Feierabend.

Hier muss mal wieder ein bisschen Landschaft her. Also bin ich heute nach Feierabend noch losgezogen, Hund an der einen, Kamera an der anderen Hand. Genau gesagt bin ich nur aus dem Büro  raus und an der Ampel rechts hochgefahren.

Vor lauter blühenden Schlehen und Kirschbäumen und grünen Feldern und weiten Blicken weiß man gar nicht, wo man zuerst anfangen soll mit dem Knipsen, es artet förmlich in Stress aus, Sie dürfen mich gerne bemitleiden. Ich weiß ja nicht, wie Ihr Feierabendambiente so aussieht, bei Bedarf bemitleide ich auch gerne Sie.

Spritzmittelästhetik.

Alle Bilder: bei Mosbach.

 

 

 

 

Steinreich.

Es ist einer dieser ausgelutschten Witze, für die man hierzulande in der Regel nur ein gequältes Lächeln erntet: Dass die Odenwälder Bauern nämlich steinreich sind. Ja, das sind sie in der Tat, und deswegen müssen sie im Frühjahr buckeln und schuften. Das ist ja eine echte Sau-Arbeit! rufe ich vom Feldrand rüber zu Vater und Sohn, mir fällt bei diesem Anblick leider kein wohlerzogener Begriff ein, in Wirklichkeit habe ich sogar einen noch unflätigeren Ausdruck benutzt, und der Vater schaut auf und sagt Ich würde das anders formulieren, aber letzten Endes haben Sie völlig recht. 

Mit Plastikeimern in der Hand gehen die beiden das Feld ab, gehen, stehen, bücken, heben, bücken, heben, bücken, heben, gehen, bücken, heben, schleppen. Mir tut schon vom Zugucken der Rücken weh, dabei ist das Feld nicht mal besonders groß, das schaffen wir in zwei, drei Stunden, sagt der Sohn.

Überall liegen die Brocken, große und kleine, solche, die man mit einer Hand greifen kann, solche, die Vater und Sohn zu Zweit schleppen müssen, jedes Jahr spuckt die Erde neue Steine aus, sie würgt sie irgendwie nach oben, an die Oberfläche, bis sie unter dem freien Himmel daliegen und aufgesammelt werden wollen.

Steine sind soetwas wie ein nachwachsender Rohstoff hier, ich weiß nur noch nicht, ob sie für irgendetwas taugen, ich habe die beiden nicht gefragt, ob ihre jährliche Steinsammlung hinterher noch irgendeinen Nutzen hat. Als er sich das aus-gedacht hat, da hat der liebe Gott aber nicht nach-gedacht, sage ich zu dem Alten, der grinst nur, zumindest hat er nicht an uns gedacht. 

Die Steine stören die Pflanzen beim Wachstum, und sie machen die teuren Landmaschinen kaputt, deswegen müssen sie weg. Das war vor hundert Jahren so, das ist bis heute so. Der 75jährige Vater kennt es vermutlich nicht anders. Oft sehe ich in dieser Jahreszeit ganze Familien gebückt über die Äcker ziehen, Steine sammeln, wie es schon die Großeltern und die Urgroßeltern machten.

Nur wer wirklich steinreich ist, nicht nur im konkreten, sondern auch im übertragenen Sinne, wer viel zu viel Land und noch viel mehr Steine hat, der holt sich Hilfe in Form von professionellen Steine-Sammlern, die mit schwerem Gerät anrücken; hier auf den kleinen Äckern lohnt sich das nicht.

Wir schwätzen ein bisschen, die Männer sammeln ununterbrochen Steine, ich mache ein paar Fotos und sammle meine Hunde wieder ein, ich stapfe durch den staubigen Acker zurück auf den Feldweg und genieße die Sonne und den lauen Wind und den Rest meines Feierabends. Auf dem Heimweg sehe ich sie noch durch die Windschutzscheibe, am Horizont, gebückt gehen Vater und Sohn über die Felder und sammeln und sammeln.

 

 

 

 

KaDePe.

Der Raiffeisenmarkt: Kaufhaus der Provinz. KaDePe. Ein Landpomeranzeneldorado. Das KaDeWe der Landfrau. Fehlt nur die Parfümerieabteilung. Und die schnöseligen Verkäuferinnen der Namens-Halbschwester vom Berliner Wittenbergplatz, die so wunderbar arrogant eine Augenbraue in die Höhe heben, wenn der Kunde in der falschen Klamotte in den Laden einläuft.

