Steinreich.

Es ist einer dieser ausgelutschten Witze, für die man hierzulande in der Regel nur ein gequältes Lächeln erntet: Dass die Odenwälder Bauern nämlich steinreich sind. Ja, das sind sie in der Tat, und deswegen müssen sie im Frühjahr buckeln und schuften. Das ist ja eine echte Sau-Arbeit! rufe ich vom Feldrand rüber zu Vater und Sohn, mir fällt bei diesem Anblick leider kein wohlerzogener Begriff ein, in Wirklichkeit habe ich sogar einen noch unflätigeren Ausdruck benutzt, und der Vater schaut auf und sagt Ich würde das anders formulieren, aber letzten Endes haben Sie völlig recht. 

Mit Plastikeimern in der Hand gehen die beiden das Feld ab, gehen, stehen, bücken, heben, bücken, heben, bücken, heben, gehen, bücken, heben, schleppen. Mir tut schon vom Zugucken der Rücken weh, dabei ist das Feld nicht mal besonders groß, das schaffen wir in zwei, drei Stunden, sagt der Sohn.

Überall liegen die Brocken, große und kleine, solche, die man mit einer Hand greifen kann, solche, die Vater und Sohn zu Zweit schleppen müssen, jedes Jahr spuckt die Erde neue Steine aus, sie würgt sie irgendwie nach oben, an die Oberfläche, bis sie unter dem freien Himmel daliegen und aufgesammelt werden wollen.

Steine sind soetwas wie ein nachwachsender Rohstoff hier, ich weiß nur noch nicht, ob sie für irgendetwas taugen, ich habe die beiden nicht gefragt, ob ihre jährliche Steinsammlung hinterher noch irgendeinen Nutzen hat. Als er sich das aus-gedacht hat, da hat der liebe Gott aber nicht nach-gedacht, sage ich zu dem Alten, der grinst nur, zumindest hat er nicht an uns gedacht. 

Die Steine stören die Pflanzen beim Wachstum, und sie machen die teuren Landmaschinen kaputt, deswegen müssen sie weg. Das war vor hundert Jahren so, das ist bis heute so. Der 75jährige Vater kennt es vermutlich nicht anders. Oft sehe ich in dieser Jahreszeit ganze Familien gebückt über die Äcker ziehen, Steine sammeln, wie es schon die Großeltern und die Urgroßeltern machten.

Nur wer wirklich steinreich ist, nicht nur im konkreten, sondern auch im übertragenen Sinne, wer viel zu viel Land und noch viel mehr Steine hat, der holt sich Hilfe in Form von professionellen Steine-Sammlern, die mit schwerem Gerät anrücken; hier auf den kleinen Äckern lohnt sich das nicht.

Wir schwätzen ein bisschen, die Männer sammeln ununterbrochen Steine, ich mache ein paar Fotos und sammle meine Hunde wieder ein, ich stapfe durch den staubigen Acker zurück auf den Feldweg und genieße die Sonne und den lauen Wind und den Rest meines Feierabends. Auf dem Heimweg sehe ich sie noch durch die Windschutzscheibe, am Horizont, gebückt gehen Vater und Sohn über die Felder und sammeln und sammeln.

 

 

 

 

2 Kommentare

  1. Als ich Kind war, lagen die Steinhaufen zwischen den Feldern – ein beliebter, da verbotener Spielplatz voller Ringelnattern. Wir haben mit den Platten auch immer „Bunker“ gebaut, was äußerst gefährlich war. Noch heute habe ich in meinem ganzen Garten die Muschelkalkplatten mit den wunderschönen Versteinerungen liegen. Manchmal wundere ich mich, dass immer noch so viel Gestein an die Oberfläche kommt, wo sie doch alljährlich abgelesen wird.
    Schöne Fotos!
    LG
    Astrid

  2. So ganz von selbst kommen die Brocken nicht an die Oberfläche, das Pflügen hilft da sicher mit.
    Wenn Sie mal wieder ins Neckartal kommen, schauen Sie mal die Weinberge hoch. Wenn ich mich recht erinnere, hat man dort die Brocken zwischen die Reben geworfen, regelrechte Steindämme sind im Laufe der zahllosen Jahre entstanden. Inzwischen sorgen diese für Wärmespeicherung, was die Trauben ja bekanntlich gerne mögen.
    Beim Patenonkel (Landwirt von Beruf) durfte ich gelegentlich in der Top Agrar blättern. Die empfahl damals ganz ernsthaft den Einsatz von Rübenrodern für den Zweck. Ist aber 30 Jahre her, vielleicht sieht man das heute ja anders?

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