Im Vorbeifahren.

Treue Leser kennen das Procedere bereits: Die Kamera wird willenlos aus dem fahrenden Auto auf alles gerichtet, was da so vorbeizieht, und fast ebenso willenlos wird auf den Auslöser gedrückt. Manches wird schief und krumm, manches etwas unscharf, aber so bekommen Sie mal einen unmittelbaren Eindruck von dem ganzen Drumherum hier. Und wenn Sie jetzt noch ahnen, wo wir diesmal unterwegs waren, sind Sie schon ein echter Profi.

 

 

 

 

 

Tapetenwechsel.

Die Stühle sind lange schon hochgestellt, und sie warten darauf, dass jemand sie abholt. Der Müllwagen vielleicht, oder irgendwer, der sie noch gebrauchen kann, der ein Herz und einen Sinn für urdeutsche Massivholzwertarbeit hat. Sie stehen da im großen Saal, sie warten gemeinsam mit den Tellern und den Tassen und den Gläsern, den Messern und Gabeln, mit dem schweren Kristall und den Silbertabletts, mit den Töpfen und Pfannen und der Fritteuse in der Küche. Warten auf irgendwas, auf irgendwen.

Der große Gastraum und der riesige Tanzsaal gleich nebenan: eine Mischung aus Abstellraum und Wartesaal wider Willen. Lange her, dass hier getrunken und gegessen, getanzt und gefeiert wurde. Und doch riecht es immernoch nach Wirtschaft, nach Gasthaus, ein bisschen nach Bier, ein bisschen nach altem Zigarettenrauch, irgendwie oll und wohlig-wehmütig zugleich.

Wer still wird hier unten, hört vielleicht noch die Fußballübertragungen, die aus dem klobigen Röhrenfernseher plärren, die WM 1978, den Brehme-Elfmeter 1990, er hört das Gluckern aus den Bierflaschen, das Quietschen, wenn die Weinflaschen entkorkt werden, das alte Klavier, das Gemurmel der Männer, die lachenden Frauen, am Schluss den Wirt, wie er Monat für Monat, Woche für Woche, immer langsamer und schwerfälliger über den Fußboden schlurft. Irgendwann dann: Licht aus, Türen zu und Rolläden runter. Das Ende einer Gasthaustradition, die in die Anfänge des vorigen Jahrhunderts zurückgeht.

Fast unberührt steht das alles seit Jahren, und ich stelle mir vor, wie es hier unten zugeht, wenn es Nacht wird, wenn es dunkel ist. Wie dann vielleicht wispernd die hochgestellten Stühle mit den staubigen Tischen sprechen, mit den Gläsern und den Tellern und mit dem alten Klavier, wie sie sich erzählen von alten Zeiten, als es hier die besten Schnitzel weit und breit gab, die gigantischen Portionen glänzender Pommes und Salat, wie drüben im Saal geschwoft wurde bis morgens früh um Drei. Wie es immer laut und immer lustig war. Wie dann alles anders wurde, und wie sich das Gasthaus zu all den anderen Gasthäusern dazugesellte, die erst kränkelten, dann langsam aber sicher starben.

Fast unberührt stand also alles seit Jahren, nur veränderte sich manchmal das Zu-Verkaufen- Schild an der Tür, mal stand es rechts, mal stand es links, und der Kaufpreis veränderte sich auch, aber trotzdem glaubte niemand daran, dass das Haus eine Zukunft haben würde.

Aber jetzt wispern die Tische und die Stühle nachts, dass sich doch einer gefunden hat. Einer, der zumindest mal im Obergeschoss wieder Leben in die Bude und damit auch ein bisschen Zukunft bringt. In all diese Räume in den verwinkelten Fluren, in die Zimmer 1 bis 16, in denen so lange nur noch die Vergangenheit zuhause war.

Zumindest hier oben spielt jetzt wieder die Musik, sie plärrt aus einem alten Kofferradio, das, umrahmt von vollen Aschenbechern und angebrochenen Limonadeflaschen, ein Stillleben der Renovierung bildet. Es wird gehämmert und gebohrt, gekachelt, abgeschliffen, ausgebessert.

