#webseidank.

Es gibt ja Leute, die behaupten, ich lebe hier am Ende der Welt, weit ab von allem, in idyllischer und fast naiver Ruhe, und fern all der bedeutsamen Dinge, die so abgehen auf unserem Planeten, naja, Sie wissen schon. Stimmt, und stimmt nicht. Sicher ist aber eines: einer der Dreh- und Angelpunkte meines Lebens auf dem Lande ist das kleine graue Kästchen, das bei uns zuhause an der Wand hängt.

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Foto: Lorenz Rings / pixelio.de

Ich weiß ehrlich gesagt nicht mal, ob es sich um ein Modem handelt oder um den Router, ich kenne mich mit diesem Zeug nicht wirklich aus. Das Kästchen und ein paar Schnüre, der Rechner und das wlan ermöglichen mir aber den ständigen Kontakt zur großen, weiten Welt. Bei Bedarf zumindest.

Und: ja, natürlich bringen das kleine Kästchen und das www mir allerlei Murks und jede Menge Gräßlichkeiten ins Haus, Dramen, von denen ich nichts hören will in meinem kleinen wunderbar beschaulichen Dorf, Kriege, Mord und Totschlag, ich lese mit Grauen manche Kommentare in den angeblich sozialen Netzwerken, ich raufe mir die Haare und verzweifle schon manches Mal daran und überlege, ob ich nicht einfach mal das Kästchen abmontieren und die Schnüre kappen sollte, um meine Ruhe zu haben und ungestört Dorfleben und Landidylle zu genießen.

Und dann kommen da die verehrte Annette Schwindt und ihr Mann Thomas Reis mit ihrem Blog UnserLeben.digital und wollen wissen Was hat das Web Dir Gutes gebracht?  Mal so ganz persönlich. Gutes? Zugegeben: jede Menge. Obwohl, – nein: gerade weil ich auf dem Lande lebe. 

Dabei bin ich ja damals nur von Berlin in den Odenwald gezogen, in dieses kleine Nest mit 360 Einwohnern, ein Umzug innerhalb Deutschlands, bloß von Nord nach Süd, 15 Jahre ist das jetzt her, eigentlich ja eine lange Zeit. Und dennoch fühlte sich am Anfang und fühlt sich auch noch heute vieles immer noch wie neu an, und manches blieb mir unverständlich, machte mich ganz ratlos, immer wieder. Vermutlich ist das einfach so, als Zugezogene, wenn man aus der Fremde kommt und in die Fremde geht.

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Und auch nach all den Jahren bin ich hin und wieder staunender Zaungast auf dem Lande, ich staune meistens wissbegierig und begeistert und manchmal auch verwirrt. Und denke dann an einen Spruch aus meiner Branche: Journalisten sind immer Zaungäste, sie schauen anderen beim Leben zu und nehmen niemals daran teil. Und manchmal galt und gilt das eben auch für mich persönlich, als Berlinerin im tiefen Wald.

Und dann wähle ich mich mit dem kleinen grauen Kästchen und der superschnellen Leitung (50.000, ja, da staunen Sie) ins www ein. Ich lese und blogge und schreibe und höre und kommentiere, ich nehme teil am Leben und Denken von Menschen, die ich nie getroffen habe und die mir ganz plötzlich doch vertraut erscheinen. Die ähnlich ticken wie ich, ähnliche (oder auch ganz andere, aber spannende) Gedanken haben. Die mich – jetzt mal bildlich gesprochen – am Gartenzaun ansprechen, mich in den Vorgarten lassen und mir ihr Wohnzimmer zeigen.

So ist auch schon manche echte Begegnung im richtigen Leben entstanden, und einiges davon entwickelt sich zur Herzensfreundschaft. Digital gebloggt, online kommentiert, private message rübergebeamt, im Netz verabredet, in einem durch und durch analogen Café getroffen und Zack!, Freundschaft entstanden, oder zumindest guter Austausch. Ohne www hätten wir uns nie getroffen, und mir würde jetzt was fehlen hier. Die spannende Kölnerin hätte ich so nicht persönlich kennengelernt, sie stand eines Tages einfach vor der Odenwälder Tür. Oder die nette Frau aus Südfrankreich. Oder das Schweizer Ehepaar, das hier im Dorf tatsächlich urlaubte, angeregt durch meinen Blog, und mit dem wir einen rasend netten Abend hatten. Den Herrn Matthias habe ich so mal in Fleisch und Blut kennengelernt, das wäre auch noch ausbaufähig. Von Freundin Kirsten will ich gar nicht reden, sie wurde in kürzester Zeit zur dauerhaften und regelmäßigen Bereicherung meines kleinen Lebens, und wo hätte ich sie jemals kennenlernen sollen, wenn nicht hier im world wide web?

Und noch viel wichtiger: Ich frage Sie, wie hätten jemals meine Hühner überleben, meine Küken groß und stark werden sollen, ohne www? Die Zahl der Hühnerhalter im Dorf ist, wie sollen wir das nennen, übersichtlich, und meine ratlosen bis dämlichen Fragen am Anfang machten manchen Hühnerhalter noch viel ratloser. (Landlektion Nummer Eins: Fragen Sie nie einen Hühnerhalter auf dem Lande nach der Rasse seiner Hühner. Zwei Drittel der so Angesprochenen hatten keinen Schimmer, wovon ich da wohl sprach, naja, so Hühner halt. Zum Eierlegen.)

