WMDEDGT.

Es ist der Fünfte des Monats, und das ist traditionell der Tag, an dem die freundliche Nachbarbloggerin wissen will, was wir eigentlich so treiben, den lieben, langen Tag. Treue Leser kennen das, hier erfahren Sie mehr und können auch die anderen entsprechenden Beiträge nachlesen. Tagebuchbloggen nennt man das, und ich mache immer wieder gerne mit. Auch an so vergleichsweise unspektakulären Tagen wie heute.

Also, was mache ich den ganzen Tag, hier in der vermeintlichen Provinz? Ich stehe erstmal auf. Sie ja wohl auch. Dann Kaffee in dunkler Küche, ja, es ist wieder soweit, morgens, wenn der Wecker klingelt, ist es stockefinster in der Küche. Dem Hahn zuhören, dem neuen, der Gatte bestand darauf, also musste ein Hahn her. Die vorprogrammierten Konflikte mit der freundlichen Nachbarin wird er zu gegebener Zeit lösen, großes Ehrenwort.

Raus mit den Hunden, große Runde, am See die Forellen füttern und Grünzeugs für die Ziegen sammeln. Is klar. So macht man das als überzeugte Landpomeranze. Zuhause dann rasch Ziegenstall checken, Ziegen füttern, Hühnerstall checken, Hühner füttern, übellaunige Katze reinlassen und Katze füttern, zu guter Letzt die Hunde füttern. Soweit das mit den Hunden einfach so geht, Frau Lieselotte musste dieser Tage einen Teil ihrer Rute beim Tierarzt lassen und trägt seitdem ohne jede Anmut, ohne jeden Stolz, einen überdimensionierten Plastiktrichter auf dem Kopf.

Das sieht nicht nur behämmert aus, wie eine Mischung aus Buchemer Faschenacht und Weltraumhündin Laika (oder wie die hieß) am Weltraumbahnhof Baikonur, es ist auch behämmert, vorallem nervenaufreibend, weil das gute Tier im fünf-Sekunden-Takt bei jedem krachenden Andotzen des Trichters an einem x-beliebigen Möbelstück, einer Tür oder dem Fußboden hysterische An- und Ausfälle bekommt, ja, man gönnt sich ja sonst nix, morgens um Sieben. Da ist die Welt schon nicht mehr in Ordnung.

Dann Abfahrt ins Büro, mit dem betrichterten Hund auf der Rückbank. Der Hund glotzt hechelnd aus dem Fenster und ich denke mir, es ist vielleicht gar nicht so verkehrt, die Welt mal durch einen milchigen Plastiktrichter hindurch zu sehen, alles ist ein bisschen verschwommen, eine weichgezeichnete Traumlandschaft, wie weiland die Fotos von Herrn Hamilton, die Älteren unter Ihnen werden sich erinnern, mit und ohne Grausen.

Weil aber das Leben einer Journalistin tief im Odenwald nicht immer weichgezeichnet ist, muß ich mich heute im Büro mal wieder auch mit unerfreulichen Dingen befassen, mit den allgegenwärtigen Mobilfunklöchern hierzulande beispielsweise, mit dem Kampf der kleinen Kommunalpolitiker gegen die Windmühlenflügel der großen Mobilfunkpolitik. Mit Apothekenrecht und einem Medikamentenversandhandel. Mit dem Wiederaufbau einer abgebrannten Flüchtlingsunterkunft. Damit, dass die Hälfte aller antelefonierten Gesprächspartner im Urlaub ist, während ich hier sitze und schwitze.

Zum Mittagessen gibt es unterwegs ein paar Pflaumen und Äpfel, frisch vom Baum gepflückt, das erfüllt zwar den Tatbestand des Mundraubs, ist aber lecker. Und außerdem hat mich ja niemand erwischt. Könnteste mit einem Arbeitsplatz in Berlin-Mitte ja ooch nich so einfach machen. Wa.

Am Nachmittag wieder sitzen und schwitzen und telefonieren und formulieren und Hörerfragen beantworten und Beiträge basteln und Post sichten und den Trichterhund bemitleiden, der sich vorwurfsvoll-stumm in sein Trichterschicksal fügt.

