Was schön war.

Schön war’s, mal wieder in einer Großstadt unterwegs zu sein. Es regnet, und es stinkt ein bisschen nach allerlei Abgasen und feuchtem Stadtmuff, nach nassem Asphalt und ungeleerten Mülltonnen.

Ich bewege mich mit dem Auto durch den hektischen Frankfurter Samstag-Vormittags-Verkehr, als hätte ich nie etwas anderes getan, das fühlt sich gut und sicher an. Wozu habe ich schließlich in Berlin Autofahren gelernt?, pflege ich in derlei Situationen leicht überheblich-rhetorisch zu fragen.

Leider wissen wir aber den Weg nicht so hundertprozentig genau, und mein Gatte lehnt elektronische Wegweiser prinzipiell ab, so muss ich mich auf ihn als Navigator verlassen. Dummerweise hat er im Gehirn und auf der Erinnerungs-Festplatte nur die Frankfurter Straßenkarten von 1960 abgespeichert und das jüngste Update immernoch nicht aufgespielt, aber bitte.

So fahren wir inmitten von gefühlten 367.997 anderen Autos durch die proppenvolle Innenstadt, Jetzt linke Spur, linke Spur!, befiehlt mein Navi, und Bei der nächsten Ecke rechts abbiegen!. Geht nicht, sage ich, das ist ne Einbahnstraße, Einfahrt verboten!. Ja, wieso DAS denn, sinniert das fleischgewordene Navi auf dem Beifahrersitz und glotzt auf das Verbotsschild, das war doch früher…. Hinter uns hupt und bremst es quietschend. Also, ich verstehe das nicht, das war doch früher….Mein Geo setzt ein empörtes Gesicht auf, und ich ein genervtes. Das ist mir scheißegal, was das vor 50 Jahren war, jedenfalls können wir da nicht abbiegen im Jahr 2019! Am Steuer kann ich manchmal etwas ungehalten werden, und am Ende finden wir das Ziel dann aber doch ohne größere Verzögerung.

Sektempfang in Frankfurt

Sektempfang, feines Restaurant, eine sehr freundliche und äußerst gepflegte Gesellschaft. Gottlob habe ich daheim im Odenwald das eine oder andere passende Kleidungsstück, das bei derlei Anlässen aus den Tiefen des Schrankes gekruschtelt wird. Ich kann ja da nun schlecht in meinem Blaumann hin. Oder in der ollen Hundeklamotte.

Rund um die überdachte Terrasse tost der Verkehr, es hupt und rauscht, Blaulicht und Tatüütataaa, immer wieder, mal ganz nah und mal ganz fern. Außer mir scheint niemand das zu registrieren.

Quer über den Tisch geht der gehobene Smalltalk auf Deutsch, Italienisch und Englisch. Es geht um die Juristenausbildung in Deutschland und die Folgen des Brexit, um Yachtausflüge in der Ägäis und die Auswirkungen des Tourismus auf ehemals stille und einsame griechische Inseln, so Zeug halt, naja, Sie wissen schon. Ich habe leider wenig dazu beizutragen, kann aber allerlei dumme Fragen stellen, dafür bin ich bekannt und verdiene im richtigen Leben sogar mein Geld damit.

Ein Ausflug in eine mir – inzwischen – komplett fremde Welt ist das. Am Ende ist mein Hirn ganz müde und erschöpft, der Kopf summt und brummt. Aber schön war’s.

*****

Noch schöner ist es dann, Richtung Odenwald zu fahren. Nach Hause. Ja, so fühlt es sich inzwischen an, tatsächlich. Lange hat es gedauert, das mit dem Zuhause-fühlen, aber jetzt isses so. Naja, Sie wissen schon.

Die Strassen werden leerer und leerer und kleiner und kleiner, der Himmel immer größer und größer, und weiter und weiter. Der Lärm bleibt in der Stadt, bald hören wir nur noch den Motor des eigenen Autos, das uns nach Hause bringt, vorbei an hessischen Feldern, übers Lange Handtuch, dann vorbei an den Wiesen und Weiden rund um das bayerische Amorbach, dann durch den badischen Wald. Bis in die nächtliche Stille des Dorfes.

