Aufs Land oder lieber auf die Insel?

Von Berlin aufs Land ziehen… Ist es total bescheuert? Würde ich es tun? Darüber habe ich mir die
letzten Tage Gedanken gemacht, nachdem mich Friederike vom Landleben-Blog gefragt hat, ob ich
Lust habe, einen Gast-Artikel zu schreiben.

 
Ich bin in Berlin geboren, aber ich gebe zu, dass ich an der Stadt nicht wirklich hänge. Es beginnt
schon beim Dialekt. Ich kann berlinern, aber vermeide es tunlichst. Allein schon weil meine Mutter
dazu immer sagt: „Das klingt wie „Prenzlauer Berg, dritter Hinterhof!“. Auch wenn DAS
mittlerweile wohl eher ein Kompliment wäre, stammt dieser Ausspruch noch aus Zeiten, als der
Prenzlauer Berg eher eine Art MV war. Vom Publikum her.
Die berühmte Berliner Schnauze ist für mich auch ein Grauen. Jedes Mal, wenn ich in
Süddeutschland bin, denke ich „die sind alle so freundlich hier, was ist los?!“.

 

 
Wegziehen wäre prinzipiell gut vorstellbar, aber aufs Land?
Da ich sehr viel in Berlin unterwegs bin, kenne ich mittlerweile fast jede Ecke. Überall bin ich
schon einmal gewesen, habe ich die letzten Jahre auch so manche ungeahnt schöne Gegend
gefunden, aber es bleibt dabei: ich hänge nicht an dieser Stadt. Sie ist dreckig, arm und schon seit
Jahren nicht mehr sexy.
Wenn ich in der Innenstadt unterwegs bin, rollen die Rollkoffer um mich herum. In meinen
Lieblingsclub, in dem ich einst jedes Wochenende verbrachte, sind nur noch Touristen. Im
Friedrichshain und Prenzlauer Berg wird man umzingelt von Ü40-Müttern mit grauem Haar, die
Kinderwägen mit integriertem Fellhandschuhen herumrollen und selbst (!) Smalfolk-Mützen tragen.
Im gleichen Apfel-Design wie der Body des Babys.
Und der Rest der Stadt… der wirkt oft sehr alt. Oder grau. Oft beides gleichzeitig.
Mich hält hier nichts. Eigentlich.

 

 

 


Im letzten Jahr hat für mich die Chance bestanden, aufs Land zu ziehen. In einen kleinen Ort nahe
Heidelberg. Dort lebten meine Schwiegereltern und als klar war, dass sie dort nicht mehr allein
leben können, stellte sich die Frage: ziehen wir hin oder sie nach Berlin? Alte Leute sollte man nicht
„verpflanzen“, andererseits kannten sie in ihrem Ort eh kaum jemanden. Obwohl sie dort über 40
Jahre gewohnt haben, waren sie in der „Dorfgemeinschaft“ nicht wirklich angekommen und lebten
zurückgezogen. Das Klischee, in einem Dorf würden alle aufeinander irgendwie achten, hat sich
nicht bestätigt.
Und wir alle aufs Land, damit sie dennoch dort bleiben können?
Eigentlich haben mich immer schon die Besuche auf dem Land immer nach kurzer Zeit genervt.
Mehrfach bin ich nach wenigen Tagen abgereist, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe – was nur
zum Teil an der Verwandtschaft, zum großen Teil aber an der Umgebung lag. Vermutlich wäre es
wirklich nichts für mich gewesen. Mir fehlt dort vieles.
Es fängt bei der Infrastruktur an. Ich fahre nicht gerne Auto, aber auf dem Land ist man ohne völlig
aufgeschmissen. In manchen Orten gibt es nicht einmal einen Supermarkt. Und überall immer mit
dem Bus oder Bahnen hinfahren? Im Ort meiner Schwiegereltern fährt immerhin alle halbe Stunde
ein Bus. Das empfinde ich bereits als relativ wenig. Zumal abends irgendwann gar nichts mehr geht.
Gut, die Tram bei uns fährt nachts auch nicht, aber dann gibt es einen Taxi-Service. Ich würde nie
stranden. Dort schon.

 

 

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Rainer Strurm/pixelio.de

 

 

 

Mir würden auch die Bahnhöfe und Flughäfen fehlen. Dass ich nach Tegel mit dem Fahrrad fahren
kann, finde ich großartig. Und dass ich mit einem günstigen Bahnticket durch die Gegend fahren
kann, finde ich auch super. Und der Bahnhof ist leicht erreichbar und alle Züge halten in Berlin.

 

 

 

Und was ich auf dem Land auch nicht mag: dieses ständige Beobachten der Mitmenschen. Im Ort
meiner Schwiegereltern hatte ich immer den Eindruck, unter Dauerbeobachtung zu stehen. Läuft
man die Straße herunter, wird gehupt und gewunken. Während man noch grübelt, wer das denn jetzt
war, ist derjenige auch schon weiter. Das finde ich unheimlich.

