Fuffzich Jahre.

3. März 2020

Es ist noch gar nicht so lange her, da saß ich mittags in einem Restaurant im Städtchen und mümmelte an irgendeinem Schnitzel oder an einem Salatblatt herum, so genau weiß ich das nicht mehr, – jedenfalls gerieten da am Nebentisch zwei alte Herren aneinander. So sehr gerieten sie sich in die Haare, dass ich vor Schreck vorübergehend das Gemümmel einstellte. Auch ohne störende Kaugeräusche konnte ich zunächst allerdings nicht heraushören, um was es ging, die beiden fluchten und schimpften im breitesten Buchemer Dialekt, die Debatte wurde erhitzter und erhitzter und ich hatte zwischendurch Sorge, dass Handgreiflichkeiten unmittelbar bevorstünden.

Ganz so schlimm wurde es dann doch nicht, und irgendwann ahnte ich auch, worüber die beiden Alten so erbittert stritten. Über die Baden-Württembergische Gemeinde- und Kreisreform.

Bei Scheidental

Nun ist die Baden-Württembergische Gemeinde- und Gebietsreform, wie auch die Kreisreform, schlappe 50 Jahre her. Fuffzich. Irgendwann Ende der 60er, Anfang der 70er wurde im Land so einiges umgemodelt und neu gestaltet, es entstanden aus mehreren kleinen Gemeinden große Kommunen, Kreisgrenzen wurden neu gezogen, die einen Kommunen verloren an Status, die anderen bekamen etwas geschenkt, und irgendwer war immer unzufrieden. Ja, ich glaube, so kann man das ganz grob zusammenfassen. Ich selber war ja in diesen wildbewegten Reformzeiten noch nicht in Baden-Württemberg ansässig. Ich verbrachte meine Tage damals noch im Kindergarten in Berlin Westend. Nur, um auch noch mal die zeitlichen Dimensionen klar zu machen.

50 Jahre später sitze ich hier und wundere mich manchmal. Ich darf mich wundern, ich bin ja bloß Zugereiste. Ich wundere mich, wie aktuell die Diskussionen um die damaligen Veränderungen mitunter noch sind, wie sich alte Verletzungen und Vorurteile offenbar seitdem von einer Generation zur nächsten weitervererbt haben. Ich wundere mich manchmal, wie langwierig diese Geschichten mit dem Stachel und der Wunde sein können. Das Die do hinne oder Die do unne, begleitet von der entsprechenden Handbewegung, von dem entsprechenden Gesichtsausdruck. Wie sehr immer noch und immer wieder in Alt-Gemeinde- und Alt-Kreis-Grenzen gedacht wird und nicht in den Dimensionen der nun inzwischen ja auch nicht mehr so neuen Kommunen und des Landkreises.

Zwischen Bödigheim und Seckach.

Selbst die Zeitungen halten mit ihren Regional-Ausgaben hier an den Kreisgrenzen von 1970 fest, an Grenzen also, die seit rund 50 Jahren Geschichte sein sollten. Unter dem Gesichtspunkt von Informationsgewinnung und Erkenntnis erscheint mir auch das manchmal eher suboptimal. Irgendeinen Grund wird das wohl haben, ich kenne ihn aber nicht. So weiß der südliche Teil des Kreises nicht, was im nördlichen Teil abgeht, und der nördliche Teil hat wenig Ahnung vom Leben im südlichen Kreisgebiet.

Manchmal, wenn es knirscht im Gebälk des Landkreises, wundere ich mich dann wieder. Und wähne mich mitunter in einer diffusen Wolke aus Ärger und Enttäuschung, Arroganz und Zorn und Minderwertigkeitskomplexen, Borniertheit oder schlichtem Desinteresse. Die Wolke kriecht plötzlich aus einer Flasche heraus, die irgendwer aufgemacht hat, und sie riecht wie 50 Jahre ungewaschen. Und sie umhüllt dann im schlimmsten Fall vorübergehend den ganzen großen Landkreis, dessen Einigkeit doch so gerne beschworen wird.

Aber ich bin ja nur Zugereiste, und ach, es ist kompliziert. So sehr, dass zwei alte Herren sich 50 Jahre später in die Haare kriegen, als habe die Gebietsreform erst gestern stattgefunden. Aber vielleicht ist es ja auch nur symptomatisch. Wenn wir das nicht mal hier uneingeschränkt hinkriegen, nach 50 Jahren, wie soll das dann erst in der großen weiten Welt – … undsoweiterundsoweiter.

Naja, Sie wissen schon.

