Landpartie.

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Ein Stück hinterm Haus weiden braun- weiße Kühe. Wabernd steigt der Dampf vom Misthaufen empor, mischt sich in das letzte Abendrot. Im Stall zwei Dutzend Tiere. Gleichmäßiges Kauen und Schnaufen in der warmen Luft, unterbrochen nur vom leisen Klirren der Gitterstäbe an den Futterraufen. In einer abgelegenen Ecke säugt eine Katze ihre Jungen. Ein paar Spatzen suchen schimpfend zwischen den dunklen Holzbalken ihr Nachtquartier. Man fragt sich, wo der Fotograf der LandLust bleibt, bei so viel Beschaulichkeit.

 

Die LandLust-Reporter waren noch nicht da, aber manchmal kommen uns unsere großstädtischen Freunde Ilka und Ben mit ihren Kindern auf dem Dorf besuchen. Dann müssen wir immer auch zu Bauer Edwin nebenan. „Ach, ist das hier idyllisch“, rufen Ilka und Ben enthusiastisch  und betrachten staunend die Tiere und den Stall, stehen ehrfürchtig vor dem stinkenden Misthaufen wie vor einem Gemälde von Rembrandt. „Pferd!“, schreit Sohn Rafael und zeigt mit dem Finger auf eine dicke Kuh. In seinen Wimmel-Bilderbüchern seien die Pferde allesamt so füllig-rund abgebildet, dass eine Verwechslung schon mal passieren kann, sagt Ilka entschuldigend zu Bauer Edwin.

 

Der taxiert kurz die versammelten Großstadtschuhe an den Füßen. „Sind Sie hier auf Urlaub?“ fragt er. Nein, nur ein Zwei-Tages-Ausflug, von der großen Stadt in die Provinz. „Mallorca!“ krächzt Klein-Marie in Erinnerung an den diesjährigen echten Urlaub. Den Opa haben sie besucht, mit 65 hat er sich eine kleine Rentnerresidenz auf Mallorca gegönnt, dort genießt er nun den Ruhestand.

 

Auf Mallorca war Bauer Edwin noch nie. Überhaupt ist „Urlaub“ für den 60jährigen so etwas wie ein Fremdwort. Nur einmal, damals, vor 15 Jahren, hat er sich und seiner Gerda ein paar Tage in Italien gegönnt, das erste und das letzte Mal im Ausland. „Beim ersten Expresso  meines Lebens habe ich gedacht, die wollen uns vergiften“, sagt er.

 

Die Kühe müssen 365 Tage im Jahr versorgt werden, da ist das mit dem Urlaub eher nichts. „Aber morgens und abends füttern – das kann doch mal ein andrer für sie übernehmen“, schlägt Ben staatsmännisch vor. Bauer Edwin schaut in die großstädtische Runde, als habe er arme Irre vor sich. „Füttern? Futter säen, düngen, ernten, Futter richten, Füttern, Melken, Milch vermarkten, Stall säubern, Mist fahren… da kommt ein bißchen mehr zusammen“, erklärt er, nachsichtig.

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Das alles  macht Edwin vor oder nach Feierabend, denn hauptberuflich schuftet er bei einem großen Autobauer. „Naja, aber dann verdienen Sie ja wenigstens jeden Monat richtig ordentlich Geld!?“ Zwei Vollzeitjobs pro Tag – Geschäftsmann Ben ahnt in Bauer Edwins Augen schon die Dollarzeichen. Allein die Milchmenge!: 270 Liter geben Edwins Kühe Tag für Tag. Was kriegt man für den Liter? Sicher einen Euro oder sowas.

 

Ha, ha, lacht Edwin etwas unschlüssig. 26 Cent bekommt er von der Molkerei pro Liter. In guten Zeiten auch mal 28, manchmal sogar 30 Cent. Steigende Energiekosten, steigende Futterpreise, „mein Aufwand liegt bei 40 Cent pro Liter, Minimum“, rechnet Edwin vor und stützt sich auf die Mistgabel. Die Viecher sind ein teures Hobby.  „Und warum geben Sie den ganzen Kram nicht einfach auf?“ fragt die solargebräunte Ilka verständnislos. „Weil es hier halt immer so war“, sagt Bauer Edwin. Fürs erste muss das als Erklärung reichen.  Der Kuhstall ruft, und es wird langsam finster. Irgendwann will Edwin auch mal Feierabend machen.

