בית-עלמין

1. November 2016

Es gibt in dieser Jahreszeit Tage, da finden Sie rund um die winzigen Friedhöfe der ebenso winzigen Dörfer kaum einen Parkplatz. Die Autos stehen dicht an dicht, aus Kofferräumen werden Säcke mit Blumenerde, Eimer und Rechen herausgewuchtet, Frauen tragen Gestecke vor sich her wie Opfergaben oder wertvolle Geschenke, an den Gräbern wird geharkt und gezupft und geschwätzt und auch mal rübergewunken zum anderen Grab, Ach, Ihr auch hier? Ja, man muss ja immer wieder, es war ja alles schon verwelkt, wie sieht das denn dann aus! Und dann wird weitergewerkelt, pflichtbewusst oder liebevoll, stumm oder schwätzend.

dsc_6872_2434

Man mag das finden, wie man will, aber an diesen Tagen – an Allerheiligen und Totensonntag umso mehr -, ist auf dem Friedhof immer wieder pralles Leben, sind die Toten den Lebenden ganz nah, mitten drin im Geschehen. So oder so. Und ich stelle mir vor, wie die werkelnden Frauen und Männer an Gräbern vorbeikommen, vielleicht auch bei einer kirchlichen Andacht, sie lesen im Vorübergehen die Namen, die Daten, und sie denken für einen Moment, ja, das war doch, damals, ich erinnere mich, und der Name auf dem Grabstein erwacht für einen klitzekleinen Moment wieder zum Leben und bekommt ein Gesicht. Die Bärbel, der Rudolf, die Maria, der Herbert. 

dsc_6762_2409

Und dann sind da aber auch der Josef und der Ferdinand, die Käthe und die Kornelia, die bekommen nie Besuch, an die erinnert sich keiner mehr. Unter einem Meer von gelbem Herbstlaub liegen ihre Gräber auf dem jüdischen Friedhof in Bödigheim, hier kommt niemand her, hier werkelt oder schwätzt kein Mensch. Manchmal verirrt sich ein kleines Wildtier auf das umzäunte Gelände, ein Marder oder ein Fuchs, sie huschen lautlos durch die endlosen Reihen windschiefer Grabsteine, und manchmal kommen die Männer vom Bauhof mit schwerem Gerät und stutzen mit brüllenden Sägen die riesigen Bäume, dann fahren sie wieder weg, und der jüdische Friedhof versinkt nach ein paar Stunden wieder in der ewigen Stille und im Vergessen.

dsc_6757_2408

dsc_6756_2407

dsc_6788_2417

Über 1500 verwitterte und zum Teil uralte Grabsteine stehen hier und erzählen schweigend von der jüdischen Vergangenheit der Region. Einer Vergangenheit ohne Zukunft, ohne Gegenwart. Rund 30 Gemeinden beerdigten hier ihre Toten, und das vermutlich schon seit dem 14. oder 15. Jahrhundert. Der älteste datierte Grabstein ist von 1628, der jüngste stammt aus dem Jahr 1939.

dsc_6785_2415

dsc_6900_2438

dsc_6786_2416

dsc_6828_2428

Inzwischen haben  Historiker des Stuttgarter Landesdenkmalamtes und Mitarbeiter der Heidelberger Hochschule für jüdische Studien damit begonnen, über die lange Geschichte des Friedhofs zu forschen. Eine mühsame Arbeit. Alle Grabsteine mussten erfasst, die hebräischen Inschriften übersetzt und die kunstvollen Ornamente gedeutet werden.

dsc_6815_2425

dsc_6810_2423

dsc_6793_2419

Die Recherche-Arbeit ist auch für die Experten schwierig: Denn schon lange gibt es in Buchen und Umgebung, überhaupt in der Region, keine jüdische Gemeinde mehr. Niemanden also, der etwas erzählen könnte, über all jene, die hier zwischen 1628 und 1939 begraben worden sind. Wer am Ende nicht rechtzeitig selber ging, wurde geholt und abtransportiert. Zurückgekehrt ist niemand.

