Dies und Das.

23. Juli 2021

Falls bei Ihnen noch ein Impftermin aussteht, hier mein Protipp: Legen Sie sich nicht unmittelbar davor eine Magenverstimmung zu, und planen Sie nicht unmittelbar danach einen kieferchirugischen Eingriff. Sie haben sonst vor lauter lauter gar keine Muße mehr, sich der hochinteressanten Impfreaktion zu widmen, und am Ende sind die Risiken und Nach- und Nebenwirkungen aller drei Ereignisse so miteinander verschwommen, dass man sie einzeln gar nicht mehr richtig würdigen kann. Wäre ja blöd. Und ja, danke: essen geht wieder, nur Sprechen vermeide ich noch, und die Impfreaktion habe ich dann auch überstanden.

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Spät am Abend bin ich gestern über die Felder gefahren, im Hinterkopf den alten LandLeben-Leitsatz für Autofahrer: Je dunkler und je leerer die Straße, umso langsamer das Tempo. Das hat sich einmal mehr ausgezahlt, an vier verschiedenen Stellen musste ich auf einem Abschnitt von drei Kilometern energisch bremsen, weil spielende Fuchskinder über die Fahrbahn kullerten, hopsten, kugelten. Es lag offenbar irgendwas in der Luft, eine ausgewachsene Spiel-Laune, jedenfalls machten alle Fuchskinder zwischen dem Rosshof und Waldhausen mit, ich meinte fast, ich höre sie juchzen und kichern, völlig ausgelassen, und natürlich wieder mal weit und breit keine Erziehungsberechtigten zu sehen. Hach, dachte ich so bei mir, hach, wie schön, alles so gänzlich unbekümmert, das denkt man ja derzeit auch viel zu selten. Jedenfalls war ich für einen Moment mit der Welt versöhnt.

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Ich war da übrigens gerade auf dem Rückweg von einer Tour mit den Kollegen der Fotogruppe. Ich hatte natürlich aus rein therapeutischen Gründen teilgenommen, zum Zwecke der Rekonvaleszenz, Fotografieren kann man ja in jedem Alter und in jedem Gemüts- und Gesundheitszustand, es lenkt ab und macht froh. Wir waren in Adventon, das sollten Sie sich mal für einen Ausflug notieren, da entsteht über kurz oder lang und schon seit Jahren eine mittelalterliche Stadt.

Die Mittelalterfreaks legen dort selber Hand an, die meisten davon gehen in ihrem wirklichen Leben irgendeinem mehr oder weniger sinnvollen Beruf nach, sind Atomphysikerin oder Briefzusteller oder sowas in der Art, und nach Feierabend oder an den Wochenenden basteln die sich ihr mittelalterliches Eigenheim auf historischem Grund bei Osterburken. Nach alter Mittelalter-Väter Sitte und mit originalgetreuen Werkzeugen und Materialien. Kann man so machen, dauert dann halt. Das wiederum hat den Vorteil, dass die Stadt-in-spe seit Jahren die Besucher anzieht, weil immer irgendwas Neues da steht, sich hier etwas verändert hat, oder hier oder da.

Das Gelände ist riesig und durchaus sehenswert, ich schlenderte da gut anderthalb Stunden stumm herum, zwischen all den Häuschen und Schuppen und Vorgärtchen und Holzzäunen, und vorübergehend wähnte ich mich in einer sehr deutschen Kleingarten- oder Ferienhaus-Siedlung, nur eben im mittelalterlichen Gewande. Und jetzt denke ich darüber nach, welche Schlüsse ich daraus ziehen sollte, falls mir dazu was einfällt, werde ich es Sie wissen lassen.

