Tarnname: Goldfisch.

Ich sehe sie vor mir, wie sie in ihren Uniformen an einem dunklen Eichentisch stehen, Landkarten auseinanderfalten und sich konzentriert darüberbeugen. Wie ein Zeigefinger von Berlin aus Richtung Süddeutschland über die Karte fährt, vorbei an Frankfurt und Darmstadt, weiter nach Süden.  Dann im Odenwald zögert, und am Rand des Odenwaldes anhält.

Genau da, wo der Neckar sich mit seinem Tal direkt an die wildromantischen Odenwaldhänge schmiegt. Da, wo auf der Landkarte das winzige Dörfchen Obrigheim eingezeichnet ist. Da, wo die Welt halbwegs in Ordnung und der Krieg immernoch weit weg ist Anfang 1944.

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Ich höre einige aus dem Jägerstab sagen: Wieso denn ausgerechnet da? Odenwald? Neckartal? Wo um Himmelswillen soll das sein? Und ist das nicht ein bißchen sehr weit weg? Nein, ist es nicht. Es ist optimal für ihre Zwecke, hier gibt es die versteckten Gipsstollen im Berg, hier finden sie uns nie, und hier gibt es in der Nähe eine Bahnlinie. Güterverkehr. Genau das, was wir brauchen.

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Seit Anfang  1944 haben die Bombenangriffe rund um Berlin zugenommen, auch die auf das kleine Genshagen. Hier hat Daimler-Benz ein großes Werk, Flugzeugmotoren, kriegswichtiges Material. Das soll jetzt verschwinden. Versteckt werden, damit man weiter produzieren, weiter Bomber Richtung Alliierte schicken kann. Das Werk soll unter die Erde verlegt werden. In Obrigheim. Am Rande des Odenwaldes.

Schon im März 1944 kommen die ersten 500 Häftlinge. Zwangsarbeiter, politische Gefangene aus Dachau. Zusammengepfercht in der kleinen Grundschule in Neckarelz.  Jeden Morgen nach dem Appell müssen sie zu Fuß in groben Holzschuhen und ihren gestreiften Häftlingsanzügen Richtung Obrigheim aufbrechen, quer durch Neckarelz, dann über die Neckarbrücke, rauf zum Gipsstollen.

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Das dunkle Loch im Berg soll sich in nur sieben Wochen in eine riesige Produktionshalle verwandeln, in eine unterirdische Fabrik mit einer Grundfläche von 50.000 Quadratmetern, hoch genug, damit Kräne und schwere LKW hier ein- und ausfahren können.  Daimler-Benz leiht sich für vier Reichsmark pro Tag von der SS insgesamt bis zu 3500 KZ-Bauhäftlinge, die den aberwitzigen Plan umsetzen sollen. Koste es, was es wolle.

Die Männer aus allen Teilen Europas schuften um ihr Leben, rackern sich zu Tode. Tonnenweise Stahl, Beton, Holzbalken, alles schleppen die ohnehin schon ausgemergelten Arbeiter zu Fuß über 40 Höhenmeter eine schmale, wacklige Treppe im Hang zum Stollen hinauf, wer mit den ausgetretenen Holzschuhen auf dem schlammigen Grund ins Rutschen kommt, muß sehen, wo er bleibt. Oder bekommt Schläge. Schufte, oder stirb.

Den Stollen selber höhlen sie mit Hacke und Spaten aus, Zentimeter um Zentimeter, verlegen Leitungen, bauen Küchen und Sanitäranlagen in den Berg. Zu Essen gibt es Wassersuppe.  Immer wieder kommt menschlicher Nachschub für das Projekt unter dem Tarnnamen Goldfisch, viele der Männer sterben an Erschöpfung, verhungern, gehen im Krankenlager des Neckarelzer KZ elend zugrunde.

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2000 Maschinen aus Berlin werden geliefert. 7000 Mann Belegschaft aus Genshagen sollen in der neuen Fabrik im Berg so schnell wie möglich ihre Arbeit aufnehmen. Die Zeit drängt, die Alliierten rücken näher, und Daimler-Benz will retten, was zu retten ist und die Produktion der Flugzeugmotoren nicht aussetzen. Die Wächter im Obrigheimer Stollen werden immer hektischer, drängen die fast Verhungernden, noch schneller zu arbeiten. Wer nicht schnell genug war, bekam Schläge, bis er gar nicht mehr arbeiten konnte, erinnert sich ein französischer Überlebender. Schnell! Schnell!, das riefen die Deutschen immerzu.

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Am 10. November 1944 wird die geheime Flugzeugmotorenfabrik unter der Erde feierlich eingeweiht. Die Häftlinge haben 50.000 Quadratmeter Stollen besenrein hergerichtet, müssen ein Musikstück spielen für den hohen Besuch aus Berlin. Der Großbetrieb mit fast 10.000 Beschäftigten nimmt die Produktion auf.

Dann kommen die Amerikaner. Haben die Anlage geortet, werfen erste Bomben. Es heißt,  daß es den Befehl aus Berlin gegeben habe, alle KZ-Arbeiter im Stollen zu versammeln und den ganzen Berg zu sprengen.  Der Kommandant verweigert das. Stattdessen werden die Häftlinge zu Fuß losgeschickt. Für viele ein Todesmarsch. Die, die sich nicht mehr alleine auf den Beinen halten können, Hunderte sind das, werden hektisch  zum nächsten Bahnhof gebracht und in einen Zug gepfercht.

Der bleibt mit einem Triebwerksschaden schon nach wenigen Kilometern bei Osterburken im Gelände stehen. Stundenlang harren die Überlebenden im Zug aus, lauschen in die Totenstille draußen.

