“Habe doch ein bißchen Heimweh”

11. März 2021

Im Internet bin ich zufällig auf diese alte Postkarte gestoßen und musste sie dann doch bestellen. Weniger wegen des Textes, den ich ohnehin kaum entziffern kann, als vielmehr wegen des Motives. Gasthaus Zum Adler, Waldkatzenbach, Luftkurort und Wintersportplatz. Zwei Euro hat mich der Spaß gekostet, inklusive Porto, ich scheue ja weder Kosten noch Mühen.

Es gibt sehr gutes Essen und wir gehen viel spazieren, lese ich auf der Karte, und Habe doch ein bißchen Heimweh. Der Adler war wohl nicht immer nur Gasthof und Pension, sondern auch mal ein Erholungsheim, vielleicht war die Kartenschreiberin nicht für die Sommerfrische zu Gast in diesem Hause, sondern von der Kasse geschickt, wegen Atemwegsbeschwerden, irgendsowas in der Art.

Der Adler selber jedenfalls sitzt seit Jahrzehnten da oben, vielleicht sogar schon seit 1922, das wäre also dann seit 99 Jahren. Er blickt schweigend hinunter aufs Dorf, auf die einzige ernstzunehmende Kreuzung im Ort und denkt sich seinen Teil. Zu gerne wüsste ich, was er schon alles gesehen hat, welche Gäste er hat kommen und gehen sehen, vielleicht ganze Trauben von Menschen vor dem Eingangsportal, Leute in legerer Freizeitkleidung, zünftige Wanderer. Großes Halloooo und Na, wie gehts?, Frauen, die mit Postkarten in der Hand aus dem Haus kommen und Richtung Briefkasten gehen, braungebrannte Urlauber, Großstädter auf dem Lande, Menschen mit Heimweh oder Liebeskummer, Kurschatten, Musiker, die samstagabends im Speisesaal zum Tanz aufspielen. Vierziger, Fünfziger, Sechziger Jahre vielleicht.

Irgendwann hat der Adler da oben dann vermutlich den letzten Gast das Gebäude verlassen sehen, und seitdem ist es still geworden im Haus und drumherum. Jetzt wartet er auf einen Neubeginn, auf bessere Zeiten, auf irgendeinen Retter. Topaktuell eigentlich, geradezu metaphorisch, wir machen ja so gesehen auch seit Monaten nichts anderes.

Falls Sie jemanden kennen, der noch was zur Geschichte dieses Hauses erzählen kann: immer her damit, es würde mich wirklich interessieren.

  • 5 Kommentare
  • Der Emil 11. März 2021
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    Oh, der Text der Karte ist leicht lesbar. Ich freu mich immer über solche alten Handschriften, gerne auch noch viel ältere ;-)

  • WeiterWinkel 12. März 2021
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    Feinstes Sütterlin. Habe ich in der Grundschule (die damals noch Volksschule hieß) noch gelernt. Damit man die Briefe der Omma (ja, mit zwei m) lesen konnte. Aber richtig kann ich es nicht mehr. Ist ja auch schon länger her. Schöne Geschichte, ich würde gerne Fotos im Inneren des Adlers im Dornröschenschlaf machen.

  • provinzei 15. März 2021
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    Hach ja, es gibt im Südwesten bis in das Allgäu jede Menge solcher Kästen.
    Sei es weil der Schnee nicht mehr kommt, weil zu tief, oder weil es einfach nicht mehr “angesagt” ist, sich solche Destinationen auszusuchen. Man will ja auf der Arbeit auch sagen können, man war in Arizona, Seychellen oder Antarktis. Malle wird ja sowieso kurz mal als Wochenendtrip gemacht.
    Nicht der Rede wert.
    Ich würde die Dinger am liebsten alle aufkaufen und sonst was damit machen.
    Coole Mountainbike Zentren, Yogaretreats, Fresstempel, Wandern soll ja auch schwer im kommen sein, dann aber mit zünftigem Guide, Führer ham wa ja nich mehr.
    Eigentlich sind solche kurzen Wochenendurlaube sehr erholsam, kein Stress, kurze Anreise mit dem eigenen Auto, keine Klimaumstellung, keine Zeitverschiebung, gewohnte Ernährung, gutes Bier, es gibt viele gute Argumente. Es gibt in dem Bereich durchaus erfolgreiche Häuser, aber dann gleich mit Saunalandschaft, Spa und Fußpilzzucht, abends mega Essen. Und recht teuer.
    Fliegen, Meer, Wärme, Ballerman, Prost ist einfach billiger. Auf Kosten der dort arbeitenden Menschen.

    • LandLebenBlog 16. März 2021
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      Sehr wahr alles, leider.

  • Tine 28. März 2021
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    Stimmt mich traurig, dass sich niemand um das verlassene Haus kümmert. ?

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