Im KaDePe gibts keine falsche Kundenklamotte, und je speckiger der Blaumann, je dreckiger die Stiefel, die da zur Schiebetür hineinkommen, umso besser. Dann wissen die Verkäuferinnen gleich: aha, da kommt ein Kenner der Materie; einer, der mit beiden Beinen fest im Landleben steht. So jemand wie ich also, quasi.

Und der Kunde findet hier alles, was sein Herz begehrt, die Kundin wird den Laden nicht unzufrieden verlassen: Das gesamte Landpomeranzenequipement auf 1000 Quadratmetern.

Sie brauchen Ferkelzange, Flaschenbürsten, Fliegenklatschen? Einstreu, Einmachgläser, Einweckgummis? Gipseier, Glasflaschen, Gummistiefel? Mistgabel, Melkfett, Mausefallen?

Mein Raiffeisen in Mudau hat alles. Oder besorgt alles.

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Und ich: werde jedes Mal schwach.

Heute habe ich allerdings nur Hühnerfutter gekauft, das war auch wirklich nötig. Naja, und ein Kehrschaufel-Set (das vierte, genauer gesagt, aber man weiß ja nie. Und außerdem ist dieses hier verzinkt.) Um die Gummistiefel bin ich nur drumrum geschlichen, um die Arbeitshandschuhe auch, vier Paar von jeder Sorte sollten ja eigentlich nun reichen.

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Die Blaumänner habe ich nur beim Vorbeigehen befühlt, den starren Stoff wehmütig befingert, ich habe schon einen Latzhosenblaumann und einen Overallblaumann, und der Gatte sagt, es reicht.  Aber eine Mistgabel, die bräuchte ich schon lange. Dringend eigentlich. Sie kennen das vermutlich, wenn Sie auf dem Lande leben. Mistgabeln kann man nie genug haben. Aber mein Geo wollte weiter, er brauchte Seil und Karabiner, ich muss das mit der Mistgabel verschieben.

Um die schicken Aufsitzrasenmäher zum Sommerschluss-Aktionspreis habe ich auch einen Bogen gemacht.

Bringe uns nicht in Versuchung.

(Bloß raus hier.)

Unter uns:  Ich habe sogar zum Geburtstag einen Gutschein für den Raiffeisenmarkt bekommen, von den zwei Bloggern aus der Nachbarschaft, Matthias und Pamela. bestes Geschenk ever, den muss ich irgendwann noch einlösen. Da gehe ich dann aber lieber heimlich los, ohne meinen Geo.

 

 

Dieser Beitrag ist in anderer Form schon mal vor ein paar Jahren hier erschienen. Man kann es aber gar nicht oft genug sagen.

 

 

WMDEDGT.

Was ich den ganzen Tag so mache, das möchte an jedem Fünften eines Monats die freundliche Frau Brüllen wissen. Ich möchte das auch gerne wissen, ich frage mich ja auch manchmal, was ich eigentlich den ganzen Tag so mache, also kann es nicht schaden, das mal ein bisschen zu dokumentieren.  Zumal ich derzeit Urlaub habe, jahahaa, schon wieder, da staunen Sie.

Sie sollten mich aber viel lieber bemitleiden, ich bin aufgrund äußerer und innerer Umstände (die ich niemandem wünsche) in dieses Jahr 2017 gestartet mit nahezu 30 Tagen Resturlaub von 2016, die müssen abgefeiert werden, bevor sie noch verfallen, das artet geradezu in Stress aus, ich kann mich quasi vor Urlaub gar nicht retten. Urlaubsstress ist ja in unserer modernen Gesellschaft ein weit verbreitetes Phänomen, Sie kennen das.

Bevor Sie aber nun weinend in tatsächlich dramatisches Mitleid verfallen, kommen wir zu den Fakten: Am Urlaubstag ersteinmal ausschlafen bis 7 Uhr, so geht das auf dem Lande. Dann checken, was der stundenlange Stromausfall der Nacht für Schäden angerichtet hat, das Dorf fiel gegen 22 Uhr in tiefe Finsternis, die bis zum Morgen anhielt. Der Bäcker nebenan flucht, der Backofen blieb erstmal stumm und kalt, bei uns daheim ist nichts passiert.

Blick ins Wohnzimmer bei Stromausfall.

Nach dem Cappuccino in den Wald, den Vöglein zugehört und mit dem Mann geschwätzt, der dort sein Holz macht. Ich stelle mir immer vor, das sei eine wundervolle Tätigkeit, Holzmachen im Wald, anstrengend, aber meditativ, sinnvoll und ertragreich, eine geniale Kombination. Ich hingegen ziehe mit den Hunden durch die Natur, mit dem Hündchen und dem Ochsen, der von sich behauptet, ein spanischer Straßenköter zu sein.