 

 

 

 

Auch die soziale Kontrolle ginge mir zu weit. Eine Freundin von mir lebt auf dem Land in Bayern.
Einmal habe ich mit ihr geskypt. Plötzlich meinte sie, sie müsse sich mal kurz unter dem Tisch
verstecken, der Pfarrer schleiche ums Haus und sie mag gerade nicht mehr ihm reden. Ich saß
damals in unserer Wohnung im dritten Stock und konnte mir nicht ansatzweise vorstellen, dass ein
Pfarrer durch die Fenster schaut, suchend, ob man denn zu Hause ist.

 

 

 

Aber auch andere Formen der Kontrolle gibt es mehr auf dem Land. Ich habe sie selbst erlebt: man
geht mit den Kindern auf den Spielplatz. Es ist menschenleer. Man denkt, nirgendwo kommt jetzt
jemand daher, der der Ansicht ist, einem seine Meinung aufzudrücken. Aber dann, nachdem man
schon eine Stunde dort war, dann geht plötzlich ein Fenster auf und jemand brüllt einem
Erziehungstipps wie „ziehen Sie dem Kind etwas wärmeres an!!“ über die halbe Straße.

 

 

 

DAS war für mich im letzten Jahr das Schlüssel-Erlebnis, dass ich niemals aufs Land ziehen
möchte. Ich werde da vermutlich paranoid und bekomme Verfolgungswahn – vor Pfarrern vor
Fenstern, vor fremden Leuten, die anscheinend immer an Fenstern stehen und Autos, die wegen mir
hupen. Und vor Leuten, deren Dialekt ich überhaupt nicht verstehe.

 

 

 

Aber letzte Woche hat mich jemand auf eine andere Idee gebracht. Sie erzählte, dass sie nach La
Réunion (denn es ist in der EU) ziehen wird, sobald ihre Kinder erwachsen sind. Da sie
alleinerziehend und teilzeitarbeitend ist, wird ihre Rente so niedrig sein, dass sie hier ¾ ihres Geldes
für Heizung und Strom ausgeben würde– das will sie mit einem Umzug in nicht so heizintensive
Gebiete verhindern. Das ist gar nicht mal so eine schlechte Idee… Allerdings ist so eine kleine Insel
ja irgendwie auch ganz schön ländlich…

 

 

Gastbeitrag von Amelie aus Berlin. Ich hatte von Berliner Bloggern wissen wollen, was sie eigentlich noch in der Stadt hält. Obs auf dem Land nicht viel schöner wäre.

 

 

9 Kommentare

  1. Hallo Gastbeiträgerin Amelie. Ich bin vor 34 Jahren aufs Land gegangen und hab’s nie bereut. Und bin auch nicht paranoid geworden (Eigendiagnose). Hab in den 3 Jahrzehnten viele kommen und auch wieder gehen gesehen. Meine 1. Frau ist auch „gegangen“: war halt nix los hier. Ich hab mir ein Haus ganz selbst gebaut und da lebe ich nun in einem Komfort, wie ihn Kaiser und Könige nie hatten. Und eine Frau, die gern mit mir hier lebt, habe ich auch vor 25 Jahren gefunden. – 2 Dinge scheinen mir zentral: 1. man muss gut damit leben können, dass man wenige findet, die ähnlich denken wie man selbst, 2. man muss natürlich irgendeine materielle Basis haben. – Wir sind mittlerweile Rentner – und das ist wahrlich perfekt. Ich erfreue mich täglich am vielen Platz, an der frischen Luft, an der Ruhe. Kann nicht sagen, dass ich mich je überwacht gefühlt hätte. – Kurzum: ich würde nie und nimmer nach Dortmund, Dublin, oder wo ich sonst noch so gelebt habe, zurück. – Noch irgendwelche Fragen? Frohes Fest wünscht der Ernst K.

  2. Reunion ist gnadenlos ländlich !
    Habe unlängst eine alte Schulfreundin getroffen, die von dort wieder geflüchtet ist.
    Tja es ist schwierig. Am besten haben es die, die auf dem Land aufgewachsen sind, dort Ihre Leute haben und keinem mehr erzählen müssen, wer Sie sind.
    Kenne einige, die jetzt alle wieder zurückgekommen sind.
    Aus Kanada, Neuseeland, New York oder auch ( hust ) Berlin.
    Ja, Sie kommen alle wieder.

  3. also ich habe immer in der grossen stadt (naja…. war nicht so groß, frankfurt halt) gewohnt. unser wohnviertel – mitten in der city am eisernen steg – war sehr ländlich, was die nachbarschaftskontakte angeht.
    nun bin ich meistens auf der insel (ostsee) und die ist sehr ländlich. da ist es wirklich eng…. aber das geschwätz kümmert mich nicht (bin halt alt genug). lg ro

  4. Hi 🙂

    Schöner Beitrag. Danke dafür.