Schlußendlich Feierabend, zumindest so halb. Den Trichterhund zuhause abliefern, nach den Ziegen und den Hühnern schauen, einen Kaffee mit Geo, dem Göttergatten, trinken und mir von seinem Tag berichten lassen. Dann wieder los ins Städtchen, eine abendliche Ausstellungseröffnung im Bezirksmuseum Buchen. Ich bin gespannt.

Danach werde ich ins Bett fallen und dem knarzenden Trichterhund auf seiner Hundematte lauschen und von einer weichgezeichneten Welt träumen. Man gönnt sich ja sonst nichts.

 

 

 

Herbst.

Und plötzlich ist es Herbst. Zumindest fühlt es sich so an. Grau und verhangen, kühl und windig. Die Böen schütteln die Bäume und lassen die dicken Äste brechen, voll mit Äpfeln und Birnen. Überall liegen sie herum, die stummen Zeugen dieses Obst-Jahres. Selten habe ich die Bäume so voll hängen sehen wie in diesem Sommer.

Die Früchte kullern in den Straßengraben oder lassen sich direkt auf der Fahrbahn zu Mus verarbeiten, dicke, schmierige Teppiche aus Apfel- und Birnenmus breiten sich da aus. Manch einer sammelt das Obst, eine mühsame Arbeit, stundenlang gebückt und auf Knien, aber es bringt ein paar Euro bei der Saftpresserei im Nachbardorf, oder ein paar Dutzend Liter eigenen Saft.

Ich laufe mit den Hunden über die einsamen Felder, ich fahre durch die sonntäglich-verschlafenen Dörfer und versuche, mit dem Gegensatz zwischen dem himmlischen Frieden hier und dem aggressiven Geschrei und Gepöbel anderswo irgendwie klarzukommen.

Gar nicht so einfach. Naja, Sie wissen schon. 

 

 

Neues aus dem Irrenhaus.

Ziegen und Hühner tanzen uns weiterhin auf der Nase herum, sie machen, was sie wollen, sie gehen über Leichen Zäune, sie trampeln nieder, was sich in ihren Weg stellt, und immer wieder müssen wir sie aus Ecken des Grundstücks heraustreiben, in denen sie definitiv nichts zu suchen haben. Zumindest unserer Meinung nach.

Sie brechen also wieder und wieder aus dem wackligen Hochsicherheitsgehege aus, bleiben aber dennoch immer auf dem umzäunten Grundstück, viel kann da ja eigentlich demnach nicht passieren. Der Zaun zur Straße ist unüberwindbar, ehrlich, da käme nicht mal eine Bergziege drüber oder durch. Von flugunfähigen Hühnern ganz abgesehen.

Dennoch verfallen mein Geo und ich regelmäßig in eine hysterische Panik, sobald wir eine ausgebüxte Ziege oder ein ebensolches Huhn sehen. Nur, weil die dämlichen Drecksviecher mal jenseits des Gehegezaunes sind, und nicht diesseits. Oder umgekehrt, je nach Sichtweise und Perspektive. Der liebe Himmel weiß, warum, ich bin ansonsten eher unhysterisch unterwegs.

Mein Geo schreit dann durchs ganze Haus nach Hilfe, als stünde irgendwas in Flammen, ich renne panisch los, wir stürzen an die Ausbruchsstelle und versuchen wild fuchtelnd und hampelnd und schimpfend die Tiere wieder ins Gehege zu treiben. Dass ein solches Verhalten beim Umgang mit Tieren in der Regel kontraproduktiv ist, ja, das wissen wir, wir haben schließlich die entsprechende Fachliteratur inhaliert. Naja, Sie wissen schon. 

Aber heute habe ich fürs Leben gelernt.

Auf der Kreuzung im Dorf war Putenalarm. Ortskundige wissen genau, wo das war, es gibt im Dorf nämlich nur diese eine vereinsamte Kreuzung. Jedenfalls standen da am Morgen ein paar Puten herum, auf der noch verschlafenen Fahrbahn und daneben. Nachdem ich nun schon eine Weile hier lebe, ahnte ich sogleich, dass die da nicht hingehören, ich informierte die Chefin des Gasthauses an der Kreuzung, und die wiederum rief den Putenbesitzer an.

