Haute Couture.

Es hat da vor geraumer Zeit mal wieder einen Alarm gegeben, frühmorgens, in der Dämmerung, ein Anruf aus der Redaktion, ein schwerer Busunfall im nahegelegenen Städtchen. Dutzende verletzte Kinder, alle Sendeanstalten Deutschlands wollten was von mir, ach, was sage ich, die ganze Welt wollte Berichte, Fotos, Filme, und so fuhr ich also hastewattkannste los. Rasende Reporterin auf dem Lande, undsoweiter, naja, Sie wissen schon.

Ich war dann also vor Ort, ich berichtete, ich fotografierte und interviewte, ich sendete in alle Welt, es war nahezu pulitzerpreisverdächtig, undsoweiter, ich gab alles, ich überschlug mich förmlich selber, es blieb mir nicht viel anderes übrig, immer die Zeit im Nacken, ich jonglierte mit der Technik, mit dem smartphone, dem Mikro, dem Übertragungswagen, ich half den eilends angereisten Kollegen vom Fernsehen, also, es war bei allem traurigen Anlass natürlich insgesamt eine superduper Perfomance, undsoweiter, undsoweiter, blablabla.

Das wurde hinterher auch durchaus gelobt, anständige Arbeit, seriöse Berichterstattung, Frau Kollegin, ich klopfte mir selber auf die Schulter und war zufrieden, im rein professionellen Sinne.

Was aber offenbar sehr viel mehr und sehr viel nachhaltiger bei den Beteiligten vor Ort einschlug als die von mir geleistete hervorragende journalistische Arbeit, war: mein Outfit. Ja, Sie haben richtig gelesen. (Die Feministinnen unter Ihnen dürfen sich aber schon gleich wieder beruhigen, es kommt anders, als Sie denken.)

Ich war am frühen Morgen losgerast, so, wie der liebe Herrgott mich für die ländlichen Hunderunden ausgestattet hat, es war ja keine Zeit zum Umziehen. Dreckiger Anorak (über den ich schnell noch die Dienstjacke gezogen hatte, das Michelin-Männchen lässt grüßen), olle Hunde-Hose und: Gummistiefel. Schließlich goß es in Strömen, ich musste zu einem schweren Unfall, ich erwartete nicht ganz zu unrecht  Löschwasser und Blutlachen und Pfützen, also ließ ich in der Eile die Gummistiefel an. Dass sie ohnehin mein  – vielleicht nicht schickstes, aber eben liebstes Schuhwerk sind, wissen treue Leser längst.

So gummistiefelte ich also vor Ort durch die Gegend, durch aufgeregte Menschenmengen, vorbei an ungezählten Rettungskräften, ich saß auch in der offiziellen Pressekonferenz in meinen verdreckten grünen Gummistiefeln, ich machte hier einfach meinen unerfreulichen Job. Ich gebe zu, andere Kollegen waren deutlich fescher angezogen, und ein bisschen genierte ich mich auch. Sie müssen verstehen, sagte ich hier und da entschuldigend, ich komme direkt von der Hunderunde auf den Feldern. Naja, was man halt so sagt. wenn man sich komplett falsch angezogen fühlt.

Ja, Sie ahnen es, die Geschichte nimmt hier eine Wendung. Denn offenbar schlugen meine Gummistiefel wie die sprichwörtliche Bombe ein. Eine Kollegin berichtete tags drauf, sie sei mehrfach auf mich und meine Gummibotten angesprochen worden, nachdem sich die Lage vor Ort etwas beruhigt hatte. Und sie beteuerte, sie habe aus den Gummistiefel-Fragen so eine Art Bewunderung herausgehört. So, als habe sich noch nie eine Reporterin in Gummistiefeln bei einem Einsatz sehen lassen. Man habe sogar registriert, dass es sich bei meinem Gummistiefel um ein besonderes Profi-Modell handele, und manch einer habe anerkennend bis hochachtungsvoll mit dem Kopf genickt.

Ich kann Ihnen sagen: Es war mir ein inneres Freudenfeuerwerk, die gummigewordene Erfüllung meiner Landpomeranzenträume, und ich frage Sie: was ist dagegen denn ein blöder Pulitzerpreis?

Der dienstliche Gummistiefeleinsatz ist inzwischen fast vier Wochen her, holte mich aber gestern erneut ein. Von wegen Nachhaltigkeit und so. Mir wurde bei einer Pressekonferenz zu einer kulturellen Großveranstaltung (zu der ich ausnahmsweise halbwegs anständig angezogen war)  ein  sehr seriös wirkender Herr vorgestellt, dessen Gesicht ich wohl schon mal gesehen hatte, den ich aber nicht gleich einordnen konnte. Geht mir manchmal so, man wird ja leider auch nicht jünger.

Ach, Sie sind doch die Frau mit den Gummistiefeln!, sagte er. Wir haben uns vor ein paar Wochen bei diesem Unfall gesehen. Wir sprachen kurz über den Fortgang der Dinge, dann über Gummistiefelqualitätsmerkmale und darüber, ob die Franzosen tatsächlich die besten Gummistiefelproduzenten sind (Ich meine: ja.).

War ja ein schrecklicher Anlass, zu dem wir uns da dienstlich begegnet sind, sagte der freundliche Herr zum Abschied, vielleicht treffen wir uns beim nächsten Mal ja unter netteren Vorzeichen. Klaro, immer gerne. Und von mir aus ab sofort immer in Gummistiefeln.

 

 

 

P.S. Soweit wir wissen, geht es inzwischen dem Großteil der verletzten Kinder und Jugendlichen wieder deutlich besser. Und die Feuerwehren und die Rettungskräfte, die rund 200 freiwilligen (!) Einsatzkräfte, haben einen riesen Job gemacht. Wie immer eigentlich. Ist ja auch so ein Lieblingsthema von mir.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

4 Kommentare

  1. Na, den Hersteller von Deinen Gummistiefeln kannste mir mal verraten. Ich suche schon lange welche, die mir gefallen und vor allen Dingen auch PASSEN!!! Was schwierig ist, wenn man etwas dickere Waden hat 😉

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