WMDEDGT.

5. November 2015

Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?, kurz WMDEDGT, das will die Blogger-Kollegin Frau Brüllen heute wieder von uns wissen, also bitte. Bei unsereinem ist das ja so, daß es zwar einen Kalender gibt, rein dienstlich, in dem steht auch manches drin. Nur leider verläuft selten ein Tag so, wie der Kalender es geplant hat, insofern wird die Frage, was man denn so tue, mitunter von Stunde zu Stunde neu beantwortet. Also, schaun mer mal, was dieser Tag so bringt.

Erstmal bringt er eine Hunderunde, ganz ausführlich und ein bißchen verschwommen und kopflos auf den ersten Blick. Ersteres liegt am Händi und der Dämmerung, Letzteres an der allmorgendlichen Mäusejagd. Das helle gelbe Ding kennen treue Leser schon, die Schleppleine schmuggelt sich derzeit auf manches Foto, soll aber eigentlich dazu dienen, der neuen Mitbewohnerin Frau Lieselotte die Grundregeln des harmonischen Miteinanders beizubringen. Insofern ist schon die Hunderunde morgens mit ein bißchen Arbeit verbunden, aber das läuft soweit, wir sind zufrieden.

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Dann klar-Schiff-machen im Redaktionsbüro. Post durchsehen, Mails checken, Zeitungen überfliegen, Anrufe entgegennehmen, aufräumen, Geschirr spülen. Merke: SWR-Korrespondenten sind alles in einer Person, von der Putzfrau bis zur Sendedirektorin, wofür haben wir schließlich das Handwerk an einer der besten Journalistenschulen dieses Landes gelernt, wofür arbeiten wir in einem der modernsten Funkhäuser Europas? Gespült wird allerdings noch analog, nicht digital, vielleicht haben die Öffentlich-Rechtlichen die Zeichen der Zeit in dieser Hinsicht noch immer nicht erkannt, was weiß denn ich.

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Noch immerhin läuft alles wie geplant. Keine Katastrophen, Feuersbrünste oder schwere Unfälle zerhauen den Terminplan. Können wir also getrost ins Gefängnis gehen. Rein dienstlich, was denken Sie denn.

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Ich bin quasi Stammgast hier, und trotzdem immer wieder schwer beeindruckt von der Atmosphäre. Mauern, Stacheldraht und Zäune, Gitter, Panzerglas und kiloschwere Schlüsselbünde einerseits, freundlicher Umgangston, nette Jungs und ein sensationelles pädagogisches Programm andererseits. Aktuell proben die Knackis mit dem Landesjugendorchester eine Oper ein, nach der Bürgschaft von Schubert, das ist jetzt nicht unbedingt die Musik, die man mit jugendlichen Straftätern assoziiert, und genau das macht die Sache durchaus spannend. Wer in den Knast geht, taucht ein in eine andere Welt, wer zu einer Opern-Probe in den Knast geht, findet sich gleich in mehreren anderen Welten wieder.

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Falls Sie das interessiert: Die eigentliche Premiere ist am Samstag, 14. November, um 18 Uhr in der Jagsttalhalle in Möckmühl, eine weitere Aufführung gibts am Sonntag, den 15. November, um 17 Uhr im (Achtung!) ehrwürdigen Theater zu Baden-Baden. Die Verantwortlichen lassen sich nicht lumpen. Wenn Sie in der Nähe wohnen, sollten Sie das anschauen, ich glaube, es wird ziemlich großartig.

Fast zwei Stunden kostet mich dieser Termin, Künstler lassen sich nur ungern bei der Arbeit stören. Nach Ortsterminen dieser Art, in einer Halle voller aufgedrehter junger Männer, mit Adrenalin, Testosteron und Schweiß, braucht man frische Luft und freie Sicht, beides gibt es ja im Odenwald zur Mittagszeit genug. Und zu Mittag essen kann man ja im Auto, während einer Fahrt von hier nach da.

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Dann aus viel zu vielen Tönen einen kleinen Beitrag basteln, schneiden, texten, produzieren, zwischendurch telefonisch zugeschaltet zu der Redaktionskonferenz der Kollegen. Ja, der Beitrag soll für morgen fertig werden, kein Problem, das schaffen wir. Durchs Büro dröhnen Schubert und das Landesjugendorchester, die Sonne lacht durchs Fenster und die Hunde schnarchen unterm Tisch, ping!, ruft das Mailprogramm leise immer wieder, dann spuckt es den aktuellen Polizeibericht aus und bringt uns kurz vor Feierabend doch noch mal auf Trab, Ärger in der Flüchtlingsunterkunft, die Kollegen aus der Nachrichtenredaktion freuen sich bestimmt über einen klitzekleinen Beitrag.

Zugegeben, ich wünschte manchmal, ich würde einen Tag mal ohne Thema Flüchtlinge verbringen, beruflich wie privat, einen Tag nur, einen einzigen, allein, es klappt nicht. Heute also wieder nicht, dabei hatte es gut angefangen. Wie gerne würde ich mal wieder stundenlang über steigende Weizenpreise berichten, von mir aus über fallende, das ist ja ganz egal. Oder über Bioenergie, da ist der Landkreis hier ja führend. Oder über irgendwelche Themen, egal, was, Hauptsache harmlos, unterhaltsam, nett zu hören.

Aber ich will mich nicht beklagen, ich war ja im Gefängnis heute. Ein Lichtblick war das, ehrlich.

Und nachher mache ich dann Feierabend. Kofferpacken für den Urlaub an der See. Sie werden von mir hören.

 

 

 

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