Landlektionen.

 

Was ich im Odenwald schon gelernt habe.

 

Foto: S. Hoschlaeger/pixelio.de

Foto: S. Hoschlaeger/pixelio.de

 

 

Heute: 

Daß man sich nicht einfach irgendwo hinsetzen kann. (Also, ehrlich.) 

 

 

 

Ich erinnere mich an einen sonnigen Sonntagmorgen auf dem Lande, als Geo und ich kurzentschlossen in einen Gottesdienst wollten. Solls ja geben, sowas. Wir betraten also die – uns noch unbekannte – Kirche, hielten in dem halbleeren Gebäude nach einem freien Platz Ausschau und setzten uns in eine der verwaisten mittleren Bänke.

 

So nahm das Unheil seinen Lauf.

 

Es näherte sich – die Glocken läuteten – ein dicker alter Mann mit sauer-Zitronen-Gesicht, er blieb neben der Bank stehen, schloß die ohnehin schon zu Schlitzen verengten Augen zu Gebet und Sammlung (nehme ich jetzt mal so an), verharrte dort einen Moment, wie man das so macht als braver Christ im Gottesdienst, wandte sich dann uns zu und machte eine Handbewegung.

 

So eine, wie wenn man eine widerliche Schmeißfliege vom Frühstückstisch wegwedeln möchte, die sich eben anschickt, auf dem Marmeladenbrot zu landen. Wir sprangen auf, als hätte uns der glühende Bannstrahl des Allmächtigen höchstpersönlich getroffen und rückten hektisch ein paar Meter weiter Richtung Wand.

 

Wir hatten auf seinem Stammplatz gesessen.

 

 

 

 

Ich gebe zu: ich kannte das Wort Stammplatz nur aus der Erinnerung. Zu Grundschulzeiten hatten wir Stammplätze, und wenn irgendein Hirni es wagte, sich bei der Vorführung der Marionetten-AG genau auf unseren Stammplatz in der Aula zu setzen, schubsten wir ihn rüde weg, zogen ihn an den Haaren oder schrien mit weinerlicher Stimme nach der Lehrerin.

 

 

Daß es Stammplätze allerdings auch im Leben von Erwachsenen geben kann, war mir nicht bewußt, bis ich aufs Land zog. Stammplätze in der Kirche. Oder – logo – im Wirtshaus. Dabei impliziert hier das Wort Stamm-Tisch ja bereits, daß es sich um Stamm-Plätze handeln muß, nur leider sind Stamm-Tische in der Provinz mitunter nicht als solche gekennzeichnet. Wozu auch? Der Einheimische saugt Verteilung und Belegungszeiten der Stammplätze quasi mit der Muttermilch auf, was braucht der also eine Kennzeichnung? Bloß der ahnungslose Fremde stolpert direkt hinein in die Stammplatzfalle, wenn er sich am frühen Abend an den schönsten Tisch des Hauses setzt.

 

 

Hat der Gastwirt einen guten Tag, wird er Sie auf diesen Fauxpax freundlich hinweisen und Ihnen strahlend einen anderen Tisch anbieten, mindestens genauso schön.

 

Hat er einen schlechten Tag, wird er sie bellend auffordern, gefälligst anderswo hinzusitzen (wie man hier so sagt.).

 

Hat er einen noch schlechteren Tag, läßt er Sie schmoren. Versammelt die langsam eintreffenden Stammgäste an der Theke, von wo aus Sie mit empörten Blicken durchbohrt werden, während Sie noch nichtsahnend zwischen Schnitzel und Toast Hawaii abwägen. Wer die Situation jetzt noch retten will, tritt den geordneten Rückzug an. Ach, ist das hier der Stammtisch? Ohgottohgott, Verzeihung, das haben wir nicht gewußt. Da gehen wir ja selbstverständlich sofort unverzüglich gleich woanders hin. Am besten, Sie gehen ans andere Ende des Gastraumes, sicher ist sicher. Wer war DAS denn?, schreien Ihnen die stummen Blicke nach, und na, die haben ja Nerven!

 

 

Also: Lektion gelernt: In der Kirche erst hinsitzen, wenn alle anderen da und die Stammplätze also verteilt sind. Quasi bis zum Orgelvorspiel an der zugigen Tür stehen bleiben. Das ist zwar reichlich ungemütlich, aber letzten Endes äußerst klug. Selig sind die Geduldigen, undsoweiter, na, Sie wissen schon. Im Gasthaus schon beim Hereinkommen genau die Lage checken. Gegebenenfalls den Wirt um Rat und Unterweisung bitten. Bei den ersten bösen Blicken aufspringen und Tisch wechseln. Sie machen sich nur unglücklich sonst. Glauben Sie mir. 

 

 

 

 

 

 

 

16 Kommentare

  1. Ich habe schon Gasthäuser erlebt, da waren Namensschilder an den Tresen geschraubt. Und neulich in Franken waren wir in einem Wirtshaus, da standen auf dem Regal Bierkrüge mit den Namen der Stammgäste … Aber in Berlin werden die Reviere der Gangs ja auch mit Tags markiert – scheint so ein Männer-Ding zu sein ;o)

  2. Jahaha.
    Stell Dir vor, du arbeitest in einem der berühmten sog. mittelständischen Unternehmen im Südwesten.
    Mit einem Parkplatz. Einem großen Parkplatz. Mit vielen Parkplätzen.
    Weil man vor 20 Jahren noch an unbegrenztes Wachstum glaubte und den Parkplatz dem in 20 Jahren zu erwartenden Mitarbeitervolumen anpasste.
    Und Du stellst Deine Karre irgendwo hin.
    Oh weh. Stammplätze !