Eine gute Gelegenheit aber, um gleich mal ein paar Dinge anzuwenden, die ich bei einem Seminar gelernt habe, ja, ich war tatsächlich neulich auf einem Hundeseminar mit einer sehr sympatischen Expertin, das war ausgesprochen nett und auch sehr lehrreich, ich kann das jedem genervten Hundehalter nur empfehlen. So ziehe ich also vor mich hinbrabbelnd durchs Unterholz, wobei die Betonung auf ich ziehe liegt, nicht der Hund zieht, wir verzeichnen also erste echte Erfolge. Ich frage Sie: Kann ein Tag schöner beginnen?

Danach an den Computer, ein bisschen ertragreich, aber gar nicht meditativ, aber bitte, manches muss ja auch im Urlaub sein. Und der nächste Urlaub will ja auch geplant werden, online und mit google maps, ach, es ist alles furchtbar stressig hier. Außerdem immer wieder mit der Stoppuhr stoppen, wieviele Sekunden zwischen Friedrichs Brüllattacken vergehen, auch da verzeichnen wir Fortschritte, die Abstände werden deutlich länger.

Derweil arbeitet der freischaffende Künstlergatte im Atelier, das sieht nicht immer nach Arbeit aus, manchmal eher nach Grübeln oder nervösem Auf und Ab-Gehen oder nach Mittagsschläfchen mit offenen Augen, gehört aber alles zum kreativen Prozess. Ich musste das auch erst lernen, aber nach 20 gemeinsamen Jahren habe ich es begriffen, wie das mit der Kunst so funktioniert.

Dass zum kreativen Prozess auch die jammernde Wimmermusik aus dem uralten Kofferradio gehört, daran kann und will ich mich nicht gewöhnen, aber gottlob gibt es ja Türen zwischen Atelier und Wohnräumen. Und außerdem kann ich ja rausgehen, mit den Hunden. Siehe oben. Schließlich ist es plötzlich wieder Nachmittag, man kann sich das nicht erklären, wie die Zeit rast, wenn man endlich mal ein bisschen davon hat, ein echtes Phänomen, das ich bis heute nicht durchschaue.

Also wieder unterwegs mit Lieselotte, ein bisschen trainieren, ein bisschen Dönkes machen, die Natur genießen und am See mal nach dem rechten sehen. Dort, wo wir immer wieder zu Gast sein dürfen, ein echtes Geschenk.

Dort auch, wo die Forellen im Wasser immer weniger werden, der Forellenbesitzer führt penibel Liste über eingesetzte und über gefangene und verspeiste Fische, das stimmt alles leider nicht mit den Tatsachen überein, irgendwer bedient sich da wohl heimlich. Falls es der Reiher sein sollte, haben wir dem jetzt einen Strich durch die Rechnung gemacht, besser gesagt, ein paar Leinen durchs niedrige Wasser gezogen, auf dass er nicht mehr landen, waten, fangen kann. Der wird schön dumm gucken.

Für den Rest des Tages mit Buch aufs Sofa. Wie: mit Buch??, fragt der Gatte entgeistert, so mit echtem Buch mit echten Seiten, ohne Akku? Genau so. Mit echten Seiten, das muss ja auch mal wieder sein, und außerdem ist Urlaub. Wunderbares Buch übrigens, ich kann das jedem Hühnerhalter nur empfehlen.

So, und nun entschuldigen Sie mich bitte, ich muss mich von des Tages Last erholen.

 

 

 

 

 

 

The Daffodils.

In Anbetracht des Wetters könnten wir Ihnen jetzt hier was von blauen Bändern undsoweiter erzählen, jeder kommt mit olle Mörike, sobald es sichtbar Frühling wird, das ist ja nun ein bisschen ausgelutscht. Ich war in meinem früheren Leben mal tief in den Yorkshire Dales, ich bin dort sogar zur Schule gegangen für ein halbes Jahr, es war, unter uns gesagt, eine ganz grauenhafte Zeit, aber Landschaft und Natur haben manches wieder wettgemacht.

Außerdem habe ich dort Freundschaft mit William Wordsworth geschlossen, vorallem mit seinen daffodils, die seitdem zu meinen Lieblingsblumen gehören. Und weil ein bisschen Lyrik im Frühling nicht schaden kann – hier bitte, der Kracher unter den Frühlingsgedichten, wenn Sie mich fragen.

