Blaumanns Erzählungen.

Ja, genau, es war wieder Samstag, und vernünftige Menschen nutzen den Samstag zum Ausspannen und zum Shoppen und zum Cappuccino-in-einer-süßen-kleinen-Bar-trinken undsoweiterundsoweiter. Ja, danke, Sie mich auch.

Blaumann

 

Der Blaumann hatte das befürchtet: Es wird synchron gegluckt. Erst Erna (sechs Eier), dann Berta (vier Eier), nun also auch Frau Hannelore (zwei Eier). Glucken ist wie eine ansteckende Krankheit, fängt eine an, ziehen andere nach. Sie sitzen dann wie festgenagelt, stellen das Essen und das Trinken ein und machen auch nicht mehr das Gegenteil, bekommen einen glasigen Blick und weiche Knie.

Blöd nur, daß im Hause Blaumann derzeit bloß ein Gluckenstall vorhanden ist.

 

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Erna.

 

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Berta und Frau Hannelore. Noch in den Legenestern, geht ja gar nicht.

 

Also latscht der Blaumann am Samstag durch den Baumarkt wie ein echter Odenwälder, schaut hier und dort, vergleicht fachkundig Kleintierstallpreise – 80 Euro, Hallo, gehts noch? – und denkt nach und läßt den GluckenPhantasien freien Lauf. Und erfindet zwischen Fischer-Dübeln und Betonmischwannen eine neue Form des Gluckenstalls, zahlt für zwei Stück und das Drumherum nur 40 Euro und schleppt das ganze Zeug nach Hause, bohrt und hämmert, flucht und schimpft. Aber ich frage Sie: was soll man denn auch sonst an einem Samstag, tief im Odenwald, so machen?

 

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Nach drei Stunden sind aus zwei Kompostern für den Garten zwei Ställe für die Glucken geworden.

 

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Jetzt noch kreischende Hennen rein (Ach, haben Sie wieder geschlachtet?, wird der Bäcker ein Haus weiter morgen fragen), Deckel zu, und abwarten.

Die Glucken sind beleidigt, und der Blaumann ist sehr stolz.

 

Ja, wir halten Sie natürlich auf dem Laufenden. Ohne Sie vorab enttäuschen zu wollen: viel ist da nicht zu erwarten. Unser JoHahn ist zwar wunderschön und macht einen auf Macho, die Hühnerherzen fliegen ihm ja nur so zu, und auch ich bin immer wieder schwer verliebt, aber in mancher Hinsicht ist er leider eine Niete. Wie im wahren Leben halt. 

 

 

Blaumanns Erzählungen.

Blaumann

 

 

Normale Menschen sind damit längst durch, aber bei uns im Hohen Odenwald fängt die Holunderblüte jetzt erst an. 550 Meter hoch, Sie wissen schon. Also einen Korb voller Blüten im Hühnerauslauf gepflückt und Sirup angesetzt. Wie eine echte Landfrau halt, nicht wahr.

 

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Weil aber der Blaumann nun weiß Gott noch anderes zu tun hat, gibt es immer die Ruckzuck-Variante. Gelingsicher. Und mindestens so lecker wie die Siruppe aus diesen aufgepimpten Food-Blogs, deren Fotos mich ganz neidisch machen, aber das würde ich nie zugeben.

 

 

Also, bitte sehr, hier die Ruckzuck-Variante:

20 Oder 30 Dolden, Sie können sich das aussuchen, 80 Gramm Zitronensäure (gibts in jeder Apotheke, nur nicht in der Hollerzeit, dann ist sie meistens ausverkauft.), zwei geviertelte Zitronen, drei Kilo Zucker (ja, Sie haben richtig gelesen, das wird pappsüß, hält dann aber umso besser. Und schließlich soll am Ende nur ein Holler-Sirup-Hauch ins Wasser- oder Sektglas.), drei Liter Wasser.