Bis sie merken:  Ihre Peiniger sind verschwunden.

Davongerannt über Gleise und Wiesen.

Sie sind weg.

 

 

Genauer und fundierter kann man dieses Stück deutscher Geschichte hier nachlesen.

Seit Jahren kümmert sich sehr engagiert – und zunächst nicht immer wohlgelitten – der Verein KZ-Gedenkstätte Neckarelz um dieses Thema. Ein Besuch der Gedenkstätte neben der Neckarelzer Grundschule ist absolut empfehlenswert. Ebenso die ca. einstündige Wanderung über den Goldfisch-Geschichts-LehrPfad durch den Wald zum Obrigheimer Stollen, auf dem auch die Bilder zu diesem Blogbeitrag entstanden sind. Fotografieren am und im Stollen geht nur mit Voranmeldung und Genehmigung, weil hier inzwischen wieder industriell Gips abgebaut wird.

Einmal im Jahr kommt man trotzdem hinein: Immer im Herbst organisiert der Gedenkstättenverein eine Busfahrt in den Berg, in dem Reste der Fabrik noch zu sehen sind. In den vergangenen Jahren waren da auch immer wieder Überlebende aus Frankreich dabei. Aber sie werden immer älter, immer weniger.

 

 

 

 

Lovestory.

Hierzulande wimmelt es ja nur so von ollen Burgen und Schlössern, und viele davon nimmt man gar nicht recht als solche wahr. Ein Fehler, wie sich einmal mehr herausgestellt hat. Sie können sich in den Tagen nach Silvester selber davon überzeugen.

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Eher durch Zufall kam ich irgendwann auf die Idee, mal nach den Resten der Minneburg bei Neckargerach zu schauen. Durchs Unterholz nach oben kraxeln, da ein paar olle Klumpen finden, wieder runter, wird ein netter Ausflug. Dachte ich mir so. Das mit dem Unterholz war schon mal gar nicht falsch.

Aha, der Neckar fließt hier irgendwo im Unterholz.

Aha, der Neckar fließt hier irgendwo im Unterholz.

 

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Lebensgefahr! Fällarbeiten!, schrien die Schilder. Aber auf diesem Ohr bin ich manchmal taub.

 

Und keine Menschenseele weit und breit. Typisch für hier.

Und keine Menschenseele weit und breit. Typisch für hier.

Die Sache mit den ollen Klumpen sollte sich als völlige Fehleinschätzung herausstellen. Denn oben auf dem Berg, gegenüber von Neckargerach, steht eine – wenn man mal von kleinen Unordnungen absieht – , nahezu komplett erhaltene Burg. Oder zumindest eine komplette halbe Burg. Man könnte sofort einziehen. Jedenfalls im Sommer. Die Zentralheizung fehlt. Und hier und da auch das Dach. Aber sonst….

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Hat der arme Ritter Edelmut von Ehrenberg gebaut. Dafür war Geld da.

 

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Hatte natürlich was mit Liebe zu tun, logo.

 

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Hier hat olle Edelmut vielleicht hinausgeschaut und von seiner Minna geträumt.

 

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Minna war leider schon so gut wie tot, als der geliebte Edelmut von seinen Kreuzzügen zurückkehrte.

 

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Hier hätte das gemeinsame Esszimmer hingesollt. Wurde nun nichts draus.

 

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Und dabei hatte Minna wirklich lange auf Edelmut gewartet. Und sich in einer Höhle versteckt, um anderweitiger Vermählung zu entgehen. Machte man damals so.

 

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So starb sie unverheiratet. Und durch diese Fenster hat sie auch nie gucken können.

 

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Ich kann das nicht entziffern. Sie?

 

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Auf jeden Fall alles schwer romantisch da oben. Und menschenleer.

 

 

Wer also dieser Tage noch nichts vorhat: hingehen. Raufwandern. Hier steht die Wegbeschreibung.

Oder Sie gehen das Ganze als Teil des Neckarsteigs an. Dann können Sie auch die Margarethenschlucht noch mitnehmen.

Aber das ist jetzt wieder eine andere Geschichte.

 

 

Und wenn Sie ein Schlösser-Fan sind: schaun Sie auch mal HIER. Lohnt auch einen Ausflug, in jeder Jahreszeit.

 

 

 

 

 

Versunken.

Unser heutiger Ausflugstipp führt Sie schon wieder ins Unterholz, sorry, aber das liegt quasi in der Natur der Odenwälder Sache. Und wieder kann man auf den zweiten Blick im Unterholz mehr entdecken als nur Unterholz.

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Also: Sie suchen sich auf der Karte das kleine Dörfchen Oberscheidental (Scheidental wie Wasserscheide – die zwischen Main und Neckar) und biegen dann quasi direkt in den finstren Wald ein.

Dann eine gute Stunde durch die Einsamkeit, immer bergab. Nur das Hecheln und Knistern und Knastern der Hunde im Ohr, falls Sie Hunde haben, so wie ich, und die empörten Rufe der Spechte. Keine Menschenseele weit und breit.

Dabei hat hier, mitten im Nirgendwo, mal ein stattlicher Hof gestanden.

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Hier hat einst ein Förster mit seiner Frau gewohnt. Der Gute rammte eines Nachts auf dem Heimweg mit seiner Kutsche einen Bildstock im nahegelegenen Dorf. Weil ihm das fromme kleine Bauwerk aber herzlich schnuppe war, fuhr er einfach weiter, ohne sich um den Schaden zu kümmern. Macht man nicht, sowas. Im Odenwald schon zweimal nicht.

