Grosser Go-hott.

Ich habe gestern zum Heiligen Sonntag einen gewissen Frevel begangen, aber für eine gute Sache, versteht sich. Sonnenblumen habe ich gestohlen, von einem dieser riesigen Sonnenblumenfelder, bloß zwei Stück, aber verboten ist das trotzdem.

dav

Ich habe die Alte besucht, da wollte ich nicht mit leeren Händen erscheinen, und nun hat sie ein bisschen Sonne in dem abgedunkelten Zimmer, in dem quasi rund um die Uhr die Töchter und die Söhne sitzen. Sie schwätzen mit der zunehmend sprachlosen Mutter, oder sie sitzen einfach da und warten schweigend, worauf auch immer.

Besuche in Pflegeheimen empfinde ich als nicht vergnügungssteuerpflichtig, allein der Geruch des in die Jahre gekommenen Heimes lässt mich schaudern, macht mich ganz nervös. Erinnert mich daran, um was man sich kümmern sollte, in guten Zeiten, damit man in schlechten Zeiten gut versorgt ist. Lässt mich fragen, ob ich das wollte: so enden, liegend in einem kargen Zimmer, irgendwo auf einem winzigen Dorf, gezwungen zum Nichtstun, zum Warten. Nichtstun und warten wäre ok, eines Tages, aber bitte nicht hier. Halb zynisch, halb verzweifelt wird mir zumute.

Woran würde man denken, wenn man so läge? Woran sich festhalten und erinnern, worauf hoffen? Über solche Sachen grübele ich, wenn ich in Pflegeheimen Besuche abstatte, gottlob ist das ja nicht so oft der Fall.

Und wie ich also wieder hinaustrete in die bullige Hitze, um mich auf den Heimweg zu machen, da findet vor dem Eingang des Hauses soetwas wie eine Morgenrunde statt, ein Stuhlkreis unter freiem Himmel im Schatten zwischen den Bäumen, ein Rollstuhlkreis, genauer gesagt. 15 Rollstühle im Halbrund um eine energisch-fröhliche Mitarbeiterin herum, die eben ruft Und weil heute Sonntag ist, singen wir jetzt gemeinsam! Großer Go-hott, wir lo-ho-ben Dich!

Na, das wird ein schönes Gewimmer geben, denke ich wieder halb zynisch, halb verzweifelt und beschleunige meine Schritte, Richtung Parkplatz. In den Rollstuhlkreis kommt Bewegung, zumindest bei denen, die sich noch bewegen können, die anderen hängen mehr als dass sie sitzen in ihrem Gefährt, heben aber doch die Köpfe, und ich gehe noch ein bisschen schneller. Nur weg von hier.

Aber so schnell bin ich nicht, der Gesang holt mich ein, kräftig und markig, Alt, Sopran und Bass, mehrstimmig also, und drei Strophen auswendig. Wir sind hier schließlich auf dem Lande. Großer Gott, wir loben Dich/ Herr, wir preisen Deine Stärke, ich sitze im Auto und bis hierher dringt der feierlich-satte Gesang des Rollstuhlchores, bis zum Ende von Strophe Eins kann ich stückweise mitsingen im Geiste, bei Strophe Zwei und Drei muss ich ganz passen. Aber ich höre bis zum Ende zu, weil es so unerwartet schön und fast ergreifend klingt.

Und dann drehe ich den Zündschlüssel und fahre los und denke während der Fahrt über die vielzitierte Volksfrömmigkeit auf dem Lande nach. Und nebenbei summe ich die Melodie des Kirchenliedes, auswendig kann ich den Text ja leider nicht.

 

 

7 Kommentare

  1. Tränen hast du mir in die Augen getrieben mit diesem Post. So viel in mir zum „Klingen“ gebracht, was als Erfahrungsschatz in mir ruht oder als aktuelles Thema in meinem Kopf spukt: Pflegeheime ( davon habe ich ja inzwischen fünf Varianten kennen gelernt ), Alter, Warten auf den Tod ( meine Mama habe ich am Samstagabend in Ruhe & Frieden ziehen lassen können ), Glaube ( weil sie überzeugt war, dass sie alle wieder trifft, die sie so vermisst hat ). „Großer Gott, wir loben dich“ – es ist immer noch eine mächtige Hymne, die ich mitsinge, wenn sie in unserer Karnevalsgruppe bei entsprechenden Gelegenheiten gesungen wird. Kindlicher Wunsch? Dass es da etwas gibt, was mächtiger ist als unser armes, kurzes Leben?
    Wenn mir jetzt tatsächlich mehr Zeit bleibt, werden diese Themen mich umtreiben…
    Alles Liebe!
    Astrid

    • Ach, Astrid, Du wirst aber auch geschüttelt und gerüttelt vom Leben derzeit… Ich denke warm an Dich und hoffe, dass nun mal wieder heilsame Ruhe eingekehrt.

  2. Ein sehr schöner Text!
    Ich bin selbst Altenpflegerin und kann sagen, wenn auch sonst nichts mehr funktioniert und das Gehirn quasi den Dienst quittiert hat: Singen geht fast immernoch. Oder bei manche auch nur die Melodie summen. Ein Bewohner hat früher Orgel gespielt, er saß bei uns stets da und hat mit seinen Fingern ein unsichtbares Klavier bedient (auch beim Essen, was manchmal nicht so einfach war). Und wie du ganz richtig sagst – voller Inbrunst und Stärke kommen da die Lieder – nicht nur kirchliche, auch viele Volkslieder. Diese finde ich besonders schön.
    Aber meine liebste Erinnerung ist die, an die alte, kleine Frau, die nicht mehr sprach, aber in einer wunderschöne Stimme das Marienlied ‚Rosenkranzkönigin‘ sang, dass ebenfalls seit jeher das Lieblingslied meiner Oma war.

    Liebe Grüße,
    Linda

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