 

Alles mischen und dabei nur wenig ferkeln, sonst kleben Sie am Ende in der Küche fest, glauben Sie mir das, ich habe es erlebt. Dann Deckel drauf und stehen lassen, zwei oder drei Tage, irgendwo, wo’s halbwegs kühl und halbwegs duster ist. Am dritten Tage abseihen und abfüllen in Flaschen.

 

Fertig. Ja, mehr wars nicht. Nur eines müssen Sie beachten, und daran ist schon manches Hollerglück gescheitert: Füllen Sie die Flaschen rand-voll. Rand! Voll! Da darf kein Fliegenbein dazwischenpassen, und kein Mikrogramm an Luft. Beugt Schimmel vor, garantiert. So hält Ihnen der süße Sommerduft mal mindestens bis nächstes Jahr zur Hollerblüte.

 

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Blaumanns Erzählungen.

Blaumann

 

Nur, falls Sie ernsthaft Sorge haben, wir könnten uns hier, tief in der Provinz, an einem sonnigen Freitagspätnachmittag langweilen. Ich darf Sie beruhigen. Nix Langeweile. Daseinsvorsorge. Wir hatten ja bereits damit angefangen, hier.

 

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Nein, nicht Krieg der Sterne. Kaminholzsplitterabwehr.

 

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Der nächste Winter kommt bestimmt. Aber das sagten wir ja bereits.

 

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Kreischende Säge macht süße Träume. Offenbar.

 

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Kaminholzfuhre, die 27ste.

 

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Chakka. Noch Fragen?

 

 

 

 

 

 

Blaumanns Erzählungen.

Blaumann

 

Alle mähen Rasen.

 

Nur wir nicht.

 

Wir lustwandeln bloß, und glotzen.

 

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Jetzt auch in Badisch-Sibirien: sowas wie Frühling.

 

 

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Schmeckt nicht, riecht nicht. Keine Ahnung, was das ist.

 

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Keine Pflanze. JoHahn. Von hinten.

 

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Von vorne.

 

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Hühnerstallblümchen.

 

 

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Katze. Lustwandelt auch.

 

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Und mordet zwischendurch.

 

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Die Nachbarin ist unbeeindruckt.

 

 

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Bliebt liegen. Gartenarbeit kann warten.

 

 

 

 

 

 

Blaumanns Erzählungen.

Blaumann

 

Ja, ich sehe sie vor mir, die Kollegen, wie sie in diesen Tagen nach Dienstschluß in ein nettes Straßen-Café gehen, am Mannheimer Wasserturm, oder in der Heidelberger Altstadt. Leute gucken, Hugo schlürfen, Abendsonne tanken. Ja, gut. Auch nett.

 

Der Blaumann geht stattdessen in den Wald. Nicht aus Verzweiflung, sondern zum Laubsammeln. Is ja logo. Straßencafés gibts hier ja eh keine. 

 

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Also: Laubsammeln für den Hühnerstall. Deep litter method, na, Sie wissen schon. Wenn nicht, gucken Sie hier. Das non-plus-ultra bei der Hühnerhaltung, wenn Sie mich fragen. Aktuell leicht modifiziert, aber wir arbeiten dran, sieht man ja.

 

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Wenn Sie das mit der Litter-Methode genauer wissen wollen, googlen Sie mal, da findet man auch auf Deutsch jede Menge. Und jede Menge Zank und Streit. Die richtige Einstreu ist ja sowas wie die Gretchenfrage unter Hühner-Jüngern. Da sind vermutlich schon Ehen drüber geschieden worden. Wir jedenfalls sind vor Jahren schon zur deep-litter-Fraktion übergelaufen und haben es bis heute nicht bereut. Ausgemistet wird einmal im Jahr. Die Rote Vogelmilbe kann mich mal. Und im Stall riechts wie im Wald. Noch Fragen? Bingo.

