Das Baguette-Mysterium.

Ich habe mich ja nicht immer leicht getan mit dem Leben auf dem Lande, so als Zugereiste. Vieles war mir zunächst rätselhaft bis völlig unerklärlich, manches kam mir merkwürdig vor, einiges unvereinbar mit meinem bis dato gelebten Leben. Naja, Sie wissen schon, Großstädter in der vermeintlichen Provinz und so.

Aller Anfang ist schwer, aber nun sind ja ein paar Jährchen ins Land gezogen, ich habe etliches begriffen, mich an manches gewöhnt und vieles lieben gelernt. Nur das eine oder andere Rätsel blieb und bereitet mir und meinem Geo bis heute schlaflose Nächte. Wir wälzen uns dann, halb wach, halb träumend, hin und her auf der Matratze und fragen uns bis in die Morgendämmerung: Warum? Ist? Das? Hier? So? In der Frühe sind wir dann gerädert und übellaunig, aber der Antwort immer noch nicht näher gekommen. Ja, so in etwa müssen Sie sich das vorstellen.

Foto: Peter Smola/Pixelio.de

Eines dieser Themen, das uns über Jahre hinweg den nächtlichen Schönheits- und Erholungsschlaf raubte, war das Odenwälder Baguette-Mysterium. Es verfolgte uns wöchentlich, ach, was sage ich, wir waren nahezu täglich damit konfrontiert, denn wir sind beide leidenschaftliche Baguette-Esser. Wir haben inzwischen gefühlte 4,3 Millionen verschiedene Baguettes bei ebenso vielen Bäckern in der Region durchprobiert, allein, nur wenige davon hatten zumindest in Ansätzen mit dem zu tun, was wir als Baguette bezeichnen würden.

Ein Baguette – wenn Sie mich fragen – muss zwei Anforderungen erfüllen. Rösch muss es sein, und zwar so, dass beim Auseinanderbrechen (ja, wir brechen das Brot) etwa eintausendzweihundertfünfunddreißig knusprige, helle und dunkle kleine Splitter durch die Gegend fliegen, wie in einer Art Baguetteexplosion. Leider sieht es bei uns beim Abendbrot dann dementsprechend aus, und anhand der Krümelverteilung im gesamten Esszimmer kann ich in der Regel hinterher noch genau rekonstruieren, wer wo gesessen und gegessen hat.

Und immernoch besser, sie fliegen durch die Luft, die Splitter, als dass sie in den hungrigen Mäulern Schaden anrichten mit ihren scharfen Kanten, aufgeratschtes Zahnfleisch, Loch im Gaumen, allerlei Verletzungen, alles schon erlebt. Aber ich meine, das gehört doch dazu. Schon die Berliner Schrippen waren so, früher jedenfalls, immerzu hatte ich irgendeine entzündete Stelle im Mund, vielleicht auch deswegen meine nostalgische Liebe zu scharfkantigen Backwaren.

Zweitens muss ein anständiges Baguette innen so richtig fluffig sein, mit großen Löchern, locker, aber doch auch irgendwie ein bisschen saftig, als sei Oliven- oder Walnußöl verwendet worden. Naja, Sie wissen schon. Schließlich ist das Baguette ja nicht zuletzt dazu da, um es in Reste von Sahne- oder Salatsoßen zu ditschen, oder in den schweren Rotweinsud, den mein Geo zu seinem berühmten Arrosto alla Dina macht.

Aber genau hier fangen die Probleme an. Wo auch immer wir Stangenweißbrot kaufen, meistens ist es uns zu blass, zu glatt, zu trocken. Nach dem Einfrieren und Auftauen beginnt es sein neues Leben als eine Mischung aus Zwieback und Pappmachee-Skulptur, aber vielleicht liegt das am unsachgemäßen Einfrieren, wir sind da etwas nachlässig. Kennen aber großstädtische Baguettes, die uns diese Fehler großzügig verzeihen und auch nach Monaten in der Tiefkühltruhe zu alter, junger, knusprig-fluffiger Schönheit auflaufen wie weiland das eingefrorene Dornröschen, als dieser küssende Prinz daherkam, Sie erinnern sich bestimmt.