  3. Ich hatte das hier auch schon, in der Kirche. Allerdings freundlicher und mein großes Herz (*räusper und hüstel*) bedienend. Und in Geduld und Nachsicht prüfend. Diese lächelnde Aufforderung, mich doch bitte wegzubewegen kurz vorm Vorspiel. Und das, obwohl ich nunmehr Pfarrmann bin seit drei Jahren (was ich ja auch nie glaubte, es/sowas einmal sein zu sein). Himmel! Vielleicht aber genau deshalb, weil. /Für mich übrigens genau dies so eine Sache, weshalb ich das Leben auf dem Lande so mag. Stets allerdings nur als Ergänzung. Bilde ich mir jedenfalls ein. Die Mischung machts, dass muß man sich immer wieder sagen, dann funktionierts schon.

    • Sie haben Dich als Pfarrmann weggescheucht?? Das ist ja fast schon wieder schön. Und vorallem herrlich evangelisch! Überhaupt kann man diese ganze Stammplatzgeschichte ja auch von einer anderen Seite sehen. Und vielleicht sind wir bloß neidisch auf so viel zuverlässige Beständigkeit. Auf die Verläßlichkeit. Das hat ja sicher auch was.

  4. Also gegen manche Erwachsene sind die Kids im Kindergarten erschreckend erwachsen… ne so ein Blödsinn, das man sich als Erwachsender so anstellen kann. Aber ich hab herrlich gegrinst beim Lesen

  5. Als ich knapp 18jährig meine erste Arbeitsstelle antrat, musste ich morgens um kurz nach sechs Uhr mit dem Linienbus, der nur bei dieser einen Fahrt auch das abgelegene Industriegebiet ansteuerte, in die 10 km entfernte Kreisstadt fahren. Am ersten Arbeitstag also bestieg ich aufgeregt und stolz (endlich fast erwachsen!) den Bus, setzte mich irgendwo hin, nicht ohne die Sitznachbarin und überhaupt die ganze Umgebung freundlich zu grüßen. Kurz vor Abfahrt des Busses kam noch ein gar nicht alter Mann daher, stellte sich wortlos neben mich und blieb die ganze Fahrt über da stehen, obwohl weiter vorne noch ein paar Plätze frei gewesen wären. Ab und zu schnaufte er vernehmlich, ich schob das auf allgemeines Unbehagen, schließlich war’s ja früh am Morgen und die Straße recht kurvenreich.
    Am nächsten Tag wiederholte sich das Spiel. Der Mann schaute mich diesmal böse an, aber ich dachte mir immer noch nix. Am dritten Tag wieder, langsam wurde mir mulmig. Plötzlich regte sich neben mir ein Ellenbogen, und die Frau wisperte: „Sie, Freilein, Sie sitzet fei uff dem sei’m Platz.“ Fragen Sie nicht, wie eisern ich ab da auf den Führerschein gespart habe!

  6. Durch den Busstammplätzlerterror dermaßen auf Linie gebracht, blamierte ich mich Jahre später nochmals aufs Äußerste. Ich, Landpomeranze durch und durch, war gerade der großen Liebe wegen nach Stuttgart gezogen. Zur Arbeit wollte ich nicht mit dem Auto, also Straßenbahn. Am ersten Arbeitsmorgen in aller Herrgottsfrühe zur Haltestelle. Die Straßenbahn steht schon da, grad noch reingesprungen, so ein Glück, aber ich hab nix Besseres zu tun als den versammelten Halbschläfern ein fröhliches „Guten Morgen“ entgegenzuschmettern, so wie ich es früher vom Linienbus ja anerzogen bekommen hatte. Huch! Alles war schlagartig wach, Zeitungen wurden hektisch zusammengeklappt, Taschen durchwühlt, verlegen geschaut. Ich blickte es wieder mal nicht, auch nicht, als ein genervtes „Oaaah…“ durch den Wagen klang. Unverdrossen suchte ich mir einen freien Platz, selbstverständlich nicht ohne vorher zu fragen, ob „hier denn noch frei“ sei. Wenn Blicke töten könnten…
    Abends erzählte ich meinem Liebsten noch immer verwundert von meinen morgendlichen Erlebnissen. Nachdem er sich halb tot gelacht hatte, erklärte er mir, dass in der Straßenbahn niemand „Guten Morgen“ rufe, es sei denn, man wäre Fahrkartenkontrolleur! Und man sitzt einfach hin wo’s Platz hat!
    Ich bin im Nachhinein froh, dass ich damals nicht auch noch ein Gespräch mit den Sitznachbarn begonnen habe. Wahrscheinlich hätte sonst die Straßenbahn ganz außerplanmäßig direkt vor dem Bürgerhospital gehalten.

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