 

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Mit der Laubmenge haben wir es zugegebenermaßen diesmal etwas gut gemeint. Die Hühner stehen vermutlich die kommenden Tage bis zum Hals im Laub-Hanf-Erde-Gemisch. Macht nichts. Können sie Dschungelcamp spielen. Oder Ferien auf dem Bauernhof. Oder Kissenschlacht, was weiß denn ich.

 

Passt schon.

 

 

 

 

Blaumanns Erzählungen.

Blaumann

 

Ein Samstag auf dem Lande.

 

Unter anderem: Frühjahrsputz im Hühnerstall.

Massenmord inklusive. An die zwanzig Mäuse erlegt, Vater, Mutter und die Kinder. Geo wird in solchen Fällen zur hysterischen Furie mit dem Spaten, getrieben von der Angst, selber angefallen und zerfleischt zu werden.

 

Alles nicht schön, aber nicht zu umgehen. Wir hatten lange über einen Umzug verhandelt, aber die Mäuse wollten nicht hören. Also bitte. Vom Massenmord gibts keine Bilder. Vom Frühjahrsputz schon.

 

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Alles muß raus.

 

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Sieht nicht nur nach Arbeit aus, isses auch.

 

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Die Landfrau von Welt geht nicht ohne.

 

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Der Mist kommt aufs Gemüsebeet.

 

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Den Rest verscharren die lieben Kleinen im Gehege.

 

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Dem Frühlingsausbruch zugeschaut.

 

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Und zwischendurch Mäuse gemeuchelt. Mit dem Spaten.

 

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Hühnergötter am Stall. Halten die bösen Geister fern.

 

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Mäuse aber leider nicht, offenbar.

 

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Interessiert die alles herzlich wenig.

 

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Jetzt alles wieder propper.

 

 

 

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Gute Aussichten für den Rest des Wochenendes.

 

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Alla, guud, trinke ma äna.

 

Sich nebenbei mit dem digitalen Stallwächter streiten. Wozu arbeite ich im modernsten Funkhaus Europas? Da werde ich doch einen blödsinnigen elektronischen Türöffnungs- und -schließklapperatismus zum Laufen bringen. Pah.

 

Hund geschoren, ganz analog. Und Hundefutter gekocht. Wer zwei Köter mit akutem Magen-Darm-Infekt sein eigen nennt, braucht keine Feinde mehr.

 

Der Sonntag kann kommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Blaumanns Erzählungen.

Blaumann

 

Ach, Herr Albrecht,

 

da haben wir dieser Tage noch gewitzelt über das Rote-Beete-Blutbad, das Du angerichtet hast.

 

 

Und dann warst Du heute nacht selber mittendrin in einem Blutbad. Hauptdarsteller sozusagen.

Ein Ohr abgebissen, vom hungrigen Fuchs vermutlich. Der halbe Kopf weg, überall Blut und rohes Fleisch.

Und Du röchelnd mittendrin.

 

So muß der Blaumann noch vor dem Frühstück, vor dem ersten Kaffee, abwägen zwischen Erschlagen und Ertränken.

Aber so sehr wir auch rustikale Landmenschen geworden sind inzwischen: für keine der beiden Möglichkeiten kann der Blaumann sich erwärmen.

Also das blutende Bündel eingepackt und zum Tierarzt gefahren.

Einmal einschläfern bitte, aber schnell.

 

Es hatte sich aber schon erledigt, auf der Autofahrt.

 

Also nur noch: einmal entsorgen bitte.

 

 

 

Ach, Herr Albrecht.

War schön mit Dir. Du warst einer von den ersten Hasen hier am Haus.

 

 

Und immer eine coole Socke.

 

 

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Mit diesen Toden muß man leben auf dem Land.

Flennen tut man trotzdem.

 

Wegen eines lächerlichen Hasens.

 

 

 

 

Blaumanns Erzählungen.

Blaumann

 

Blaumann ist schick, Skihose und Anorak sind aber derzeit zweckmäßiger. Frau Holle (die blöde Kuh) meint es allzu gut mit uns.