I wandered lonely as a cloud
That floats on high o’er vales and hills,
When all at once I saw a crowd,
A host, of golden daffodils;
Beside the lake, beneath the trees,
Fluttering and dancing in the breeze.

Continuous as the stars that shine
And twinkle on the milky way,
They stretched in never-ending line
Along the margin of a bay:
Ten thousand saw I at a glance,
Tossing their heads in sprightly dance.

The waves beside them danced; but they
Out-did the sparkling waves in glee:
A poet could not but be gay,
In such a jocund company:
I gazed—and gazed—but little thought
What wealth the show to me had brought:

For oft, when on my couch I lie
In vacant or in pensive mood,
They flash upon that inward eye
Which is the bliss of solitude;
And then my heart with pleasure fills,
And dances with the daffodils.

 

 

 

Friedrich.

Wir haben ja nun in einer Hauruck-Aktion einen neuen Hahn organisiert, jede Pietät vermissen lassend, einen Ersatz für JoHahn, Gott hab ihn selig. Der Gatte wollte es so, es konnte ihm gar nicht schnell genug gehen mit dem neuen Hahn, der liebe Himmel weiß, wieso. Vermutlich irgendso ein Männerding.

Und das hat er nun davon, der Gatte. Kaum war Karl Friedrich, genannt Friedrich, eingezogen, war mein lieber Geo abgemeldet. Aber sowas von. Freudig erregt lief er gleich am ersten Nachmittag ans Hühnertörchen, machte albern puttputtputt und lockte seine Hühnerschar – allein: keine Sau ließ sich blicken. Kein Huhn, kein Hahn, kein gar nichts.

Kamen sie sonst immer eilig angewetzt, wenn Geo rief und allerlei Leckereien in den Auslauf streute, bleiben sie jetzt einfach da, wo Friedrich ist. Friedrich sitzt irgendwo hinten im Garten, die Hühner himmeln ihn an, sie hängen quasi an seinen nichtvorhandenen Lippen, sie turteln um ihn herum und tippeln hinter ihm her, Friedrich hier, Friedrich da, sie treten sich dabei gegenseitig auf die Füße und schlagen sich gegenseitig ihre Flügel um die Ohren, und mein lieber Geo guckt in die Röhre.

Nicht, dass ihn das in seiner Eitelkeit kränken würde, ach, i wo denn, Was ist das denn für ein Scheiß?, flucht er, wenn er vom Hühnerauslauf wieder ins Haus kommt, dieser blöde Hahn, ich verstehe gar nicht, was die an ihm haben. Ich sage dann Ach, Du armer, armer Hase, bist Du jetzt ganz abgemeldet? und verkneife mir ansonsten jeglichen Kommentar um des ehelichen Friedens willen. So viel steht fest: Friedrich hat bei meinem Geo derzeit keine guten Karten.

Aber es kommt ja noch schlimmer. Friedrich heißt ja nicht nur Karl Friedrich, wir haben ihm nach dem ersten Tag bereits einen offiziellen Nachnamen verpasst, Karl Friedrich von Brüllhahn. Ja, Sie ahnen es, Friedrich kräht nicht ab und zu, wie vernünftige Hähne das zu tun pflegen, – Friedrich brüllt. Ununterbrochen. Ohne jede Pause.

Friedrich brüllt mit den Vögeln um die Wette, er brüllt die Sonne an, die Wolken offensichtlich auch, Friedrich unterhält sich brüllend mit dem Nachbarhahn schräg gegenüber, Friedrich brüllt, wenn Autos vorbeifahren oder wenn der Wind weht, er brüllt den Hennen Liebesschwüre in die Ohren, er brüllt die Schmetterlinge an und den Spatzen hinterher, er brüllt, weil es 13 Uhr ist oder 15 Uhr oder 8 Uhr früh, er brüllt bei Hunger oder Durst, oder wenn er satt ist, er brüllt bei jedem noch so kleinen Anlass. Und wenn es keinen Anlass zum Brüllen gibt, dann brüllt er eben so lange, bis er einen findet.

Australorphähne haben dabei den Resonanzkörper eines Kontrabasses, und wenn Friedrich brüllt, wackeln die Wände. Mein Geo, dessen Herz Friedrich ja nun ohnehin nicht wirklich im Sturm erobert hat, um es mal vorsichtig zu formulieren,  – mein Geo also hat daraufhin gleich die Nummer des Züchters gewählt, um mal freundlich nachzufragen, was für einen Brüllaffen er uns da angedreht hat ob er sich das erklären könne und ob da Besserung in Sicht ist.