Foto: Gila Hanssen/pixelio.de

Nun habe ich dieser Tage mal all meinen Berliner Mut zusammengenommen und einen Odenwälder Bäcker auf das Baguette-Mysterium angesprochen. Nicht irgendeinen natürlich, wo denken Sie hin, ich habe mir den Chef der Deutschen Bäcker-Nationalmannschaft zur Seite genommen, ja, Sie haben richtig gelesen, sowas gibts, und der Chef persönlich lebt und backt also im Odenwald. Meine Frage, ob Odenwälder Bäcker nicht in der Lage seien, anständiges krosses, fluffig-flauschiges Stangenbrot französische Art zu backen, sorgte für gewisse Empörung, um es vorsichtig zu formulieren. Natürlich können die das. Also, sie könnten es. Nur will hier niemand so ein Brot. Ja, das waren seine Worte.

Viele Kunden – das wissen die Brancheninsider – schnitten das Stangenweißbrot am liebsten auf der Brotschneidemaschine in handtellergroße, dünne Scheiben, um es dann wie eine Stulle zu belegen und auch so zu essen. Ich habe das auch selber schon bei Gästen erlebt, sie bekommen bei uns dicke knusprige Baguette-Brocken von den Ausmaßen einer Männerfaust und damit eigentlich größentechnisch nicht kompatibel mit dem menschlichen Mund. Sie legen unbeirrt noch eine Scheibe Käse on top und beharren stumm darauf, dieses ganze Konstrukt wie eine Scheibe Graubrot zu essen, ich bewundere das Dehnungsvermögen ihres Kauapparates und nehme mir vor, die Baguette-Brocken beim nächsten Essen noch dicker zu servieren, so als Wink mit dem Baguette-Zaunpfahl.

Sind die Löcher zu groß, hahaha, da ist der Bäcker durchgekrochen, da tropft die Marmelade durch, dann bringt der enttäuschte Kunde das missratene Brot schon mal zurück in das Geschäft und verlangt Ersatz oder sein Geld zurück. Um derlei unerquickliche Stangenweißbrotreklamationen zu vermeiden, backen umsichtige Bäcker also lieber so eine Art normales Weißbrot, ein ganz bisschen knusprig nur und eben in Stangenform. Und am Ende sind alle glücklich. So jedenfalls habe ich das verstanden.

Voila! Baguettemysterium gelöst. So erklärt sich nebenbei auch, warum es in Odenwälder Haushalten immer so sauber ist, nirgendwo ein Krümelchen, nirgendwo knusprige Splitter. Warum Odenwälder vermutlich auch  seltener an Verletzungen des inneren Mundraumes leiden. Und warum ihr Marmelade- und Honigverbrauch deutlich sparsamer ist als unserer.

Vielleicht ist es also gar keine Frage der Baguette-Back- und Ess-Kultur, Stadt gegen Land, sondern vielmehr eine Art Interessensabwägung. Ich werde darüber nachdenken müssen.

Hach, es ist und bleibt kompliziert, das Leben auf dem Lande.

 

 

Pfingsten, das liebliche Fest.

Pfingsten, das liebliche Fest, ist gekommen, naja, Sie wissen schon, Goethe undsoweiter, Heiliger Geist und 50. Tag des Osterfestes. Wobei mir beim Stichwort Ostern jetzt gleich wieder die Eier einfallen, die (klick!)  unter der dämlichen Glucke lagen, Sie haben das ja vermutlich auch gespannt verfolgt. Jedenfalls ist es nun so, dass die Glucke saß und saß, immer weiter, immer länger, die Brutzeit längst überschritten, der Darm zum Platzen gefüllt, ein totes Küken lag im Stall, die anderen Eier erwiesen sich als Nieten.

Ich also hergegangen und die Glucke irgendwann aufgescheucht, es gab das übliche Geschrei und Gefuchtel, sie verließ unter Absingen schmutziger Lieder den Gluckenstall, um dann endlich ihren ebenso schmutzigen Geschäften nachzugehen, irgendwo in einer Ecke des Auslaufes. Nein, ich habe den gigantischen Haufen nicht gesehen oder irgendwelche kackophonischen Töne gehört, aber ich habe es gerochen, ihre olfaktorische Rache, es breitete sich eine Wolke über dem Dorf aus, die selbst die Gummibäume in den Wohnzimmern der Nachbarschaft zum Verwelken gebracht haben dürfte.

