Augusta.

6. April 2021

Geistige Anregung finde ich ja so ziemlich das coolste, was es gibt. Deswegen war ich am Ostersonntag auch in Oberschefflenz. Ja, da staunen Sie, da gibt es sowas, geistige Anregung. Und wenn Sie keine Ahnung haben, wo um alles in der Welt dieses geistig anregende Dorf Oberschefflenz ist, dann wird es aber Zeit, husch, husch. Karte raus und Routenplaner, und dann aber los. Zumindest, wenn Sie ganz grob in der Region wohnen. Und wenn Sie Interesse an geistiger Anregung und Lust auf spannende Historie haben.

In diesem besagten Oberschefflenz (nicht zu verwechseln mit Mittel– oder Unterschefflenz), in diesem Oberschefflenz also gibt es nämlich, huch!, ein klitzekleines, nagelneues Literaturmuseum, angedockt immerhin an das Literaturmuseum in Marbach am Neckar, da sollten Sie auch mal hin. Aber jetzt erstmal Oberschefflenz. In diesem Ort nämlich wurde fast genau auf den Tag vor 175 Jahren Augusta Bender geboren, ein Bauernmädchen wie aus dem Odenwälder Lehrbuch. Viele Geschwister, arme Verhältnisse. Ausgeprägte Schulbildung oder gar eine Universitätskarriere standen eher nicht auf dem familieninternen Fahrplan für Augustas Leben, ebensowenig wie die intensive Beschäftigung mit Literatur, Lyrik oder Prosa.

Jedenfalls hat sich diese Augusta Bender vor weit über 100 Jahren dazu entschlossen, ihr Heimatdorf zu verlassen und eigenständig, ohne Ehemann, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen, als berufstätige, schreibende Frau. Gerademal 17 Jahre alt war sie da. Für damalige Verhältnisse eine gewisse Sensation, die nicht jedem schmeckte, siehe die Zeilen oben, die ein Onkel ihr schrieb. Ein paar Stichpunkte zum Leben dieser ungewöhnlichen Frau können sie hier (klick!) bei wikipedia nachlesen und Näheres dann im kleinen Literaturmuseum erfahren, ich werde Ihnen ja jetzt hier nicht alles schon im Voraus verraten, das wäre ja schön blöd von mir. Nur soviel: Am (verarmten) Ende ihres Lebens konnte Augusta Bender auf Tätigkeiten an amerikanischen Universitäten zurückblicken, auf mehr als 20 Atlantiküberquerungen mit dem Schiff, auf eine Zeit als Lehrerin in England, auf eine Zusammenarbeit mit Clemens Brentano und auf zahlreiche eigene Werke.

Das kleine Literaturmuseum in Oberschefflenz erzählt die Geschichte der Augusta Bender mit viel Liebe und noch mehr musealem Geschick, das ist alles ziemlich klasse gemacht und regt – trotz einer gewissen unvermeidbaren Text-Lastigkeit – sehr zum Stöbern an. Ich gehöre normalerweise zu jenen Banausen, die beim Anblick von zu vielen zu unverständlichen, weil völlig akademisch-verquasten Texten in großen Museen in eine Mischung aus Zorn und Verzweiflung verfallen und aus Protest dann schon gar nichts mehr lesen, aber in Oberschefflenz macht das Lesen und das Schauen großen Spaß. Schon alleine deshalb werden das Augusta-Bender-Museum und der dazugehörige Ort in die Annalen meines Lebens auf dem Lande eingehen, jawoll.

Wenn dann das Wetter noch passt – ja, irgendwann wird es auch im Odenwald aufhören zu schneien, – dann können Sie sich noch auf einen kleinen Rundgang durch dieses besagte Oberschefflenz machen, den Spuren von Augusta Bender und ihren Werken folgend. Da gibt es allerlei zu entdecken, und dank genauer Bezeichnung und Adressen können Sie sich sogar vom Navi auf dem Smartphone leiten lassen. Sie merken: es ist schon durchaus manches möglich in der vermeintlichen Provinz, und das mobile Netz in Oberschefflenz tut, was es soll.