Logo, daß der liebe Gott (oder wer auch immer) das nicht durchgehen lassen konnte. Er schickte dem guten Mann und seiner alsbald hysterisch-kreischenden Frau eine Schlangenplage ins Haus.

Der Dorfpfarrrer, um Rat gefragt, empfahl die Reparatur des Bildstocks. Schlangenplage ade. Weil der Förster aber offenbar einer der ersten urkundlich erwähnten Geiz-ist-geil-Jünger war, krachte der billig reparierte Bildstock beim nächsten lauen Wind schon wieder um.

Und? Richtig! Das ganze Haus schon wieder voller Schlangen. Forstmann und Forstweib suchten schließlich das Weite, und ihr Schlangenhaus sucht bis zum heutigen Tage einen neuen Besitzer, leider bislang  erfolglos.

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Wer das Schlangenhaus gefunden hat, findet auch das versunkene Dorf. Immer tiefer geht es durch den Wald hinab ins Tal.

 

Bis sich plötzlich, völlig unerwartet, die Landschaft öffnet.

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Wer hier einen Moment innehält und in die Stille hineinlauscht, kann das Meckern der Ziegen hören, die gackernden Hühner und vielleicht das hungrige Schmatzen der klapperdürren Kühe, die hier um 1830 auf den Wiesen standen.

Kann das Kreischen spielender Kinder in zerrissenen Kleidern hören, die Rufe der Mütter, die Flüche der Väter, wenn wieder nicht genug zu essen auf den Tisch kam. Das dürfte in Galmbach öfter der Fall gewesen sein, denn die 150 Menschen, die hier in 19 Häusern lebten, waren bettelarm.

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Ein Großteil derer, die in Galmbach lebten, verdiente seinen Lebensunterhalt irgendwann nur noch mit Diebereien, Wilderei, kleinen Überfällen. Bis es den Nachbarn  – und dem Fürsten zu Leinigen zu blöd wurde. Der Fürst kaufte das Dorf, siedelte die braven Galmbacher in Nachbargemeinden um und gab ihnen besseres Land. Die Besitzlosen aber, die sich im Dorf breitgemacht hatten, wollte keiner haben. Also drückte man ihnen einen Reisegutschein in die Hand:

Einmal Nordamerika und nicht zurück.

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Als der letzte Galmbacher Haus und Hof verlassen hatte, ließ der Fürst die Häuser einreißen. Nur einen Hof ließ er stehen, als neue Dienstwohnung für seinen Förster. Schlangenfrei, siehe oben.

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Quelle und Buchtipp:

Rainer Türk, Wanderungen zwischen Elz und Neckar. Verlag: Hubert Brunnengräber, 2013.

 

Anm.:  Wers ganz genau wissen will, sollte die Kommentare zu diesem Post lesen. Meine Quelle ist bei der historischen Aufarbeitung der Geschichte Galmbachs offenbar etwas großzügiger vorgegangen als Kommentator Michael.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Geschichtsstunde im Unterholz.

Manchmal erzählt das Unterholz, erzählen die alten Kiefern und Buchen, die weiten Wiesen und Felder die tollsten Geschichten. Man muß nur genau hinhören. Hinschauen. Wie hier, rund um den kleinen Weiler Schlempertshof bei Höpfingen, unserem heutigen Ausflugstipp.

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Auch im Winter lohnt sich ein Spaziergang hier allemal. Wobei: was heißt in diesem Jahr schon Winter?

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In den letzten Kriegsjahren haben die Nazis hier am vermeintlichen Ende der Welt einen geheimen Flugplatz angelegt, dazu Bahnlinien und Transportwege durch den Wald, Munitionsdepots, Bunker, Baracken für Arbeiter und Kommandanten.

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Die Details von dem kleinen Stück großer Weltgeschichte im winzigen Schlempertshof kann man hier, sehr ausführlich und sehr interessant, nachlesen.

Und sich dann auf den Weg machen. Knapp 8 Kilometer durch den Wald und über die Felder. Zwei Stunden lang eintauchen in ein vergessenes, wiederentdecktes Stück deutscher Geschichte.

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Vor gut zwei Jahren hat der Heimatverein Höpfingen den Weg offiziell eingeweiht. Die Beschilderung führt den Wanderer sicher und informativ einmal quer durch die Geschichte des Flugplatzes. Vorbei an den stummen Zeugen jener Zeit, immer auf den Wald- und WiesenWegen, auf denen seinerzeit die Wehrmacht-LKWs entlangbrummten, Rekruten marschierten, Höpfinger Männer und Frauen Kisten mit Munition und Fallschirmseide schleppten. In dieser Gegend, in der der Krieg doch meilenweit entfernt schien.

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Den genauen Wegverlauf kann man hier herunterladen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die wilde Burg.

Regen. Wind und Kälte. Vorsichtig muß man einen Schritt vor den anderen setzen, um nicht ins Rutschen zu kommen, hier auf den matschigen Waldwegen. Immer steil bergab. In weiter Ferne, irgendwo bei Kirchzell, läuten die Kirchenglocken und rufen zum Gottesdienst. Alle anderen Geräusche verschluckt der Regen. Keine Menschenseele weit und breit.

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Die Gegend ist ideal für einen spannenden Ausflug zwischen den Jahren. Bloß gutes Schuhwerk brauchen Sie.

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Plötzlich steht man mittendrin in einem Stück Deutscher Geschichte.  An einem Abhang, hoch über den Wipfeln, mit weitem Blick ins Land, mitten im Odenwald.