Langer Rede kurzer Sinn; Keine Küken, aber Kacke, und ein inzwischen wieder halbwegs hergestelltes Huhn. Puh.

Und nun also ist Pfingsten, ohne Küken, dafür aber mit schick herausgeputzten Hühnern, die wissen ja noch, was sich an Feiertagen gehört. Und neuerdings haben sie einen von der Sonne gewärmten Schotterhaufen im Garten als eine Mischung aus Hühnerwaschanlage und Badezimmer für sich entdeckt, ich wollte Ihnen ein paar schnelle Schnappschüsse vom feiertäglichen Schauspiel nicht vorenthalten.

Ob Sie sich jetzt mit Wasser oder Sand und Schotter waschen, ist mir, ehrlich gesagt, herzlich egal, Hauptsache, Sie gehen sauber in dieses Pfingstfest.

In diesem Sinne: Frohe Feiertage.

 

 

 

 

 

 

 

Auf dem kleinen Dienstweg.

Ich hatte heute Abend mal wieder einen dienstlichen Termin ziemlich am Ende des Landkreises, oder am Anfang, wie man will. Auf dem Heimweg begleitete mich ein veritables Gewitterchen, mal war ich schneller, mal das Wetter. Hübsch anzusehen war es definitiv, aber zwischendurch wurde es dann doch empfindlich nass und laut. Aber was tut man nicht alles für ein paar nette Fotos.

 

Sieht ja noch harmlos aus, da bei Bödigheim.

 

Zwischen Bödigheim und Waldhausen.

 

Richtung Waldhausen.

 

Und dann immer rein ins Vergnügen.

 

 

 

 

 

Zum Muttertag.

Ich las da vor ein paar Tagen einen sehr hübschen Text im Internet, bei dem es um die Frage ging, warum manch einer sich ziert, Vögel anzufassen. Also alles, was Federn hat und lebt, nicht die tiefgefrorenen, mitunter halbierten Vögel in der Tiefkühltruhe. Und dass ein jeder überhaupt viel öfter Vögel, insbesondere (Klick:)  Hühner anfassen sollte.

Ich kann das natürlich  alles unterstreichen, aber auch ich habe es als Kind gehasst, Vögel in die Hand zu nehmen, und wenn irgendwo ein abgestürztes und leicht benommenes Exemplar herumlag, habe ich nach Mamiiii geschrien, aber es doch um Himmelswillen nicht selber angelangt. Es war eine Mischung aus Ekel und Angst, das kleine befiederte Gerippe zu zerdrücken. Knack, knack, naja, Sie wissen schon, man war ja auch als Kind eher grobmotorisch unterwegs.

Wirklich und ausschließlich ausgesprochen ekelhaft fand ich hingegen Moritz, den Wellensittich meiner Freundin, er flatterte wild durchs Kinderzimmer, haarscharf an meinem Gesicht vorbei, ich spürte den Lufthauch, er machte Sturzflüge Richtung meiner ohnehin schon suboptimalen Frisur und knabberte an nackten Zehen herum, nein, es war alles ganz und gar eklig.

Bis heute liebe ich Tauben, wenn sie still irgendwo herumsitzen, sie sollen von mir aus gurren, was das Zeug hält, auch morgens früh um Fünf, aber sie sollen bitte, bitte nicht vor mir aufflattern, ich gerate dann an den Rand eines hysterischen Anfalls. Ich war als Kind mal mit dem Vater auf dem Markusplatz in Venedig; den Anwohnern dort, falls es sie denn gibt, wird mein Geschrei bis heute in den Ohren klingen.

Also, wie dem auch sei: Hühner anfassen finde ich inzwischen ganz prima, die glänzenden Federn, das zarte Gerüst darunter, die warme Brust, überall die krabbelnden Milben,  der schöne Kopf, das leise Schnurren und Schmatzen, wenn es ihnen gut geht.

