Was schön war.

Der Geschäftsmann ist genervt. Drüben sitzt er, am Nebentisch im feinen Hotel-Restaurant, ich kenne ihn vom Sehen, und heute macht er ein Gesicht, als lutsche er auf einer quietschesauren Zitronenscheibe herum.

Er wartet. Er trommelt mit den Fingern auf die leinene Tischdecke, er spielt ein bisschen mit dem Bierdeckel, dreht ihn hin und her, er wartet, und er ist genervt.

Ich habe so überhaupt keine Lust auf dieses blödsinnige Geschäftsessen heute abend, hat er seiner Frau vielleicht gesagt, vorhin, beim Abschied. Hilft ja aber nix, der Typ könnte ein guter Kunde werden, und er kommt extra angereist. Manchmal hasse ich diesen Job. Irgendsowas in der Art denkt er noch immer, da am Tisch, wartend, man sieht es ihm förmlich an. Aber es hilft ja nichts. 

Irgendwann schwingt die alte Holztür auf, ein Mann betritt das Restaurant, er schaut sich einen Moment um und erkennt dann den Geschäftspartner, da hinten, allein am Tisch. Ein fragender Blick, unser Odenwälder Geschäftsmann zaubert ein Profilächeln in sein Gesicht und steht auf, Händeschütteln, smalltalk, Wie war der Flug? Ging das gut über die Autobahn hierher in den Wald?, Ach, immer dieser Verkehr, was man halt so redet, wenn man sich wildfremd ist. Dann Stühlerücken, stummes Speisekartenstudium, Getränke und Essen bestellen.

Derweil muss ich mich ja zwischendurch auch mal meinem Gegenüber widmen, der Gatte und ich, wir feiern schließlich Hochzeitstag, da sollte ich mit Augen und Ohren nicht dauernd bei den Herren am Nebentisch sein, wie sähe denn das aus.

So verpasse ich also den Beginn der Annäherung zweier wildfremder Männer, die der Job heute abend an diesem Tisch mitten in der nordbadischen Provinz zusammengeworfen hat. Die vielleicht müde sind von all diesen langweiligen Geschäftsessen mit langweiligen Geschäftsleuten in langweiligen grauen Anzügen, die sich nicht viel zu sagen haben über das Geschäftliche hinaus. Die hier sitzen, weil es der Vorstandsvorsitzende so will, oder der Abteilungsleiter oder die Wirtschaftslage allgemein, was weiß denn ich.

Während ich also meinen Götzinger Kapaun an frischem Gemüse genieße, höre ich von nebenan immer öfter herzliches Kichern und schallendes Gelächter, die beiden stecken zwischendurch die Köpfe zusammen wie uralte Freunde, ich höre mit halbem Ohr was von Urlauben und den Ehefrauen, sie quasseln und quasseln, mein genervter Odenwälder sitzt locker und weit zurückgelehnt im Stuhl, er streckt die Beine von sich, ganz unförmlich, sie essen und trinken und quasseln und quasseln und lachen und lachen, man könnte glatt neidisch werden.

Ich warte jetzt nur noch darauf, dass die beiden sich beim Abschied herzlich umarmen und sich gegenseitig auf die Rücken schlagen, wie Männer das machen, in einer Mischung aus Zuneigung und Verlegenheit, ich warte und warte, aber die beiden quasseln und quasseln, an Abschied ist gar nicht zu denken.

Also gehe ich nach Kapaun und Kaffee am Tisch der beiden vorbei, ich will doch zumindest Hallo sagen, ich kenne den einen ja schließlich vom Sehen, aber ich habe gar keine Chance, die beiden quasseln und quasseln und lachen, ich will da nicht stören.

Und wenn der Wirt nicht irgendwann die Stühle hochgestellt hat, sitzen sie da vielleicht heute noch.

 

3 Kommentare

  1. wow
    wie gut beobachtet..das finde ich toll
    ja .. manchmal stimmt es einfach
    und andere Male wird man beim besten Willen nicht warm miteinander..
    herzlichen Glückwunsch zum Hochzeitstag
    liebe Grüße
    Rosi

  2. Ich hatte heute einen nicht sehr angenehmen Zahnarzttermin,diese Zeilen lassen alles vergessen.Danke,wirklich vielen Dank dafür…….
    ganz herzliche Glückwünsche zum Hochzeitstag……
    lieben gruß aus Österreich
    ps:ich weiß was es heißt,hab meine Goldene hinter mir 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.