 

Also: morgens Auslauf und Stall freischaufeln, mittags Gehwege freischaufeln, abends Garage freischaufeln. Wir wüssten nicht, was wir mit einem Sonnabend sonst anfangen könnten.

 

 

Hühner sind schneeblind. Hätten Sie auch nicht gewußt, wie? Wieder was gelernt.

Hühner sind schneeblind. Hätten Sie auch nicht gewußt, wie? Wieder was gelernt.

 

Bleiben deswegen den lieben langen Tag im Stall. Freiwillig.

Bleiben deswegen den lieben langen Tag im Stall. Freiwillig.

 

Nur die ganz mutigen trauen sich ein paar Schritte raus.

Nur die ganz mutigen trauen sich ein paar Schritte raus.

 

Und schauen Herrn Albrecht beim Rote-Beete-Blutbad zu.

Und schauen Herrn Albrecht beim Rote-Beete-Blutbad zu.

 

Die Stalldecke putzen wir dann auch mal wieder. Irgendwann. Demnächst.

Die Stalldecke putzen wir dann auch mal wieder. Irgendwann. Demnächst.

 

Schneewurf.

Schneewurf.

 

Samstagsvormittagsstilleben.

Samstagsvormittagsstilleben.

 

Und Wäscheaufhängen is auch essig.

Und Wäscheaufhängen is auch essig.

 

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Nachmittags dann eine kurze Autofahrt Richtung Große Kreisstadt. Schon nach sechs, acht Kilometern alles grün, alles lieblich. Frau Holle? Hier? Nein, die war schon lange nicht mehr da. 

 

 

Als mein Geo bei Tempo 100 versonnen über die vorbeifliegenden Felder blickt und ganz unschuldig fragt Wer hatte eigentlich damals die Idee, in ein Dorf in 550 Metern Höhe zu ziehen??, denke ich kurz darüber nach, eine Vollbremsung hinzulegen und ihn des Autos zu verweisen.

 

 

 

 

 

 

 

Blaumanns Erzählungen.

Blaumann

 

Die Welt drumherum fällt weiterhin in Stücke, aus dem Radio quellen Mord und Totschlag, Kalter Krieg und viel zu warmer Winter, aus dem Telefon tropfen Kummer und Leid, und der Blaumann freut sich über neue Hühner.

 

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Und die Hühner freuen sich auch. Wirbeln Staub auf und lassen ansonsten den lieben Gott einen guten Mann sein.

 

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Statt dämliche neue Hühner zu fotografieren, könnte man auch rausgehen und die Welt verändern. Vielleicht eine Demonstration organisieren.

 

Aber wofür?

Oder wogegen?

 

Da ist die Sache mit den Hühnern übersichtlicher.

 

 

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Blaumanns Erzählungen.

Blaumann

 

Kräuter gesammelt, gehhäckselt und eingesalzen. Immerhin 30 Gramm Gewürzpaste. Ein Viertel Gläschen voll. Na, also.

 

Acht mal Bouquet garni gebunden und aufgehängt. Reicht mindestens bis Ende des Jahres.

 

Zwölf reife Tomaten eingekocht. Zwei Marmeladengläser gefüllt. Den restlichen 70 (qietschgrünen) gut zugeredet. Vielleicht werden sie ja auch noch rot. Im November. Oder so.

 

Gefühlte 17 Tonnen faule Äpfel aufgelesen. 5 Kilo gute gepflückt und eingelagert. Immerhin. Jetzt singen die Bandscheiben.

 

Den letzten Pflaumen beim Verwesen zugeschaut.

 

Vergeblich Walnüsse unter dem riesigen Baum gesucht. Haselnüsse: dito. Da waren die Eichhörnchen wohl schneller.

 

 

Ja, ja, die Erntezeit ist doch die schönste Zeit im Jahr, sagen die Leute.

(Zumindest die Romantiker in den Städten. Die haben halt keine Ahnung.)