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Die Burg Wildenberg. Gebaut irgendwann um 1200. Nur noch eine Ruine, aber trotzdem eine der besterhaltenen stauferzeitlichen Burgen in Süddeutschland.

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Wer ein bißchen Fantasie hat und ein bißchen Zeit, dem erzählen die alten Steine allerhand von der wildbewegten Geschichte der Wildenburg. Davon, wie fleißige Steinmetze die Burg Quader um Quader errichteten und in den Steinen ihre Zeichen hinterließen. Davon, wie hier mitten im Odenwälder Urwald vor hunderten von Jahren Protz und Prunk zuhause waren. Davon, wie die Burg immer wieder den Besitzer wechselte und davon, wie schließlich im Mai 1525 ein Haufen Bauernkrieger im Auftrag von Götz von Berlichingen die Festung niederbrannte.

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Wer ein bißchen Fantasie hat, und ein bißchen Zeit, der trifft hier oben all die Männer und Frauen, die einst auf der Burg gelebt haben. Sieht sie oben auf dem Turm nach Feinden ausschauen, sieht sie in der Kapelle sitzen, im Kellergewölbe Fleisch und Wein holen. Sieht, wie sie an kalten und regnerischen Tagen wie diesem im Palais versammelt sind und sich vom gigantischen Kamin wärmen lassen.

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Der sieht vielleicht auch den Dichter und Minnesänger Wolfram von Eschenbach, der hier auf der Burg seinen Parzival geschrieben haben soll, zumindest Teile davon, nachts beim Schein einer Kerze und tagsüber mit Blick übers Land.

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Wer ein bißchen Fantasie hat, und ein bißchen Zeit, der kann hier schon ein Weilchen zubringen, mitten in diesem steinernen Stück Geschichte.

Der kann dann weiter bergab gehen, auf einem der vielen Wanderwege, die irgendwann wieder nach Kirchzell oder Preunschen oder Amorbach führen.

Und dabei langsam, ganz langsam, auftauchen aus der Vergangenheit.

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P.S.: Die Wildenburg mitten in der Grünen Wüste hat es 2001 sogar bis auf die Kinoleinwände geschafft. In einem Film u.a. mit Martina Gedeck, Ulrich Noethen, Corinna Harfouch und Heino Ferch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die einarmige Heilige.

Ich meine, das muß man sich mal vorstellen: Kommt der Vater zu Tür rein und sagt So, nun heirateste mal brav den lieben Samo. Ausgerechnet einen Wendenfürsten, unchristlich bis zum Gehtnichtmehr. Nee, also ehrlich.

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So ungefähr jedenfalls beginnt die Geschichte zu unserem heutigen Ausflugstipp.

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Tochter Notburga jedenfalls diskutiert mit dem Vater gar nicht erst lange rum, sondern macht sich schnellstens aus dem Staub. Versteckt sich in einer Höhle, um der Ehe zu entgehen. Machte man damals so, 7. Jahrhundert, naja, Sie wissen schon. Und weil es damals den McDonalds am Mosbacher Kreuz noch nicht gab, läßt sie sich das Essen in die Höhle von einer Hirschkuh bringen, 7. Jahrhundert, da waren die Dinge halt noch etwas altmodischer als heute.

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Wie dem auch sei: Der Vater ist zornig und sucht –  und findet die Tochter in der Höhle. Und will sie mit Gewalt nach Hause zerren, das wiederum war damals auch nicht anders als es heutzutage bei manchen Vätern immer noch so ist. Bei dem generationsübergreifenden Gerangel erweist sich Notburga zwar letzten Endes als die Stärkere, muß aber einen Arm lassen. Der Vater zieht also mit töchterlichem Arm unterm Arm, aber ohne eigentliche Tochter wieder ab.

Mit ohne Arm.

Mit ohne Arm.

Die Sage wäre keine echte Sage, wenn jetzt nicht eine Schlange ins Spiel käme. Eine sehr nette Schlange. Die bringt Kräuter und lauter feine blutstillende Sachen, als Notfallversorgung der etwas anderen Art. Die Wunde heilt, der appe Arm stört kaum, und Notburga verlegt sich von Stund an auf das Missionieren und christianisiert aus ihrer finstren Höhle heraus das halbe Neckartal.

Beim Stichwort Christanisieren sind wir jetzt natürlich bei der Kirche. Bei der klitzekleinen Kirche in Hassmersheim-Hochhausen, gleich bei der Notburga-Höhle um die Ecke. Daß das kleine Kirchlein genau da steht, wo es steht, ist auch die Schuld der einarmigen Dame. Die nämlich verfügt vor ihrem Tod, daß ihre Leiche bitteschön auf einem Wagen von wilden Ochsen egal-wohin gezogen werden möge, und wo die stehenbleiben, solle eine Kirche gebaut werden.

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Das kleine Kirchlein aus dem 12., 13. Jahrhundert ist so ziemlich eines der schönsten Ausflugsziele in der Region, wenn Sie mich fragen. Trotzdem ein Geheimtipp. Hier kommt kaum ein Fremder je vorbei, wenn man mal von Heidelberger Kunstgeschichtsprofessoren oder eingefleischten Heiligen-Verehrern absieht. Letztere gehen ja aber angeblich nur ungerne in evangelische Gotteshäuser.

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Wer das Kirchlein besichtigen will, guckt am besten vorher mal hier, von wegen Führung und so. Evangelische Kirchen sind ja ansonsten gerne geschlossen, fällt mir grad so ein.

 

 

 

 

Unterwelt.