Ich stieg also aus dem Auto aus und betätigte mich als Putenpolizei, denn die lieben Tiere waren auf dem Weg Richtung Ortsausgang, und ich hielt das für keine gute Idee. Man kennt ja die Warnmeldungen im Radio, Vorsicht, freilaufende Tiere auf der A6, man kennt die Bilder von Massenkarambolagen und schlimmen Wildunfällen, also nein, so hübsch das im Nachbardorf auch sein mag, ich fand die Idee schlichtweg falsch.

So stand ich in gebührlichem Abstand als menschliches Durchgang-verboten!-Schild, der Puterich machte dicke Arme, senkte hin und wieder den Kopf und den schrumpelig-wackelnden Hals und gab merkwürdige Laute von sich.

Ich wartete also leicht angespannt auf die Ankunft der Putenbesitzer, ich sah vor meinem geistigen Auge Menschen mit hochrotem Kopf herbeirennen, völlig aufgelöst und verzweifelt ob der wandernden Puten.

Stattdessen näherte sich gemäßigten Schrittes ein Mann, er pflückte sich auf dem Weg einen Apfel und kaute genüsslich, er schlenderte zu den dicken Puten hin, ignorierte meinen lebensgefährlichen und aufopfernden Einsatz als Putendompteuse völlig und sprach nur einen einzigen Satz: Na, da seid Ihr aber heute weit gekommen! Und in seiner Stimme schwang eine gewisse Bewunderung für die Unternehmungslust seiner Tiere mit. Dann ging er hinter den Putenhaufen und dirigierte die watschelnden Vögel wortlos und mit kaum wahrnehmbaren Bewegungen Richtung Zuhause.

Jetzt also habe ich meinen Star gefunden. Mein leuchtendes Vorbild. Ein toller Mann. So will ich auch sein. Sie werden hier also in Zukunft keine Neuigkeiten aus dem Irrenhaus mehr lesen. Weil es kein Irrenhaus mehr sein wird. Weil wir gelassen, ja, geradezu meditativ mit allem umgehen werden, was da so kommen möge. Wir werden uns doch nicht verrückt machen lassen, von ein paar nicht mal wirklich ausgebüxten Ziegen und Hühnern, also, ich bitte Sie. Das wäre doch gelacht.

So sei es und so bleibe es, bis in alle Ewigkeit, Amen.

 

 

 

Die Badehose.

Wenn Sie seinerzeit ein bisschen im Geschichtsunterricht aufgepasst hätten, im Gegensatz zu mir, dann wüssten Sie natürlich aus der Lameng, was es mit dem heutigen Datum auf sich hat. Wenn Ihr Geschichtsunterricht damals aber so stinkend langweilig war wie der meinige, dann habe ich natürlich vollstes Verständnis.

Jedenfalls wurde heute auf den Tag genau vor 99 Jahren Friedrich Ebert als 1. Reichspräsident der Weimarer Republik vereidigt, 1919 war das. Am allergleichen Tag gelangte auf verschlungenen Wegen – und das ist der eigentliche historische Kracher – ein Foto von eben jenem frisch vereidigten Reichspräsidenten in die Öffentlichkeit, das den Herrn Ebert schon ins Wanken brachte, noch bevor er seinen Job so richtig angetreten hatte.

Das Foto zeigt Ebert in der Badehose, knietief in der Ostsee, oben ohne und nicht so wirklich vorteilhaft, um es mal vorsichtig zu formulieren. Ein. Absoluter. Skandal. Noch nie hatten Staatsoberhäupter quasi blankgezogen, und noch nie hatten die Untertanen eine derart unglücklich sitzende nasse Badehose gesehen. Die kannten ja planschende Männer nur in züchtigen Badeanzügen, und Staatsoberhäupter überhaupt nur in schmucken Uniformen mit allerlei funkelndem Gebamsel dran.