    Aber er ist in sich widersprüchlich, denn Du meinst einerseits, „Das Klischee, in einem Dorf würden alle aufeinander irgendwie achten, hat sich nicht bestätigt.“ Die dann folgenden Absätze drehen sich aber andererseits darum, dass Dir das „aufeinander Achten“ unheimlich ist und Dich nervt.

    Mit Deinem Eindruck, auf dem Land „unter Dauerbeobachtung zu stehen“, hast Du vollkommen recht.

    Man muss seinen Weg finden, damit umgehen zu können, insbesondere – umgehen zu wollen. Denn das ist es, was meine Frau und mich noch heute so unheimlich nervt und wir es genießen bei einem Besuch in der Großstadt, nicht permanent angeglotzt zu werden.

    Denn vor 7 Jahren sind wir von der Stadt aufs Land gezogen, weil uns die Stadt nervte und wir etwas zur Ruhe kommen und eine Familie gründen wollten. Das mit unserem Nachwuchs hat bestens geklappt, für die Ruhe haben wir unser Grundstück inzwischen in einen Schutzwall verwandelt.

    2 Meter hohe Zäune, meistens blickdicht bepflanzt, befrieden unser Heim. Aber kaum wagt man sich aus seiner „Burg“, werden am Wegesrand geführte Gespräche Anderer unterbrochen, nur um uns anzuglotzen. Geht man in den Dorf-Netto, grüßen alle durch Winken, Anlächeln oder Anrede. Das Nichterwidern dieser unverständlichen und aufdringlichen Verhaltensweise bringt aus unserer Erfahrung überhaupt nichts.

    Lange Rede…, wir finden uns inzwischen damit ab. Glotzen einfach zurück oder, wenn sich die Gelegenheit bietet, sprechen wir die Leute nach einer Glotzattacke direkt an mit der Frage, ob es irgendwas mitzuteilen gibt, was ja ein Grund dafür sein könnte, dass man angeglotzt wird.

    Ankommen werden wir in dieser Dorfgemeinschaft nie. Aber wollen wir das? In der Großstadt wollten wir das auch nicht, dafür lebt es sich hier einfach ruhiger. Und wenn wir den Trubel brauchen, setzen wir uns ins Auto und fahren in die Glotzfreie Großstadt.

    Liebe Grüße vom Dorf 🙂

    • Hallo, Dein Beitrag macht mich irgendwie traurig. Angeschaut werden kann Neugierde sein, oder Interesse – muss nicht immer böswilliges Beobachten sein. Menschen, die anderen Menschen begegnen, miteinander in einem Ort wohnen und sich wahrnehmen, einfach so. Bei meinen Besuchen in Städten begrüsse ich manchmal fremde Menschen, wenn es Blickkontakt gibt. Die meisten lächeln zurück und grüssen auch, es gab schon wunderbare Gespräche. Die grundsätzlich misstrauische Haltung, die Unterstellung, der andere Mensch will einen auskundschaften, verhindert viel.

    • „Glotzattacke“ ist schön! Kennt man. Grmpf. Wenns ganz arg ist, spreche ich die Leute inzwischen freundlich an, ob wir uns vielleicht kennen, weil sie so gucken. Sie glotzen dann zumindest in eine andere Richtung. 😉

  5. @ Roswitha

    „Die grundsätzlich misstrauische Haltung, die Unterstellung, der andere Mensch will einen auskundschaften, verhindert viel.“

    Naja…, die Anfänge auf unserem Dorf waren eben so, dass wir (im naiven Glauben) mit Einem was erzählt hast, was am Abend alle Anderen wussten und den nächsten Tag dazu nutzten, uns daraufhin anzusprechen. Das Thema war eigentlich egal…, es war immer und mit jedem so.

    Da wächst Misstrauen, da wächst Unverständnis. Und da wächst der Zaun um unser Gehöft umso höher.

    Was wir wollten, war bessere Luft, kein Lärm und etwas mehr Weite für den Blick und den Geist. Das haben wir hier gefunden, müssen allerdings damit umgehen, keine echten Freundschaften mehr in unserem Umfeld aufbauen zu können.

    Schönes Blog übrigens. Ich habe mich inzwischen richtig eingelesen, was mir großen Spaß bereitet hat.

    Allen ein gesundes und glückliches Neues Jahr. 🙂

  6. war jahrelang zeitweise als working guest auf gomera.

    sage nur: inselkoller!!!!

    da ist echt was dran.

    nix mit schnell mal wech und so…………..

    tja, überall ist alles anders………obs besser ist? ausprobieren 🙂

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