Schöne Aussichten.

Ich war also dieser Tage in der grossen Stadt, und ich habe dort, in der Wohnung von Freunden, ein paar Blicke nach draußen werfen dürfen, von der Terrasse aus, und vom Schlafzimmer. Und jetzt weiß ich auch nicht, was ich davon halten soll. Ich schwanke zwischen neidvollem Oh wow! und mitleidigem Au weia!.

Schlafzimmerblick.

 

 

 

Schöner Scheiss.

Wir waren dieser Tage einmal mehr in der Großstadt, genauer gesagt in Frankfurt, ich weiß gar nicht, ob ich das tatsächlich als Großstadt gelten lassen kann, aber das ist jetzt ein anderes Thema. Jedenfalls waren wir in einer großen Stadt unterwegs, und am Ende stand die ernüchternde Erkenntnis: Ich bin für das Leben in großen Städten, für die Herausforderungen der Metropolen, definitiv nicht mehr geeignet. 25 Jahre Berlin hin oder her. Tragisch aber wahr.

Dabei stand die ernüchternde Erkenntnis gar nicht am Ende, sondern vielmehr schon am Anfang unseres kleinen Großstadtabenteuers. Bevor Großstadtabenteuer mit mir nämlich überhaupt erst so richtig beginnen können, muss ich nach der langen Autofahrt und einem halben Liter Wasser  in der Regel ersteinmal dahin, wo selbst der Kaiser zu Fuß hingeht, hüstel, hüstelnaja, Sie wissen schon.

Der Kaiser hätte hier allerdings schön dumm aus der Wäsche geguckt, denn handelsübliche Kaiser, wie ich sie mir vorstelle, hätten in die sehr schicke, aber winzige Kabine des Museums Schirn schon mal überhaupt nicht hineingepasst. Kaiser Bhumibol vielleicht, oder irgendso ein anderer schmalbrüstiger asiatischer Hänfling, aber der Karolinger Kaiser Karl der Dicke (839 – 888) beispielsweise, der hätte sich irgendwas einfallen lassen müssen. Karl der Dicke hätte vermutlich zurück ins Parkhaus gemusst, in der Hoffnung, dass die Kabinen dort etwas geräumiger sind.

Wie dem auch sei, nachdem ich meine mittelgroße Umhängetasche abgenommen habe, passe tatsächlich auch ich mit meiner Konfektionsgröße 38 durch die Tür und in die Klosettkabine hinein, ich schaue mich also da so um, soweit die eingeschränkte Bewegungsfreiheit das zulässt, und mein Blick fällt auf einen Kasten an der Wand. Nun lebe ich zwar in der Provinz, aber ich arbeite doch für eines der modernsten Funkhäuser Europas, bin also allem Technischen gegenüber sehr aufgeschlossen, ja, ich bin ja fast schon sowas wie ein halber Technikfreak, möchte ich sagen, also betrachte ich den Kasten näher.

Zum Vergrößern anklicken.

Die Innenarchitekten des Frankfurter Schirn-Museums sind ihrem Grundsatz treu geblieben, alles Schriftliche so winzig wie möglich zu machen, aber nun sind die Entfernungen in der klitzekleinen Klokabine ja nicht allzu weit, also beuge ich mich vor, um die Bedienungsanleitung für den Kasten in aller Ruhe erstmal zu studieren, bevor ich mich auf irgendetwas anderes einlasse. Es handelt sich also hier offenbar nicht um eine handelsübliche Toilet, sondern um eine Toto Neorest Washlet, entnehme ich staunend Bildern und Schriftzeichen. Aha, aha, denke ich, sowas gibts im Odenwald ja nicht. Sowas habe ich noch nie gesehen.

Weil ich nun aber vor der Kloschüssel stehe und mich lesend zu dem Kästchen herunterbeuge, komme ich offenbar mit meinem Kopf in den Erfassungsbereich des Klobrillenöffnungs-und Schließ-Sensors, ich lese also staunend, während gleichzeitig vor mir der Klodeckel immerzu sanft schnaufend auf- und zu klappt. Es ist, als wolle er mir etwas sagen, vielleicht möchte er mir sogar die Handhabung eines großstädtischen washlets erklären, dabei blinken am Rande der Brille rote und blaue LED-Lämpchen, das Klosett zwinkert mir gleichsam verschwörerisch zu und atmet mir aus weit aufgerissenem Maul warme Luft entgegen.

