Genius Lokus.

4. August 2016

Es passiert ja nicht so häufig, dass man auf einer öffentlichen Toilette nun ausgerechnet über den Heiligen Geist oder die Mutter Gottes laut nachdenkt. Nicht mal hier im Odenwald, diesem Besonders Christlichen Hinterland. Ich habe es neulich trotzdem getan, auch noch ausgerechnet als Evangelische in einer durch und durch katholischen WC-Anlage, und schuld daran war Veronika.

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Veronika ist so um die 70, und sie hat während der Wallfahrt in Walldürn eines dieser Ehrenämter übernommen, um die sich keiner reißt. Ja, sogar als Scheißjob könnte man das bezeichnen, was Veronika da während der großen Wallfahrt gemacht hat, wochenlang, Tag für Tag, manchmal acht Stunden am Stück, manchmal zehn oder zwölf. Für Gotteslohn.

Veronika war in diesem Jahr zeitweise die Herrin über die zentrale Toiletten-Anlage direkt an der Wallfahrtsbasilika. Jeden Tag sind da ein paar hundert Kunden bei ihr in den gekachelten Räumen, manchmal bis zu tausend.  Denen wischt und putzt sie hinterher, sie lüftet, schrubbt und spült. Oh, die Männerrr verrrrgessen so oft zu ziiiehen, das stiiiinkt!, sagt sie lachend mit ihrem slowenischen Akzent und dem gerollten R. Und dann ruft sie einem erleichterten Wallfahrer ein Gottäs Säägen! nach.

Stolz zeigt Veronika ihr Reich: Hierrr ist für Dammen, da ist für Herrren, und hierr (Kunstpause): Wickelstube! Die WC-Anlage ist frisch saniert, hell gekachelt, aber immer noch ein bißchen duster mit all dem Beton drumherum. Veronika hat es sich trotzdem nett gemacht, zwischen Dammen und Herrren hat sie sich die kleine kalte Abstellkammer hergerichtet, neben Klappleiter und Desinfektionsmittel und Raumspray liegen Kreuz und Rosenkranz, und auf dem Paket mit dem Klorollenvorrat hat Veronika ihre Bibel immer griffbereit.

Veronika ist seit jeher eine fromme Frau. Schon viele Jahre hier im Odenwald und in Walldürn. Die Gemeinde mit ihrer europaweit bekannten eucharistischen Wallfahrt hat es ihr angetan. Ursprünglich kam sie als Gastarbeiterin nach Deutschland, lernte in Buchen ihren Mann kennen, der arbeitete in einer Fabrik. Dann kam der kleine Sohn auf die Welt. Hab ich immerrr gebätet zu Heilige Geist und Mutter Marrria, dass aus dem Sohn was Anständiges wirrrd, sagt Veronika und grinst dabei.

Kennst Du Brrrisbane?, fragt sie, weiter grinsend, Brrrisbane ist Australien, und an Uni Brrrisbane Sohn ist jetzt Prrrofessor. Veronika kichert laut in der WC-Anlage, und das Lachen springt von den gekachelten Wänden über das Kreuz, die Bibel und den Rosenkranz zurück auf ihr Gesicht. Dann wird sie kurz ernst. Fürrr sowas muss man auch mal Danke sagen. Auch deswegen bin ich jetzt hierrr in WC-Anlage, für Heilige Geist und Mutter Marrria. 

Vielleicht erzählt sie dem Sohn und den Enkeln in Brisbane am Abend von unserem Klo-Gespräch, sie sprechen ja oft miteinander, hat err mir so Ding gekauft, können wirrr uns sehen beim Telefonieren. Vielleicht wird es auch zu spät oder zu früh zum Telefonieren, weisst Du ja, Zeitverschiebung, wenn sie wieder bis tief in den Abend hier in ihrem gekachelten Reich bleibt, um unter Druck stehende Wallfahrer aus ganz Deutschland zu begrüßen, ihnen hinterherzuputzen, zu schrubben und zu spülen.

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Wochenlang Klo-Frau nur für Gotteslohn. Zu jeder Wallfahrt machen Frauen diesen Job. Und zumindest ordentlich Trinkgeld wird doch rausspringen, bei so vielen frommen Menschen, die nach ihrer Ankunft in Walldürn mit drückender Blase und rumpelndem Darm nicht selten erst zur WC-Anlage pilgern und dann zum Blutaltar in die Basilika. Naja, geben ein paarr was in das Schälchen, sagt Veronika und hebt lächelnd die Schultern. Nicht viele. Aber wenigstens ein paarr. 

 

 

 

Nachtrag: Wenn Sie übrigens weniger am Heiligen Geist interessiert sind, aber vielmehr an markigen Worten zum Thema Betriebstoilette, dann sollten Sie heute mal beim kiezneurotiker vorbeischauen. Aber Achtung, das ist nichts für schwache Nerven und für etepetete. Ja, er und ich, wir beide, wir haben beide am selben Tag das Thema Klo gewählt. War nicht abgesprochen, ehrlich nicht. Läßt aber doch tief blicken, Seelenverwandtschaft undsoweiter. Und seine Geschichte ist da doch deutlich deutlicher in den Beschreibungen, ähem, naja, Sie kennen ihn vielleicht ja schon. Und ich habe ja, im Gegensatz zu ihm, einen guten Ruf zu verlieren. Oder sowas in der Art.

 

 

 

  • 3 Kommentare
  • Astridka 4. August 2016
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    Ja, für ’nen Gotteslohn – das war schon immer gang & gebe in dieser frommen Gegend, zumindest was die Frauen anbelangt. Deine Veronika sieht dabei so klein, zierlich, faltig & verschmitzt aus wie fast alle dort, erstaunlich, dass sie aus Slowenien kommt.
    Danke fürs Porträtieren!
    LG
    Astrid

  • ina 4. August 2016
    Antworten

    „Fürrr sowas muss man auch mal Danke sagen.“
    Oh ja, das muss man! Dafür würd‘ ich auch als Klofrau schuften.
    Ohne fromm zu sein.
    Für Gotteslohn…

  • Anonym 6. August 2016
    Antworten

    Liebe Friederike, Ihr Beitrag zum Thema Klo ist mindestens ebenso lesenswert wie der des Kiezneurotikers! Ich liebe Ihren Schreibstil und lese immer fleißig mit!
    Bitte machen Sie weiter so! Es ist herrlich und ich freue mich immer, wenn es wieder was Neues gibt!!
    Einen schönen Sommer noch!!
    Katja

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