Rückzug XIV

4. April 2020

In Waldhausen haben sie in der Turnhalle eine Fieberambulanz eingerichtet, für alle, die irgendwelche Corona-verdächtigen Symptome haben und das abklären möchten. Kann aber nicht einfach jeder so hinfahren, man braucht eine Überweisung. Näheres erfahren Sie (Klick!) hier auf der Website des Landratsamtes. Oder Sie rufen gleich mal beim Bürgertelefon an, wenn Ihnen unwohl ist: täglich zwischen 8.00 und 16.00 Uhr unter 06261/84 3333 oder 06281/5212 3333.

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Heute früh um Sieben (!) nach rund 10 Tagen mal wieder zum Großeinkauf in den Supermarkt eingelaufen. Wie sone Rentnerin beim Aldi-Angebots-Tag. Alles leer und übersichtlich, alles freundlich. Keine Rentner, keine Rentnerinnen unterwegs. Die kommen erst am Vormittag, wenn auch der Bau- und Gartenmarkt nebendran geöffnet hat, und dann schieben sich die Mitglieder der Hochrisiko-Gruppe fröhlich durch die knüppelvollen Gänge. Muss man nicht verstehen. Kopf > Tisch.

Ich gehe ja nicht nur so früh am Morgen einkaufen, um die Massen zu vermeiden, sondern schlichtweg auch, weil ich nicht Zeuge werden möchte, wie erwachsene Menschen sich um Klopapier streiten. Ich will das nicht wissen. War aber sowieso keins da heute früh. Nudeln und Mehl hingegen in rauen Mengen.

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Den Garten genießen. 1000 Quadratmeter Grünzeug und Hühnerwiese. Nie war das so wertvoll wie heute. Mann, was für ein Luxus. Eine Freundin hat ihren eigenen Garten zur Fremd-Benutzung angeboten, für Menschen, die vielleicht nicht mal einen Balkon haben, aber Kinder. Und Lust auf frische Luft. Die Resonanz hält sich in Grenzen, hier hat jeder einen Garten, oder er hat Schwiegereltern mit einem Garten, oder er kennt sonstjemanden mit Grundstück am Haus. Andernorts sollen am Wochenende Hundertschaften der Bereitschaftspolizei dafür sorgen, dass sich die Leute nicht im Grünen drängeln, an Ausflugs-Hot-spots und in Naturschutzgebieten. Bodensee, Schwäbische Alb, und in den Städten sowieso. Und falls Sie am Wochenende einen Ausflug in den Odenwald machen wollen, Margarethenschlucht, Neckarufer, Neckarsteig, oder so: Sorry, aber: Vergessen Sie’s. Bitte. Auch hier kontrolliert im Übrigen die Polizei.

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Hund Lieselotte ist eine völlig durchgeknallte begnadete Mäuse-Killerin; Katze Emmy ist ein echter Totalausfall dagegen. Wir versuchen jetzt, Lieselotte auf Woll-Mäuse umzukonditionieren. Leider noch mit eher bescheidenem Erfolg. Aber es kommt ja eh kein Besuch, insofern sollen die Wollmäuse halt hier stumm und vorwurfsvoll herumwehen, wie sie wollen, ich entwickle da eine gewisse Gleichgültigkeit. Stärke Sechs auf der Verlotterungsskala. Dafür habe ich den Kühlschrank ausgewaschen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals zuvor sowas getan zu haben. Also bitte.

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Heute ist die Todesanzeige des lieben Bekannten in den Zeitungen, genau genommen sind es etliche Todesanzeigen, weil es so viele Menschen gibt, mit denen er beruflich, ehrenamtlich und privat verbunden war. Sie alle, wir alle würden gerne von ihm Abschied nehmen, bei einer Beerdigung, mit Musik und Kirchenliedern und Gebeten und Trauerreden, hunderte von Menschen würden da kommen. Aber niemand außer der allerengsten Familie darf dabei sein, nur zehn Personen sind erlaubt. So wollen es die Vorschriften in diesen grässlichen Zeiten. Allein bei der Vorstellung muss ich schon heulen. Ich werde dann irgendwann mal alleine ans Grab gehen und eine Blume hinlegen, in ein paar Tagen oder Wochen, das wird mir wohl niemand verbieten können.

Am Nachmittag noch ein bisschen Hühnchen geknipst. Damit die Fans des 1. FC Huhn auf diesem Blog nicht zu kurz kommen.

  • 12 Kommentare
  • Ulrike 4. April 2020
    Antworten

    Langsam schäme ich mich, dass es mich als Rentner noch gibt.

    • LandLebenBlog 4. April 2020
      Antworten

      Bitte nicht als generellen Vorwurf verstehen!! Aber es fällt tatsächlich auf, wieviele es in der älteren Generation gibt, die das alles offenbar nicht wirklich ernst nehmen. Meine uralte Tante mit 85 springt auch in Berlin herum, als wäre nix. Getreu dem Motto: Ich habe den Krieg überlebt, was juckt mich da jetzt so ein dämliches Virus, nun stellt Euch nicht so an!