Nun gibt es ja aber Situationen im Leben eines Huhnes, in der sich eben jenes Huhn partout überhaupt nicht anfassen lassen will. Wir haben da so eine Vertreterin im Stall, ich habe ihr schon in weiser Voraussicht nie einen Namen gegeben, so, als hätte ich damals schon gewusst, dass sie einfach ein dämliches Vieh wird. Selbst im normalen Hühneralltag weicht sie jeder Berührung, jeder Nähe aus, sie hackt und triezt alle anderen Hühner und verteidigt jedes Futterkorn, als könnte es das letzte sein.

Das alles ist aber nichts gegen die momentane Situation – und jetzt schaffen wir auch endlich den Bogen zur Überschrift dieses Beitrags, zum Muttertag. Die Dame also hat sich vor ziemlich genau drei Wochen entschlossen, Mutter werden zu wollen, ausgerechnet. Naja, wie das manchmal halt so geht.  Sie entschloss sich also, Mutter zu sein und verwandelte sich im selben Augenblick in eine Furie, deren aggressiv-mütterliches Verhalten alles bisher Gewesene in den Schatten stellt.

Die Natur hat das zwar clever eingerichtet, Schutz der Eier und der Küken undsoweiter, aber es stellt den Hühnerhalter vor gewisse Herausforderungen. Wer ihr neues Futter, frisches Wasser in den Gluckenstall stellt, riskiert den Verlust einer Hand, wenn nicht des ganzen Arms, und wenn sie dann losbrüllt, brülle ich dagegen an, die Federn und die Fetzen fliegen, der Erste-Hilfe-Kasten liegt griffbereit, kurzum: es spielen sich dramatische Szenen vor dem kleinen Ausweichstall ab.

Wenn aus den Eiern denn Küken schlüpfen sollten, vielleicht heute schon, am Muttertag, dann wird sie eine grandios-vorbildliche, beschützende, alles-bis-aufs-Blut-verteidigende Mutter werden, glauben Sie mir. (Dass die Küken solcher Hennen jetzt schon mal ein Sparkonto anlegen sollten, um später den Psychotherapeuten zu bezahlen, das ist jetzt wieder eine andere Geschichte.)

Weil ich ihr aber offenbar ebenso unsympathisch bin wie sie mir, legt sie noch eins drauf. Womit wir wieder beim Thema Ekel wären, siehe oben. (Wenn Sie noch nicht gefrühstückt haben, sollten Sie jetzt besser nicht weiterlesen). Das heißt, sie legt eben nichts drauf, und genau das ist das Problem.

Aus einem Hühnerhinterteil kommen ja nicht nur Eier heraus, sondern in normalen Zeiten ununterbrochen auch andere Dinge, kleine schwarz-weiße Klümpchen, die gleichmäßig in der Wiese fallengelassen und verteilt werden. Weil aber die Glucke beim Brüten den gesamten Kreislauf runterfährt und ja nicht ständig aufstehen und austreten kann, sammelt sie die schwarz-weißen kleinen Klümpchen einfach in irgendeiner mysteriösen Ecke ihres Darmes, bis die vielen kleinen Klumpen zu einem gigantischen Riesenklumpen zusammengewachsen sind.

Aber dann! Einmal pro Woche stehen unsere Glucken in der Regel von den Eiern auf, um unter Absingen derber Flüche explosionsartig zumindest die nötigste Notdurft zu erledigen, die bis dahin Ausmaße angenommen hat, die einen überfressenen Deutschen Schäferhund vor Neid erblassen ließen. Auch olfaktorisch ist das vom Allerfeinsten, ich habe mir schon vor Jahren so eine Art Gasmaske zugelegt, um bei der anschließenden Reinigung und Entsorgung nicht tot umzufallen.

Und was macht unsere aktuelle Möchtegerne-Mutter? Nichts. Null. Nada. Niente. Seit drei Wochen kein Klümpchen, kein Schäferhund-Haufen, kein Angriff auf die menschlichen Riechkolben. Sie wirkt immernoch gesund und angriffslustig, und wenn ich mich nicht täusche, sehe ich ab und zu ein hämisches Grinsen in ihrem Gesicht, und ich durchschaue ihren Plan.