Nächtelang hing ich am Rechner, wanderte durch alle rassehühnerrelevanten Seiten, blieb schließlich beim grandiosen Hühnerinfo hängen und holte mir hier Rat, Seelsorge und Beistand. Dass ich heute, ganz bescheiden formuliert, die schönsten und freundlichsten Hühner der Welt besitze und erfolgreich Nachzucht betreibe, Australorps, Dresdner und Vorwerk, das habe ich dem Internet zu danken, ohne Wenn und Aber. Und am Ende trete ich vielleicht sogar eines Tages noch dem Kleintierzuchtverein im Nachbardorf bei, wer weiß das schon.

Wie dem auch sei, Hühner hin und Bloggerbekanntschaften her: Auf der Liste derer, die ich gerne auch mal treffen würde, nicht nur digital, stehen derzeit noch der kiezneurotiker (bei meinem nächsten Berlin-Besuch, zieh Dich warm an) und der Herr Buddenbohm aus Hamburg, aber da komme ich leider nur selten hin. Außerdem die Frau mit dem Literaturschock, die wohnt bei mir um die Ecke, ja, tatsächlich im tiefen Odenwald, und sie hat mich auch schon eingeladen, aber da kam was dazwischen. Ich bleibe dran. Und die Pamy steht noch auf der Liste, sie bloggt im Odenwald und arbeitet nur 100 Meter Luftlinie von mir entfernt. Aber anstatt sich endlich mal zum Kaffee mit mir zu treffen, schickt sie mir nur Strafzettel, Bloggerrelations mal anders, naja, so ist das Leben. Ich werde mal ein ernstes Wörtchen mit ihr reden müssen. Oder in Zukunft ordnungsgemäß parken, das wäre auch eine Lösung. 

 

Ach so, und noch zu Ihnen: Wüssten Sie denn, wer oder was der Odenwald ist, wenn Sie das www und dieses Blog nicht hätten? Na also, bitte.

 

 

 

14 Kommentare

  1. Ich habe sogar schon mal nachgeschlagen, wo dieser Odenwald nun eigentlich ist, und zwar nur wegen diess Blogs. Versteht sich. Es ist die Ecke von Deutschland, von der ich überhaupt nichts weiß – außer dem, was ich hier gelesen habe.

  2. Klasse, wie immer! :) Vielen lieben Dank fürs Mitmachen, Friederike! ❤

    PS. Ich hätte den Odenwald auch so gekannt. Hab nämlich in Heidelberg studiert und die ersten 30 Jahre meines Lebens da in der Nähe gewohnt. ;)

  3. Pingback: Blogparade: Was hat das Web Dir Gutes gebracht? #webseidank | Unser Leben.digital

  4. Ja, da könnte ich doch glatt mitmachen, wenn das Leben 1.0 mich aus dem Würgegriff entließe…
    DU hast mir die Heimat der Kindheit wieder nahe gebracht, auch wenn ich momentan dort nicht vorbeischaue. Danke dafür!
    Die „spannende Kölnerin“
    ( die sich gerne zu dir aufmacht, wenn Herr Buddenbohm endlich in den Odenwald kommt )

  5. Ach Mensch, Danke! Ich freu‘ mich auch, dass wir uns „kennen“, und der Odenwald ist toll, Herr Buddenbohm! Ich liebe zwar eher den hessischen Teil, aber egal, schön ist es da und dort, und das zeigen Sie uns ja auch immer wieder, liebe Frau Kroitzsch! Und ich komme irgendwann auch mal nach W., auf einen Kaffee oder einen selbstgekelterten Apfelsaft.

  6. Hier am Sackgassen-Waldrand verhält es sich dupfegleich. Niemals könnte ich hier leben und existieren ohne diese paar kleinen und geheimnisvollen Drähtchen. Auch ohne Hühner. Herzliche Grüße von 80km weiter südlich, Ihr Schneck

  7. Wir sind in der 7. Klasse (also Anfang der 80er!) in Strümpfelbrunn im Odenwald im Schullandheim gewesen. Das war sehr schön damals! Es war von uns aus dem Stuttgarter Raum nicht so wahnsinnig weit weg, aber auch heute muss man schon extra dort hingehen. Irgendwie kommt man da nicht einfach so durch…. Aber es lohnt sich, weil es nämlich schön dort ist. Haben wir immer mal wieder nachkontrolliert ?.
    Viele Grüße aus dem Schwäbischen ins Badische,
    Eva

  8. Aufgrund den aktuellen Wetterlagen bin ich derzeit ganz schön weblos unterwegs, d.h. ich hab eben auch erst Deinen herrlichen Post gelesen und mich dabei köstlich amüsiert. Wobei ein absolutes No-Go bis heute immer noch ist, dass wir den schon hundertmal angedeuteten Kaffee immer noch nicht zusammen getrunken haben. Immerhin haben es die spannende Frau aus Köln – samt Herrn K. – und ich sogar schon zweimal geschafft und mit dem Herrn Matthias schon gefühlte hunderttausendmal (was bei unser beider Kaffeekonsum auch nicht weiter verwunderlich sein dürfte und nach knapp 20 Jahren kommt da auch schon mal was zusammen ;) ).

    Ich wäre quasi bereit, fehlt nur noch das wann und wo ;)

    GLG
    Pamy

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