Ist es angeblich, der Hahnenzüchter sagt, man müsse sich das vorstellen wie pubertierende Jugendliche auf einem Jungs-Internat, die nun plötzlich erstmals die Freiheit einer Klassenfahrt genießen und dort auch noch auf hübsche Mädchen treffen. Da sei eine Kommunikation in Zimmerlautstärke auch nicht denkbar, da sei auch erstmal nur lautes Gebrüll und zotige Witze und Wichtigtuerei.

Das wird sich also ändern. Sagt der Züchter jedenfalls. Heute immerhin hat Friedrich schon deutlich weniger gebrüllt, ja, tatsächlich, nur noch alle zwei Minuten, statt gestern alle zwanzig Sekunden, das ist doch schon ein Fortschritt. Es hatte aber zur Folge, dass mein Geo während des Mittagessens unvermittelt aufsprang und in den Hühnerauslauf eilte, Es ist so still da draußen, da wird doch nichts passiert sein?  

Und jetzt weiß ich auch nicht.

 

 

 

Was schön war.

Ich sitze da dieser Tage mit einem jungen Mann auf der Terrasse eines Cafés in der Abendsonne, das Café liegt neben dem Fitness-Studio, in dem der junge Kerl eben noch sein Kraft-Training gemacht hat, und nun sitzen wir also hier und beraten darüber, wie er journalistisch etwas für sein Heimatland tun könnte. Er war vor seiner Flucht als offenbar erfolgreicher Radio- und Fernsehjournalist unterwegs und wohl weithin bekannt, ich habe Fotos von ihm im Internet gesehen, mit weißem Anzug und Fliege auf irgendwelchen Show-Bühnen, dazu das rabenschwarze Haar und das strahlende Lächeln, ein Bild von einem persischen Mann.

Jetzt will er wieder Radio machen, ein Internetradio vielleicht, für die Menschen in seiner Heimat, open-minded soll es sein, nicht immer nur Allah, Allah, Allah, sagt er, ein paar alte Kollegen und Mitstreiter hat er schon zusammengetrommelt, quer durch Europa. Wir sitzen da also und reden über allerlei journalistische und technische Fragen, sein Deutsch ist noch semigut, der Freund, den er mitgebracht hat, spricht schon deutlich flüssiger, so sitzen wir also zu Dritt bei Apfelschorle und alkoholfreiem Hefeweizen. Rund um das Cafe ist ordentlich Betrieb, junge Männer gehen zum Fitneßstudio nebenan, oder sie kommen von daher.

Und wie wir da so sitzen, nähert sich eben wieder ein Pulk von jungen Männern mit Sporttaschen, ich registriere ihre Frisuren und ihre Gesichter und Klamotten, ich setze mich ein bißchen aufrechter hin und nehme sie fest in den Blick, während sie auf uns zukommen. Ok, denke ich bang, was mache ich, wenn die jetzt das Pöbeln anfangen, wie reagiere ich, wenn sie irgendeinen rassistischen Scheiß loslassen, vielleicht wollen die sogar richtig Streß und werden handgreiflich, was soll ich da bloß tun? Ich denke hektisch darüber nach, es gab da doch irgendwelche Anleitungen für die Praxis, Deeskalation und so, bloß nicht zurückpöbeln, herrjeh, wie war das noch.

Die Truppe umringt unseren Tisch und meine Gesprächspartner strahlen die jungen Männer an, Ey Alter, was geht?, sagt der eine lachend und sie schütteln die Hände der jungen Männer, warst Du schon Gewichte stemmen oder kommst Du noch mit ins Studio? fragt ein anderer, Alles klar bei Euch? wollen die jungen Kerle wissen, was macht die Ausbildung?, meine Gesprächspartner erzählen ein bißchen, dann wird gelacht und gewunken, ja, Tschüß, bis zum nächsten mal!, und ich sitze da wie ein Volltrottel mit meinen Schubladen im Kopf, das ist in diesem Fall ein pädagogisch durchaus wertvolles Gefühl, ich kenne keinen dieser Menschen, während meine zwei persischen Freunde offenbar schon bestens sozialisiert sind.

Ich ziehe also die Klischeeschublade im Hinterkopf kleinlaut wieder auf und setze die jungen Männer behutsam wieder an die frische Luft, sorry, Männer, das war meinerseits dann wohl ein Griff ins Klo, wir reden noch kurz über die Idee mit dem Internet-Radio, dann muss ich los, und mein persischer Kollege besteht darauf, die Rechnung zu bezahlen. Beim nächsten Treffen gerne wieder hier, sagt er, es ist hier wirklich immer nett. 

Ein Symbolbild.