Also, Zusammenfassung: Gehen Sie da mal hin. Unbedingt. Alle weiteren Infos finden Sie auf der (Klick!) Website des Museums, das einzige, was ich nicht wirklich auf den ersten Blick gefunden habe, sind die Öffnungszeiten, aber das liegt natürlich auch daran, dass derzeit alles nicht immer oder nur manchmal oder nur in Ausnahmen oder was weiß ich wann geöffnet ist. Normalerweise ist das Haus sonntags von 14 bis 16 Uhr offen, aber es gibt eine Mailadresse verein@literatur-museum-augusta-bender.de, da können Sie nachfragen oder sich anmelden, und die Antwort kommt sehr prompt. So habe ich das auch gemacht.

Und mal ganz abgesehen von Augusta Bender: nach all diesen bekloppten vergangenen Monaten: endlich mal wieder in ein Museum: Es. War. Herrlich!

  • 6 Kommentare
  • Hauptschulblues 6. April 2021
    Antworten

    Ich muss unbedingt in den Odenwald! In meinem ersten Arbeitsjahr war ich zwar in Aschaffenburg, habe aber außer Amorbach (nicht im Odenwald) wenig mitbekommen.

    • LandLebenBlog 7. April 2021
      Antworten

      Amorbach auch Odenwald. Bayerischer Teil halt.

  • Brigitte Paignigiannes 7. April 2021
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    Sehr geehrte Frau Landlebenblog,
    (Ich weiß leider Ihren Namen nicht)
    Ihre Beiträge freuen mich immer sehr. Sie betrachten Ihr Umfeld respektvoll und liebevoll, Sie schreiben interessant und unterhaltsam.
    Ihr Blog ist der einzige, den ich immer gründlich lese und eines Tages fahre ich in den Odenwald und wandle auf Ihren Spuren.
    Vielen Dank und viele Grüße
    B. Paignigiannes

  • Lenz-Grieb I. 7. April 2021
    Antworten

    Hallo Frau „Landleben“, ich verfolge schon seit längerer Zeit ihren Blog .Da ich vom Odenwald in die Nordheide gezogen bin sprechen mich ihre tollen Aufnahmen aus den Wäldern des Odenwalds sehr an .Da ich in Miltenberg grossgeworden bin lese ich mit ganz viel Heimweh und Melancholie ihre Beiträge aus der Provinz .Manches ist dann zum Schmunzeln oder enthält sehr aufschlussreiche Infos. So auch ihr letzter Beitrag über die junge und mutige Frau. Ich finde das interessant und toll dass sie solche Dinge rausfinden und dem auch „nachgehen“ . Weiter so und ich bleibe ihre Anhängerin .Lg. I. Lenz-Grieb

  • Eva 7. April 2021
    Antworten

    Liebe Frau Kroitzsch,
    am Karfreitag haben mein Mann und ich in Ermangelung von Besuch bei den Kindern eine Fahrt über Land gemacht. Nachdem wir im Sommer den Neckar mit dem Rad abgeradelt sind und ich Grüße vom „tiefergelegenen Odenwald“ geschickt habe, sind wir von Bad Mergentheim Richtung Mosbach gefahren und irgendwann kam mein Ausruf: oh, hier abbiegen, wir sind im Revier von Frau Landlebenblog, das will ich genauer sehen. Jetzt habe ich die Weihnachtsbaumplantagen gesehen, die wenigen Einkehrmöglichkeiten (grad halt to go), das schöne Abendlicht auf der Hochfläche, … schön ist es gewesen.
    Herzliche Grüße
    Eva

  • Tine 12. April 2021
    Antworten

    Oooooh wie herrlich, ein Museum, und was für ein schönes 💚. Museumsbesuche vermisse ich am Meisten in diesen besonderen Zeiten.

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