Nacht.Ruhe.

19. März 2021

Das da oben ist ein Symbolbild. Wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Und wenn Sie noch so lange draufstarren: tiefes Schwarz, sonst nix. Das Foto mag Ihnen etwas eigenwillig erscheinen, aber es ist nicht mehr oder weniger eigenwillig als mein neu-erfundendes Ritual am Abend.

Die coronösen Zeiten wollen es, dass ich des Abends zwar hundegrottenmüde bin, aber eben doch nicht recht zur Ruhe komme. Idyllisches Landleben hin oder her. Das Hirn, oder was davon übrig ist, summt und brummt, die unerfreulichen Themen des Tages stolpern alle durcheinander, ganze Güterzüge rumpeln durch den Kopf, und in der hinteren rechten Hirnanhangsdrüse spielt eine Blaskapelle eine Polka.

Dass der Gatte nach dem Abendessen dann mit mir über Kant und Hegel diskutieren möchte, oder über die Rolle der Sozialdemokratie in Deutschland nach 1910, macht die Sache nicht unbedingt besser, naja, Sie wissen schon.

Jedenfalls geht irgendwann der frustrierte Gatte ins Bett, mit oder ohne Kant und Hegel, und ich bleibe wach. Scrolle noch ein bißchen durchs Internet, sauge noch ein paar schlechte Nachrichten und ein paar spannende Artikel auf, ich wandere durchs Haus, scheuche die Katze vor die Tür und lasse das alte Hündchen nochmal in den Garten. Die Zeiger der Küchenuhr stehen da ungefähr auf 23 Uhr 30. Dann lösche ich alle Lichter, puste die flackernde Kerze aus und stelle mich ans Fenster.

Draußen stumm die Dorfstraße, die Häuser gegenüber; nur in ein, zwei Fenstern in der Ferne ist noch Licht, und über dem winzigen Ort liegt wie eine hauchzarte Glocke aus Glas der schwache orangefarbene Schein der Straßenlaternen. Ich schaue raus und warte, hinter mir tickt die alte Kaminuhr, ich schaue und warte. Und knips!, um genau 23.36 gehen die Straßenlaternen aus, allesamt auf einmal. Tiefschwarze Nacht, von jetzt auf gleich.

In manchen Nächten sieht man dann tatsächlich nichts mehr, und wenn ich nichts sage, meine ich nichts. Nicht mal die vielzitierte Hand vor Augen, es ist finsterste finstre Nacht da draußen, und auch im Haus, denn ich hatte ja die Lichter gelöscht, nur die letzte Glut im Kamin gibt noch eine kleine Orientierung. Alles andere wird von der Dunkelheit verschluckt.

Und dann stehe ich am Fenster und bilde mir ein, der Tag (oder die Nacht) würde zu mir sagen So, Schluß für heute!, Zeit, schlafen zu gehen, hier gibt es nichts mehr zu erleben, nichts zu sehen, nichts zu grübeln, ab in die Falle, Augen zumachen, Hirn abschalten, ausruhen! Wie Vater oder Mutter, die abends ein liebevolles Machtwort sprechen, wenn das Kind partout nicht schlafen will. Aber schlafen muß, weil morgen wieder Kindergarten undsoweiter. Die Finsternis umfängt mich ganz und gar, sie umarmt mich freundlich und hält mich fest, und es fühlt sich gar nicht bedrohlich an, sondern eher tröstlich. Wie die Erlaubnis, endlich zur Ruhe kommen zu dürfen.

Die Güterzüge im Kopf werden immer langsamer und bleiben schließlich stehen, die Blaskapelle in der Hirnanhangsdrüse verabschiedet sich mit einem langsamen Walzer und einem Decrescendo und packt die Noten ein. Ich taste mich Schritt für Schritt durchs dunkle Haus, vorsichtig, Stufe für Stufe, die Treppe hinauf, Richtung Bett. Bloß nicht nochmal Licht anmachen. Alles schwarz und dunkel lassen. Hinlegen und in einen tiefen Schlaf fallen, dankbar für absolute Dunkelheit und Stille. Alles abgeschaltet, alles ausgeschaltet, Ruhe. Das Dorf schläft, und ich dann endlich auch.

(O.k, zugegeben, an manchen Abenden habe ich die Koordinaten des Hauses dann leider doch nicht mehr so ganz genau im Kopf, und dann krache ich in der romantischen, tröstlichen Finsternis mit dem großen Zeh volle Pulle gegen den doofen Schaukelstuhl, den irgendwer da so komplett blödsinnig vor den Kamin gestellt hat, und dann stolpere ich aufjaulend doch wieder Richtung Lichtschalter und mache das große Deckenlicht an, und alles ist wieder taghell und der große Zeh knallrot, das alte Hündchen kläfft vor Schreck, und dann verfluche ich die ganze Welt und mache die Regierung für das ganze Chaos hier verantwortlich, oder die SPD, ich schimpfe wie ein Berliner Brunnenputzer, und dann kann ich doch wieder nicht schlafen vor lauter Zorn, aber das ist jetzt wieder eine andere Geschichte.)

  • 7 Kommentare
  • Klaus Hilger 19. März 2021
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    Geradezu poetisch!

  • Die Schwalbe 19. März 2021
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    Hihi … ich musste herzlich lachen, weil es mir auch so ähnlich geht. ;-)

  • Hauptschulblues 19. März 2021
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    Berliner Brunnenputzer?

    • LandLebenBlog 20. März 2021
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      Oh, ich habe da was durcheinander gebracht…. Die Schwaben schaffen wie die Brunnenputzer, schimpfen tut man wie ein Rohrspatz, oder?

  • Alwin 20. März 2021
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    > Draußen stumm die Dorfstraße

    Ts, schön wär’s. Wir haben hier ein paar sehr LAUTE Motorradfahrer, die trotz Corona, Ausgangssperre und Temperaturen um die null Grad sich täglich zu einem Mitternachtsrennen treffen. Nächstes Polizeirevier: 18 Kilometer. Bis da jemand kommt, sind die weg.

    Aber bevor jemand etwas Böses von mir denkt: Nein, ich verpfeife die nicht. Ein bisschen Spaß muss man in diesen langweiligen Zeiten schließlich haben.

    • LandLebenBlog 21. März 2021
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      Das klingt nervig. Und mit Spaß, der auf andrer Leuts Kosten geht, tue ich mich mitunter schwer. Aber ich verstehe dich auch.

  • Tine 28. März 2021
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    So eine friedlich ruhende Nachbarschaft zu beobachten ist beruhigend.
    Ist mir einmal passiert, das mit dem knallroten Zeh, seitdem Licht an und Augenlieder auf halbmast ( damit ich nicht wieder wach werde) ?
    Eine Taschenlampe wäre eine Alternative.

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