      • Petra 4. April 2020
        Antworten

        Ich muss mich leider anschließen. Mir fällt das auch auf. Kinder sind weggesperrt und nicht erwünscht in der Öffentlichkeit ( gibt sogar schon Läden mit Verbotsschildern für Kinder! ) und die Risikogruppe ( selbstverständlich nicht alle ) tummelt sich weiter…

  • Violine 4. April 2020
    Antworten

    Wegen dem verstorbenen Bekannten:
    Macht doch, wenn man wieder darf, gemeinsam eine Trauerfeier. Oft bleibt den Trauernden eh „nur“ eine Trauerfeier übrig, aus welchen Gründen auch immer.

    • LandLebenBlog 4. April 2020
      Antworten

      Schöne Idee. Danke!

      • Beate 5. April 2020
        Antworten

        Ich wäre dabei! Hatte mich auch für den stillen Besuch entschieden.

  • Felis 4. April 2020
    Antworten

    Die Betrifft-mich-nicht-Haltung sehe ich hier in Berlin sehr viel – von Leuten zwischen 15 und 35. Mir schwillt regelmäßig der Kamm! Der jüngste mit Corona verstorbene Mensch war 28 Jahre alt, keine Vorerkrankungen bekannt (Quelle: RKI, finde den richtigen Link gerade nicht, war ziemlich tief vergraben.) Vielleicht sollte man sich T-Shirts mit dieser Info drucken lassen.

    • LandLebenBlog 4. April 2020
      Antworten

      Es ist alles Mist…. ich weiss ja auch nicht, wie viel Ignoranz und Gleichgültigkeit da unterwegs sind, offenbar quer durch die Generationen.

  • Siewurdengelesen 4. April 2020
    Antworten

    Das Trauern um Ihren Angehörigen lässt sich derzeit wohl nur telefonisch oder über andere Medien etwas vergemeinschaften. Aus eigenem Erfahren, auch wenn es bereits eine Weile her ist – meine beiden Eltern sind innerhalb kurzer Zeit und sehr früh auf nicht eben angenehme Art gestorben – kann ich nur sagen, sowohl Zuhören als auch Aussprechen ist dabei wichtig. Das Zwischenmenschliche mit direktem Kontakt leidet derzeit wirklich enorm und gerade in solch trostsuchenden Situationen ist ein Umarmen oder Berühren so viel wert.

    Wie in ihrem anderen Beitrag bleibt über das, was da so an „Meinungen“ und VT über diese Epidemie kursiert, nur verständnisloses Kopfschütteln. Dagegen zu argumentieren ist Sisiphos-Arbeit und gegen Dummheit…

    …stattdessen möchte ich lieber ein um´s andere Mal Ihre Art des Fotografierens mit einem Kompliment versehen! Die Landschaften und Motive sind stets eine Augenweide.

    Hätte ja selber auch den einen oder anderen Schnappschuss aus unserer Provinz, aber ob die hier recht gerne gesehen würden wegen des Verlinkens?

    Selber überbrücke ich gerade die rare Freizeit mit Baustellen des Reparaturtreffs, bei dem die kaputten Geräte leider auch nicht mehr gemeinsam zerlegt werden, sondern nur noch übergeben und abgeholt werden. Da bleibt viel Austausch und Wissen auf der Strecke.

    • LandLebenBlog 4. April 2020
      Antworten

      Verlinken: immer gerne! Wo kann man Ihre Bilder denn sehen? Und ansonsten: danke für Ihre Gedanken!

      • Siewurdengelesen 4. April 2020
        Antworten

        „Wo kann man Ihre Bilder denn sehen?“

        Die für „draussen“ verlinke ich meist per Uploader. Bin zwar noch in einem PC-affinen Forum sehr aktiv mit eigenem Webspace, da möchte ich aber ungern verlinken.

        Sonst sah es vor nicht allzu langer Zeit in unserem „Kaff“ so aus:

        Provinz 1

        Provinz 2

        Provinz 3

        Jetzt hoffe ich nur, dass sich mangels Editor nicht der Code zerlegt. Deshalb habe ich auch nur auf die Seiten selbst Links gesetzt, da zu 99% der Copy&Paste die Formatierung sprengt. Sonst müsste ich Sie bitten, zur besseren Ansicht die Share-Codes selbst einzufügen. Zum Anschauen geht es sicher auch so.

        Den Katzenbuckel habe ich voriges Jahr am drittheissesten Tag des Jahres von der besten Eisdiele des Odenwalds „Venezia“ in Eberbach „erobert“. Zum Glück ging die meiste Strecke im Wald und weiter oben war es erträglicher.

  • Ulla 4. April 2020
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    Ja die Fotos sind immer beeindruckend schön.

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