Sie macht das mit Absicht. Sie wird heute oder morgen oder übermorgen von den Eiern aufstehen, ob mit oder ohne Küken, dann wird sie sich kurz die Beine vertreten und sich einmal schütteln, und dann: Bääämmm. Ein Haufen von der Größe eines deutschen Mittelgebirges. Ein kurzes Beben wird das Dorf erschüttern, dann werden die heulenden Sirenen anspringen, und dann werden sie im Radio sagen, dass zwar keinerlei Gefahr für die Bevölkerung besteht, Anwohner aber dennoch Türen und Fenster geschlossen halten sollen.

Scheiß auf den Muttertag, will die Henne damit vielleicht sagen, und wer weiß, wem sie da alles aus der Seele spricht. Und es könnte sein, dass sie mir dann doch wieder fast ein bisschen sympathisch wird, irgendwie. So als alleinerziehendes, emanzipiertes Huhn.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

12 von 12.

Schon wieder ist der Zwölfte eines Monats, und das ist traditionell der Tag, an dem viele Blogger mit zwölf Bildern ihren Tag dokumentieren. Also, bitte, die Frau mit den Kännchen wünscht sich das so, und ich bin immer gerne dabei, mit zwölf nebenbei geknipsten Händi-Fotos.

Triggerwarnung: Heute kommen nicht nur ein oller PopelOpel vor (aber immerhin Cabrio, und überhaupt finde ich Opel inzwischen supi), sondern auch tote Tiere und eine zweiköpfige Räuberbande. Wie das halt so ist, an einem Samstag auf dem Lande.

Morgendliche Ausfahrt, quer durch den Odenwald. Windig, aber sommerlich warm.

Bei der Linde in Gerolzahn gibts allerlei zu kaufen heute. Und immer gutes Essen, ich kann das nur empfehlen.  Wir haben aber nur gekauft, nicht gegessen.

Und wieder zuhause: Wanderbotten an und raus in den Wald. Das Wetter schreit nach einer großen Hunderunde. Die Hunde eher nicht, denen ist es schon zu warm.

Wie üblich: Zielstation Forellenteich. Hier treffe ich auf Großvater Räuberhauptmann und seine 4jährige Räuber-Azubine. Die angeln gerade fürs Abendessen….

…und weihen mich danach im Unterholz zwischen Brombeeren und Brennnesseln in eines der großen Räubergeheimnisse der Region ein…..

Hier nämlich liegt, seit kurz nach Kriegsende, ein olles Motorrad. Das gab irgendwann seinen Dienst auf und wurde deswegen im Wald abgestellt. Wie man das logischerweise halt so macht. Großvater Räuberhauptmann kann sich noch an die Zeiten erinnern, als es tatsächlich noch aufrecht stand und er und seine Kumpels sich draufsetzten und Motorradrennfahrer spielten.

Dann wieder heim mit den hechelnden Hunden und die Schätze des Vormittagseinkaufs einpflanzen.

Nachher Lammkoteletts mit Bohnen. Davor aber noch kurz nach der Glucke gucken. Ob schon Küken da sind. Ausgerechnet die dämlichste aller unserer Hennen hat beschlossen, Nachwuchs zu produzieren. Aber das ist jetzt wieder eine andere Geschichte. Die erzähle ich ihnen, wenn die lieben Kleinen tatsächlich das Licht der Welt erblicken. Außerdem darf ich ja eh keine Foto mehr einstellen, die 12 sind ja schon voll.

In diesem Sinne.

 

 

Frau Elster.

Sie nisten gegenüber, beim Nachbarn im Nussbaum. Wie jedes Jahr. Und abends begucken sie die Welt von oben, von unserer Fichte herunter. Und kontrollieren, ob die Krähen kommen. Traditionell bringen sie ihren Jungen später das Fliegen über unserem Haus und Garten bei, unter großem Juchuuu und Hallooo, tagelang. Sie hüpfen dann von Baum zu Baum, und die Kleinen müssen folgen, die Abstände werden immer größer, das besorgte Geschrei und das glückliche Juchzen immer lauter.