Unserer heutiger Ausflugstipp tut nur so, als wäre er eine ganz harmlose Geschichte. In der zweiten Hälfte entwickelt er sich zur Horrorstory für Klaustrophobiker. Sie sollten dann lieber nicht weiterlesen. Anm.d.Red.)

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Rudolf Gaukel hat sich schon seit ein paar Tagen gewundert. Immer, wenn der Sprengmeister im Eberstadter Steinbruch ein Bohrloch in den massiven Fels getrieben hat und nun seine Sprengstoffpatronen dort hineinsteckt, verschwinden sie auf Nimmerwiedersehen. Der Berg scheint die Patronen zu verschlucken, als wolle er sich von ihnen nicht zerreißen lassen; Gaukel linst in das schwarze Bohrloch, weg sind die Patronen.

Am 13. Dezember 1971 bereitet Gaukel wieder eine Sprengung im Steinbruch vor, diesmal fällt ihm nichts Außergewöhnliches auf, er steckt die Patronen in den Berg, drückt auf den Zünder, mit einem Knall explodieren die Patronen im Gestein. Als der Rauch sich verzogen hat, klafft im Fels ein riesiger Spalt.

Durch diesen Spalt klettern Gaukel und seine Kollegen, und was sich ihnen da im Inneren des Berges präsentiert, soll schon wenige Tage später von Experten als „eine der schönsten und größten Höhlen Süddeutschlands“ eingestuft werden. Die Eberstadter Tropfsteinhöhle ist entdeckt, und Rudolf Gaukel hat eine Geschichte geschrieben, die sich noch seine Urenkel gegenseitig erzählen werden.

Danke, daß ich in der Höhle fotograferen durfte. Ist sonst nämlich nicht erlaubt.

Die Höhle ist damals groß und schön, aber leider völlig unbegehbar. Ein bis zwei Millionen Jahre hat die Erde hier unentdeckt vor sich hingetropft, und Tropfen für Tropfen sind urtümliche Gebilde entstanden, gigantische Stalagmiten und Stalaktiten, die merkwürdigsten Formen. Der Boden besteht aus tiefem Schlamm, der mit festem Griff die Stiefel derer packt, die nun als erste hier hineinkommen und mit dem Lichtkegel ihrer Taschenlampen atemlos die Gebilde an Decken und Wänden abtasten.

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Das winzige Eberstadt, weit ab aller Touristenströme, findet sich plötzlich in den überregionalen Schlagzeilen wieder, und die Eberstadter selber packen Leitern und Seile und klettern neugierig an der Felswand empor, um einen Blicks ins „Große Loch“ zu werfen.

Weil europäische Förderprogramme und Gelder für strukturschwache Regionen noch nicht erfunden sind, muß die Gemeinde selber zusehen, was mit der Höhle wird. Der Bürgermeister organisiert den Ausbau mit fast einhundert freiwilligen Helfern höchstpersönlich, mehr als 7000 Stunden schuften die Männer ehrenamtlich, um aus dem Loch im Berg die touristische Attraktion zu machen, die die Eberstadter Tropfsteinhöhle heute ist.

Nur knapp zwei Jahre, nachdem Rudolf Gaukel sich gewundert hat, wieso der Berg den Sprengstoff kurzerhand verschluckt, wird die Höhle feierlich für Publikum geöffnet. 3,5 Millionen Menschen waren seitdem hier und haben sich auf den rund 600 Meter langen Weg durch die Unterwelt gemacht.

PopArt in der Höhle. Gibts aber nur bei besonderen Anlässen.

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Langer Rede kurzer Sinn: ein Besuch lohnt sich. Grade bei und nach Sauwetter. Dann tropft und fließt und plätschert es überall, und der Besucher bekommt tief in der Höhle eine Ahnung davon, wie die Tropfsteine in den vergangenen Millionen Jahren entstanden sind.

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Die Eberstadter Tropfsteinhöhle ist dabei nur der Anfang. In unmittelbarer Nähe haben Höhlenforscher in den vergangenen Jahren gleich zwei weitere Höhlen entdeckt, eine davon ist bereits auf einer Länge von fast dreieinhalb Kilometern erkundet und übertrifft damit die Dimensionen der Eberstadter Höhle deutlich.

 

„Die Befahrung dieser Höhle ist mit erheblichen Strapazen verbunden. Für Besucher ist sie derzeit nicht zugänglich“, heißt es dazu auf der HöhlenHomepage. Was die rasende Provinzreporterin einst natürlich umso mehr anregte, mal einen Blick in diesen Teil der Unterwelt zu werfen. Die Höhlenforscher waren von dem Interesse so begeistert, daß sie flugs einen lustigen kleinen Presseausflug in die neuentdeckte Höhe organisierten.

Hätte ich gewußt, was mich erwartet, hätte ich das Maul gehalten. Es war ein Albtraum, aber ein spannender, zugegeben. Und der einzige journalistische Termin in meiner bisher 25jährigen Karriere, nach dem ich gleich zwei Schnäpse brauchte.

Dabei hätte ich es ahnen können: denn schon gleich am provisorischen Eingang in die Neuentdeckung muss eine Kollegin passen und umkehren: zwei Kilo zu viel auf den Rippen, so kommt man nicht in eine Höhle. Felsspalten und Ritzen sind so eng, daß es anderthalb Stunden lang nur bäuchlingsrobbend vorwärts geht. Irgendwo vor- und irgendwo hinter einem hört man das Schnaufen und Ächzen derer, die mitrobben.