Hier muss es sich offenbar um den besonders sanften Luftstrom zur Trocknung handeln, von dem auf dem Kasten die Rede ist. Außerdem steht da noch was von Düsen und Intimbereich und hin und zurück und von Geruchsabsaugung, und der Klodeckel vor mir öffnet und schließt sich seufzend, als verlöre er langsam die Geduld mit mir.

Ich kann mich nicht überwinden, testhalber auf einen der Schalter zu drücken, mir ist das alles unheimlich, aber während ich mich in der Kabine kurz umzudrehen versuche, gerate ich offenbar an irgendeinen der Knöpfe, ein unglaubliches Rauschen ertönt, ich kreische vor Schreck kurz los, und drücke dann hektisch und völlig wahllos auf die Tasten Rear, Front, Rear, Pressure, position, es rauscht weiter, offenbar habe ich 3L-Flush gedrückt (aktiviert die wassersparende Tornado-Spülung), und ich denke in einer kurzen Panik darüber nach, wie ich jemals schnell aus diesem Kabuff kommen soll, falls hier jetzt die washlet-Tornado-Flut losbricht wie einst die biblische Sintflut.

In all dem Tornado-Rauschen ermahne ich mich selber streng zur Ruhe und nehme meinen technischen Verstand  noch einmal zusammen, ich glotze konzentriert auf schriftliche Anweisungen und die dazu passenden oder unpassenden Abbildungen, es rauscht und rauscht, der Klodeckel geht seufzend auf und seufzend zu, weil ich zwangsläufig noch immer in seinem Bewegungsmelderfeld herumzappele, ich aktiviere jetzt kurz- und wildentschlossen den Dryer (aktiviert den sanften warmen Luftstrom zur Trocknung) und den Power-Deodorizer (verstärkt die Geruchsabsaugung), nun ist wenigstens halbwegs wieder Ruhe, es summt ein warmes Lüftchen durch das Kabuff und saugt vermutlich den Geruch ab, den mein kalter Angstschweiß inzwischen hier verbreitet hat. Ich stehe ratlos vor der Kloschüssel, der Deckel schließt sich ein letztes Mal seufzend, als wollte er sagen Wenn Du zu blöd zum Pinkeln bist, dann geh! 

Geo, sage ich, wieder oben im Museum, Geo, ich muss nochmal schnell zurück ins Parkhaus. 

 

Und jetzt weiß ich auch nicht weiter.

 

 

 

 

Kotz, würg.

Jahaha, unter dieser Klick-Bait-Überschrift erwarten Sie jetzt vermutlich eine politische Ausführung meinerseits, eine Erläuterung zur allgemeinen Lage der Nation und der Gesellschaft aus Odenwälder Perspektive, das ist zwar ziemlich naheliegend, aber leider doch in diesem Zusammenhang grundfalsch.

Es geht vielmehr um ein Problem, das nur allzuviele von uns kennen. Es geht um die gemeine Kropfverstopfung. Ja, wer kennt die nicht? Mit der jedenfalls habe ich heute meinen ansonsten Heiligen Sonntag verbracht.

Mein JoHahn, schönster Hahn der Welt, leidet akut unter einer solchen Kropfverstopfung, der Kropf, der eigentlich zum Vor-Verdauen da ist, füllt sich, leert sich aber leider nicht mehr. Irgendwas ist da verstopft, ein riesen Kuddelmuddel in dem kleinen Kropf, der früher oder später zu beachtlicher Größe anwächst. Im schlimmsten Fall verstopft dann alles, oben mag noch ein Weilchen etwas hineingehen, es rutscht aber unten nicht weiter Richtung Magen, das unverdaute Kuddelmuddel im Kropf wird immer schlimmer, der Kropf immer dicker. Kann mit dem Tode enden, heißt es dann im Internet auf den entsprechenden Ratgeberseiten, aber soweit sind wir nun noch nicht.

Merkwürdige Bewegungen macht er mit dem Kopf und dem Hals, Sie können sich das in etwa so vorstellen, wie wenn bei Ihnen im Hals ein Tennisball festgeklemmt säße, man kennt das ja. Insgesamt ist er ein bisschen schlapp, aber trinken und Atmen geht noch. Krähen nicht mehr.

