Wissen Sie, wer Katharina Hinkel war? Oder kennen Sie Maria Bernauer? Elisabeth Silbereisen? Klingelt da so gar nichts bei Ihnen? Mir jedenfalls sagten diese Namen bisher gar nichts, Asche auf mein Haupt. Aber kein Wunder eigentlich, solche Frauen tauchen in der Geschichtsschreibung in der Regel nur als Anhängsel auf, Frau von Erwin Piependeckel oder Mutter von Dingsbums, so irgendwie. Man kennt das ja, Frau auch.

Inzwischen bin ich natürlich schlauer, und weil dieses LandLebenblog einen Bildungsauftrag hat, will ich Sie gerne teilhaben lassen an meinen neuen Erkenntnissen. Im Fall der genannten Damen oben: Katharina Hinkel ist die Mutter von Reichspräsident Friedrich Ebert. Maria Bernauer die Mutter vom Jesuitenpater Alfred Delp. Und Elisabeth Silbereisen heiratet im Jahr 1522 den großen Straßburger Reformator Martin Butzer.

Und alle drei Frauen kommen, ja, Sie ahnen es, aus der Region zwischen Neckartal und Odenwald, aus dem heutigen Neckar-Odenwald-Kreis. Woher sonst? Bingo. Katharina Hinkel aus Neckargerach, Maria Bernauer aus Asbach und Elisabeth Silbereisen aus Mosbach.

Ja, da staunen Sie. Ich staune auch. Setze ich mich doch da neulich kurz aufs Sofa, eher unbequem, weil auf dem Sprung in die Küche, und will nur rasch vorher mal ein bißchen blättern in einem neuen Buch, herausgegeben vom Kreisarchiv des Landkreises. Das klingt nun auf den ersten Blick nicht so irre sexy, auch die Aufmachung des Covers würde ich als eher etwas naja bezeichnen, aber Titel und Thema interessieren mich. Mutige Frauen ihrer Zeit. Und alle hier aus dieser Ecke, aus Neckartal und Odenwald, alle aus Ortschaften, die mir wohlvertraut sind. Ich blättere und blättere und lese und lese, und huch! sind zwei Stunden vergangen.

Maria Rigel aus Adelsheim.

Ein biographischer Streifzug durch sechs Jahrhunderte, heißt das Buch im Untertitel, und der besondere Charme besteht nicht zuletzt darin, siehe oben, dass Leserin und Leser die Ortsnamen allesamt kennen dürften, die da eine Rolle spielen. 20 Frauen aus der vermeintlichen Provinz nehmen uns an die Hand und gehen mit uns durch die Geschichte, durch Weltpolitik, Kirchengeschichte, Emanzipation, Nationalsozialismus, durch Literatur, Kunst, Musik und Sport. Wie eine Reise sei das gewesen, sagt die Autorin und Redakteurin Maria Gehrig, die sich in der Region bestens auskennt. Gehrig erzählt die Geschichten der Frauen so lebendig und unterhaltsam und erfrischend journalistisch, dass ich beim Lesen schier die Zeit vergessen habe, siehe oben. Und das will schon was heißen.

Uns begegnen arme Tagelöhnertöchter und Kurfürstinnen, Pfalzgräfinnen und Ordensschwestern, Malerinnen, Schriftstellerinnen. Frauen, deren Namen ich immerhin schon kannte, sonst aber nicht viel über sie wusste, Auguste Pattberg oder Augusta Bender. Darüberhinaus jede Menge bisher Unbekannte. Frauen, die zum Teil aus klitzekleinen Dörfchen kommen und auch gegen Widerstände ihren Weg gehen, in die Welt, in die Politik, in die Kunst, weit überregional. Die es vom Neckartal und aus dem Odenwald bis in die Südsee verschlägt, bis nach New York, nach Straßburg, Italien und sonstwohin. Deren Lebensfäden sich mit der Reformation verweben, mit der Weimarer Republik, mit den Gräueltaten des Dritten Reiches, mit dem Frauenwahlrecht in Deutschland, mit dem englischen Königshaus. Mit der Fußballweltmeisterschaft, ja, auch mit der, schließlich ist auch Silvia Neid aus Walldürn dabei, FIFA-Welttrainerin und personifizierter Frauenfußball, sozusagen. So spannt sich der Bogen der Mutigen Frauen von der Pfalzgräfin Johanna aus dem 15. Jahrhundert bis in die Jetzt-Zeit.

Juliana von Stockhausen, Eberstadt.

Um es kurz zu machen: Ich kann Ihnen die Lektüre wärmestens empfehlen. Schenken Sie sich selber oder irgendeinem liebsten Menschen eine Reise durch die Region und durch die Zeit. Eine Reise durch das Leben dieser 20 spannenden Frauen. Wenn man derzeit sonst schon nicht reisen kann, naja, Sie wissen schon. Ist ja auch bald Weihnachten, hüstel. Ja, das ist mal wieder Werbung, und ich werde wieder nicht bezahlt dafür. (Doch, ich habe ein Presseexemplar, kostenlos, überreicht bekommen.) So weit ich das verstanden habe, dürfen auch Männer das Buch lesen. Sollten sie vielleicht sogar, besonders hier in der Region. Aber das ist jetzt wieder eine andere Geschichte und führt im Zweifelsfall zu weit.

(Klick!) Hier können Sie einen Blick ins Buch werfen, damit Sie wissen, welche Frauen darin vorkommen. Und da irgendwo beim Verlag Regionalkultur kann man es dann auch bestellen. Aber wenn ich Ihnen das jetzt auch noch genau verlinke, wirds vielleicht doch ein bisschen plump mit der Werbung.

4 Kommentare zu “Frauensache.”

  1. Na, wenn das keine Fundgrube für meine Blog-Reihe der Great-Women ist!Seit ich mich damit beschäftige, weiß ich, dass es viele Frauen gegeben hat, die die Menschheit bzw. die menschliche Gemeinschaft vorangebracht haben, sie aber glatt unterschlagen oder kleingeschrieben werden ( das lässt sich auch immer wieder mal beweisen ).
    Der Beitrag wäre auch was für die Blogparade #femaleheritage der Monacensia ( hier:https://blog.muenchner-stadtbibliothek.de/frauen-und-erinnerungskultur-blogparade-femaleheritage/), auch als Beispiel dafür, dass regionale Frauenforschung existiert und wie.
    Montagsgrüße!

  2. Wenn’s weniger lokal sein und mehr um die von His-story-kern ;) gelegentlich vernachlässigten groẞartigen Frauen gehen darf:

    fembio.org

    Da verlier’ ich mich auch manchmal.

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