dsc_6823_2427

dsc_6878_2435

dsc_6905_2439

Niemanden gibt es, dem die Namen auf den Steinen etwas sagen würden, niemanden, der sich an ein Gesicht oder eine Geschichte erinnert. Der Friedhof liegt zu jeder Zeit, an jedem Tag des Jahres, still am Dorfrand, totenstill und abgeschlossen. Für einen Besuch muss man sich den Schlüssel beim Ortsvorsteher abholen, oder sich durch ruppiges Gebüsch hineinmogeln, heimlich, und in der Hoffnung, nicht erwischt zu werden. Dann fühlt man sich ein bisschen unwohl, so, als tue man etwas Unrechtes, Verbotenes.

Manchmal male ich mir aus, was ich sagen werde, falls mich doch mal einer erwischen und zur Rede stellen sollte. Ich habe mir da schon etwas zurechtgelegt, nur für den Fall.

Ich besuche die Gräber, werde ich sagen, was soll daran verboten sein, ich gehe hier ganz still über den Friedhof, ich starre auf die Schriftzeichen, die ich nicht entziffern kann, auf die Ornamente und die Steine, und ich versuche, mir die Namen einzuprägen.

Damit sie nicht vergessen werden. 

dsc_6811_2424

dsc_6770_2412

 

dsc_6861_2432

dsc_6833_2429

 

 

 

Die hebräische Überschrift für diesen Beitrag heißt übersetzt „Haus der Ewigkeit“, so nennt man im Judentum den Friedhof, das zumindest entnehme ich einem Artikel bei wikipedia, in dem noch allerlei mehr Lesenswertes über jüdische Friedhofskultur nachzulesen ist, bitte hier entlang: Klick!

Und wenn Sie in Baden-Württemberg wohnen, bekommen Sie hier einen Überblick über die vielen jüdischen Friedhöfe im Land. 

 

  • 22 Kommentare
  • Friederike 23. April 2014
    Antworten

    Den wollte ich auch mal wieder besuchen, da war ich vor einiger Zeit schon mal. Und bei Ravenstein gibts noch einen uralten, aber ich weiß nicht mehr genau, in welchem der Ortsteile…?

    • Hanne B. 23. April 2014
      Antworten

      in Merchingen. In Hüngheim muss es auch einen geben, den kenn ich aber nicht…..

      • Friederike 23. April 2014
        Antworten

        Dann weiß ich ja, wo ich am Wochenende mal hinfahre…

  • Friederike 23. April 2014
    Antworten

    Gerne!

  • Friederike 23. April 2014
    Antworten

    Dieses altmodische Wort kommt mir hier auch immer in den Sinn : verwunschen.

  • Friederike 23. April 2014
    Antworten

    Oha!

  • Magdalena Bergmann 1. November 2016
    Antworten

    Ein sehr beeindruckender Bericht. wir müssen alle noch viel mehr tun gegen das Vergessen. Die Bilder sind sehr ausdrucksstark. Das gefällt mir.
    LG
    Magdalena

    • LandLebenBlog 5. November 2016
      Antworten

      Danke!

  • Astridka 1. November 2016
    Antworten

    Danke! Ich bin ganz still & beeindruckt.
    Alles Liebe!
    Astrid

    • LandLebenBlog 5. November 2016
      Antworten

      Kennst Du den Friedhof? Sonst führe ich Dich mal hin, wenn Du eines Tages mal wieder im Lande bist – ein verwunschener Ort.

  • Linda 2. November 2016
    Antworten

    Ein toller Bericht und vor allem tolle Bilder!
    Letztens als ich mit meiner Mama das Grab meiner Großeltern und die Pfarrgräber (das machen wir, weil Mamas Onkel Pfarrer war und ebenfalls dort beerdigt ist) hergerichtet haben, hab ich einmal mehr festgestellt, dass man gerade auf dem Friedhof immer jemanden zum schwatzen findet. Groß ist er ja nicht, der Friedhof, aber wer sich einsam fühlt, der sollte auf den Friedhof gehen, dort tummeln sich immer ein paar Schwatzbedürftige.