 

14 Kommentare

  1. Ja, es gibt immer mehr Nebenerwerbsbauer und unser Bauer kann auch nur in
    Urlaub, weil er einen Sohn hat, der dann die Kühe versorgt und eine Schwiegertochter, die das Dorflädchen auffüllt.
    WEnn mich der Text nicht so nachdenklich machen würde, könnte Frau drüber lachen….
    LG Manu

    • Aber manchmal isses schon unglaublich, wie wenig die Städter so wissen… ich meine, da werden immerhin (im besten Falle ) IHRE Lebensmittel produziert. Aber dann denke ich wieder, halt! nicht so arrogant!! ICH war genauso unwissend.

      • Es ist nicht nur unglaublich, ich finde das erschreckend.
        Mein Sohn war im Sommer mit seiner und der Parallelklasse
        auf einem HOf in der Umgebung, die machen, Käse, Butter,
        Eis usw. , einige wussten nicht wie man selbst Butter macht, usw.
        und wir wohnen schon auf dem Land…….
        Arrogant finde ich es nicht und man darf ja auch unwissend sein.
        Wir müssen es nur unseren Kindern wieder beibringen…
        also ich musste es meinen jetzt nicht, da ich in ländlicher Gegend
        groß wurde und die Kids auch, aber auch ich hatte hier schon
        Kinder, die erstmal sahen WO eigentlich die Himbeeren wachsen…
        So, ich muss nun Sohnemann aus dem Bett werden und probier gleich mal noch von hier aus auf meinen Blog zu kommen…
        LG Manu

        • Tja, sebst hier auf dem Dorf sind im Rahmen der „Ferienrogramme“ für Kinder immer jene Termine der Hit, wo ein Bauernhof besucht wird…. Ist schon verrückt.

    • Sie sind ja schon dabei auszusterben. Man kann quasi zugucken. Aber vielleicht schlägt das Pendel – wie manchmal – irgendwann in die andere Richtung um?

      • Ja, hier kann man dem Sterben auch zu schauen, aber es gibt immer
        wieder welche, auch jene wie du und ich, die dann so einiges umsetzen und ich zieh gerade einen zukünftigen Bauern groß, seit er reden kann und das war mit knapp einem Jahr, waren die ersten Worte Muh und meckmeck, nun äußerst sich das in Kuh und Ziege. Pflegeziegen hat er ja nun, wie man auf meinem Blog sehen kann. Nun ist der Bub 12 und ist auf jeder landwirtschaftlichen Ausstellung zu finden, hat sich schon für einen Traktor entschieden und was er alles anbauen will, das sind die Aussteiger, die nicht mit dem Trott
        mitziehen, das ist seine Generation, unsere Zukunft und die neue
        Bauerngeneration…wir müssen sie nur bestärken es zu tun und
        ich werde sogar noch mitmachen, das sag ich dir. Irgenwann hab
        ich mit meinem Jüngsten einen Hof…
        LG Manu

  2. Tja, irgendwie alles sehr nachdenklich und traurig machend.
    Klar kann man nicht alles wissen, was wie woher kommt etc, aber die Milchgeschichte war doch letztes (oder vorletztes ?) Jahr eine grosse, dass die Milchbauern nicht mehr auf ihre Kosten kommen. Das finde ich dann schon schade, wenn das nicht gewusst wird.

    Hier in Frankreichs Pampa gibt es noch mehr Vollerwerbsbauern als in D, wobei ich nicht weiss, ob das wirklich ein voller Erwerb ist, der dabei rumspringt, wenn es keine grossen Betriebe sind (ab 100 ha …).
    Jedenfalls gibt es kaum Erst- bzw Zweitjobs – schlicht, weil es hier nix gibt. Industrie- und Dienstleistungsbetriebe so gut wie keine. Und die, die es gibt, bieten entweder Saisonarbeit (4 bis 10 Wochen jährlich), oder arbeiten als Einmannbetrieb (Buchhalter zB für die grösseren Höfe) oder Pflegekräfte für Alte und Kranke (wobei dies manche Bauernehefrau als Nebenverdienst macht, also doch).
    Im Zweifel werden sämtliche anbaubaren Lebensmittel selbst angebaut dann kann man Ausgaben reduzieren …

    Schade, dass über kurz oder lang so vieles verloren gehen wird, das meiste wird ja sowieso schon mehr oder weniger industriell hergestellt, und die „echten“ Geschmäcker der Lebensmittel kennt man gar nicht mehr (und da will ich mich gar nicht ausnehmen).

    • Ich frage mich nur immer zwischendurch, wo das alles hinführen oder enden soll. Wenns keine Bauern mehr gibt, hierzulande. Und ob diesen Entwicklungen wirklich umkehrbar sind, wie Manuela hofft?

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