Und JoHahn stinkt aus dem Halse, als wollte er mit dem Geruch den Karthager Hannibal mit seinen 50.000 Soldaten und den 37 KriegsElefanten bei der Alpenüberquerung stoppen, und glauben Sie mir, wenn JoHahn und Hannibals Truppen damals aufeinandergetroffen wären, JoHahn wäre als Sieger aus der Begegnung hervorgegangen, daran besteht keinerlei Zweifel.  Keine Bewegung mehr im Kropf, kein Vor und Zurück, heißt also Gärprozesse vom allerfeinsten, ich kann Ihnen sagen. Ein olfaktorischer Shitstorm. Der Hahn reißt das Maul auf und will laut krähen, und Sie fallen ohnmächtig hintenüber, vielleicht ist das ja doch eine Metapher, die man für irgendeine gesellschaftspolitische Aus- oder Einlassung verwenden könnte, das fällt mir eben so auf. Aber ich komme vom Thema ab.

Wie dem auch sei: Ich habe also heute den Heiligen Sonntag, während Sie vermutlich auf Faschingsumzügen gefeiert oder ein schönes Museum besucht haben oder was weiß denn ich,  – ich habe also heute den Tag damit zugebracht, mich im Internet schlau zu machen, in Foren und auf allerlei Seiten, um dann beherzt zur Behandlung zu schreiten.

JoHahn im Garten greifen, unter den Arm klemmen und den dicken Kropf erstmal finden und dann massieren, während das gute Tier mir mit erschüttertem Blick seinen vergorenen Todesatem ins Gesicht haucht. Zwischendurch muss man den Hahn dann mal kopfüber kippen, damit die Brühe rausläuft. JoHahn kotzt, würgt, röchelt, ich stehe also mit dem Hahn unterm Arm im Garten, massiere und kippe mich und das Tier kopfüber, massiere, schnaufe und würge meinerseits, massiere und kippe und schüttele das arme Vieh koppheister. Ich will ja nur Dein Bestes, sage ich röchelnd zu dem röchelnden Hahn, aber der glotzt nur verständnislos, an seiner Stelle ginge es mir vermutlich nicht anders.

Wir sind leider noch lange nicht im grünen Bereich mit der Behandlung, wir werden das in den kommenden Tagen mit mehreren Hilfsmitteln weiterbetreiben müssen, dem Hahn gut zureden und ihm verständnisvoll zur Seite stehen, wenn er kotzt und würgt, wir werden den unfassbaren Gestank ignorieren, der aus seinem Inneren hervorquillt, sobald er das Maul aufreißt,  wir werden vorsichtig und liebevoll den Kropf massieren und das zusammengeballte gärende Etwas, diesen harten Klotz in ihm, irgendwie kleinkriegen mit Liebe und Geduld, jawohl. Und wir werden darüber nachdenken, ob das alles vielleicht doch als Metapher taugt, für irgendwas.

 

 

 

Ahoi und Hajo.

Sie ziehen jetzt die fasenachtlichen Truppen zusammen. Die Stimmung steigt, die Wände wackeln. Langsam wirds ernst.

 

 

Ja, das Video ist aus dem Archiv. Heute kam ich jedesmal um Sekunden zu spät, als der Zug am Fenster vorbeirauschte mit Wuffta und Rummsda. Außerdem war er offenbar um 50 Prozent kürzer als in den vergangenen Jahren, das Schauspiel also nach rund 2,3 Sekunden vorbei. Vielleicht bekomme ich morgen nochmal Bilder von dem Spektakel, Sie können also schon mal Chips und Knabberzeugs besorgen, für einen kurzweiligen Filmabend. Oder so.

 

 

Die Geschichte einer Ausgrenzung.

Es ist Fasenacht im Odenwald. Oder auch Faschenacht, wie es in Buchen heißt, mit schschschschschsch, darauf legen die Buchener Faschenachter angeblich großen Wert, in jedem Fall ist es wie in jedem Jahr die Zeit, in der ich traditionell daneben stehe in einer Mischung aus Verstörung und ein bisschen Neid, naja, Sie wissen schon, preußische Protestantin undsoweiter, ich muss das hier nicht alles wiederholen. Mein Standard-Kostüm wäre vermutlich das der Spaßbremse.

Foto: Wolfgang Mackert.

Wie dem auch sei, es gibt aber Sachen bei der Buchener Faschenacht, die mir gut gefallen, das hat alles sehr viel Tradition hier, wenig mit Allaaf  und Ahoi und fetten Motivwägen und noch fetteren Beats, es ist Teil der fränkisch-allemannischen Fasenacht, und vieles davon reicht in seinen Ursprüngen mal locker ein paar Jahrhunderte zurück in die Vergangenheit.