Wer jetzt darüber nachdenkt, in welcher Lage und in welcher Tiefe und mit welchem Felsgewicht über sich er hier durch Mutter Erdes Gebärmutter kriecht, hat verloren. Dann pumpt die Magengrube kleine Panikwellen nach oben, erst schnüren sie Dir den Hals zu und machen das Atmen schwer, dann wird der eingekeilte Brustkorb heiß, der Kopf. Die Höhle hat Dich im Schwitzkasten, in einer Art steingewordener Zwangsjacke, und nahezu bewegungsunfähig musst Du weitere Kraftreserven mobilisieren, um die Panik dahin zurückzuschicken, wo sie herkommt.

Einige Stellen sind so eng, daß man den Anorak ausziehen muß, den dicken Pulli auch, sonst ist kein Durchkommen. Der Fels reibt am Rücken, mal stößt das Kinn, mal der Hinterkopf an den Stein. Hinter manchem Spalt geht es koppheister in die Tiefe, man streckt die Arme noch ein bißchen weiter vor, irgendwann muß ja mal sowas wie ein Boden kommen. Wenn es mal auf allen Vieren statt direkt auf dem Bauch mit seitwärts gedrehtem Kopf vorangeht, sind wir schon froh. Die Kontaktlinsen beschlagen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit (in der man besser nicht darüber nachdenkt, daß man den ganzen Weg ja irgendwann auch wieder zurück muß), nach einer gefühlten Ewigkeit also können wir uns das erste mal aufrichten. Und stehen in einem riesigen Dom, in dem locker ein großes Mietshaus Platz hätte. Der Schlamm ist unberührt, seit Jahrmillionen, die Lichtkegel tasten sich durch die absolute Finsternis, leise tropft es hier und da, an Wänden und Decken wachsen die eigentümlichsten Gebilde. Ästhetik der Unterwelt. Uns bleibt endgültig die Luft weg. Die erheblichen Strapazen sind für einen Moment vergessen.

Nein, ich sehe nicht immer so aus. Im normalen Leben trage ich saubere Kleidung, und manchmal kann ich sogar lächeln.

Als wir nach Stunden wieder aus der Unterwelt auftauchen, ist es inzwischen später Abend, in einer kleinen Holzhütte auf dem Gelände des Steinbruchs gibt es Bratwürste und Schnaps.

Nach diesem Ausflug in die Nachbarschaft genieße ich die Eberstadter Tropfsteinhöhle heute umso mehr. Gut ausgebaute Wege, nur manchmal muß man den Kopf einziehen, ansonsten alles sehr bequem. Auf diese Weise auch die neuentdeckte Höhle auszubauen – undenkbar. Würde vermutlich Millionen kosten. So bleiben Hohle-Stein- und Kornäckerhöhle also für die Öffentlichkeit verschlossen. Und unsereiner gehört zu den ganz wenigen Menschen, die da mal einen Blick in die Erdgeschichte werfen durften. Hat ja auch was.
Insofern bin ich heute froh, daß ich nicht gekniffen habe.

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Hier gehts zur HöhlenHomePage.

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf die Bäume, fertig, los.

Wir haben Ihnen für die Zeit bis zum 6. Januar, zwischen Gänsebraten und Plätzchenteller, zwischen Oma Eins und Oma Zwei-besuchen mal ein paar Ausflugstipps zusammengestellt. Falls Ihnen und Ihren Lieben zwischendurch mal nach Bewegung oder Fortbildung oder gar beidem zumute ist. Oder nach einem Ausflug in den Odenwald. So, wies aussieht, können Sie die Schneeketten getrost zuhause lassen und einfach leicht bekleidet durch die Gegend wandern. Und wenn Sie also noch kein rechtes Ziel vor Augen haben, bekommen Sie hier auf dem Blog in den kommenden Tagen ein paar Anregungen aus dem Archiv. Sagen Sie also hinterher nicht, Sie hätten nicht gewußt, wohin. Wir starten heute mit dem Watterbacher Haus bei Preunschen.

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Also, bitte:

Böse Zungen behaupten ja, daß zu Zeiten, als im nahegelegenen Heidelberg schon die feinen Damen in der Kutsche herumfuhren und die jungen Herren entweder studierten oder sich in Verbindungen herumschlugen –, daß also zu diesen Zeiten die Menschen im Odenwald noch auf den Bäumen saßen.

Das ist natürlich völliger Blödsinn. Die Odenwälder  – oder zumindest einige von ihnen – saßen nicht noch auf den Bäumen, sondern allenfalls schon wieder. Weil sie eben ziemlich clever waren, und weil sich da oben, in den Bäumen, eine Menge Geld verdienen ließ.

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Und die Geschichte dazu geht ungefähr so:  Irgendwann um das Jahr 800 besiedelten Mönche das Kloster Amorbach, und weil sie Orte und Weiler drumherum gründen sollten, mußten sie erstmal den Odenwald-Urwald roden. Der bestand seinerzeit nur aus Laubbäumen.

Und die Mönche rodeten und rodeten und gründeten und gründeten. Irgendwann war kaum noch Ur-Odenwald da, dafür aber eine Menge kleiner Besiedelungen, deren Bewohner aber alles andere als reich waren. Die Menschen nagten am Hungertuch, versuchten, auf dem gerodeten Waldboden allerlei Essbares anzupflanzen und fragten sich ansonsten, wie um alles in der Welt sie überleben sollten.

Irgendwann, Mitte des 19. Jahrhunderts, erreichte die Not ihren Höhepunkt und viele Odenwälder wanderten aus, die meisten Richtung Amerika. Ein paar Handwerker waren geblieben, aber auch sie mühten sich mehr schlecht als recht, denn in den Wintermonaten gab es für sie nichts zu tun. Und Wintermonate hatte es im Odenwald auch damals schon mehr als genug.

