Die Frage der Dialektik.

4. Dezember 2013

Eine Odenwälder Bekannte berichtet, ihr hoch seriöser Arbeitgeber lege großen Wert darauf, daß die hoch seriösen Mitarbeiter seines hoch seriösen Unternehmens bei Gesprächen mit hiesiger Kundschaft kein Hochdeutsch sprechen. Sondern Dialekt. Je breiter, desto besser. Jedenfalls unter keinen Umständen Hochdeutsch.

Hochdeutsch klingt intelligent.

Also arrogant und abgehoben.

Un so wolle mir ja net wirke, odda?

 

Nein, wer will das schon. Blöd nur, daß ich außer Hochdeutsch wenig kann. Dialekt haben sie uns im Berlin meiner Jugend ja verboten. Hochdeutsch mussten wir reden.

Hochdeutsch klingt intelligent.

Also wohlerzogen, weltgewandt, gebildet.

 

Kommste ganz schön durcheinander hier.

Weißte jetzt aber auch immer mehr, warum die sich alle manchmal so schwer tun mit Zugereisten wie mir.

 

Foto. Claudia Brefeld/pixelio
Foto. Claudia Brefeld/pixelio

 

 

 

 

 

  • 11 Kommentare
  • Montez 4. Dezember 2013
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    Ja, das kenne ich auch genau so. Wenn ich früher in der Familienbäckerei gejobbt habe, wurde ich von den anderen Angestellten behandelt, als würde ICH denken, ich sei was besseres. Nix zu machen. Ich hätte alles dafür gegeben, so „schnorren“ zu können wie die anderen und habe meine Eltern verflucht, die so viel Wert darauf legten, daß ihr Kind ordentlich Hochdeutsch lernt. Und mich sogar in einen fernen Kindergarten schickten. Ich denke, meine Mutter (einheimisch) hatte ein Kindheitstrauma, denn sie hat es als sehr schwer empfunden, eine zweite (Hoch-)sprache zu lernen. Mein Vater aus dem Nordosten hat bis zu seinem letzten Atemzug verweigert, den hiesigen Dialekt auch nur zu verstehen. Ging auch irgendwie. Aber dem war sowieso egal, was andere Leute dachten.

    • Friederike 4. Dezember 2013
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      Ich könnte ja zur Not berlinern, aber das geht halt auch in meinem Job nicht. Nicht wirklich.

  • Manuela 4. Dezember 2013
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    Wir sprechen hier noch viel Dialekt, außer in der Schule, aber im Kollegium und sonst überall nur Dialekt, den zugereisten übersetzen wir dann. In Heimatkunde habe ich mit einer Klasse an Fasnet sehr viele
    alemannische GEdichte vorgetragen und ein Weihnachtsstück geschrieben, welches wir in Mundart an Weihnachten 3x aufgeführt haben, nächstes Jahr wird es wieder gespielt, gerade in Altenheimen sind die dankbar, wenn man ihre Sprache spricht, es vermittelt heimatgefühl und die Alten waren begeistert. Auch zu Hause reden wir Dialekt, da lege ich Wert drauf,
    So wachsen meine Kids mehrsprachig auf und haben auch keine Probleme Schweizer oder Elsässer zu verstehen, wir sind da sprachlich ja sehr
    verwandt und wohnen nah beieinander.

    • Friederike 5. Dezember 2013
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      Beneidenswert. Sowas fehlt uns preußischen Berlinern vielleicht einfach. Und macht das Leben in Süddeutschland etwas schwieriger, weil man – siehe oben – leicht mal für arrogant gehalten wird.

    • Montez 6. Dezember 2013
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      Das ist interessant. Unterschiedlich. Ich würde behaupten, daß in meiner Generation hier auch noch jeder Schweizerdeutsch, Vorarlbergisch und Elsässisch versteht. Und kein Thurgauer würde auch nur ein Fünkchen Hochprache mit einem deutschen Nachbarn sprechen. Zurecht.

      Nicht sicher bin ich bei den Kindern. Die wollen auch nicht, finden das peinlich. Und es gibt hier am Bodensee so viele Zugezogene, daß in Kindergarten und Schule so gut wie niemand mehr Dialekt spricht. Auch von den Erwachsenen. Ich bedaure das sehr.

      • Friederike 6. Dezember 2013
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        Gilt denn am Bodensee das Hochdeutsche auch als arrogant – oder ist das wieder mal so ein Phänomen der ehemals (und immernoch armen Gegenden Deutschlands?

        • Montez 7. Dezember 2013
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          Wie gesagt, ich kenne das fast nur noch von früher (Bäckerei). Außer, wenn ich mit dem Bauern zu tun habe, dessen Wiese an meine grenzt, meinem Nachbarn sozusagen. Der fasst mich nur mit der Kneifzange an. Das mag aber noch andere Gründe haben.

          Einige meiner Freunde und meine ganze mütterliche Familie spricht tiesfsten Dialekt (außer meiner Mutter), die haben sich inzwischen dran gewöhnt, daß ich nur das halbe Tempo kann und die halbe Schlagfertigkeit kann (obwohl es mir eigentlich anbeidem nicht mangelt). Der „Neffe“ spricht eher Fernsehsprache. So Boff, Boing und Alta.

  • Waltraud Kessler-Helm + Hanno Helm 5. Dezember 2013
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    Liebe Friederike….geht nicht, gibt’s nicht. Das heisst, warum nicht mal ne Reportage auf Dialekt bringen, warum nicht auch auf berlinerisch? Ich war vor einigen Jahren Chatscout, als es AOL noch gab. Wir haben des Öfteren damals Chats auf Dialekt gemacht. Das kam super gut an. Musste nur Deinem Vorgesetzen schmackhaft machen….Liebe Grüße Waltraud

    • Friederike 5. Dezember 2013
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      Mach ich. Wenn ich bei der hiesigen Zeitung wäre, hätte ich mich selbst ja längst schon für eine Kolummne engagiert. ;-)

  • tikerscherk 5. Dezember 2013
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    Während meines Studiums in Würzburg fiel ich immer wieder unangenehm auf, weil ich Brötchen beim Bäcker bestellte und beim Betreten von Geschäften „Guten Tag“ sagte.
    Erst, als ch „Grüß Gott“ und „Semmeln“ sagen konnte, fand mich keienr mehr arrogant und städtisch.

    • Friederike 5. Dezember 2013
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      Ging mir während der Ausbildung am Münchner Marienplatz genauso…

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