Die präsidiale Badehose schlug ein wie die sprichwörtliche Bombe. Sie wurde zum hochpolitisch-textilen Symbol aller Ebert-Feinde, die fortan bei jeder sich bietenden Gelegenheit bunte Badehosen schwenkten, sobald der Ebert auftrat. Die auch mediengeschichtlich wirklich spannende Story zu dem Foto können Sie zum Beispiel hier nachlesen, oder auch hier. Kommt einem alles bekannt vor, auch mit Blick aufs Heute.

Nun fragt sich der treue Leser nicht zu Unrecht, was diese Geschichte ausgerechnet auf einem Blog aus dem Odenwald zu suchen hat. Jahahaaaa, das werde ich Ihnen verraten. Ich habe da nämlich so meine These. Vorallem zu der immer noch ungeklärten Frage, was eigentlich aus der vielleicht berühmtesten Badehose der deutschen Geschichte – ach, was sage ich: der Weltgeschichte – geworden ist.

Dazu muss man wissen, dass der Ebert-Friedrich eine direkte Beziehung in den Odenwald hat, genauer gesagt, in unser Nachbardorf. Wie sich  ja eigentlich die Wurzeln aller wirklich wichtigen Menschen auf der Welt letztlich im Odenwald finden lassen, wenn man nur lange genug forscht. Bloss der blöde Trump, der kommt aus der Pfalz. Also, jedenfalls ist der Vater von Friedrich Ebert hier im Odenwäder Nachbardorf geboren, ein uneheliches Kind, man muss sich das mal vorstellen.

Es gibt da in Krumbach eine kleine Gedenkstätte, einen Schaukasten und einen Stein, an dem alle Jahre wieder ein paar versprengte Genossen mit roten Schals rote Blumen niederlegen, hoch oben im ansonsten eher schwarzen Odenwald.

 

So sah das bis 1935 aus.

Friedrichs Vater Karl wurde also in Krumbach geboren, als uneheliches Kind, und zog dann irgendwann nach Heidelberg, um sich dort als Schneider zu verdingen. Seine Frau stammte aus Neckargerach, das ist auch gar nicht weit von hier, und sie gebar ihm zahlreiche Kinder, eines davon eben der zukünftige Reichspräsident.

Friedrichs Vater Karl war zwar unehelich, wird aber auch seinerseits etliche Geschwister in Krumbach gehabt haben. Davon gehe ich jetzt einfach mal aus. Und die hatten ihrerseits Kinder, was dann wiederum die Cousins und Cousinen vom kleinen Friedrich Ebert wurden. Wenn Menschen im Odenwald irgendetwas in Hülle und Fülle haben, dann sind es seit jeher Cousins und Cousinen. Armer Landstrich hin oder her: in dieser Hinsicht sind die Odenwälder mehr als reich.

Nun wohne ich in einem Haus, das auf den Grundmauern eines Vorgängerbaus erbaut wurde, von einer gewissen Ottilie. Ottilie, geborene Ebert. Ein Gasthaus mit großem Garten und Gemüseacker. Angeblich war Ottilie auch eine Cousine von Reichspräsident Friedrich Ebert, irgendwer hat mir das mal erzählt, und ich glaube es gerne. Ja, ich behaupte sogar: sie war bestimmt, also ganz sicher, seine Lieblingscousine, und er hat ganz bestimmt auch oft im Vorgängerbau des Gasthauses gesessen und ist durch den Garten geschlendert. Genau so wird es gewesen sein, wann immer ihm sein Präsidentenamt eine kleine Auszeit erlaubt hat. Wir leben hier also aus sozialdemokratischer Sicht auf quasi geheiligtem Boden. Ich sags ja nur mal so.

Wenn wir nun also noch mal zurückkommen auf die bedeutsame Frage, was eigentlich aus der berühmtesten Badehose der Weltgeschichte geworden ist, dann könnte es auch Ihnen langsam dämmern. Was hätten wir denn anstelle vom Reichspräsidenten gemacht? Die vermaledeite Badehose im nächsten Sommerurlaub weiter getragen? Im Leben nicht. In einer Kommode im Präsidentenpalais aufbewahrt? Wohl kaum. Fluchend entsorgt, das gräßliche Stück? Schon eher. Aber wohin? In die Mülltonne vorm Reichstag? Da hätte der nächstbeste Paparazzo sie ja sofort hinausgefischt.