In den Zimmern schreien die Tapeten in Knallfarben und op-Art-Mustern von den Wänden, dass es den Betrachter schwindelt, die Spitzenreiter der Tapetenmode der 60er, 70er Jahre ist hier versammelt, Retro lässt grüßen. Manche der alten Tapeten werden dennoch dran glauben müssen, manch ein hölzerner Fußboden aber kann gerettet werden. Die Möbel: Gute deutsche Arbeit, sagt einer der Helfer, alt, aber solide. Mit seiner riesigen verstaubten Hand streicht er vorsichtig über einen der Schränke: Nix Ikea. Hat Geschichte. Hat Charme.

Zumindest Übernachtungsmöglichkeiten sollen hier wieder entstehen, für Monteure, für Arbeiter, die Nachfrage ist groß in der Region, heißt es. Das Gasthaus bleibt Gast-Haus. Und vielleicht findet sich dann auch noch eine Verwendung für den unteren Teil, vielleicht gibt es irgendwann Geld und Zeit und eine Zukunft für die alte Wirtschaft und den riesigen Tanzsaal. Für die Bänke und die Stühle, die Gläser und die Teller, für den Stammtisch, für die Musik, die Schnitzel, den Salat und für die Käsespätzle.

 

 

 

Naturalien.

Wir hatten gestern abend mal wieder sehr netten Besuch zum Essen in unserer ollen Scheune KunstHalle, das ist ein etwas spezieller Ort zum Essen, und insgesamt etwas unpraktisch, was den Küchenservice angeht, treppauf, treppab, die Küche ist gefühlte 500 Meter und unzählige Treppenstufen vom Esstisch entfernt, aber irgendwie ist ein Abend da eben doch auch sehr schön. Also, wir finden das zumindest, und Besuch findet das meistens auch so.

Und überhaupt ist das Unschlagbare an diesem etwas anderen Esszimmer, dass die Gastgeber durch das ständige Rauf- und Runter-Gerenne nach einem überüppigen Mahl mehr Kalorien verbrannt als zu sich genommen haben, na, wenn das nichts ist.

Jedenfalls haben wir in der Regel durchaus wohlerzogenen Besuch, und der bringt zu einer Einladung logischerweise ein Gastgeschenk mit, ein Mitbringsel quasi, das macht man ja so, das kann man schon im Knigge nachlesen, falls irgendjemand von Ihnen da regelmäßig hineinschaut, in den Knigge.

Ich nahm also in diesem Fall ein Glas wunderbarer selbstgemachter Marmelade entgegen und zum Anlass, mal über Gastgeschenke hierzulande nachzudenken, und darüber, wie man das wohl in der Stadt handhabt. Ich schätze, man handhabt es dort zumindest irgendwie anders, aber ich habe keine Ahnung und kann mich nicht erinnern an alte Berliner Zeiten, soweit ist das schon gekommen.

So ließ ich also mal die Mitbringsel vor meinem inneren Auge vorbeimarschieren, die in unserem Bekanntenkreis munter und großzügig ausgetauscht werden, man muss sich das wie einen liebevollen Naturalienhandel vorstellen, wir lassen uns von der Natur beschenken und schenken fröhlich weiter.

Das haben bestimmt schon die alten Knaben im Paläolithikum  so gemacht, der Paranthropus robustus hat ja auch nicht in irgendeinem Kruschtellädchen irgendeinen Schruz gekauft, den keiner braucht und keiner will; oder nehmen Sie den Homo erectus,  der hat ja, wenn er die Freunde in der Nachbarhöhle besuchte, auch keine unoriginelle Flasche Riesling aus dem Rewe mitgebracht, sondern ein Stück Säbelzahntiger oder einen feschen Feuerstein oder einen schönen Strauß Farne, so stelle ich mir das zumindest vor. Und so ist das letzten Endes auf dem Lande auch.

Wir schenken, wenn wir eingeladen sind, gerne – logo – freilaufende Eier von glücklichen Hühnern, ein Mitbringsel, das sich inbesondere in den vergangenen Wochen zum echten Kassenschlager entwickelt, ohne, dass dabei die Kasse klingeln würde. Wir verschenken außerdem mal eine Kiste Kartoffeln aus dem Garten, eine Flasche Holunderblütensirup, ein Körbchen Holunderbeeren. Gläserweise getrocknete Steinpilze an Nicht-Sammler (bei allen anderen ernten Sie damit nur ein müdes Lächeln, das nur mal als Tipp.).

