Verbrannte Erde.

16. August 2014

 

 

wind

 

Ein schickes rotes Sport Coupé. Cabrio, natürlich. Stadt-Kennzeichen, fernes Bundesland. Der Wagen parkt vor dem alten Vereinsheim im Nachbardorf, prominent, direkt neben dem Eingang, nicht zu übersehen. Nicht zu übersehen auch die Besitzerin im lässigen schwarzcremefarbenen Edel-Leinen Kostüm, öko-hautecouture vom Feinsten. Reduce to the maximum. Wie deplatziert steht sie da im Saal herum, das wandelnde Klischee, während sich das Vereinsheim langsam füllt.

 

Und wie sie da so in die Runde blickt, stelle ich mir vor, wie sie in Gedanken schon ihren Freunden zuhause von diesem Ausflug in die badische Provinz erzählt. Ihr könnt Euch das nicht vorstellen. Dieses olle Vereinsheim brechend voll.  Lauter Bauern. Fast nur Männer. Unglaublich. Und wie die reden. Man versteht da bloß die Hälfte. Und wie die sich aufgeregt haben.  Wenn Geschäftsfrauen in der Stadt so sind, dann gehöre ich gerne aufs Land, beschließe ich an diesem Abend endgültig.

 

 

Die Dame aus der Stadt  will ja aber keine Freunde finden hier in der Provinz. Sie will die Energiewende voranbringen. Und Geld verdienen. In diesem Fall mit Windkraft. Und an diesem Abend soll sie uns das schmackhaft machen.

 

 

 

Generell muß man den Leuten dabei  hier die Öko-Energie nicht schmackhaft machen. Generell war auch der Gemeinderat für die drei Windräder, um die es an diesem Abend geht. Die Mehrheit hier ist für die Energiewende und froh darüber, daß der alte Atommeiler im nahen Obrigheim nicht mehr am Netz ist. Gegen Windräder will man sich nicht wehren. Das Sankt-Florians-Prinzip hilft uns ja hier nicht weiter, sagen die Leute.

 

 

Wohl aber wehren sie sich dagegen, daß die Windkraftfirma ihre ursprünglichen Pläne änderte, kaum, daß der Gemeinderat sein generelles Grünes Licht gegeben hatte. Nein, 100 Meter Nabenhöhe reicht uns dann leider doch nicht, 140 müssten es jetzt mindestens schon sein, plus Rotoren macht das eine Höhe von 200 Metern minimum, sonst legen wir am Ende finanziell noch drauf.  Wir verdienen ohnehin schon kaum etwas, sagt die Windkraftfrau, überdeutlich, schulhochdeutsch und schmallippig.

 

 

windrad groß

 

Ihr junger Mitarbeiter mit der schicken Brille und den schicken Schuhen wirft aus seinem Laptop bunte Bilder an die Wand. Visualisierungen.  Auf den Visualisierungen sieht man hinter dem Wald am Horizont winzig klein ein paar Rotorenspitzen blitzen, knapp über den Baumwipfeln, unsichtbar fast. Seit wann wachsen denn da Mammutbäume?, ruft einer. Das ist keine Visualisierung, das ist eine Verarschung, sagt ein anderer  laut in den Saal. Alles johlt und klatscht. Die Dame ist empört.

 

 

Die Bauern sind es auch. Einer hat ausgerechnet, daß er  nach den neuen Planungen  im Haus und auf der Terrasse Schattenwurf durch die Rotoren  haben wird, ob denn das wohl sein könne. Ja, kann sein, sagt die Dame noch schmallippiger und würgt den Rechner mit den Visualisierungen ab. Nah genug sind die 200-Meter-Türme allemal. Weiter weg vom Dorf können wir nicht. Und kleiner bauen können wir auch nicht, verstehen Sie denn nicht: die Rendite, das macht ja alles keinen Sinn sonst.

 

 

Mit ihrer ursprünglichen Planung hatten wir uns angefreundet, sagt einer in den Saal. Das haben wir akzeptiert, von wegen Energiewende und so. Aber jetzt zaubern Sie hier plötzlich was ganz Neues aus dem Hut:  drei riesen Anlagen, jede größer als der Kölner Dom, so nah an unseren Häusern! Die Leute klatschen, einige trampeln mit den Füßen. Das klapprige Vereinsheim bebt. Ich frage Sie, ruft der Mann in den Saal, würden Sie in so einem Dorf noch leben wollen?

 

Die Dame guckt pikiert. Ich? Ich würde in so einem Dorf! überhaupt nicht! leben wollen! 

 

 

 

 

 

 

 

P.S. 

Die Begebenheit ist schon ein Weilchen her, und die Frage, wie es weitergeht, noch nicht geklärt. Daß es auch anders geht –  halbwegs im Einvernehmen mit der Bevölkerung -, zeigt ein Windpark in der Nachbarschaft. Von Betreibern, die hier leben. Wenn schon, denn schon.

 

 

 

  • 6 Kommentare
  • Waltraud Kessler-Helm 16. August 2014
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    genauso sollte es sein. Wenn schon Windpark, dann mit Leuten die hier leben und nicht mit „Auswärtigen“ denen es egal ist, ob hier Schatten auf die Häuser und Terrassen fällt. Klar geht’s auch um Rendite, aber in erster Linie sollte es um die Menschen gehen…sollte….

    • LandLebenBlog 17. August 2014
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      Aber es gibt sie ja wenigstens, die guten Beispiele. Und offenbar immer noch zu wenig Leute vor Ort, die die Sache mit der Energiewende einfach selber in die Hand nehmen und damit lenken könnten, was zu lenken ist.

  • Michael Wolf 17. August 2014
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    Manchmal denke ich, es sollte sinnvolle Fristen geben, bis zu denen sich jede Kommune/ Dorf/ Weiler… Geeinigt haben muss, wie es künftig seine Energie selber herstellt und selber verantwortet, wo der unverwertbare Müll im eigenen Dorf entsorgt wird: Windräder sind nicht wiederverwendbar weil Kohlefasern nicht verrotten; fossile Brennstoffe hinterlassen Schlacken und Abgase; biogasanlagen verbrauchen Landschaft… Die wende ist nicht einen Gott durch einen anderen zu ersetzen sondern Verantwortung zu übernehmen.

    • LandLebenBlog 17. August 2014
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      Tja. Seufz.

  • waswegmuss 17. August 2014
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    Was mich an diesen rhetorikgetunten Teflonmännchen und -weibchen nervt ist dass sie den Rest der Menscheit für ausgesprochen dumm halten und es jede Sekunde ihres erbärmlichen Daseins den Rest der Welt spüren lassen.
    Auch nach Feierabend.

    • LandLebenBlog 17. August 2014
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      Würde man diese Episode in einem Film darstellen, hätte ich als erstes gesagt: Volles Klischee, völlig übertrieben. Es ist aber tatsächlich so. Die Arroganz kommt diesen angeblichen Energieheilsbringern mitunter aus den Knopflöchern gequollen. Die Trottel auf dem Lande werden es schon nicht merken, daß es uns in erster Linie bloß ums Geld geht. So kam mir das vor. Aber – siehe link – es gibt ja auch andere Ansätze, wo die Bürger mitgenommen werden, wie das so schön heißt. Ist mir dann allemal sehr viel lieber.

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