Zu Hilfe.

4. Oktober 2020

Ist ja immer ein bißchen blöd, wenn man auf Hilfe angewiesen ist. Wenn man dauernd jemanden fragen muß, ob er vielleicht.. ob sie nicht mal kurz…. So ist das hier grade. Der Gatte checkt im Selbstversuch die kardiologische Versorgung auf dem Lande, ich gondele mit ihm von badischen Artzpraxen zu württembergischen Kliniken, nebenbei muß ich nach München und Berlin, es ist ein nerviges munteres Hin und Her.

Andererseits: wie absolut großartig, wenn Helfer und Helferinnen bereitstehen. Hilfe anbieten, bevor man überhaupt gefragt hat. So ist das nämlich auch grade. So ist das hier eigentlich immer. Wir haben Hilfsangebote für die Hühnerfütterung, für Hundesitting, für Autofahrten, für Reparaturen und Gartenarbeiten. Immer. Und derzeit noch besonders. Da stehen Menschen zu unchristlicher Uhrzeit mit dem Auto vor der Tür, da holen Leute einfach in aller Herrgottsfrühe die Hunde ab, da steigen Freunde auf dem Dach herum oder robben wahlweise in den Spülschrank in der Küche, siehe oben. (Und glauben Sie mir, in meinen Spülschrank zu robben, ist eine Herausforderung, gleich aus mehreren Gründen.)

Die tun das alles mit einer Selbstverständlichkeit, die fast beschämend ist. Mein Leben in der Großstadt ist lange her, aber ich kann mich an derlei nicht erinnern. Vielleicht kannte ich damals aber auch einfach nur die falschen Leute. Oder war nie hilfs-bedürftig, ach, was weiß denn ich. Jedenfalls ist das alles großartig.

Blöd nur, dass wir kaum wissen, wie wir uns jemals revanchieren sollen. Hier erwartet niemand eine Gegenleistung, so scheint es mir, aber man möchte doch gerne, naja, Sie wissen schon. Als Journalistin habe ich nichts zu bieten, was in irgendeiner Weise sinnvoll für das Landleben wäre. Ich habe eine allumfassende Halbbildung, wie das in der Ausbildung hiess. Ich weiß von jeder Menge nur ein bisschen. Nichts, womit man anderen Menschen wirklich weiterhelfen könnte. Keinerlei nützliche Kenntnisse oder Fähigkeiten. Keinerlei Gerätschaften, die den Mitmenschen das Landleben erleichtern würden, im Falle eines Falles.

Ich habe keinen Schlepper, keinen Hänger. Keine Egge, keinen Häcksler, keinen Aufsitzrasenmäher. Mein Auto hat nicht mal eine Anhängerkupplung, ein nicht-hinnehmbarer Mißstand, den ich schon seit Jahren beklage. Ich kann weder eine Bohrmaschine betätigen noch eine Ferkelzange. Von der Motorsäge ganz zu schweigen. Ich besitze solche Dinge nicht, kann sie ergo auch nicht ausleihen an Nachbarn, die vorübergehend sowas brauchen. Ich besitze eine Gesamtausgabe Fontane und einmal Goethes gesammelte Werke in Frakturschrift, die könnte ich verleihen, aber ich bitte Sie, wer braucht denn sowas? Ich kann Artikel ins Internetz schreiben, mal besser, mal schlechter, aber auch da hält sich der Bedarf in Grenzen.

Mein Geo ist wenigstens handwerklich begabt, aber auch nicht wirklich überdurchschnittlich, auch damit können wir also kaum landen, wenn es darum geht, sich mal zu revanchieren. Malen kann der, ja, aber sollen wir uns für die reparierte Küchenarmatur mit abstraktem Expressionismus bedanken? Oder mit einer feinen Bleistiftzeichnung? Ich weiß ja nicht. Ich hätte es ja gerne etwas handfester. Wenn ich Kuchen backen könnte, würde ich den Helfern Kuchen backen, irgendsowas in der Art. Wenigstens das.

Ich kann nur im Rahmen meiner Möglichkeiten Hilfe anbieten. Einkäufe übernehmen, Fahrdienste erledigen. Hunde ausführen, Katzen versorgen, Blumen gießen. Oder Meerschweinchen füttern, ja, ich glaube, das bekäme ich auch hin. Falls also irgendwer ein Meerschweinchen hat, bitte sehr, ich helfe gerne. Holz für den Winter aufsetzen kann ich auch. Machen die aber alle immer alleine, ruckzuck, so schnell kann man gar nicht gucken, da haben die 25 Ster gestapelt. Umzugskisten schleppen, da bin ich Meisterin. Aber hier zieht ja niemand um.

Fotografieren kann ich auch ein bisschen. Dass ich Linse und Sensor reinigen sollte, bevor ich den Himmel überm Dorf auf 155 Fotos banne, ok, das lerne ich auch noch eines Tages. Dann kann ich mich bei manchen Helfern wenigstens mit hübschen Fotos revanchieren. Das wär was. Naja, Sie wissen schon.

(Sie merken: es ist kompliziert. Und großartig. Danke!, Danke! an alle.)

Heute Mittag überm Dorf.

  • 2 Kommentare
  • Laura 5. Oktober 2020
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    Ich kann auch nichts richtiges, habe einen coolen, aber nicht lebenspraktischen Job, und mich oft genauso gefühlt wie Du. Dann kam Corona – ich kann Masken nähen, das war praktisch. Und dafür werde ich von jemand, der sich als noch weniger lebenspraktischhilfreich empfindet, zum Kuchenessen ins Cafe eingeladen. Und so schenkt er uns einen schönen Nachmittag, wo man sonst vielleicht eher geplackt hätte. Jeder kann was, was jemand anders nicht kann, es findet sich irgendwann immer was:-*

  • Lydia 7. Oktober 2020
    Antworten

    Da sind doch viele Hilfsmöglichkeiten vorhanden. Und vielleicht braucht eine Person aus dem Ort einmal Formulierungshilfe bei einem Brief oder jemand der ein Schreiben auf mögliche Fehler untersucht.
    Liebe Grüße aus dem hohen Norden
    Lydia

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