Und der Buchener Faschnenachts-Hit schlechthin, der Kerl, wach uff!, der gefällt mir auch, den hört man hier dauernd und überall, und ich habe irgendwo mal gelesen, dass echte Buchener Säuglinge angeblich nicht nur im Huddelbätz geboren werden, sondern auch noch im Kreißsaal das erste Mal den Kerl wach uff zum Besten geben, in einer etwas vereinfachten Form zwar, aber immerhin.

Kerl wach uff!
Vergeß da Nout, da Plooch,
korz is‘ Lebe, darum: „Hinne Houch!“

La, la laaaa…

Der Mann, der diesen und viele andere Buchener Faschenachts- und Fest-Kracher getextet hat, der würde sich vielleicht freuen, wenn er wüsste, dass er in diesen Wochen und Monaten des Jahres immernoch in aller Munde ist und es vermutlich auch die nächsten 200 Faschenachtskampagnen sein wird. Vermutlich hat er sich das kaum vorstellen können in seinen schwachen Stunden, und von denen dürfte es sehr viele gegeben haben, zumindest in den letzten Jahren seines Leben.

Jacob Mayer hieß der Mann, ein eleganter und gebildeter Herr, ein Buchener durch und durch, einer, der das Wort von der Bodenständigkeit verinnerlicht hatte, ein Lokalpatriot im besten Sinne, dazu Geschäftsmann, Lebemann, Mundartdichter und Chronist seiner Heimat. Auf Bildern sieht man ihn immer bestens angezogen, maßgeschneiderte Anzüge aus gutem Tuch, mit Weste und Fliege, manikürte Fingernägel, wie man sich das eben so vorstellt rund um die Goldenen Zwanziger.

Damals, als noch niemand ahnte, wo die Geschichte hinführen würde, auch Mayer selber nicht. Die Geschichte führte – um das vorweg zu nehmen – den Juden Jacob Mayer an einem Sommertag im Jahr 1939 auf einen dunklen Dachboden in der Buchener Marktstraße. Hier nahm er sich das Leben, verarmt, vereinsamt, verzweifelt. Seine Geschichte ist die Geschichte einer Ausgrenzung.

Jacob Mayer war zu Kaisers Zeiten und in der Weimarer Republik offenbar immer da, wo in Buchen die Musik spielte, in allen bedeutenden Gesellschaften und Vereinen des kleinen Provinzstädtchens war er Mitglied, übernahm verantwortungsvolle Posten, war im Vorstand der jüdischen Gemeinde, kümmerte sich um das Bezirksmuseum und die Faschenacht, war Elferratspräsident und leitendes Mitglied im Odenwald-Club sowie in der renommierten Casino-Gesellschaft , in der es manchmal feucht-fröhlich, oft aber einfach nur sehr fein zuging. Mayer war hochangesehen bei Christen und Juden, er hatte Einfluss und einen vermutlich riesigen Bekanntenkreis. Viele Entwicklungen in Buchen zu dieser Zeit seien ohne Mayer nicht denkbar, heißt es heute, Mayer gilt inzwischen als einer der bedeutendsten Söhne der Stadt.

Als die Nazis das Kommando übernahmen, auch in Buchen, da war der hochgelobte und vielgefragte Jacob Mayer schon über 60 Jahre alt. Er, der eigentlich doch gar nicht wegzudenken war aus der Buchener Gesellschaft, musste mit ansehen, wie er plötzlich eben doch weggedacht wurde, geschnitten, gemieden, ausgegrenzt, zunächst ganz leise, dann immer lauter. Der Jude Mayer wurde aus den Vereinen ausgeschlossen, seine zahlreichen Ämter wurden an Arier vergeben, das Kauft-nicht-bei-Juden!-Schild klebte bald auch auf seinem eleganten Geschäft in der Marktstraße und ruinierte ihn auch wirtschaftlich.

Viele der jüdischen Freunde in Buchen emigrierten, machten sich auf den Weg Richtung USA, für Mayer als waschechten Buchener völlig undenkbar. Auch dann noch, als er so verarmt war, dass die letzten Buchener Freunde ihn heimlich versorgen mussten, mit warmen Mahlzeiten aus dem Hotel Prinz Carl, vielleicht auch mit ein paar Reichsmark. Die anderen Freunde der vergangenen Jahre hatten sich schleichend in selbsternannte Feinde verwandelt, mit einem Juden wollte keiner mehr etwas zu tun haben.