Sie ahnen, worauf ich hinaus will: Friedrich Ebert hat die Badehose eines Tages mitgenommen in den Odenwald. Und sie verbuddelt in Ottilies Garten. Dort, wo sie niemals jemand finden würde.

Außer mein Geo vielleicht. Der hat schon die tollsten Sachen aus dem Ebert’schen Gemüseacker hervorgeackert. Da wird sich nun also doch bitteschön eines Tages auch die olle Büx finden lassen. Die übergeben wir dann dem Haus der Geschichte in Bonn. Wenn sie da nicht längst schon liegt.

 

 

 

Der alte Pius.

Der alte Pius war eigentlich noch gar nicht so alt. Genau gesagt, war er noch ziemlich jung, damals, zu Beginn des Ersten Weltkriegs, viel zu jung, um in den Kampf zu ziehen, aber danach fragte damals niemand. Und Pius hatte ja auch so etwas wie Glück. Er musste nicht an die Front, sondern nur nach Karlsruhe. Karlsruhe wiederum kann man nun finden, wie man will, auf jeden Fall war das sehr viel besser als ins Kriegsgebiet zu müssen.

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Pius also machte sich aus meinem Nachbardörfchen Wagenschwend auf nach Karlsruhe und diente dort irgendeinem Offizier. Die Jahre vergingen, Pius überstand all den Wahnsinn irgendwie und durfte eines Tages, 1918, wieder heim nach Wagenschwend. Der Rückweg wird sich ein bißchen hingezogen haben, damals gab es ja noch keine ICE-Verbindung zwischen Karlsruhe und Wagenschwend, die gibt es auch bis heute nicht, Pius wird Strecken zu Fuß zurückgelegt haben auf seinem Weg nach Hause, und einige Strecken auf rumpelnden Anhängern und vielleicht auch Strecken mit irgendeiner alten Bimmelbahn.

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Foto: Janett Lange/pixelio.de

Jedenfalls landete er zwischendurch für ein paar Stunden in Schwetzingen, und weil er nichts Besseres zu tun hatte und sich seines Lebens freute nach all dem Morden in Europa, ging er in den Schwetzinger Schlosspark. Es war Herbst, die Wege lagen voll mit Laub und mit Kastanien, und Pius sammelte zwei davon auf und steckte sie in seine Hosentasche.

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Zurück in seinem Heimatdorf verbuddelte er die beiden Kastanien in kleinen Töpfen, er hegte und pflegte sie, vielleicht war es seine Art, den Krieg mit all den Toten zu verarbeiten, neues Leben zu ermöglichen und die Hoffnung wieder aufzupäppeln. Die Kastanien gingen an, die Pflänzchen wuchsen und wuchsen. So groß wurden sie, dass Pius sie aus den Töpfchen in den Garten pflanzen konnte. Eines der Bäumchen schenkte er schließlich dem Nachbarn, mit ihm teilte er sich auch die große Wiese gegenüber vom Dorf, drüben an der Straße, die heute Mudau mit Waldbrunn und Eberbach verbindet.

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Und weil die Wiese riesig war und die Männer bei der Heuernte schutzlos in der prallen Sonne schuften mussten, beschlossen die beiden, die Kastanienbäumchen auf eben diese Wiese zu pflanzen, jeder seine auf seinen Teil des Grundstücks. So konnten sie bei der Arbeit zumindest manchmal Pausen im Schatten der Kastanien einlegen, die Bäume wuchsen und wuchsen und spendeten mehr und mehr Schatten, und Pius und sein Nachbar freuten sich an ihnen.

Den Schatten braucht auf dieser Wiese heute eigentlich niemand mehr, und Pius und sein Nachbar, sie sind beide lange tot. Aber die Bäume wachsen und wachsen noch immer. Und erzählen jedem, der zuhört, ihre Geschichte vom Ersten Weltkrieg und vom Schwetzinger Schlosspark, von den rostbraun-glänzenden Kastanien und der Hosentasche eines Odenwälders.