Wir bringen etwas ruppige Blumensträuße aus eigener Zucht mit, dazu wahlweise Zucchini oder Tomaten oder unser selbstgemachtes Suppengewürz. Zu besonderen Anlässen eine Dose Wurst vom heimischen Metzger. Zu einem Geburtstag in einem Frankfurter Nobelviertel brachten wir dieser Tage als Mitbringsel ein glückliches, wenngleich gerupftes, splitterfasernacktes Huhn von den Ausmaßen eines Truthahns mit, in einer durchsichtigen Plastiktüte, der Beschenkte freute sich sehr, der Rest der illustren Gäste guckte irgendwie komisch. Aber glauben Sie mir, auch daran gewöhnt man sich als Landmensch. 

Umgekehrt bekommen wir die tollsten Gastgeschenke, wenn wir Freunde zu uns einladen. Die einen bringen Marmelade mit, oder einen Sack bereits geputzten Feldsalat, die anderen selbstgebrannten Schnaps, Freund H. knallt uns wortlos einen Rehrücken auf die Anrichte, oder eine Wildschweinkeule, das Ehepaar aus dem Nachbardorf bringt frischgefangene Forellenteile mit, mal als Sushi, mal geräuchert, mal auch gleich den ganzen Fisch, direkt aus dem See.

Besonders lieben wir auch jene Bekannte, die uns bei jedem Besuch mit einem Sack guter echter Korken beglückt, ohne die entsprechenden Flaschen dazu, wohlgemerkt; die Korken werden zu Anzündern für das Kaminfeuer und verhindern über die Monate Oktober bis Mai den Odenwälder Tod durch Erfrieren. Ebenso lieben wir die Freundin, die körbeweise Tannenzapfen mitbringt, zum selben Zweck.

Ja, wenn Sie mir das alles früher erzählt hätten, da hätte ich auch irgendwie komisch geguckt. Ich war über Jahre Stammgast bei Nanu-Nana in Wilmersdorf, die Berliner unter Ihnen werden sich erinnern, dort habe ich mein Geld hinein- und irgendwelchen blödsinnigen Schwachsinn wieder hinausgetragen, der dann andere Menschen erfreuen sollte. Keine Ahnung, ob das je geklappt hat mit dem freuen.

Jedenfalls habe ich mich mit großer Begeisterung an die ländliche Art der Mitbringselei gewöhnt. Nur an eines kann und will ich mich zugebenermaßen bis heute nicht gewöhnen: An diese merkwürdige Sitte, als Geschenk ein Päckchen Filterkaffee mitzubringen. Gibts hier auch noch, immer wieder. Den Präsentkorb mit Dosenwurst, Prosecco, Filterkaffee und siebzehn Metern durchsichtiger Knisterfolie. Ich habe keine Ahnung, wo das herkommt. So arg will ich dann doch nicht werden. Sollte ich Ihnen also jemals ein halbes Pfund Filterkaffee schenken, erinnern Sie mich dran.

 

 

 

 

P.S.: Kaum waren gestern abend die Gäste gegangen, hopste unter dem Esstisch eine gigantische und gigantisch-hässliche Kröte hervor, vielleicht hatte sie ja schon seit Tagen dort gesessen, oder sie war auch ein Mitbringsel, ach, was weiß denn ich, auf dem Lande muss man ja mit allem rechnen, was das angeht.

 

 

 

 

 

 

 

 

1. FC Huhn.

Ich habe schnell noch ein Foto vom kleinen Effchen gemacht, bevor es nun demnächst so unsäglich hässlich wird, dass es ohnehin keiner mehr sehen möchte.

Bei Hühnern ist das ja nicht anders als bei Menschen, wenn die lieben Kleinen klein und süß sind, ist alle Welt entzückt, aber wenn sie in die Pubertät kommen, schlägt die Verwandschaft vorübergehend die Hände über dem Kopf zusammen. Alles krumm und schief, die Beine zu lang, die Füße viel zu groß, der Kopf zu klein, die Frisur undefinierbar. Und von der Laune wollen wir hier gar nicht reden. Ich für meinen Teil kriege übrigens auch schlechte Laune, wenn ich das Effchen sehe, denn ich fürchte fast, es wird ein großer Franz, nicht eine große Frieda, und das hieße erneut: Abschied nehmen.

