Es ist heute übrigens genau zwei Jahre her, dass ich mittags in den Nachrichten im Autoradio hörte, es sei in Zentralchina eine mysteriöse Lungenkrankheit ausgebrochen, in einer Stadt mit dem mir bis dato komplett unbekannten Namen Wuhan habe es bereits etliche Infizierte gegeben. Merkwürdig, dass ich noch genau weiß, wann und wo ich das hörte, als hätte ich damals schon die Tragweite geahnt (was natürlich nicht der Fall war), es war auf der Straße zwischen Balsbach und Wagenschwend, und ich sagte zum Autoradio Na, das behaltet Ihr mal schön da bei Euch in China! Ich rede ja immer gerne mit dem Autoradio und den darin befindlichen Nachrichtensprechern, nützen tut es allerdings offenbar nichts. Die heere net, die Buwwe, wie man hier so sagt.

Als Kind habe ich im Übrigen tatsächlich geglaubt, Radiosprecher säßen im Radio drin, man glaubte ja auch bei der Erfindung des Fernsehens, dass der Nachrichtensprecher dort die Zuschauer in ihren Wohnstuben genauso sehen könnte wie die ihn. Dass die Körperhaltung eines Radiosprechers in einem kleinen Küchenradio vergleichsweise ungesund wäre, darüber machte ich mir keine Gedanken.

Wohl aber darüber, wie zum Beispiel die Ansager in den U-Bahnwagen sich ernährten, ich wähnte sie bäuchlings in der Zwischendecke des Waggons liegen, während sie uns die nächste Station ansagten oder wahlweise androhten Türen schließen selbsttätig!. Die Zwischendecke in Berliner U-Bahn-Waggons war so eine Art Lochblech, durch die kleinen Löcher konnten die Ansager atmen, so viel war klar. Viele U-Bahn-Fahrten lang dachte ich darüber nach, ob abends jemand käme und Strohhalme durch die Löcher schiebt, um die Ansager mit Getränken und flüssiger Nahrung zu versorgen.

Inzwischen weiß ich das alles besser. U-Bahn-Ansager liegen gar nicht bäuchlings in der Zwischendecke, Radiosprecher sitzen nicht im Radio drin, und die Chinesen haben die mysteriöse Lungenkrankheit leider nicht für sich behalten, ganz im Gegenteil.

Dafür bin ich gestern zwei Stunden im Wald vor der Haustür gewesen, da gurgelt und plätschert es überall, das kleine Bächlein (die Bach, wie man hier zu sagen pflegt) macht dicke Arme, es rauscht und fließt an Stellen, wo sonst alles knochentrocken ist. Das alles rauscht runterzus, letzten Endes Richtung Neckar, überall bilden sich kleine Seen und an manchen Stellen sammelt sich weiß-brauner Schaum, das sieht nicht sehr idyllisch aus, ist aber angeblich nur mineralisches Zeug, Pflanzenreste undsoweiter. Und wie ich da jedenfalls so durch die Nässe stolpere, unten Pfützen, oben Regen, da denke ich so bei mir Walle, walle/ manche Strecke/ dass zum Zwecke/ Wasser fließe, naja, Sie wissen schon, olle Zauberlehrling von olle Goethe.

Kommen Sie mit in den Wald? Nur zwei Minuten.

Jedenfalls wäre es ja schön, wenn das Wasser, walle,walle, mal den ganzen Schrott auch dieses zuende gehenden Jahres mitnähme, fort damit, manche Strecke, bloß fort damit! Wenn es all das Generve und den Kummer, die Sorgen und die Streitereien mit sich risse, die uns auch hier in der vermeintlichen Idylle täglich beschäftigen. So stand ich da also dauernd an irgendwelchen neuen Ufern mitten im Unterholz und sah dem Wasser zu, wie es davonrauschte, und ich bildete mir ein, dass spätestens morgen, am Beginn des neuen Jahres, alles frisch und neu aussieht und blinkt und glänzt wie nach einem Großputz. Dass wir uns dann alle erstaunt die Augen reiben und sagen Puh, Mensch, weißte noch?

So ganz glauben kann ich das noch nicht, aber ich wünsche Ihnen und uns allen trotzdem, dass wir gut rüberkommen und dass im kommenden Jahr alles wieder gut wird. Oder zumindest besser, das wäre ja schon mal was.

Danke, dass Sie alle auch in diesem Jahr diesem Blog aus der vermeintlichen Provinz so treu gewesen sind. Danke fürs Lesen und Kommentieren und Teilen. Blogger schreiben ja angeblich alle nur für sich selber, aber letzten Endes ist es ja doch sehr schön, wenn man nicht nur ins Nirvana hineinruft. Naja, Sie wissen schon.

16 Kommentare zu “Walle, walle.”

  1. Liebe Friederike,
    Danke, für wunderbare erheiternde, erfrischende und erhellende Blogbeiträge – einfach schön, im umfassendsten Sinne!
    Mein Wunsch für’s Neue Jahr: Möge es allen gut genug gehen, und: Bleibt fröhlich!
    Gabriela

  2. Vielen herzlichen Dank und all die lieben Wünsche auch zurück
    besser! das wäre schon was
    für uns alle
    Herzliches Dankeschön auch für all die schönen Beiträge und die Zeit im Wald
    alles Gute und liebe Grüsse
    Nina

  3. Es ist wirklich höchst beneidenswert, einen so schönen Wald vor der Haustür zu haben. Auch Ihnen einen angenehmen Jahreswechsel und alles Gute für das neue Jahr! Ich werde Ihr Blog weiterhin gerne lesen.

  4. Danke für die wunderbaren Geschichten, die hier zu finden sind.
    Ihnen ein möglichst gutes neues Jahr.

  5. Wunderbar.
    Ein frohes neues Jahr wünsche ich.
    Und danken möchte ich für die vielen interessanten Eindrücke, sie helfen sehr und tun gut. Man könnte denken, ich wäre dabei gewesen.

  6. Ein wunderschöner Text. Hab gerade erst Ihren Blog entdeckt…
    Ein glückliches und zufriedenes Jahr 2022. Ob man zufrieden ist, liegt an einem selbst…

  7. Danke für diesen wunderschönen
    Waldspaziergang (ohne Musik hätte er mir noch besser gefallen)
    Liebe Grüße und
    Alles Gute im Neuen Jahr!

    1. Ich muss immer Musik drunterlegen, weil man sonst immerzu das Gehechel vom Hund oder meine Kommentare dazu hört. ;-)

  8. Vielen Dank für das wunderschöne Video. Ich finde, Musik und Bilder passen ganz wunderbar zusammen!

  9. Danke für all die Einblicke und Geschichten die Sie mit uns teilen! Und etwas verspätet auch Ihnen die besten Wünsche für 2022.

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