Ich stelle mir vor, der angesehene Kaufmann und engagierte Bürger Mayer wurde in dieser Zeit immer kleiner und kleiner, vermutlich auch dünner und dünner, bis ihn schließlich kaum jemand mehr sah, kaum einer ihn mehr zur Kenntnis nahm. Er verschwand aus dem öffentlichen Bewusstsein, heißt es in einem eben erschienenen Buch über Jacob Mayer. Er verschwand aus dem öffentlichen Bewusstsein, wurde unsichtbar, eine persona non grata,  jahrzehntelange Verdienste hin oder her.

Als er dann tatsächlich verschwunden war, an diesem Junitag 1939 auf dem Dachboden seines Wohnhauses, da war wohl nicht einmal das mehr größerer Erwähnungen wert in Buchen. Begraben liegt Mayer auf dem jüdischen Friedhof in Bödigheim, seinen Namen auf dem Stein sucht man jedoch vergeblich.

Eine Schule ist inzwischen nach Jacob Mayer benannt in Buchen, außerdem der Platz an der Synagoge. Es gibt eine kleine Gedenktafel und seit kurzem sogar einen Wikipedia-Artikel, der von Buchener Schülern initiiert wurde. Im vergangenen Jahr ist ein sehr schönes und informatives kleines Buch erschienen, herausgegeben von der Stadt Buchen, mit Texten von Archivarin Gerlinde Trunk und Journalist Jürgen Strein und sehr ansprechend gestaltet vom Buchener Bloggerkollegen Matthias Grimm. Aus dem habe ich auch all das Wissen entnommen, dass ich hier verbreite, ich wusste selber wenig über Jacob Mayer.

Ich kann Ihnen das Buch also nur sehr ans Herz legen, egal, wo Sie wohnen, ob im Odenwald oder sonstwo, ersetzen Sie einfach die Namen und die Orte in dem Buch, dann passt das schon. Auf jeden Fall ist hier sehr gut gelungen, Geschichte greifbar zu machen. Ja, ich mache hier Werbung, und ich kriege nicht mal Geld dafür. Hier (Klick!) auf dem Blog vom Kollegen Grimm können Sie sehen, wo Sie das Buch in der Region kaufen oder bestellen können.

Mit diesen Hintergrundinformationen entlasse ich Sie wieder in die Faschenacht, den Kerl wach uff! können sie ja trotzdem laut mitsingen. Oder grade drum.

 

 

 

Moderne Moderne.

Mit Tipps zu moderner Architektur oder mit Hinweisen auf Ausstellungen international renommierter Künstler kann ich ja im Odenwald eher selten dienen, um es mal vorsichtig zu formulieren, deswegen fahre ich hin und wieder woanders hin, um Sie dann auf dieses oder jenes hinzuweisen. Schließlich ist das hier auch ein Service-Blog, also bitte.

Wenn Sie also demnächst mal wieder irgendwo in Holland unterwegs sind, dann sollten Sie das nigelnagelneue Voorlinden-Museum bei Den Haag besuchen, das liegt völlig in der Pampa und doch sehr zentral, wie ja in Holland eigentlich fast alles. Wenn Sie spannende Architektur und ebensolche moderne Kunst suchen, sollten Sie da wirklich hin.

Drinnen gibt es klassische moderne Kunst zu sehen und moderne moderne Kunst, bei ersterer bin ich noch ganz dabei, bei letzterer hin- und hergerissen zwischen Verarschen-kann-ich-mich-selber und Aha, aha, sehr interessant, hmmm....ähem.  Dabei hatte ich mir wirklich vorgenommen, nicht mit dem Blick der selbsternannten Landpomeranze zu schauen, sondern mit dem ach so geschulten Auge der ach so weltläufigen offenen Berlinerin.

Da stockt das Herz der Hühnerhalterin. Ich habe mich beherrschen können, mal dagegenzutippen.