Nun gab es seit vielen Jahren die amtliche Anweisung, den Odenwald wieder aufzuforsten, mit Nadelholz. Gutes Holz bringt guten Ertrag, das war der staatliche Gedanke. Aufforsten ging aber nur mit teuer eingekauftem Samen. Da entwickelten die armen Odenwälder Handwerker ihre Geschäftsidee: Kiefern-, Lärchen-, Tannenzapfen in der arbeits-losen Zeit im Winter selber ernten, den Samen gut verkaufen. Der Beruf des Odenwälder Zapfenpflückers war geboren.

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Des Zapfenpflückers Ausrüstung: ein Jutesack, zwei starke Arme und gesunde Beine. Sein Erkennungszeichen: aufgeschrammte Ellenbogen, wunde Knie. Wer jung und stark genug war, robbte die Stämme hinauf auf die Bäume; wie die Affen tummelten sich Männer in den Wipfeln, 20, 30 Meter hoch. Irgendwann erfand ein schlauer Odenwälder Zeitgenosse Steigeisen für Zapfenpflücker, das machte die Sache etwas einfacher. Die Männer kletterten und holten säckeweise Zapfen von den Bäumen.

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Zu Hoch-Zeiten lebten allein im kleinen Kirchzell bei Amorbach im Odenwald rund 50 Zapfenpflücker. Die waren so erfolgreich und so unerschrocken, daß sie im Auftrag einer Samenhandlung bald in halb Europa hauptberuflich auf die Bäume stiegen.

Auch wenn heute der Bedarf an Kiefern- oder Lärchen-Samen lang nicht mehr so groß ist: Ein paar Zapfensteiger gibt es immernoch. Die sehen inzwischen aus wie High-Tech-Gebirgskletterer, ausgerüstet mit Helm, mit Haken und mit Seilen. Ihre Berufskollegen von anno dazumal würden das vermutlich nur müde belächeln. Schließlich gehörte seinerzeit noch ein Haufen Mut und eine Portion Leichtsinn mit zum Job.

Immer dann zum Beispiel, wenn dem Zapfensteiger das Gesteige auf den Nerv ging und er beschloß, mal rasch von einem Baumwipfel zum nächsten zu springen.

War beliebt und ging ganz einfach: Baumwipfel zum Schwingen bringen und dann – im entscheidenden Moment – mit Hurraa und Sack und Pack in 30 Meter Höhe rüberhopsen, in den nächsten Gipfel.

Meistens ging das gut.

Meistens. 

 

Wers ein bißchen genauer wissen will, oder sich auch sonstwie dafür interessiert, wie Wald und Lebensunterhalt zusammenhingen, Anno Tobak, dem sei das Odenwälder Waldmuseum Watterbacher Haus empfohlen. Winzig klein, aber sehr spannend. Kann man dann mit einem Ausflug auf die wilde Wildenburg verbinden. Über die berichten wir dieser Tage auch noch mal.

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Provinz-Architektur.

Weil moderne und gute Architektur in der Provinz, naja, wie sollen wir sagen, ähemräusper, weil gute Architektur hierzulande also nicht unbedingt an der Tagesordnung ist, muß man sich schon manchmal gezielt auf den Weg machen. Machen wir immer mal wieder. Durch den Wald und über die Felder, und da ist sie dann plötzlich, unerwartet, ausgezeichnet. An vielen mitunter versteckten Orten. Man muß es nur wissen. Und hier haben wir mal wieder ein Schätzchen entdeckt.

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Die Waldkapelle in der Tagungsstätte der Evangelischen Jugend in Neckarzimmern, inzwischen auch ausgezeichnet von der Architektenkammer Baden-Württemberg. Die Teile wurden angeliefert und dann zusammengesetzt von Jugendlichen, hier können Sie ein bißchen mehr darüber lesen. Und wenn Sie mal hinfahren wollen: kein Problem, einfach den freundlichen Herrn an der Tagungsstättenpforte fragen, der gibt Ihnen gerne einen Schlüssel. Nur hinterher bittseher das Licht wieder ausschalten.

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Die Windsors sind überall.

Ich gestehe: als alte Preussin habe ich eine (selbstverständlich heimliche) Liebe zu Adelskram und Dschingderassabumm, zu schicken Paradeuniformen und königlichen Hochzeiten. Letztere würde ich mir, wenn ich ein Fernsehgerät besäße, immerzu im Fernsehen anschauen, aber da ich nun nicht im Besitz eines TV-Empfängers bin, spare ich mir das.

Spare mir auch die Sturzbäche an Rührungstränen, die ich zweifellos vergießen würde, wenn Prinz Dingelskirchen seiner Prinzessin das Ja-Wort gibt und alle jubeln. Als kleinen Trost lese ich wenigstens beim Friseur alles, was man über den europäischen Hochadel und die Königshäuser dieser Welt wissen muß. Und unter der Trockenhaube sieht ja keiner, wenn ich wieder flenne.

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Und glücklicherweise lebe ich ja nun im Odenwald. Am Busen der englischen Monarchie, mal etwas vereinfacht gesagt. Und wenn mir mal wieder nach King und Queen ist, nach ein bißchen heiler Welt in diesen merkwürdigen Zeiten, dann ziehe ich einfach die Wanderschuhe an und laufe los. Erst Richtung Mudau, dann ins Gebüsch.  Dann vorbei an den stummen Zeugen einer Zeit, die lange schon vergangen ist.

