Elvira.

28. Mai 2017

Ich sehe die beiden vor mir, wie sie da im ersten Stock ihrer wunderschönen alten Mühle sitzen, er arbeitet am Computer, sie schaut aus dem Fenster. Ein kleines Gewitter kündigt sich an, das sieht von hier oben immer besonders wild-romantisch aus, in dieser Einsamkeit, keine Straße, kein Nachbarhaus weit und breit. Nur unten das kleine Bächlein, die grünen Hänge, die uralten Bäume, die vom aufkommenden Wind gezaust werden.

Sie lebt seit ihrer Geburt hier, der Vater war Müller, der Großvater auch. Manches hat sie hier schon erlebt, diese Mühle tief unten im Tal ist Teil von ihr, ein Leben anderswo nicht vorstellbar. Mit ihrem Mann hat sie alles hergerichtet, es sieht aus wie eine Mischung aus Schöner Wohnen und Märchenbuch.

Jetzt also tröpfelt es, das ist schön anzusehen, und aus dem Tröpfeln wird ein handfester Sommerregen, das kann dem Gemüsegarten nicht schaden. Der Sommerregen geht über in Hagel und Sturm, die Bäume biegen sich, der Regen rauscht und rauscht, es hört gar nicht mehr auf, nun wird ihr langsam doch ein bisschen mulmig da oben am Fester.

Das Wasser kommt plötzlich nicht nur vom Himmel, sondern auch von rechts und von links und jetzt von allen Seiten, es schießt die Hänge von oben hinunter Richtung Haus, es schießt aus dem Wald und über die Kieswege, die braune Brühe im Bach steigt und steigt, und es regnet und regnet und stürmt, und aus dem kleinen Bächlein wird in Minutenschnelle ein reißender Fluß.

Längst ist auch er aufgestanden vom Schreibtisch, er stellt sich neben seine Frau ans Fenster, und entsetzt beobachten die beiden, wie das Wasser immer mehr wird, immer näher kommt. Wie es hinten an die kleine, massiv gebaute Hütte prallt, die doch so hoch über dem Bach steht. Wie die reißenden Fluten an ihre eigene Hauswand donnern, wie sich mit dumpfem Grollen die riesigen Sandsteinquader unten am Bach in Bewegung setzen und wie gigantische Murmeln flußabwärts kollern. Diese Geräusche vergessen wir nie, sagt sie.

Foto: privat

 

Foto: privat

 

Foto: privat

 

privat

Die braunen Fluten zerfetzen die Wiesen unten am Bach, was bleibt, sind riesige, klaffende Wunden aus Erde und Geröll. Eine alte Eiche stürzt auf die Wohnhütte und vollendet, was die Wassermassen begonnen haben. Der Großteil des Gemüsegartens wird fortgerissen, das Ehepaar läuft nun im Haus herum, hektisch, ratlos, wie traumatisiert, erinnert sie sich, und als das Schlimmste vorbei war, habe ich die Fotos gemacht. Und ein paar Videos mit dem Handy, auf ihnen hört man das Brüllen des Wassers, das Poltern der Steinbrocken.

Die Eheleute wissen zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass ihr ungebetener Besuch da unten an der Mühle Elvira heißt, und dass Sturmtief Elvira in den kommenden Tagen noch viele Menschen in vielen süddeutschen Orten heimsuchen wird. Völlig unerwartet erwischt Elvira die Gemeinden, sie richtet Millionenschaden an und hinterlässt die vielzitierte Spur der Verwüstung. Allein der großen SV-Versicherung beschert Elvira insgesamt rund 10.000 Schadensmeldungen, überflutete Keller und halbe Häuser, zerstörte Straßen, Gebäude, Autos, weggeschwemmte Brücken, durchnässte Heizkessel und schwimmende Öltanks.

Auf den Tag genau ein Jahr ist das her, dass Elvira auch bei dem Ehepaar unten an der Mühle ihre Visitenkarte hinterließ, und noch immer werden die beiden täglich an Elvira erinnert. Die Schäden sind noch lange nicht alle beseitigt, wir sind beide berufstätig, wir brauchen immer wieder schweres Gerät, das dauert alles, sagt sie. Vieles bekommen sie finanziell ersetzt, aber machen müssen wir es dann halt schon selber. Vieles ist schon gerichtet, aber an vielen Ecken sieht es immernoch wüst aus. Auch manche Versicherungsfrage ist noch ungeklärt.

 

Elvira hat mitgerissen und zerstört, was ihr in die Finger kam, und sie wird nicht nur die Bewohner der alten Mühle noch lange beschäftigen. Elvira sorgt auch dafür, dass die beiden jetzt immer nervös erst auf den Computer, dann Richtung Himmel starren, wenn ein Gewitter angesagt ist, vorbei ist die Unbeschwertheit früherer Zeiten, als die Frau sich über das wild-romantische Blitzen und Donnern und Gurgeln hier unten freuen konnte.

Und ich stelle mir vor, wie Elvira da unten irgendwo im Gebüsch sitzt, oder irgendwo in der Region auf einem Hausdach, und das alles beobachtet und fies grinst. Damit Ihr nur mal eine kleine Ahnung bekommt, denkt sie sich, und dann lacht sie vielleicht hämisch.

 

 

Auch viele andere Orte in meiner Nachbarschaft hat Elvira getroffen, aus Billigheim-Allfeld hatte ich seinerzeit von den Aufräumarbeiten ein paar Bilder mitgebracht, wenn Sie die nochmal anschauen möchten: klick!

 

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