Dies und Das am Donnerstag

2. Dezember 2021

Ich war in meinem Leben schon auf etlichen Zapfenstreichen, und immer war es bitterkalt und nass, der liebe Himmel weiß, warum. Und noch jedesmal musste ich flennen, selbst bei noch-so-unsympathischen Politikern, die da verabschiedet wurden, ich habe eine heimliche Liebe für Dschingderassabumm und Fackelzüge, für Marschmusik und Uniformen, man darf das gar nicht laut sagen, also bitte erzählen Sie es keinem weiter. Sehr professionell ist das Geflenne bei Zapfenstreichen ja auch nicht, aber bei einigen war ich auch so semi-privat, ich liebte seinerzeit einen entsprechenden Mann, oder ich bildete es mir zumindest ein, naja, Sie wissen schon.

Jedenfalls schaue ich mir heute den Zapfenstreich deswegen lieber nicht an, es wäre ein Geheule wie von 50 Odenwälder Wölfen, also nee.

A propos Odenwälder Wölfe: Vom Odenwälder Wolf haben wir lange nix mehr gehört, es gab ja hier diesen Rüden mit dem einprägsamen Namen GRW4711-M oder so ähnlich, er hatte es sich hier oben rund um die Dörfer gemütlich gemacht und galt als dauerhaft ansässig. Essig isses, der Wolf ist und bleibt verschwunden, kein Mensch weiß, wo er abgeblieben ist, seit Monaten ist er nicht zu sehen und zu hören. Vielleicht ist er einfach weitergezogen, der Odenwald hat ja besonders jungen Menschen und auch jungen Wölfen nicht so allzuviel zu bieten, zumindest höre ich diese Klagen immer wieder. Man wird das abwarten müssen.

In diesem Zusammenhang fallen mir Die drei S ein, ein freundlicher Odenwälder erläuterte mir diesen Geheimcode, als da wären Schießen, Schaufeln, Schweigen, keine Ahnung, wie ich da ausgerechnet jetzt drauf komme, aber nun wissen Sie das auch. Blog mit Bildungsauftrag undsoweiter.

Dabei wiederum fällt mir ein, dass ich eben am hellichten Nachmittag im Schneetreiben durch den Wald spazierte, als es nahebei schoß, einmal, zweimal, ich habe das ja nicht so gerne, aber bitte. Erlaubt ist es, geschossen werden darf offenbar zu jeder Tages- und Nachtzeit, ich habe mich da gleich erkundigt, wie so eine altkluge Großstädterin. Auch an Totensonntag und Volkstrauertag darf geballert werden im Walde, es wurde auch geballert hier an diesen Tagen, und ich weiß ja nicht. Vielleicht bin ich da aber wieder zu altmodisch für das Landleben, oder zu großstädtisch etepetete.

A propos etepetete: Ich suche mir etwas krampfhaft Hobbies für die kommenden Wochen und Monate, Corona lässt grüßen, ich kann ja nun nicht ununterbrochen da draußen im Wald herumspazieren, ich kann nicht dauernd die Hühner im Auslauf bestaunen oder Kühe glotzen auf der Weide, irgendwann wird es dunkel, und dann sitze ich zuhause und weiß nichts mit mir anzufangen. Also müssen neue Hobbies her, und ich trage mich ernsthaft mit dem Gedanken, das Putzen als neues Hobby in diesem Haus zu etablieren.

(Hier müssen Sie jetzt einmal mehr eine bedeutungsvolle Kunstpause einfügen).

Jahahaaa, da staunen Sie. Ich staune auch. Wir leben auf dem Lande, was soll ich da putzen? Hier sieht es immerzu aus wie Sau, wir müssen es in dieser Deutlichkeit sagen, die Hunde verteilen den Waldboden im Wohnzimmer, die Katze verstreut Haare, wo sie geht und steht, der Gatte läuft in Hausschuhen durch den vermodderten Garten, hinten zum Komposthaufen, und schlurft hernach moddernd einmal quer durch alle Räume. Wahlweise gehe ich in Hausschuhen in den Hühnerstall und kehre dann im besten Fall mit allerlei Einstreu an den Füßen zurück vor den Kamin. Manchmal riecht es dann in der Wärme etwas streng, wenn ich nämlich nicht nur in Einstreu getreten bin im Hühnerstall, sondern auch in – naja, lassen wir das.

Jedenfalls könnte Putzen eine Lösung sein. Das Haus wäre schöner, zweifellos, und außerdem wäre Putzen auf dem Lande ein Hobby, das nie zu einem Ende kommt. Nie. In 70 kalten Wintern nicht. Die blöde Pandemie könnte dauern, so lange sie will, es könnte ein Lockdown den nächsten jagen, die Arbeit, die Ablenkung – sie gingen nie aus, nie gäbe es Langeweile, nie Frust, nie mehr Dreck, es würde 2022, es würde 2023, 2024, und die Arbeit ginge mir nicht aus. Ich werde diesen Gedanken mal verfolgen.

Statt Dreck und Staub läge dann überall nur Corona-Mehltau, auf Sofas, Sesseln, Seelen, aber den sieht man nicht, den spürt man nur.

A propos spüren, ich habe heute einer alten Dame über ein Hindernis auf dem Gehweg helfen müssen, und ich nahm zu diesem Zwecke ihre Hand in meine. Eine fremde, warme Hand in meiner Hand: das ist ja auch ein fast ausgestorbenes Gefühl.

  • 3 Kommentare
  • Gabriela 2. Dezember 2021
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    Danke, besonders für die warme Hand!

  • Andrea Stock 2. Dezember 2021
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    Putzen ist kein schönes Hobby. Und dieses heimliche Faible für Dschingderassabum kann ich nachvollziehen. Hab aber gerade mal reingehört. Nina Hagen auf Marschmusik passt dann doch nicht so wirklich 😉 Einem anderen Menschen helfen zu können, tut gut und muss auch in Pandemiezeiten sein.

    Vielen Dank für Ihren wunderschönen Blog. Es freut mich immer sehr, ihn zu lesen und die wunderschönen Fotos betrachten zu dürfen.

    Herzlichen Grüße aus dem Sauerland in den Odenwald

    Andrea

  • Uwe Klein 2. Dezember 2021
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    Meine Vorschläge für eventuelle neue Hobbies: Kaninchen sammeln oder Briefmarken züchten ;-)
    Schöne Grüße auch an den Gatten…

    Uwe

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