Ich werde das in diesem Jahr mal irgendwie dokumentieren. Es sei denn, Herr und Frau Elster stimmen der Veröffentlichung von Bild und Ton nicht zu, DSGVO, naja, Sie wissen schon, ich werde mir die (allerdings jederzeit widerrufbare) Einverständniserklärung sicherheitshalber schriftlich holen.

 

 

 

 

Das Große im Kleinen.

Der Priester steht oben auf dem Kirchturm, mit weitem Blick ins Land. Es ist eine Nacht im Frühjahr 1945, und es wird eine Nacht, die sich in das Kollektive Gedächtnis des kleinen Odenwälder Dorfes Hettingen einbrennen soll, bis heute.

Pfarrer Heinrich Magnani steht also oben auf dem Turm der Hettinger Kirche und beobachtet, wie die amerikanischen Truppen aus der Ferne näherrücken. Der Geistliche weiß: Hettingen ist Kriegsgebiet, die verhassten Nazis haben es dazu erklärt, und wenn der Feind kommt und das kleine Dorf verteidigt werden soll, dann gibt es eine Katastrophe. SS-Leute liegen noch im Ort, bereit zu kämpfen bis zum Letzten.

Ich hatte Weisung gegeben, dass,  wenn ich mit einem Schlag auf die Glocke ein Zeichen gebe, alles in den Keller gehen muss. Das war dann in den frühen Morgenstunden des Karfreitags. Ich hisste auf dem Turm eine große weiße Flagge.

Magnani kann die SS-Einheiten mit einem Trick dazu bewegen, sich zurückzuziehen, raus aus dem Dorf, hektisch, mitten in der Nacht. Ich erklärte den SS-Männern, dass eben die Spähwagen des Feindes schon an drei Stellen vor Ort stehen und schon in den nächsten Minuten die Umzingelung des Ortes durch die Panzer erfolge. Wenn er mir schnell folge, zeige ich ihm einen sicheren Weg, um sich mit seiner Truppe noch dem Feind entziehen zu können. Der SS-Offizier glaubte mir und so führte ich ihn an der Friedhofsmauer vorbei direkt hinauf auf den Rinschheimer Buckel. (…) So war diese Gefahr gebannt. (…) Schließlich war wirklich der Ort von den deutschen Soldaten frei. 

Dann läuft Magnani los, mutterseelenallein, hinein in die mondhelle Nacht. Er hat eine Soutane an, ist als Geistlicher zu erkennen, und er trägt in der Hand einen Holzstab mit einer riesigen weißen Fahne. So geht er über die Hügel hinaus aus Hettingen, im Mondschein wilde Schatten werfend, eine einsame Gestalt in wehendem Gewand, die sich über Felder und Wiesen den schwerbewaffneten amerikanischen Truppen nähert.

Die Soldaten empfangen den Pfarrer mißtrauisch. Nach einigem Hin und Her kann er mit dem Chef der Truppe sprechen. Magnani beschreibt die Lage im Ort, verbürgt sich dafür, dass es beim Einmarsch keinen Widerstand geben wird, bittet um Gnade für das kleine Dorf. Hofft inständig und insgeheim, dass nicht irgendwer in Hettingen dann doch noch schießen oder aufbegehren wird.

So ganz trauen die Amerikaner dem deutschen Priester nicht. Während sich Panzer und Spähwagen im Schritttempo auf Hettingen zubewegen, muss Magnani vorneweglaufen, bis hinauf auf den Kirchbuckel. Hier stellen sich die Soldaten im Kreis um den 46jährigen auf, richten ihre Maschinengewehre auf ihn. „Beim ersten Schuss auf die Truppen“, so wurde mir erklärt, „ist Ihr Leben verwirkt.“ 

Die Panzer und Wagen fahren in endloser Kolonne durch das Dorf, Magnani starrt regungslos in unzählige Gewehrläufe, und die Minuten vergehen so träge wie Stunden.

Aber nichts passiert, kein Schuss fällt. Alles bleibt friedlich.

 

Pfarrer Magnani hat sich für uns verpfändet, und er hat unser Dorf gerettet, sagen die Menschen hier. Bis heute.

