Abgehängt.

27. Februar 2021

Liebe SPD, ich finde es prima, dass Du auch in unserem Dorf Wahlwerbung machst, hier oben im Hohen Odenwald, in all den Dörfern, in denen Du traditionell kaum einen Fuß auf den Boden kriegst. Um es mal vorsichtig zu formulieren. In einigen der Dörfer hier müsse man selbst im Sommer tagsüber die Autoscheinwerfer anschalten, sagt ein guter Freund immer, so schwarz, wie es da ist. Egal, wie: Du wirbst zur Landtagswahl, engagiert und unerschrocken, selbst hier oben, und das ist aller Ehren wert.

Nun muß mir aber nur noch jemand erklären, wie diese Plakate zu verstehen sind, die hier in den Dörfern überall hängen. Sogar press vor meinem Haustür. ÖPNV für 365 Euro im Jahr, steht da in schicker Schrift, und ich kratze mich verwundert am Kopf und frage mich: Was um alles in der Welt ist ÖPNV? Müsste ich das Wort aus meiner dörflichen Lebenswirklichkeit kennen?

Wenn ich ein bißchen in meinem Langzeitgedächtnis krame, erinnere ich mich natürlich, ich kenne den Begriff aus Mannheim und Heidelberg, aus Stuttgart, München und Berlin. Bestimmt auch aus Mosbach und Buchen und so. Aber hier oben, im Hohen Odenwald? Ich muß nachdenken. Ja, doch, hier fährt ab und zu ein Bus. Ich könnte ihn auch nutzen, wenn ich morgens ins Büro möchte. Das ist 15 Kilometer weit entfernt, 20 Minuten mit dem Auto. Oder, umweltfreundlich, mit dem Bus.

Der 6 Uhr 55er ist reizvoll, aber mir zu früh, sorry, was soll ich um 7 Uhr 30 im Büro? Der nächste wäre prima. Braucht für die 15 Kilometer aber fast zwei Stunden. Naja, egal. Jedenfalls wäre ich zur ersten Konferenz am Schreibtisch im Büro, könnte mich von der langen Reise erholen, würde durcharbeiten bis abends. Mit ein bißchen Glück kann ich das Büro schon um 17 Uhr verlassen, man wird ja wohl noch träumen dürfen. Dann aber nix wie heim, vom Städtchen 15 Kilometer zurück ins heimelige Dorf.

Wenn ich mich also spute und die müden Beine in die Hand nehme, kriege ich den Bus um 17 Uhr 16 und habe dann sogar satte zwei Stunden Zeit, mich während der 15-Kilometer-Heimreise vom Tagwerk zu erholen. Oder ich warte bis 19 Uhr 20, da fährt dann zwar kein Bus mehr, dafür ein Ruf-Taxi. Dann gehts schneller, klaro. Aber bis ich zuhause angekommen bin, ist meinem Geo das Abendessen vertrocknet und verkohlt, und dann gibts wieder Schimpfe.

Ich würde auch noch davon erzähen können, wie ich heute, an einem Samstag, in ein spezielles Geschäft musste. Wir sollen ja nicht online bestellen, und wenns das Geschäft doch gibt im Landkreis, also bitte. Öko und so. Mit dem Auto brauche ich da eine halbe Stunde hin – und eine halbe Stunde zurück. Mit diesem ÖPNV, oder wie das heißt, wäre ich satte sieben Stunden unterwegs gewesen, und Details spare ich mir lieber, am Ende gibt es noch Tränen.

Wie dem auch sei, ich ahne also, was dieser ÖPNV ist. Aber dafür 365 Euro im Jahr? Bei aller alten Sozi-Liebe: Mir kommt das etwas happig vor. Von wegen Preis-Leistungs-Verhältnis und so. Oder sollte das ein verkapptes Schnäppchen sein? Ich habe keine Ahnung. Ratlos stehe ich vor den Wahlplakaten, ratlos vor den Busfahrplänen.

Aber eben kommt mir die Lösung in den Sinn: Vermutlich sind die Wahlplakate versehentlich vertauscht worden. Auf den Dörfern wird irgendein ominöser, geheimnisvoller ÖPNV beworben, von dem hier kaum jemand so wirklich weiß, was sich dahinter verbergen mag, – dafür ruft es in Heidelberg in der Fußgängerzone zwischen McDonalds, feinen Restaurants und schicken Boutiquen vielleicht Wir fordern höhere Milchpreise von den Plakaten. Oder Gute Preise für gute Landwirte, oder Nieder mit den Legebatterien! oder so. Da werden sich die Heidelberger auch schön wundern. Da können die Forderungen so richtig sein, wie sie wollen.

Man sollte da mal mit der zuständigen Plakat-Klebe-Agentur reden, die haben da irgendwas geografisch verwechselt, ganz bestimmt. Die Plakate gehören abgehängt und umgetauscht. So muß es sein. Für die Stadtbevölkerung wären die 365 Euro für einen funktionierenden ÖPNV sicher reizvoll, was weiß denn ich, ich bin ja nicht im Thema drin. Nur dran denken, falls Du das tatsächlich umsetzen willst: bitte nicht auf unsere Kosten. Irgendwo muß das Geld ja herkommen.

Und nun entschuldige mich bitte, ich muß meinen Rucksack und das Vesper packen, vielleicht nehme ich Montag ja doch mal den Bus ins Büro und zurück.

P.S. Mir fällt, wie immer in derlei Zusammenhängen, das uralte Tantchen in Berlin ein. Ich hastete hinter der 85jährigen irgendeine U-Bahn-Treppe hinunter, schnell, schnell!, rief die Tante, und ich keuchte, ja, doch, ich kann nicht so schnell, und natürlich fuhr uns die U-Bahn direkt vor der Nase weg. So was Blödes, schimpfte die Tante, jetzt müssen wir wieder ewig warten. Wie lange? Na, mindestens zehn Minuten!, antwortete sie und legte in ihre Worte die ganze, große Empörung des großstädtischen ÖPNV-Nutzers.

  • 3 Kommentare
  • Marita Krämer 28. Februar 2021
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    Genau, wir vom Land sind abgehängt. Wir sind hier auf ein Auto angewiesen, denn so was wie ÖPNV funktioniert während der Schulzeit einigermaßen, man muss halt Zeit mitbringen. Aber in den Ferien ist es sehr schwer in die Zentralgemeinde zu kommen und vor allem zurück.

  • Tine 28. Februar 2021
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    ÖPNV, ein herrliches nie endendes Thema. Hier geht’s einigermaßen.
    Habe leider noch keinen Kaugummi-Automaten entdeckt. Muß wohl warten, bis ein Spaziergang mit Enkelkindern wieder möglich ist , sie haben dafür den besseren Blickwinkel 😀

  • Bibo 7. März 2021
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    Ja so habe ich auch mal gewohnt, da fuhr der Bus zweimal am Tag: Sehr früh morgens in die eine und Mittags in die andere Richtung. Aber völlig unpassend zu meinen Schichtzeiten.
    Jetzt wohne ich in einem Kaff bei Köln. Der ÖPNV ist ok. Aber das Kaff ist alles andere als inklusiv. Und was textete die CDU? auf ihren Wahlplakaten? Was macht ihr für Kinderwagen und Rollator? Wir senken Bordsteine ab und installieren Rampen und Rolltreppen an Haltestellen. Dabei weiß jeder Depp, dass man Rolltreppen nicht mit Kinderwagen oder Rollator benutzen darf. https://biboskleinefluchten.com/2020/08/11/hey-cdu-ihr-macht-euch-lacherlich/

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