Erstmal wächst und gedeiht das Effchen aber zum Eff, die Glucke erweist sich als beste Mutter ever, obwohl ich sie einst doch so doof fand. So kann man sich täuschen. Und nette vierbeinige Spielkameraden hat das kleine Effchen auch schon gefunden, sie spielen den ganzen Tag Fangerles und Hüppekästchen, ach, es ist so herzig. Und nun entschuldigen Sie mich bitte, ich muss Mausfallen kaufen gehen.

 

 

 

 

Ruhe.

Bei wirklich kniffligen Recherchen klinke ich mich gerne einmal aus. Verlasse das Arbeitszimmer und richte mich im Garten ein. Laptop, wlan, Händi machens möglich, gerne auch an Samstagen, das ist nicht mehr ganz Arbeitswoche und noch nicht ganz Wochenende. 

Da sitze ich dann unter dem riesigen Walnussbaum, schaue übers Dorf, denke nach und recherchiere in der Sonne. Die Glocken am Kloster läuten, die Hühner staksen durch die Wiese, Geo werkelt schweigend im Gemüsegarten. Und irgendwo bellt der berühmte Hund. Die Inspiration kommt da von ganz alleine.

dreihühner

Stadt, Land, Flucht ist so ein Thema, das mich derzeit umtreibt. Warum wollen Menschen aufs Land? Was treibt sie in die Provinz, und wovon träumen sie?  Während ich suchend durchs www surfe, brummt Schmitte Erwin mit dem Traktor gemächlich durchs Dorf, den Buckel rauf, den Buckel runter.

Hat der eigentlich auch einen zweiten Gang, der Traktor?, ruft Geo aus dem Gemüsegarten zu mir rüber. Hä? frage ich zurück, denn just in diesem Moment startet Nachbar 1.0 seinen Aufsitzrasenmäher, mit seinen überdimensionierten Ohrenschützern saust er über den  Rasen und träumt vielleicht von einer Harley Davidson. Meine Inspiration springt kurzzeitig vor Schreck auf einen WalnussAst, und die Kinder des Nachbarn kreischen juchzend durch den Garten, immer vor dem brummenden Ungetüm her.

Akustische Ablenkung hin oder her: Ich bin im Netz fündig geworden: mehr als jeder zweite Stadtbewohner kann sich laut einer aktuellen forsa-Umfrage einen Umzug aufs Land vorstellen.

Aha, na also, da ham wirs doch, rufe ich Geo zu, dessen Aufmerksamkeit inzwischen von Nachbar 2.0 gefordert wird. Der veranstaltet jetzt auf der Pferdekoppel eine Art Parallel-Mähen, lautstark und synchron. Am entgegengesetzten Ende des Dorfes füttert irgendwer die schrill wimmernde Wippsäge mit Holz für den Winter. Hä? ruft Geo zurück.

Ich lese unbeirrt weiter: 91 Prozent der Befragten wünschten sich mehr Nähe zur Natur, und 86 Prozent erhofften sich von einem Leben auf dem Lande „gute Luft“. Gute Luft,  Geo, schreie ich, die gute Luft isses!

Was für ein Luftkissen? schreit Geo zurück. Soviel zumindest lese ich von seinen Lippen ab, denn inzwischen hat auch Nachbar 3.0 mit einem High-Tech-Gartengerät die open-Air-Bühne betreten und bietet jetzt eine theatralische Mischung aus Ein-Mann-Ballett und Motorsensenmassaker dar. Das dazugehörige Geräusch weckt Erinnerungen an die letztjährige Zahnwurzelbehandlung. Geo im Gemüsegarten macht ein entsprechendes Gesicht. Keine Bange, in zwei Stunden ist der fertig.

Zurück zur Arbeit, volle Konzentration auf die Recherche: Jetzt kommts, schreie ich Richtung Gemüsegarten, während vor dem Haus eine 37köpfige Gruppe Mannheimer Motorradfahrer vorbeiblubbert und nun auch noch unser JoHahn vor lauter Aufregung ohrenbetäubend kräht, als ginge es um sein Leben.: 87 Prozent der über 18jährigen Städter wollen wegen der Ruhe aufs Land.

Jetzt kläffen auch unsere Hunde.

Wegen der was?, brüllt Geo.

(Wegen der Ruhe.)

 

 

 

Dieser Beitrag ist hier schon vor ein paar Jahren mal erschienen, am gestrigen Samstag fiel er mir wieder ein. Aus Gründen. Und trotzdem – oder gerade deshalb – liebe ich das LandLeben. 