 

 

 

Falls Sie da noch nie waren, sollten Sie den Schwetzinger Schlosspark unbedingt besuchen, es lohnt sich. Wenn Sie da dann auch Kastanien sammeln und einpflanzen, sagen Sie bescheid, ich schreibe dann in 98 Jahren eine Geschichte hier im Blog darüber, versprochen.

 

Danke an Gerhard Schäfer, der mir die Geschichte von seinem Großvater Pius erzählt hat. Die Bäume kannte ich schon lange, die Geschichte dazu nicht.

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Diese Geschichte habe ich vor zwei Jahren hier veröffentlicht. Als ich heute über die abgemähten, verdorrten Wiesen gelaufen bin und in der Ferne die zwei riesigen Kastanien sah, habe ich mich an den alten Pius erinnert. Und an diesen Blog-Post, den ich deswegen heute einfach nochmal einstelle, für alle, die ihn noch nicht kennen. 

 

 

Neues aus dem Irrenhaus.

Wir hämmern und schrauben und fummeln weiter, um den Ziegenzaun undurchdringbar zu machen, leider vergeblich, wir sammeln die Ziegen an allerlei Ecken ein, an denen sie definitiv nichts zu suchen haben. Aber so wird es einem auf dem Lande wenigstens nicht langweilig.

Ein Stück des demnächst komplett zu erneuernden Zaunes habe ich am Morgen vorläufig gesichert, mit Akkuschrauber und Hammer, ich habe Krammbbe, zu deutsch U-Haken, in das Holz versenkt mit mächtigen Schlägen, teilweise leider auch in meinen Daumen, aber was tut man nicht alles.

Die Krammbbe halten nun den Hasendraht fest an den Holz-Pfosten, d.h. das sollten sie theoretisch tun; jedenfalls besah Luise sich eine Zeit lang das Hammerschauspiel, sie dachte so bei sich Voll der Hammer, ey!, dann senkte sie den Kopf und donnerte kurz gegen das Drahtgeflecht. Und plopp, plopp, plopp, plopp, plopp, schnalzten alle Krammbbe wieder raus aus dem Holz, mir vor die Füße. Naja, Sie wissen schon.

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Derweil fragen treue Leser sich natürlich, was aus der dramatischen Abnabelung der Küken von ihrer leicht angenervten Mutter geworden ist. Ich darf Sie beruhigen, alles paletti, wir haben tatsächlich den Kükenstall endgültig schließen können, Mutti und die lieben Kleinen schlafen nun allesamt bei den Erwachsenen im eigentlichen Hühnerstall. Mit dieser ersten Nacht im großen Stall haben die Kleinen auch endgültig das dämliche Baby-Piepsen eingestellt, das in einem Hühner-Kleinkinder-Haushalt eigentlich ununterbrochen und nonstop zu hören ist. Sie gelten jetzt also nicht mehr als Küken, sondern als Junghühner, also bitte.

Klammer auf: Übertragen auf uns Menschen müsste das eigentlich heißen, dass die Kinder, sobald sie bei den Eltern mit ins Schlafzimmer dürfen, zu Teenagern mutieren. Was Sie jetzt allerdings mit dieser Erkenntnis machen, überlasse ich Ihnen. Klammer zu.

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Ist ja klar, dass bei dem wochenlangen Anblick süßer kleiner Küken auch wieder eine Henne schwach werden würde. Sowas ist ja immer ansteckend. Also gluckt die Henne jetzt, worauf auch immer, fragen Sie mich nicht, ich will es gar nicht wissen. Befruchtete Eier können jedenfalls nicht unter ihr liegen, wir haben ja derzeit keinen Hahn im Haus.

Genau diesen Job – den des Hahnes – hat aber eben jene Henne bislang ausgeführt. Also, zumindest in Ansätzen. Sowas gibts, glauben Sie mir. Sie finden dazu auch allerlei in der entsprechenden Fachliteratur. Wenn kein Mann im Haus ist, schwingt sich eine Henne zum Boss des Hühnerrudels auf, und wenn es sein muss, mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen.

