Stippvisite.

Ich bin über die Ostertage also mal eben nach Berlin gefahren, sehr spontan, weil kettenrauchende 82jährige Patentanten mitunter für Überraschungen gut sind. Diese Überraschung hieß irgendwas zwischen Getraudenkrankenhaus und gerissene Herzklappe und es klang alles wenig österlich, also habe ich mich auf den Weg in meine Heimatstadt gemacht. Um das vorweg zu nehmen: es sieht alles besser aus als befürchtet, die hochverehrte Patentante ist nicht nur kettenrauchend, sondern auch noch zäh wie preußisches Leder, falls es sowas gibt, naja, Sie wissen schon. 

Ich pendle also von Samstag mittag bis Sonntag mittag immerzu mit der U-Bahn zwischen Neukölln und Wilmersdorf, ich erledige ein paar Sachen, ich habe keine Eile, die Patentante läuft mir nicht davon, sie schlurft ein bisschen wacklig über die Krankenhausgänge und freut sich, wenn ich da bin, wann auch immer. Ich pendele also von hier nach da und versuche, die Gerüche der alten Heimat nicht so tief einzuatmen, hier habe ich davon ja eben erst berichtet, aber in Neukölln ist das so eine Sache. Gehen Sie mal durch Neukölln, ohne Gerüche aufzunehmen, das ist ja schier unmöglich. Allerdings riecht es hier kaum nach Berlin, sondern eher nach der ganzen Welt, aber vielleicht ist das ja auch dasselbe.

Ich laufe treppauf, treppab, die Stufen zu den U-Bahnhöfen, ich mache das bewusst ganz gemächlich, das alles soll ja nicht in Stress ausarten. Die Menschen drängeln und hasten an mir vorbei, die U-Bahn haucht ihren dumpfen Atem voraus durch den Tunnel, sie kündigt damit ihr Kommen an. Schon fangen die Leute an zu rennen und zu hetzen, hastig werden Fahrkarten entwertet, Tüten und Taschen gerafft, schnell, schnell, die Bahn kommt, wir dürfen sie nicht verpassen. Wer nach vorne in den Zug möchte, fängt an zu laufen, im Joggingschritt den Bahnsteig entlang, durch die wogenden Massen, durch die Touristen, die tun, was sie immer schon am besten konnten: im Weg herumstehen.

Die Leute drängeln und hasten, als führe nur diese einzige U-Bahn, als müsste man auf den nächsten Zug mehrere Stunden warten, als sei die Ankunft des Zuges eine Seltenheit. Ganze vier Minuten muss man auf der Linie 7 auf die nächste U-Bahn warten, um genau zu sein, vier Minuten, die offenbar nicht verschenkt werden dürfen. Vier Minuten, die vielleicht über ein ganzes Schicksal, über ein halbes Leben entscheiden können, was weiß denn ich. Wahrscheinlich war ich früher genauso.

Jetzt stehe ich also da und gucke verwundert auf all das Gerenne und Geschiebe, und als es mir zu blöd wird mit dem Gedrängel, trete ich milde grinsend einen Schritt zurück aus der Menge, wie so ein in sich ruhender Buddha, Zurückbleiben bitte!, befiehlt die automatische Stimme, die Türen schließen sich fauchend und klappend, und ich warte eben auf die nächste Bahn, in vier Minuten. Und dann denke ich: Vielleicht habe ich in all den Jahren auf dem Land ja doch schon richtig was gelernt.

 

 

 

2 Kommentare

  1. Hey, da warst du ja tatsächlich auch an meiner Station.
    Ich fahre fast nur noch Fahrrad, wenn die Strecken nicht zu lang sind,
    weil es mir in dem U-Bahn-Gehetze und -Gedrängel auch nicht gefällt.
    Liebe Grüße aus der Großstadt
    wünscht die
    Muschelfinderin

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