 

 

 

Limax maximus.

Ich habe da dieser Tage, als wir mal rasch und einer spontanen Eingebung folgend die Holzterrasse herausgerissen haben, ich habe dabei also eine neue Freundin gefunden. Genauer gesagt habe ich beim Herausreißen der vermoderten Holzbretter aus dem glibberigen Matsch ersteinmal in diese neue Freundin quasi volle Pulle hineingelangt mit den nackten Fingern, das fühlte sich in etwa so an wie wenn man auf eine Qualle beißt, Sie wissen sicher, was ich meine.

Hallo, Maxi.

Zunächst mal habe ich natürlich einen hysterischen Schreikrampf bekommen, wozu ist man schließlich Landfrau. Danach habe ich die Hände nach Kratz- und Bißspuren abgesucht, ich habe gefühlt, ob noch alle Finger an ihrem angestammten Platz sind und ob irgendwo rohes Fleisch zutage tritt. Derweil kroch das gefühlt etwa 1 Meter lange und Unterschenkel-dicke Wesen in aller Seeleruhe weiter am matschigen Brett entlang, als ginge es darum, beim Flanieren auf dem Ku’damm sein Leopardenjäckchen auszuführen.

Ich habe dann mit zitternder Hand schnell ein paar Fotos geknipst und wikidingsbums bemüht – und siehe da: Limax maximus ist ein ausgesprochen freundliches Tier, und sehr nützlich noch dazu. Des Gemüsegärtners bester Freund, könnte man fast sagen, denn Klein-Limax und Groß-Maximus fressen ansonsten an Nacktschnecken alles, was ihnen vor dem riesigen Maul herumkriecht. Na, wenn das nichts ist.

Nennen Sie es ruhig Tigernacktschnecke, ich nenne es Wunder der Natur.

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Ich habe Maxi also direkt in den Gemüsegarten getragen, wie mit einer wertvollen Gabe zum Altar schreitend, an einen schattigen Ort, und ihr gut zugeredet. Habe ihr vorgeschwärmt von all den fetten glitschigen widerwärtigen, aber leckeren Nacktschnecken, die jede Nacht an unserem Salat, an den Zucchini und überhaupt eigentlich überall zu finden sind. Hmmmm, Nacktschnecken!, habe ich geflötet, lecker, lecker, lecker, lecker, lecker, lecker, Sie kennen diesen Spruch, der kommt schließlich aus dem Odenwald, muss also motivierend wirken.

Morgens gehe ich jetzt also immer in den Gemüsegarten, ich rufe Hallo Maxi, süße Maus, gut geschlafen und auch satt geworden?, ich schaue danach, dass sie es gut hat da draußen, ich sammle die restlichen widerwärtigen Nacktschnecken von den Wegen und werfe sie ihr zum Fraße vors Maul. Und nachts lausche ich manchmal in die Dunkelheit hinaus, und ich bin sicher, ich habe es in den vergangenen Nächten schon mehrfach laut schmatzen und rülpsen gehört. Und wenn mich demnächst jemand fragt, ob ich Haustiere habe, werde ich sagen, Ja klar! Ich habe Hunde, Katzen, Hühner, und ich habe Maxi. 

 

 

 

P.S. Ein bißchen unklar ist und bleibt, warum die Tigernacktschnecke Tigernacktschnecke heißt, obwohl sie doch ein Leopardenjäckchen trägt. Offenbar kannten die Entdecker der Tigernacktschnecke zwar Tiger, aber noch keine Leoparden. Oder die Tigernacktschnecke hatte zu dieser Zeit den gesamten Leopardenvorrat aufgefressen, was weiß denn ich.

 

 

Blaumanns Erzählungen.

Man muss im Leben einfach Prioritäten setzen, sonst wird das ja alles nichts. Jedenfalls war ich heute Nachmittag auf einem offiziellen Termin unterwegs, hoch über dem Neckar in einer Burg, dort hatte ich die Burgherrin zu interviewen, sowas hat man auch nicht alle Tage, Landadel undsoweiter, die Burg seit dem 12. Jahrhundert bewohnt, die Dame war nett und der Ausblick großartig, und jedenfalls hatte ich vergessen, das Handy währenddessen stumm zu schalten.

