorgt zurück und mache mich auf das Schlimmste gefasst.

Die Bungenstab zwängt sich noch ein Stück weiter durch das schmale Fenster.

Wissen Sies noch nicht?

Der Metzger hat abgesagt!

 

 

Ach, Du Schande, sagt Geo, ehrlich betroffen. Mein Land-erfahrener Gatte erfasst den Ernst der Lage sofort. Klein-Großstadt-Rafi starrt sprachlos Else Bungenstab an.

 

 

 

 

Wochenlang hat sich Else Bungenstab auf diesen Schlachttag vorbereitet, hat mit den erwachsenen  Töchtern und Söhnen riesige Töpfe und Wannen geschrubbt, Schüsseln, Kochlöffel und furchterregende Messer zurechtgelegt, Dosen und Gläser im Keller für Wurst und Innereien poliert. Das Schwein steht nichtsahnend im finstren Stall.

 

Und nun das: Drei Tage vor dem Schlachttag sagt der Metzer ab. Von der Leiter gefallen, ein gebrochener Arm: So kann man keine Sau schlachten.  Ja, so was hab ich noch nicht erlebt! schreit Else Bungenstab aus dem Fenster auf die Dorfstraße.

 

Wie: Sau schlachten? Wie: Metzger kann nicht kommen? Manne und Anna verstehen nur Bahnhof.

 

 

image

 

Schnell macht die Geschichte im Dorf die Runde. Ein schrecklicher Unfall, viele Verletzte, darunter auch der Metzger – der Wintervorrat in Gefahr. Bis zum Abend am Stammtisch im Gasthaus ist der Metzger schwerst-verletzt und liegt auf der Intensivstation, droht der betroffenen Familie zudem der Hungertod: Stille Post in Kubach.

 

 

Kennt nicht irgendeiner einen Metzger?, fragt der Schmitte-Alfons am Stammtisch in die angestrengt nachdenkliche Runde, bevor er die zweite SauerSchorle bestellt. Hirne rattern, Namen fallen auf den blankgeputzten Wirtshaustisch. Ein paar Anrufe später gibt es ihn, den Müller-Karle aus dem Nachbarort, und er hat tatsächlich noch einen Termin frei. Der Wirt schreit die Frohe Botschaft in das Telefon, als müsse er die Entfernung zwischen Gast-Haus und Bungenstab-Haus ohne digitale Hilfe überwinden.

Dem Himmel sei Dank!, schreit Else Bungenstab genau so laut zurück ins Telefon.

 

 

Abends melden sich Manne und Anna noch einmal per Handy, zurück in der großen Stadt. Gut heimgekommen, alles paletti, wir haben ja ein Navi, sagt Manne lässig und bedankt sich artig für das Wochenende auf dem Lande. Und: Was ich noch fragen wollte… wie ist denn die Geschichte mit dem Metzger ausgegangen?

 

Alles paletti!, antworte ich noch lässiger.

 

 

Und sonst?

 

Sonst war nicht viel los.

 

 

Foto: Klaus Hilger.

Foto: Klaus Hilger.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

11 Kommentare

  1. *köstlich
    das sind die Kurzgeschichten die das Leben schreibt und Du liebe Friederike lässt uns auf amüsante Weise daran teilhaben – DANKE.

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