  • 7 Kommentare
  • Pong 3. März 2020
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    Na ja. So ist das mit den nicht gewachsenen Neuerungen. Als ich Anfang der 90er nach Berlin kam musste ich eine ganze Stadt auswendig lernen. Danach hab ich noch Jahrzehnte Dimitroffstraße gesagt. Als ich 2012 in Havanna war, wunderte ich mich, dass keiner den ich fragte, die Strasse meiner Unterkunft kannte, obwohl es sich um eine große Achse handelte. Die „Monte“ wurde 1902 (!) in „Maximo Gomez“ umbenannt, aber keiner benutzt den „neuen“ Namen, außer der Stadtplan.
    Auch andere Namensgebungen, die Menschen suspekt bzw. sinnlos erscheinen, setzen sich nur schleppend durch (Raider-Twix, Arbeitsamt-Agentur für Arbeit, Schering-Bayer).
    Auch in Berlin hat die Verwaltungsreform sich noch nicht in den Köpfen festgesetzt. Nur die Immobilienmakler nennen Wedding gerne Mitte.

  • Hauptschulblues 4. März 2020
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    Dahinter steckt, wie bei fast allen menschlichen Umtrieben, die Konkurrenz. Zwischen Menschen, Gemeinden, Landkreisen, Ländern, Staaten. Solange die Konkurrenz nicht aufgehoben wird (sie wissen ja, Karl Marx, Kapital Bd. 1), wird es auf der Welt nicht anders.
    Übrigens, was H. schon immer sagen wollte: Wunderbare Fotos.

  • Vorwaidler 4. März 2020
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    Obwohl die Gebietsreform bei uns im bayerischen Wald lange vor meiner Geburt durchgeführt wurde, merkte auch ich Jahrzehnte später noch, dass dies ein einschneidendes und nachwirkendes Ereignis für die Landbevölkerung war. Selbst wenn ich keine so hitzigen Auseinandersetzungen, wie im Text geschildert, miterlebt habe, so ist mir doch eine Redewendung bis heute im Gedächtnis geblieben. Wenn irgendetwas Negatives passiert war, oder die allgemeinen Umstände nicht im eigenen Sinne waren, und kein Schuldiger dafür ausgemacht werden konnte – denn die Schuld bei sich selbst zu suchen, wäre ja zu einfach gewesen – dann folgte üblicherweise der Ausspruch: „Und wer ist schuld? Die SPD und die Flurbereinigung!“ (So wurde die Gebietsreform landläufig genannt) Das waren im tiefschwarzen bayerischen Wald – und das nicht, weil der Wald so dicht war, sondern eher, weil die CSU hier so dominant war – lange Zeit die zwei Hauptschuldigen für alles, was man sonst keinem in die Schuhe schieben konnte.

  • Christiane 4. März 2020
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    Mir kommt das gerade so vor, wie wenn Autobahnen durch Landschaften gebaut werden und die Kröten, Karnickel, Rehe und Wildschweine immer noch an derselben Stelle ihren Weg suchen. Auch die Bundesländer sind komische Konstrukte: Rheinland und Pfalz, Rheinland und Westfalen… Schon die Nordhessen in Kassel und die Suedhessen in Darmstadt haben nix gemeinsam! Das bleibt so, da kann man neue Grenzen ziehen so viel man will. Menschen eben…

  • Peter 4. März 2020
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    Jeder Saarländer – und ich bin ja einer – weiß, dass es keinesfalls mit der Gebietsreform von 1970 getan ist. Die Verletzungen von damals sind noch ganz frisch! Nein – dort, in dem schönen kleinen Land in der südwestlichen Ecke der Republik, das innnerhalb von 30 Jahren 5 mal die Nationalität wechseln musste – ist sogar noch immer vollkommen präsent, wer Bayern und wer Preußen sind. Denn bis 1918 (!) gab es ja kein Saarland oder Saargebiet, sondern nur den preußischen und den bayerischen Landesteil. St. Ingbert, das Städtchen, aus dem ich komme, war die letzte bayerische Bastion, Rentrisch, ein Weiler zwei Kilometer westlich und heute längst ein Teil der Mittelstadt, oder Spiesen-Elversberg, ebenfalls nur zwei Kilometer von der nördlichen Stadtgrenze entfernt, waren preußisch. Noch heute wird darüber gewitzelt, dass die Preußen im Saarland kein Bier brauen können – was natürlich stimmt ;-).
    Du siehst also – der Streit „Deiner“ beiden Alten wird sich in kurzer Frist nicht erledigen. 1918 ist schon über 100 Jahre her. Für das kollektive Gedächtnis offenbar ein Wimpernschlag.

  • mikel 5. März 2020
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    Hmm. Ein weiteres Beispiel? Für mich und viele gibt es immer noch den SDR. :) Obwohl die Fusion Sinn machte. Die Bundesländer-Entstehung anhand von Demarkationlinien waren noch nie sinnvoll. Jetzt gibt es also SWRX BaWü und SWR RLP. Und in BaWü singt die Hälfte immer noch das Badener Lied; über dem Karlsruher Schloss weht die Badische Flagge. :)

  • M. Krämer 9. März 2020
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    Ich könnte mich heute auch noch über die damaligen Gemeinderäte aufregen, die, gegen das Votum der Bevölkerung uns nach Limbach verkauft haben. Mir geht es wie den alten Männern, auch nach 50Jahren nicht vergessen.

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