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Was ich Sie in jedem Fall noch wissen lassen wollte: Es gibt da diese Autorin an der Ahr, Karin Joachim, die schreibt Bücher über das Ahrtal, wie ich sie gerne über den Odenwald schreiben würde, ich bin schon länger bei Twitter mit ihr verbunden und bin buchtechnisch also auch ein bißchen neidisch, und die schreibt ausserdem noch Krimis und Sachbücher. Ich habe ein bißchen Angst vor dem Unwetter, schrieb sie noch einen Tag vor der Flutkatastrophe bei Twitter, dann war ersteinmal Stille. Und gestern nun:

Frau, Mann und Hund: lebend gerettet. Ansonsten alles unter Wasser, ein ganzes Leben weggespült, fortgerissen, unter Schlamm begraben. Alles, was man so besaß. Wenn Sie Karin Joachim die Seele ein bißchen wärmen möchten, und vielleicht auch das Bankkonto, dann bestellen Sie am besten jetzt eines ihrer Bücher, oder gleich mehrere. Sie tun was ganz konkretes für ein Flut-Opfer und bekommen noch ein bißchen Lesestoff dafür, oder ein Geschenk für eine Freundin, einen Feund, von beidem kann man ja nie genug haben, so gesehen.

Hier geht es zur (klick!) Website von Karin Joachim, und (klick!) hier beim Verlag sollten Sie die Bücher lieber bestellen als bei dem großen Versender Amadingsbums, der fliegt mit unserem schönen Geld ja ins All, das sei ihm unbenommen, aber aktuell sollte das für anderes, sinn-volleres, verwendet werden, finde ich.

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Und dann wollte ich doch gestern schon ans sogenannte Kätterle erinnern, an Catharina Biller, die am 22. Juli 1746 an der Straße zwischen Krumbach und Wagenschwend iemerlich ermordet wurde, von ihrem eigenen Stiefvater. Er erschlug sie, so habe ich gehört, weil sie auf einem Fest gewesen war, in einem der Nachbardörfer, gegen seinen Willen, und auf dem Rückweg passte er sie ab.

Danke für die Fotos, Brigitte!

Ich habe schon manchmal darüber nachgedacht, was für eine Frau das wohl war, diese junge Catharina, die dafür sterben musste, dass sie ein bißchen feiern wollte, die einen komplett sinnlosen, hirnrissigen Tod starb. Und ob es nicht mal eine Herausforderung wäre, ihr einen Brief zu schreiben, einen Brief aus dem 21. Jahrhundert. Aber was sollte man da derzeit reinschreiben. Vielleicht so irgendwie: Ach, Catharina, ach, Kätterle, wenn Du wüsstest….

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Ansonsten bin ich heute von einem Einheimischen am Katzenbuckel für eine Touristin gehalten worden. Für! Eine! Tou! Ris! Tin! Er schoß direkt auf mich zu, als ich aus dem Auto stieg und erklärte mir ungefragt alle Sehenswürdigkeiten der Region und den schönsten Wanderweg am Berg.

Und nun entschuldigen Sie bitte, ich muß weinen gehen.

  • 4 Kommentare
  • Hauptschulblues 23. Juli 2021
    Antworten

    Ich werde gleich mal ein Buch bestellen.

  • Sylvia 23. Juli 2021
    Antworten

    Dann probiere ich es einmal mit den Ahr-Krimis, ganz egoistisch ;), selberlesend. Danke für den Hinweis, die Autorin kannte ich bisher nicht.

  • Günter Schütz 24. Juli 2021
    Antworten

    Hallo, nur so nebenbei: wenn man die zweite Impfung bekommen hat und wegen einer Thrombose Blutverdünner nehmen muss, kommt das auch nicht gut. Immerhin habe ich in drei Wochen acht Kilo abgenommen. Gruß in den Odenwald aus der Hauptstadt.

  • provinzei 28. Juli 2021
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    Es liegt an der Sprache !
    Hätten Sie Ihm in korrektem Dialekt die Meinung gegeigt, wäre er gleich still geworden.
    Französisch ?? Dialekt, und was für einer.
    Oder probieren Sie mal Brasilianisches Portugiesisch. Hölle.
    Und für ein gepflegtes Odenwälderisch müssen Sie nicht mal Vokabeln lernen.
    Nordbadisch/Kurpfälzisch/Westfränkisch, ja was isses denn nu ?
    Ist ja Deutsch. Nur keine Angst.
    Wichtig beim Dialekt üben und lernen, man muß es lieben.

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