Also hat besagte Henne seit Monaten schon morgens ab der Dämmerung wild gekräht, es klang eher nach verrosteter Wasserpumpe als nach einem stolzen Hahn, aber seis drum, der gute Wille zählt. Auch tagsüber warf sie sich immer wieder in Positur, reckte den Hals und krähte, was das Zeug hält. Mein Geo behauptet gar, er habe sie beobachtet, wie sie ein anderes Huhn besprang, ach Du liebe Zeit, ich will mir das gar nicht ausmalen, was die Nachbarn denken würden, wenn sie das gesehen hätten.

Dieses Hahnen-Huhn gluckt nun also und sitzt auf unsichtbaren Eiern und malt sich eine Zukunft mit süßen kleinen Küken aus, die sie an ihre Mutterbrust drückt. Und zwischendurch steht sie auf und kackt und kräht und hält sich für den schönsten Hahn weit und breit. Wenn ich diese ganzen Gender-Diskussionen lese, da kann ich ja nur lachen! Huhn müsste man sein. Oder Hahn. Ach, was weiß denn ich.

Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss ins Bett, morgen wird wieder ein anstrengender Tag, wenn ich zum zweihundertzwölften Mal das eine Loch im Ziegenzaun flicken muss.

 

 

 

 

12 von 12.

Ein durch und durch fauler Sonntag auf dem Lande. Das heißt, zwischendurch kam ich doch mal ins Rennen, als nämlich Ziege Luise ein Loch im Ziegenzaun fand und dann durch den Garten rannte, durch den genau in diesem Moment auch Hund Lieselotte rannte, und dann rannten sie lustig hintereinanderher, und ich rannte, und der Gatte rannte, dabei hätten wir uns das ganze Gerenne sparen können, weil die beiden tatsächlich nur lustig miteinander rennen wollten. Aber jedenfalls sind wir erst alle gerannt, und dann mussten wir den Zaun reparieren. Bis zum nächsten mal.

In diesem Sinne: Mein Protipp an alle Ziegenhalter im Lande: sparen Sie sich einfach die albernen und zeitraubenden Kontrollgänge am Ziegenzaun – warten Sie einfach darauf, dass Ziegen und Hunde und Gatten durch den Garten rennen, dann wissen Sie unzweifelhaft bescheid, dass irgendwas mit dem Ziegenzaun nicht in Ordnung ist.

Und ansonsten: Am 12. des Monats zwölf Bilder von Müßiggang und Sonntagsruhe. Die Bloggerin mit den Kännchen wünscht sich das, und ich bin gerne wieder dabei, so langweilig der Tag heute auch für die Bildbetrachter gewesen sein mag. Ich fands herrlich.

Huch. Schon sooo spät.

Die Katze kommt ja hier auch viel zu selten vor.

Schön lesen, bis das lustige Wettrennen ausbricht.

Also, ran an die Arbeit.

Dann wieder im Schatten dösen.

Damit wir nicht verhungern, bringt die Nachbarin einen Kuchen.

Das alte Hündchen döst auch.

Abends gießen.

Und übers Abendessen nachdenken.

 

Und nachher vielleicht noch Perseiden gucken. Und sich was wünschen. Weltfrieden könnte ein schlauer Wunsch sein, oder irgend sowas in der Art, Glaube, Liebe, Hoffnung, Amen undsoweiter.  Und morgen früh dann wieder krachend in der Realität ankommen. Ich werde mich ab 9 Uhr im Landgericht auf nüchternen Magen mit einem fiesen Mord beschäftigen. Also, rein beruflich, versteht sich.

Und was haben Sie so vor?

 

 

 

Unterwegs.

Ich denke ja immer mal wieder darüber nach, nur noch in Schwarzweiß zu fotografieren. Dass es hier im Odenwald schön ist, müsste ja inzwischen selbst dem Letzten aufgegangen sein. Aber in Schwarzweiß hat eine Landschaft nochmal einen ganz eigenen Reiz, finde ich. Also übe ich zwischendurch. Bitte sehr.