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Aber so stumm sind die Zeugen gar nicht. Wenn man nur genau hinhört, erzählen sie romantischen Schöngeistern wie mir eine Geschichte. Und die geht ungefähr so:

Es war einmal eine junge Prinzessin, die heiratete – hier, im Odenwald – einen alten Knacker namens Emich Carl zu Leiningen. Erst kamen zwei Kinder, dann starb der Emich-Carle, und die schöne Prinzessin guckte schön dumm aus der Wäsche.

Ich stelle mir vor, sie weinte Nacht für Nacht (weil das Leben einer alleinerziehenden Mutter schon damals auch im Odenwald nicht einfach war, Prinzessin hin oder her), und ihr zehnjähriger Sohn Carl-Friedrich-Wilhelm tröstete sie auf seine kindliche Art (das musste ich jetzt behaupten, um Carl-Friedrich-Wilhelm hier einzuführen, der wird nämlich gleich noch ziemlich wichtig.).

Wie dem auch sei: trotz verheulter Augen, trotz der Kinder fand sich einer: Eduard August heiratete die schöne Witwe 1818, und weil Ede dem englischen King George sein Bruder war, zog das frischgetraute Paar mitsamt den schon vorhandenen Kindern nach England. Nicht ohne vorher mitten im Odenwald noch eine Tochter zu zeugen, die später von Beruf Königin werden sollte. Queen Victoria.

Bingo.

Können Sie folgen? Unser Oudewälder Buuu Carl-Friedrich-Wilhelm ist mithin also ein Halbbruder von Vikki, der Königin. Und Vikki selber eine waschechte Odenwälderin, so gesehen.

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Über all das also denke ich nach, während ich in der hintersten Ecke des Odenwaldes, in der aller-hintersten Ecke, durch einen großen Wildpark laufe. In dem es zwar am hellichten Tag kein Wild zu sehen gibt, dafür aber jede Menge uralter, riesiger Bäume, wie man sie sonst kaum noch sieht. Ein paar verstreute Häuser, und ein Schloß, das – huch! – so gar nicht hierher passen will.

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Und so geht die Geschichte ungefähr weiter: Der kleine Carl Friedrich Wilhelm fand das Leben im Dunstkreis des englischen Hofes zwar ziemlich cool, und auch sein neuer Vater war ok, aber  Nacht für Nacht (so stelle ich mir das vor), weinte unser Odenwälder Bübchen vor lauter Heimweh in die Kissen.  Seine kleine (Halb)Schwester, Königin Victoria, hatte natürlich keinen blassen Schimmer, wovon der Gute sprach und konnte deshalb wenig trösten. Klassische Patchworkfamilienproblematik, undsoweiter.

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To cut a long story short: irgendwann war Carle alt genug, um allein zurück nach Germany zu gehen, zurück in seinen geliebten Odenwald. Und dort mal gleich ein Schloß zu bauen, in einem Wildpark, den sein leiblicher Vater selig noch angelegt hatte. Und weil ein Teil seines Herzens aber eben auch für die Engländer schlug, ließ er sich ein Odenwälder Windsor-Castle bauen. Die steingewordene Verbindung zwischen Odenwald und dem englischen Thron.

(Ja, Ihr Architekturkenner, eigentlich ist Schloß Waldleiningen eine eins-zu-eins-Kopie von Abbotsford, ich weiß. Windsor Castle klingt aber besser, und wer kennt schon Abbotsford?)

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So.

Noch Fragen?

Ja, das Schloß wird heute noch genutzt, als psychosomatische Klinik am Ende der Welt. Kein HändiNetz, keine Verkehrsanbindung, kein Dorf weit und breit. Sehr erholsam für ruhebedürftige Manager mit Burn-out und Erfolgsfrauen in der Streßfalle.

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Ja, ein Besuch lohnt sich unbedingt. Schloß Waldleiningen liegt auf der Route zahlreicher Rundwanderwege. In das Gebäude selber kommt man leider nicht hinein, die un-freundlichen Verbotsschilder über-all machen das über-deutlich. Aber wenn man vorher mal den Fürschten anruft, dann vielleicht. Siehe unten. Oder man geht sonntags mal in einen evangelischen Gottesdienst in die Kapelle. Das Schloß nämlich ist, tief im Katholikenland, ein Hort der Reformation gewesen, aber das ist jetzt wieder eine andere Geschichte.

Und: Nein, ob Queen Victoria jemals hier war, um ihren Odenwälder Halbbruder mal wieder zu besuchen, das weiß ich nicht. Angeblich ja und angeblich nein.

Ich für meinen Teil treibe mich immer mal im Park herum, in der Hoffnung, daß Prinz Charles vorbeischaut. Ohne die blöde Camilla.

Leider bislang ohne Erfolg.

 

 

Und wers nun ganz genau wissen will, was es mit den Leiningern und dem Schloß und überhaupt so auf sich hat, der schaut am besten mal hier auf die Homepage von Schloß Waldleiningen. Da werden Sie geholfen.

Und hier kann man nochmal über den Bauherrn vons Janze nachlesen, Carl-Friedrich-Wilhelm zu Leiningen, genannt Kalle.

Und Abbotsford, wer kennt schon Abbotsford? Wikipedia natürlich. Und alle Walter-Scott-Fans, logo.

Dieser Artikel ist im Feburar 2014 schon mal hier erschienen, aber jetzt war ich wieder einmal da und habe ein bißchen rumgeknipst, angeregt durch den Kollegen da, der treibt sich da beruflich rum, danke für den Tipp!