1000 bunte Brokkolihälftenstempeldrucke

In diesem Zusammenhang muss der Künstler der aktuellen Sonderausstellung genannt werden, Martin Creed, immerhin Turner-Preisträger, und damit eine ganz heiße Nummer in der Szene. Einer seiner künstlerischen Leitsprüche steht auch auf hübschen Stoff-Täschchen, die Kunstinteressierte im Museumsshop erwerben können, um sie dann bei der nächsten Vernissage unauffällig in die Kameras der anwesenden Kultur-Reporter zu halten. Oder um damit Brokkoli auf dem Markt für den nächsten VHS-Kunstkurs zu kaufen, was weiß denn ich: Art is shit. Art galleries are toilets. Curators are toilet attendants. Artists are bullshitters. Wie das jetzt mit der – bereits mehrfach auf internationalen Schauen gezeigten – Klosettpapierrollenpyramide zusammenzubringen ist, weiß ich aber auch nicht.

Ich habe mich aber nach wenigen Metern in diesem Teil der Ausstellung entschieden, das alles nicht gesellschaftskritisch oder auf der Metaebene interpretieren zu wollen, wie ich es ja sonst eigentlich immer und überall tue, Landpomeranze hin oder her, sondern die Sache mit Humor zu nehmen, man kommt auf diese Weise wirklich auf seine Kosten und am Ende mit einem breiten Grinsen aus dem Museum heraus, das ist doch was.

Keine Frage der Perspektive – die Dame mit den roten Hosen ist extrem nah an dem Paar dran.

Keinesfalls auslassen sollten Sie in der ständigen Sammlung den Koloss von Richard Serra, open ended, ich nehme ja an, der steht dauerhaft da, ich habe mich dabei erwischt, wie ich darüber nachdachte, mit was für einem Gerät sie das Teil hier wohl hineinmanövriert haben, mit einem Lanz oder einem JohnDeere oder einem Schollkran, und ich habe heimlich nach Schweißnähten und Spuren auf dem Fußboden gesucht, alles leider vergeblich, es ist und bleibt ein Rätsel.

Vielleicht wurde das Museum auch drumrum gebaut, möglich wäre das, und verdient hätte das Stück es allemal. Sie ahnen, ich bin ein großer Serra-Fan, wenn Sie mal einen treffen, grüßen Sie ihn und verlaufen Sie sich nicht darin, es ist nicht ganz einfach, cool zu bleiben, wenn man zu Anflügen von Beklemmungen neigt, aber ich habe ja wieder herausgefunden, sonst könnte ich das hier ja gar nicht schreiben.

Und nun stellen Sie sich bitte einen solchen Serra mal auf einem grünen Odenwald-Hügel vor, mit weitem Blick ins Land, das wäre wie ein Paukenschlag und ein Tourismus-Kracher noch dazu. Die Leute kämen in Scharen, glauben Sie mir. Serra zieht immer. Oder gleich ein ganzes Museum, ein richtig feines? Warum bauen reiche Privatiers dauernd Museen in Holland und sonstwo, aber nie im Odenwald? So richtig cool, mit einem Skulpturenlandschaftspark drumherum? Das wäre mal was. Aber ob die Odenwälder da mitziehen? Ich werde mich mal darum kümmern müssen.

 

 

 

Hedwig.

Es fängt jetzt wieder diese Jahreszeit an, in der ich hierzulande nichts mehr verstehe. Also, fast gar nichts. Is so. Seit Jahren. Lässt sich nicht ändern. Also, bitte fragen Sie mich nicht.

In diesem Fall weiß ich allerdings inzwischen sogar, worum es geht. Oder zumindest, wer Hedwig ist. Ich musste aber auch erst wieder fragen.  Ich kannte Hedwig bislang nur mit Nachnamen. Aber ich fänds auch cool, wenn sie Sitzungspräsidentin würde.

Oder Bundespräsidentin, Hedwig, gell, Hedwig?, – das täte mir fast noch besser gefallen.

 

 

 

 

Wider das Vergessen.

Wir sind da neulich in einem Café, der Gatte und ich, an einem Werktag am helllichten Vormittag, und es sitzen dort, wie erwartet, nur Menschen oberhalb der Pensionsgrenze. An einem langen Tisch hocken gar acht Frauen im Alter von Siebzig-plus beieinander, sie haben Kaffee und Piccolöchen vor sich, nippen mal hier und mal da, sie quasseln und lachen munter quer über den Tisch miteinander, es geht um Früher, und um Weißt Du noch, sie quasseln und lachen, und zwischendurch senkt sich immer mal wieder ein kleines Schweigen auf den Tisch herab, eines von der Art, das man miteinander gut aushalten und teilen kann, wenn man sich seit Jahrzehnten schon kennt.