Das war zwar äußerst unschicklich, erwies sich aber als wahrer Glücksfall, denn kaum hatten wir unser nahezu pulitzerpreisverdächtiges Burg-Interview beendet, bimmelte auch schon das Telefon, mein Geo, am nervösen Klingelton unschwer zu erkennen. Schnell!, schrie er in die Sprechmuschel, die leider schon lange nicht mehr so heißt, komm schnell, schrie er also mit sich überschlagender Stimme, als sei der Leibhaftige hinter ihm her, es soll Gewitter geben, und wir müssen doch die Kartoffeln ernten!

Also: Prioritäten setzen. Was sage ich: es geht hier um die existentiellen Dinge des Lebens, um nicht weniger als unser Grundnahrungsmittel, also bin ich nach hektischer Verabschiedung auf der Burg hoch oben hastewattkannste zurück in die Niederungen gerast, mit Mühen durch die Ebene, und wieder rauf in den Hohen Odenwald, dortselbst in den Blaumann gesprungen, und im Gemüsegarten vor den verdorrten Kartoffelpflanzen auf die Knie gefallen.

Die Erde ist schwer und nass, und nach dem sonnigen Tag richtig warm, und ich stelle einmal mehr fest, dass es fast nichts Schöneres gibt, als mit den nackten Händen darin herumzuwühlen und goldgelbe Kartoffeln dort herauszuklauben. Keine Ernte macht mich glücklicher als die Kartoffelernte, ja so ist das, und vor Begeisterung singen am Ende sogar die Bandscheiben im Chor ein Lied.

Die Ernte selber ist etwas mager dieses Jahr, so will mir scheinen, Almonda und Annabelle gelten beide als frühreif, es sind sowas wie die Lolitas Teenager unter den Kartoffeln, und was soll man da erwarten. Zwanzig Kilo werden es sein, die wir da also in Windeseile ausgebuddelt haben, bevor dann tatsächlich der angekündigte Regen kam. Für das eine oder andere Abendessen wird es reichen.

Und wo wir gerade dabei sind, schreibe ich Ihnen rasch das Rezept für mein Lieblingsabendessen auf:

Eier (von den eigenen Hühnern)

Kartoffeln (aus dem Garten)

Knoblauch, Rosmarin, Oregano und Thymian (aus dem Garten)

Lollo Rosso, Paprika, Möhren, Tomaten (aus dem Garten)

Olivenöl (vom Freund in Griechenland)

Salz, Pfeffer (ja, das müssen Sie dann schon im Supermarkt kaufen.)

 

Und nun machen Sie was draus. Das kann ja nicht so schwer sein. Und schmeckt besser als alles, was Sie bisher in Ihrem Leben gegessen haben.

Amen. 

 

 

 

P.S.: Die nette Burgherrin wird schwer mit mir schimpfen, weil ich sie Burgherrin genannt habe. Dabei haben wir über was ganz anderes gesprochen heute nachmittag da oben auf der Burg. Es gibt da diesen ziemlich abgedrehten Plan von zwei tollen Frauen, hier: klick! erfahren Sie mehr über die Zwei und ihr tollkühnes Projekt. Sie sollten das in den kommenden Wochen verfolgen, das dürfte ausgesprochen spannend werden.

 

 

 

 

12 von 12.

Zwölf Bilder, die den Zwölften eines Monats dokumentieren, das wünscht sich ja immer die freundliche Frau mit den Kännchen, ich bin heute sehr spät dran, ich musste arbeiten. Also, so richtig, meine ich. für meinen Arbeitgeber und für Geld, naja, Sie wissen schon. Das tue ich jetzt um 21 Uhr 15 immer noch, aber das macht nichts, ich unterbreche mal eben, um Sie ein bisschen an diesem merkwürdigen Tag teilhaben zu lassen.

 

Merk-würdige Fundstücke von der morgendlichen Hunderunde:

Dann zu einem dienstlichen Termin. Wohnmobilkonvoiweltrekordversuch in Walldürn, was es nicht alles gibt. Mit einer very britishen Schiedsrichterin des Guiness-book-of-Records-Verbandes.

Fröhliche Camper getroffen. Ich beneide solche Leute manchmal. Ehrlich.

So ein Konvoi von fast 700 Wohnmobilen, der dauert. Also zwischendurch ein bisschen den Odenwälder Wald erkundet und zumindest etwas frische Luft geschnappt, von wegen Feinstaub undsoweiter. Das böse D-Wort sagen wir an dieser Stelle gar nicht.