*****

Heute früh ist es dann mit der Stille im Dorf kurzzeitig vorbei, die Leute laufen zusammen, runter an die abgesperrte Kreuzung. (Wir haben hier ja nur eine einzige ernstzunehmende Kreuzung). An der stellt sich am Morgen der Festumzug auf, die Musikkapelle und die Ministranten, die Jugendlichen von der KLJB, die Chöre, die Gesangsvereine. 65 Jahre Katholische Landjugendbewegung, das wird gefeiert, und heute ist Umzug und Segnung der Fahrzeuge.

Vorneweg die Musik und das Fußvolk, hinterher im Schritt-Tempo die geschmückten Traktoren, die Bulldogs, die Motorräder und die Quads. In den Herrn, der mittendrin, stolz und ehrfürchtig zugleich, mit seinem Aufsitzrasenmäher mitfährt, habe ich mich ein bisschen verliebt, unbekannterweise.

Ich stehe im Gelände und mache Fotos, und immer mal wieder ruft irgendwer meinen Namen, Ach, machen Sie Fotos?, wir winken hin und her und grüßen und lachen. Sogar ein paar von den Männern auf den Traktoren kenne ich inzwischen, den Alten aus dem Nachbardorf, die Jungen von hier, wir winken und grüßen und lachen.

Am Ende werden die Fahrzeuge auf dem Festplatz am Vereinsheim gesegnet, zu gerne wäre ich dabeigewesen. Aber ich bekomme Besuch von einer Freundin und Kollegin aus der Universitätsstadt Heidelberg, sie ist früh dran, ich bin noch mit der Kamera unterwegs, und mein Geo schickt sie Richtung Festplatz. Dort sehe ich sie schon von Ferne etwas hilflos zwischen Pfarrern und Dorfbewohnern, zwischen Weihwasserschale und geschmückten Traktoren herumstolpern, ein bisschen wie im vermeintlich falschen Film und auf der Suche nach mir.

Bevor die eigentliche Segnung losgeht, mit dem hiesigen Pfarrer und Pater Joseph aus Afrika, finden wir zusammen und verlassen klammheimlich den Festplatz, hintenrum, durchs Festzelt. Werden natürlich alle gesehen haben und sich ihren Teil denken, naja, Sie wissen schon. Die Evangelische wieder. Aber das Wiedersehen nach langer Zeit, die Arbeit am gemeinsamen Projekt ging vor. Sonst wäre ich zu gerne noch geblieben. Ehrlich.

Ein Wochenende. Zwei Welten. Schön war’s. Alles.

P.S. Ich habe keine der hier abgebildeten Personen um mündliche oder schriftliche Erlaubnis gebeten, die entsprechenden Fotos veröffentlichen zu dürfen. Ich stehe damit quasi mit einem Bein schon im Gefängnis. Falls sich hier also jemand wider Willen wiederfindet, bitte Hinweis an mich, dann nehme ich die Bilder selbstverständlich sofort von der Seite, DSGVO und so, naja, Sie wissen schon.

5 Kommentare

  1. Tja so geht’s mir auch oft. Hin und hergerissen zwischen dem Frankenland und Lugano/Mailand! Ich versuch’s zu akzeptieren. Mehr geht momentan noch nicht.

  2. Bei Stichwort „Langes Handtuch“ dann ganz viele Flashbacks. Sooo oft entlang gefahren ( kürzlich mal kurz gedacht, ich müsste mal wieder, mit Mietwagen oder so )!
    Die Prozession hat mir dann aber auch wieder deutlich gemacht, wie weit sich das 9j. Mädchen doch inzwischen entfernt hat, exotisch alles, fast wie Afrika. Vor allem auch gefühlsmäßig, weil ich es nicht nachvollziehen kann, wie Fahrzeuge geweiht werden können, müssen, sollen…
    Eine gute neue Woche!
    Astrid

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