    Auf deinem gezeigten Friedhof ist diese Zeit schon lang vorbei und das find ich schade – denn wenn ich dem Tod etwas positives abgewinnen kann, dann ist es doch die Gemeinschaft, die aus gemeinsamer Trauer und Erinnerung entsteht.

    Liebe Grüße,
    Linda
    Liebe

    • LandLebenBlog 5. November 2016
      Antworten

      Genauso ging es mir an diesem Feiertag: auf allen Friedhöfen tummelten sich die Menschen und erinnerten sich, nur dort: nichts und niemand. Sehr, sehr schade.

  • Christjann 2. November 2016
    Antworten

    Sehr schön. Vielen Dank!

    • LandLebenBlog 5. November 2016
      Antworten

      Immer wieder gerne! Liebe Grüße!

  • Dorothea A. Bingenheimer 2. November 2016
    Antworten

    Ein sehr interessanter Bericht und wunderschöne Fotos. Vielen Dank dafür! Lebe in der Nähe von Worms, dort gibt es den ältesten jüdischen Friedhof Europas mit Gräbern aus dem Jahr 1058! Unfassbar, finde ich! Ich liebe die ganz besondere Atmosphäre dort, besonders im Herbst ist ein Besuch dort fast magisch. Im Gegensatz zu dem oben beschriebenen vergessenen Friedhof, kommen nach Worms nach wie vor jüdische Besucher aus der ganzen Welt um den „Heiligen Sand“zu besuchen. Mir hat sich bei meinen Besuchen (auch von anderen jüdischen Friedhöfen) immer wieder die Frage gestellt, warum sie die Zeit des Nationalsozialismus meist unbeschadet überstanden haben…?

    • LandLebenBlog 5. November 2016
      Antworten

      Gute Frage. Das weiß ich auch nicht. Muß ich mal nachfragen. Und den Wormser Friedhof kenne ich auch, da sollte ich mal wieder hin. Danke für die Anregung!

  • Eva 2. November 2016
    Antworten

    Liebe Frau „Landleben“,
    vielen Dank für den schönen Bericht und die noch schöneren Bilder.
    Ich mag Friedhöfe sehr gerne und auch das morbide, das die alten Grabsteine umgibt, gefällt mir und beeindruckt mich sehr. In Stuttgart gibt es auch mehrere alte, schöne Friedhöfe und ich liebe die Heerscharen von Eichhörnchen, die dort wohnen.
    Herbstliche Grüße,
    Eva

    • LandLebenBlog 5. November 2016
      Antworten

      Ich liebte schon als Kind die Friedhöfe in Freiburg, dort gab es sogar Streifenhörnchen, die ich sehr süß fand, die sich aber wohl zu einer Plage entwickelten. ;-)

  • mano 4. November 2016
    Antworten

    ein sehr eindrucksvoller, wunderbar bebilderter bericht, der mich erinnert, dass ich die alten jüdischen friedhöfe hier in der region schon lange mal besuchen wollte. wenn du aus berlin kommst, kennst du wahrscheinlich den alten jüdischen friedhof in berlin-weißensee. es ist einer meiner lieblingsorte in der hauptstadt, den ich immer besuche, wenn ich einmal dort bin.
    liebe grüße,
    mano

    • LandLebenBlog 4. November 2016
      Antworten

      Asche auf mein Haupt: Ich war nie dort. Wird beim nächsten Berlin-Besuch nachgeholt, versprochen.

  • Rosi 9. November 2016
    Antworten

    ein sehr schöner Beitrag
    und wunderschöne einfühlsame Bilder

    leider kann man den jüdischen Friedhof bei uns nicht mehr so einfach besuchen..er ist zugesperrt ..aber ein paar Bilder über die Mauer habe ich schon gemacht.. ;)
    muss ich auch einmal zeigen
    liebe Grüße
    Rosi

    • LandLebenBlog 10. November 2016
      Antworten

      Unserer ist ja auch zugesperrt, aber das hindert mich nicht wirklich, den Gräbern einen Besuch abzustatten.

  • Antworten

Vorheriger Artikel Der Vater.
Nächster Artikel Lurchi.