 

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Die kursiven Zitate habe ich dem Büchlein Heinrich Magnani – ein Dorfpfarrer entnommen, herausgegeben vom Caritasverband im Neckar-Odenwald-Kreis, leider nicht mehr erhältlich. Über den außergewöhnlichen Pfarrer ließen sich noch viele andere Geschichten schreiben, vielleicht mache ich das nochmal im Lauf der Zeit, ansonsten googlen Sie mal, hier zum Beispiel: http://www.pfarrer-magnani.de/show.php 

oder hier, da gibt es sogar enge Verbindungen zwischen Hettingen und Berlin:

http://www.dokumentation-eiermann-magnani.de/

 

Dieser Beitrag ist vor einigen Jahren hier schon mal erschienen, aber heute zum offiziellen Tag des Kriegsendes, fiel er mir wieder ein. 

 

 

 

 

 

WMDEDGT.

Es ist mal wieder der Fünfte eines Monats, und das ist traditionell der WMDEDGT-Tag. Was Machst Du Eigentlich Den Ganzen Tag?, will die Frau Brüllen dann immer wissen, und weil heute Samstag ist, müsste unsereiner zunächst einmal berichten, was er alles nicht macht.  Samstags ist ja auf dem Lande traditionell der Tag, an dem gewaschen und geputzt wird, eingekauft, Auto poliert, Rasen gemäht, Holz gespaltet. Bürgersteig gefegt, Unkraut mit der Kuchengabel aus den Fugen gekratzt. Alle machen das.  Nur ich nicht.

Ich habe nicht einmal die Hauswand abgekärchert, ja, da staunen Sie. Ich habe immernoch eine erholsam-anstrengende 120-Kilometer-Wanderung durch die Fränkische Schweiz in den Füßen und eine etwas volle Arbeitswoche in den Knochen, also bitte. Und so habe ich mir heute erlaubt, gar nichts zu machen.

Das gar nichts sieht in diesem Falle so aus: Um 7 Uhr aufstehen und einen Kaffee trinken, dann raus in die Natur mit den Hunden. Den Windböen zuschauen, wie sie die maigrünen Baumkronen zausen, dem Specht zuhören, wie er aufgeregt, aber ohne erkennbaren Grund über mich schimpft. Auf den Waldwegen Staub und Fichten-Pollen aufwirbeln, die dann über die Sonnenflecken im Unterholz tanzen.

Später am Vormittag wieder ein Kaffee, dann ein Gang durch den wuchernden Garten. Dabei nicht etwa denken, Ach jeh, hier müsste man ja dringend mal…, sondern Unglaublich, wie das plötzlich alles wächst und wuchert! Wie gestern schon: Mit der Kamera herumgespielt, und mit dem neuen uralten Objektiv mit dem etwas ruppigen Bokeh, das Objektiv verfügt leider nicht über einen Autofokus, sondern wird manuell gesteuert und liefert mir damit wichtige Erkenntnisse für den nächsten Besuch beim Optiker. Neun von zehn Fotos sind noch unschärfer als geplant, naja, Sie wissen schon, Gleitsicht undsoweiter.

Ein bisschen Büroarbeit erledigt, und danach vor lauter Schreck in einen kurzen komatösen Mittagsschlaf gefallen.

Am Nachmittag das Allergleiche, ich fürchte, ich kann Ihnen auch jetzt noch keine Sensationen vermelden, außer jener, dass ich es tatsächlich schaffe, vermeintlich nichts zu tun. Das war ja bei mir nicht immer selbstverständlich, ich war ja früher eigentlich rund um die Uhr im Arbeits- und Hektik-Modus, 365 Tage im Jahr, und hatte mir damit redlich das Ticket für eine psychosomatische Reha ergattert. Das war – rückblickend gesehen – sowas wie ein Sechser im Lotto, und seither übe ich mich also im Nichtstun, zumindest zwischendurch.

Also wieder über Wesen und Felder, wieder mit Kamera und Hunden, es gibt nichts Entspannenderes, glauben Sie mir. Am See ist es schattig und kühl, die letzten Forellen des Vorjahres plantschen im grünen Wasser und freuen sich ihres Lebens, in Unkenntnis der drohenden Tatsachen, nehme ich an. Ich denke an nichts, höre wieder nur dem Wind und der knarzenden Holzhütte zu, und einem wimmernden Vöglein, das ich hier noch nie gehört habe.