Wo ist eigentlich die Martha? fragt eine in die Stille hinein, die weiß doch, dass wir uns Freitags immer hier treffen.

Ach je, sagt eine andere, das hat die bestimmt vergessen. Die Martha ist so vergesslich geworden, ganz schlimm. Ich glaube manchmal, die ist nicht mehr dicht, da oben im Oberstübchen. 

Naja, sagt die Dritte versöhnlich, wir werden vielleicht alle vergesslich, so alt wie wir sind, deswegen ist man ja noch nicht gleich bekloppt. 

Hin und her geht die Frage, wie vergesslich, wie bekloppt man wohl wird mit dem Alter, jede hat ihre eigene Meinung, ihre eigene Erfahrung dazu. Also, so vergesslich wie die Martha sind wir hier jedenfalls noch lange nicht, fasst eine die Diskussion pragmatisch und mit resoluter Stimme zusammen. Dann legt sich wieder das kleine Schweigen über den Tisch, die Frauen nippen an Kaffee und Sekt und denken nach.

Foto: Klicker/pixelio.de

Und wieder in die Stille hinein sagt eine Ich weiß zum Beispiel alle Telefonnummern auswendig, die ich so brauche. Und gleich legt sie los.

Die Stefanie hat die Sieben-Zwo-Acht-Fünf-Null-Drei. Und im Büro die Acht-Acht-Fünf-Drei-Vier-Sieben-Null. Ihr Mann hatte früher dienstlich die Zwo-Sieben-Zwo-Drei-Acht. Aber neuerdings hat er die Zwo-Sieben-Zwo-Drei-Neun. Und die Nummer von der Krankengymnastik weiß ich natürlich auch, Neun-Fünf-Zwo-Sieben-Acht-Vier-Drei.

Die anderen Frauen wollen nicht nachstehen, jeder fällt plötzlich ein, wie viele Telefonnummern sie auswendig kennt und gibt sie sogleich zum Besten. Lange, komplizierte Zahlenreihen, manche aktuell, manche seit Jahren nicht mehr gültig. Der Erwin im Büro, der hatte immer die Vier-Vier-Acht-Zwo-Sieben-Vier-Neun, bis zu seiner Pensionierung 1985. Die Schwiegertochter hat die Null-Eins-Sieben-Eins-Fünfundzwanzig-Siebzehn-Dreißig, der Enkel die Null-Eins-Fünf-Null-Achtzehn-Achtzehn-Fünzig-Zwölf. 

Foto. Michael Grabscheit/pixelio.de

Schließlich werfen die Frauen nur noch mit Zahlen um sich, die Telefonnummern fliegen über den Tisch, Neun-Vier-Drei-Acht-Sieben, hin und her, die Frauen klauben immer mehr Telefonnummern aus ihrem Gedächtnis hervor und präsentieren sie wie der Zauberer im Zirkus das Kaninchen im Zylinder, keine hört mehr der anderen zu, Sieben-Sieben-Fünf-Acht-Drei-Zwo-Vier, die Zahlen fliegen durch das ganze Café, immer lauter werden die Stimmen, die Frauen schlagen sich Vorwahlen, Rufnummern Durchwahlen um die Ohren, Null-Sechs-Zwo-Zwo-Eins, immer schneller werden die Zahlenkolonnen heruntergerattert, minutenlang geht das so, bis selbst der Letzten am Tisch keine Telefonnummer mehr einfällt, die sie noch aufsagen könnte.

Und wieder senkt sich das kleine Schweigen auf den Tisch hinunter, die Frauen gucken in Kaffeetassen und Sektgläser, Nee, so vergesslich sind wir noch nicht, sagt eine in die Stille. Dann rufen sie die Kellnerin und bezahlen Kaffee und Piccolo, sie ziehen umständlich ihre dicken Mäntel an und machen sich auf den Weg.

Im Rausgehen sagt eine zur anderen Wir müssen nächste Woche der Martha bescheid geben, dass wir uns treffen. Sonst vergisst die das wieder. Schlimm, wenn man so vergesslich wird. 

 

 

 

Cinema, Cinema.

Und nun sage noch einer, es täte sich nichts beim Buchener Kino. Also bitte: Vorher. Nachher.

Die Wandfarbe ist aber in Wirklichkeit die Gleiche wie vorher. Über Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte den automatischen Weißabgleich meines smartphones.