Und schnell wieder zurück aus dem tiefen Wald an die brüllend-laute Weltrekordstrecke und zur gestrengen Schiedsrichterin, mit Mikrofon und allem PiPaPo.

Dann endlich durchatmen und heimfahren, durch den Wald und über die Felder, anders wäre da sowieso kein Durchkommen vor lauter Wohnmobilen überall.

Unterwegs kurz Guten Tag gesagt und über die Merkwürdigkeiten dieser Welt nachgedacht.

Zuhause überraschender lieber Besuch, der fachmännisch des Gatten merkwürdigste Kunstwerke begutachtet.

 

Dann fängt die eigentliche Arbeit an. Zwischendurch hat der Mann das Essen gekocht, Huhn mit – dreimal dürfen Sie raten, siehe oben. Und ich schaff jetzt weiter, gute Nacht.

 

 

 

 

1. FC Huhn.

Kennen Sie Frau Kikimora? Sehen Sie, ich kannte die auch nicht. Man sollte sich allerdings mit der Dame mal näher befassen, allzumal, wenn man Hühnerhalter ist. Ob Sie’s nun glauben oder nicht: Frau Kikimora ist es, die allerlei Unbill in den Stall bringt. Ja, da staunen Sie.

Die alte Kikimora schickt den Fuchs und die Milben, die Kalkbeine und die Kropfverstopfung, die Läuse und die Flöhe, ‎die Kokzidiose und die Infektiöse Laryngotracheitis, ja, selbst die. Und wenn Frau Kikimora langweilig wird, stiehlt sie sogar höchstpersönlich Hühner oder Eier. Es handelt sich also alles in allem um eine vergleichsweise unsympathische Person.

Das einzig Gute an Frau Kikimora ist, dass man ihr relativ simpel das garstige Handwerk legen kann, und nun sollten Sie als Hühnerhalter besonders gut aufpassen – falls Sie den Trick nicht ohnehin längt kennen: Man hängt Hühnergötter in den Stall. Ganz einfach. Je mehr, desto besser.

Ich habe natürlich seit mehreren Jahren schon Hühnergötter im Stall hängen, diese Steine mit den geheimnisvollen Löchern, ich habe sie einst an der Ostsee gefunden. Wenn Sie mehr über diese Laune der Natur und über die auch mir bislang unbekannte Frau Kikimora wissen wollen, dann schauen Sie mal hier bei (klick!) wikidingsbums, schöner könnte ich es nicht erklären.

Jedenfalls haben diese Hühnergötter aber offenbar ein Verfallsdatum, mir war auch das neu, aber das ist ja häufig so bei Göttern, und die vergangenen Monate im Hühnerstall haben mich zu der Überzeugung gebracht, das es so sein muss. Mindesthaltbarkeitsdatum offensichtlich überschritten, treue Leser werden sich erinnern, wir hatten jede Menge Hühnerunbill, alles Elend kam zusammen, die steinalten Hühnergötter hingen an einer Schnur friedlich in der Ecke herum, taten nix, und beeindruckten ergo auch Frau Kikimora nicht besonders.

Aber diese Zeiten sind vorbei! Ich habe dieser Tage von einer Bekannten drei neue Hühnergötter geschenkt bekommen, quasi taufrisch und voller Energie, von der englischen Küste, die Freundin erinnerte sich am Strand an die Kokzidiose und die infektiöse Laryngotracheitis, an den Fuchs und die Milben, woran soll man bei einem Urlaubs-Strandspaziergang sonst auch denken. Jedenfalls sammelte sie die Steine auf und brachte sie mir mit nach Deutschland.

Als ich nun heute abend wildentschlossen mit den nigelnagelneuen baumelnden Hühnergöttern Richtung Stall marschierte und so vor mich hinflötete Verpiss Dich Halloooo, Frau Kikimora, jetzt ist Schluss mit Lustig, als ich also da so ins Gehege laufe, flattert doch eines von unseren tiefschwarzen Junghühnern hysterisch kreischend und mit schreckensgeweiteten Augen auf und landet drei (!drei!) Meter hoch mitten im Holunder. Seitdem ist sie von dort oben nicht mehr hinuntergekommen.

Und jetzt weiß ich auch nicht.