Es ist ja ganz erstaunlich, wie an einem solchen Tag vor lauter – oder trotz lauter Nichtstun – die Zeit vergeht, sie verrennt förmlich, als wollte sie mich daran erinnern, dass ich mal wieder etwas Sinnvolles tun sollte. Das mache ich nun wirklich heute abend: Ich gehe auf eine Geburtstagsparty.

Sie entschuldigen mich bitte. Ich habe jetzt wahrhaft Wichtigeres zu tun, als hier herumzusitzen und zu bloggen.

 

 

 

Realitäten.

Ich habe mich dieser Tage am Teich im Wald mal mit einem besonderen fotografischen Genre befasst, nämlich mit der von mir soeben erfundenen Knospenfotografie mit Bäämm-Bokeh-Effekt. Ja, da staunen Sie. Aber es bietet sich ja nun geradezu an, überall treiben inzwischen die Knospen und die zarten grünen Blättchen, selbst hier oben im Hohen Odenwald. Wir sind ja angeblich in mancherlei Hinsicht etwas hinterher, aber was die Vegetation und den Frühlingsausbruch betrifft, sind wir es erwiesenermaßen.

Und wie ich da jedenfalls so vor mich hinfotografiere, kommt mir ein Gedicht in den Sinn, das es auch als Lied gibt, und um das kein braves Berliner Gymnasiastenkind und keine brave Evangelische herumkommt, Schalom Ben Chorin, Das Zeichen.

 

Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt,
ist das nicht in Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?
Dass das Leben nicht verging, so viel Blut auch schreit,
achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit.
Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.
Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt,
das bleibt mir ein Fingerzeig für des Lebens Sieg.

 

Ja, als Teenager hat mich dieses Gedicht kurzzeitig schwer ergriffen, aber irgendwie war es ja auch aus Uropas Zeiten, der Krieg längst vorbei, die ewigen Erzählungen, die ewigen Mahnungen zwischendurch auch durchaus lästig in der Teeniezeit. Unsere Berliner Teeniewelt drehte sich um Pickelcreme und Tanzschulklamotten, und dann kam der Religionslehrer wieder mit so einem dabbischen Gedicht rund um den ollen Krieg.

Jedenfalls kommt es mir also in den Sinn, das Gedicht, wie ich da über den Waldboden krieche und die tollsten Knospenperspektiven und das BäämmBokeh suche. Blut und Krieg, nein das ist alles sehr weit weg hier unten, die Vöglein zwitschern und das Wasser plätschert, und manchmal schießt blitzartig eine Forelle in die Höhe, einen, anderthalb Meter hoch, um klatschend wieder im Wasser zu landen. Das alles ist sehr friedlich, und wenn smartphone, Computer und die Nachrichten im Autoradio nicht wären, könnte ich mir einbilden, die Welt sei ein wunderbarer Ort und das Gedicht vom Mandelzweig ein Relikt aus uralten Zeiten.

Ginge mir das in der Großstadt auch so? Könnte ich die Realität da auch verdrängen, zwischendurch zumindest? Und was ist überhaupt die Realität? Die zwitschernden Vöglein, die glänzenden Forellen im Wasser, der zarte Wind in den Zweigen und die tiefe Stille hier im friedlichen Odenwald? Oder ist die Realität das, was auch hier aus den Radios und den Zeitungen herausquillt, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, der Hass, der Krieg, das Blut, überall? Ach, es ist kompliziert.

 

Ich krieche herum und knipse die Knospen und genieße den Frieden, und dann packe ich die Hunde ins Auto und fahre Richtung zuhause. Unterwegs sehe ich das Haus, in dem die jungen Afghanen untergebracht sind, sie hocken im Garten in den Gemüsebeeten und harken und zupfen, und ich halte an und wir plaudern ein bisschen. Was ihre Ausbildung macht, dass der eine schon einen festen Job hat und der andere eine eigene Wohnung sucht. Ob sie überhaupt bleiben dürfen. Und warum sie nicht zurück nach Afghanistan wollen. Lebensgefährlich!, sagt der eine, Es ist halt so, sagt schulterzuckend der andere.

Realitäten. Es ist kompliziert.