TraditionsReich.

 

 

 

Traditionen sind dazu da, um gebrochen zu werden!, pflegt mein anarchistischer Geo manchmal zu rufen, und dabei reckt er etwas unbeholfen die Faust in die Luft.

Naja, Alt-68er halt.

 

Bei traditionsreichen Events unentbehrlich: Kammermusik.

Bei traditionsreichen Events unentbehrlich: Kammermusik.

 

Ich sehe das inzwischen anders. Liegt vielleicht am LandLeben, und daran, daß es hier – neben allerlei überflüssigen – auch besonders viele spannende, witzige, verrückte Traditionen gibt. Traditionen, die oft auch einen ernsthaften Hintergrund haben und vielleicht soetwas wie einen Hauch von Verläßlichkeit, von Vertrautheit in den Jahreslauf bringen.

 

Und a propos verläßlich:

Mitte Januar – da war doch was?

 

 

Foto: Ulla Brinkmann

Foto: Ulla Brinkmann

 

Richtig: Ratsherrenweckfeier in Mosbach.

Auch so eine Tradition. Irgendwie gaga, und irgendwie herrlich.

 

 

Aber um eines gleich klarzustellen: Die traditionsreiche Ratsherrenweckfeier hat (entgegen hartnäckigen Gerüchten) definitiv nichts damit zu tun, daß man hier nun die Ratsherren, die Gemeinderäte aufwecken müsste aus dem ganzjährigen Winterschlaf. Weit gefehlt.  Wecken kommt hier von Wecken. Weck, wie Brötchen. Oder Schrippe.

 

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Otto, wir danken Dir. (Und der Stadt Mosbach fürs Bild)

 

 

Langer Rede kurzer Sinn: Im Jahre 1447 regierte in Mosbach ein Vollbart namens Pfalzgraf Otto. Der Erste. Und der stiftete für sich und seine Liebsten eine Seelenmesse, zu der bitteschön ein jeder Ratsherr zu erscheinen habe, um für Otto und die Seinen brav zu beten.

 

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Weil die Begeisterung sich offenbar in Grenzen hielt, griff der gute Otto zu einem perfiden Lockmittel: wer mitbetete, bekam ein Brötchen. Und wer fernblieb, musste zur Strafe zwei Pfennige zur Vermehrung unserer Einnahmen  zahlen. Den Bürgermeister kam das Fernbleiben noch teurer: vier Pfennige.

Also strömten und beteten die hungrigen Ratsherren und der Schultes und holten sich hernach ihr Brötchen ab. So einfach war das damals.

 

Die Opfer der Begierde.

Die Opfer der Begierde.

 

 

Und genauso geht das eigentlich bis heute. Auch ohne den leibhaftigen Otto. Dafür sind inzwischen Frauen zugelassen. Am Spätnachmittag wird in einem Gottesdienst der verstorbenen Bürger des Vorjahres gedacht, ökumenisch, dann gehts für die geladenen Gäste in den historischen Rathaussaal. Erst auf Otto anstoßen, dann Brötchen abgreifen. Hochoffiziell werden sie vom Oberbürgermeister einzeln ausgehändigt.

 

Foto: Ulla Brinkmann

Foto: Ulla Brinkmann

Große Ereignisse erfodern volles Ornat.

Foto: Ulla Brinkmann.
Große Ereignisse erfordern volles Ornat.

 

 

Dann die Rede eines prominenten Gastes. Danach gibt es – ebenfalls von Otto 1447 so verfügt – ein schlichtes Mahl und jedes Ma(h)l dasselbe: Wiener Würste und Kartoffelsalat. Dazu ein Gläschen Roter oder Weißer. Traditionen eben.

 

Kulinarisches Rollkommando.

Kulinarisches Rollkommando.

 

Festmahl mal anders. Otto hätte seine helle Freude.

Festmahl mal anders. Otto hätte seine helle Freude.

 

 

Klammer auf: weil der gute alte Otto aber nur etwas zur Qualität des Mahles (schlicht) verfügte, nichts aber zur Quantität, gibt es  – auch das ist Tradition in Mosbach – eine geheime TopTen der Wienerwurstverschlinger. Der aktuelle Rekord liegt angeblich bei 24 Stück. Ich für meinen Teil mache spätestens nach Wurst Nummer 4 schlapp. Ich bin halt auch bloß Zugereiste. Klammer zu.

 

 

Irgendwann entschwindet Ottos Geist an diesem Abend, heimlich, still und leise. Tschüß Otto, bis zum nächsten schlichten Mahl im nächsten Jahr. Dann werden schnell die letzten Würstchen weggeräumt, die kleinen Weingläser durch noch kleinere Schnapsgläser oder große Bierhumpen ersetzt, Kuchen und Kalorienbombentorten aufgefahren und dann lassen es die geladenen Gäste fröhlich krachen. Ohne Otto, und bis in die Morgenstunden.

Jedes Jahr das Gleiche.

Gaga, aber irgendwie herrlich.

Traditionen eben.

 

 

 

 

5 Kommentare

    • Nix schwäbisch – badisch!!! Wann lernt Ihr Berliner Knollennasen das endlich, daß nicht alles, was in Baden-Württemberg rumspringt schwäbisch ist, himmelherrgottsackelzementkruzitürkennocheemool???? 😉
      (In diesem Fall wäres aber vielleicht gar nicht verkehrt gewesen, er wäre schwäbisch zubereitet worden, der hier vorliegende war nämlich nix. Aber das nur unter uns. Bitte nicht weitersagen. )

  1. gröööhl….also Fluchen kannst schonmal auf badisch….das ist ein riesen Vorteil….. 😉 Kann man immer gebrauchen ….( und ganz ehrlich: n badischer Kartoffelsalat gibt’s eigentlich garnet) 🙂

  2. Ich hau mich weg. Da muss ich erst Deinen Blog lesen, um die tiefere kulturhistorische Bedeutung dieses Rituals zu verstehen. Wobei, ich finde ja die Doppeldeutigkeit des Begriffs „Weckfeier“ nach wie vor das schönste daran. Rrrrrrrrrrrrrrring …

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