WMDEDGT.

Ja, ist es denn zu glauben, die Zeit rennt, und mit dem Alter wird das immer schlimmer, naja, Sie wissen schon. Und jetzt ist also schon wieder der Fünfte eines Monats, genauer gesagt der Fünfte im Juli, wenn ich das richtig sehe, also fragt die freundliche Frau Brüllen einmal mehr, was ich heute so gemacht habe. Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?, kurz wmdedgt. Tagebuchbloggen nennt man das, und ich bin gern dabei.

Das war heute der stinknormale Tag einer rasenden Reporterin in der vermeintlichen Provinz, also bitte sehr, wenn Sie möchten, begleiten Sie mich einfach. Nach dem ersten Kaffee gehts um 7 Uhr auf die große Hunderunde, durch die Felder und Wälder und raus zum See, Forellen füttern.

Still liegt er da am Waldrand, der See, die Forellen führen sich auf wie junge Hunde, sobald man das Grundstück betritt, sie planschen erst fröhlich in meine Richtung und schwimmen dann eilend neben mir her zur Futterstelle, ich spreche natürlich mit ihnen, und wenn ich ganz leise bin, höre ich sie schmatzen und juchzen und nach dem Futter rufen, es ist eine Wonne. Fast möchte ich jeder einzelnen einen Namen geben, aber letzten Endes sind sie doch schwer zu unterscheiden, 500 planschende Forellen im See, da kann man schon mal durcheinander kommen, also lassen wir das besser mit den Namen.

Außerdem muss ich weiter, ins Büro im kleinen Großen Kreisstädtchen, die Arbeit ruft.

Auf dem radio-logischen Programm steht heute ein Beitrag über eine Frau, die ich gestern kennengelernt habe, sie macht ein Ehrenamt der etwas anderen Art, sie bringt freiwillig und im Namen der Kirche Menschen unter die Erde, mal salopp gesagt. Begräbnisdienstleiterin nennt sich das offiziell, ein Amt, das also auch Laien ausüben dürfen, und neuerdings sogar Frauen, na, wenn das im Odenwald mal gut geht. Aber die Begegnung mit der Frau war herzerfrischend, aus dem geplanten Kurz-Interview-Termin wurde ein angeregtes Gespräch, Fortsetzung folgt hoffentlich. Jetzt also den Beitrag dazu machen, schreiben, sprechen, produzieren und den Kollegen im Funkhaus rüberbeamen.

Dann ein rasanter Themenwechsel. Von der ehrenamtlichen katholischen Begräbnisfrau zum Castortransport an den Neckar, mal rasch eine vermeintliche Gassirunde mit dem Bürohund am Kernkraftwerksgelände Obrigheim gemacht, Bürohund Lieselotte muß ja schließlich ganz plötzlich ganz dringend raus, musst Du doch? nicht wahr, und ich kann nebenher ganz unverfänglich-unschuldig ein paar Fotos von den Absperrungen, den Sichtschutzwänden und dem Transportschiff machen und die aktuelle Lage checken. Das nenne ich mal investigativen Journalismus vom Allerfeinsten, aber hallo. Den Pulitzerpreis werde ich dann mit Frau Lieselotte teilen, ist ja klar.

Nur leider tut sich nicht so wirklich Wegweisendes am Kernkraftwerk, ein leerer Castortransporter wird hin- und hergeschoben, die Schiffe dümpeln im Wasser, also fahren wir zurück ins Büro, für einen neuerlichen Themenwechsel. Jetzt steht die Wallfahrt in Walldürn auf dem Programm, dann Rechtsstaat-Unterricht für Flüchtlinge in Mosbach, und die Meinung der evangelischen Kirchen in der Region zu Afghanistan. Im Schweinsgalopp also  durch die aktuellen Themen der kleinen großen Odenwälder Welt, ein Potpourri des Landlebens. Mein täglich Brot, heute besonders abwechslungsreich.

Dazu ein Schwätzchen am Büro-Fenster mit einer 30köpfigen Gruppe schwäbischer Hausfrauen auf Mosbacher-Altstadt-Besuch, die sich als eingefleischte Fans ihres Heimatsenders outen, sowas hat man immer gerne, denen erzähle ich dann noch ein bisschen was von der Kurpfalz allgemein und radio-logisch, ja, ich bringe da tatsächlich etwas zusammen, ich staune selber immer wieder, aber das habe ich von meinem Chef gelernt.

Der hat mir einst auch beigebracht, wie ich in aggro-Diskussionen über Rundfunkbeiträge und Co argumentieren kann, auch das muss ich heute am Bürofenster noch anwenden. Mein Gegenüber ist aber leider nicht so wirklich einsichtig. Vielleicht sollte ich einfach weniger ans Fenster gehen, das würde Zeit und Nerven sparen.

A propos Zeit: Nu is Feierabend, und wir machen uns auf den Weg nach Hause, Bürohund Lieselotte und ich. Geschafft haben wir genug für heute. Also rein in die Odenwälder rush-hour.

Über Kilometer fährt vor mir ein Auto, Feierabendverkehr auf dem Lande, der Verkehrsinfarkt ist nicht mehr fern, ich ahne das. Und ich ahne, dass ich vor dem Fotografieren während der Fahrt vielleicht mal meine Windschutzscheibe putzen sollte, aber das ist jetzt wieder eine andere Geschichte.

28 Grad zeigt das Thermometer immernoch, selbst hier oben im Hohen Odenwald, in Badisch-Sibirien. Jetzt ein Kaffee auf der Terrasse, später noch ein bisschen Gartenarbeit, dann nochmal an den See, Forellen füttern. Ich bin da ja derzeit für Heranwachsende zuständig, immerfort haben sie Hunger, sie fressen einem die Haare vom Kopf, bis sie eines Tages dick und rund sind und gebraten und gegrillt werden. Wenn Sie Kinder haben, werden Sie wissen, was ich meine. Also zumindest im ersten Teil des Satzes.

 

 

 

 

 

 

 

Was schön war.

Ich sitze da in der Küche und lasse mir von der Kaffeetasse die Hände wärmen, ich genieße das Alleinsein im Haus, draußen ist es oll und kühl, ich träume so vor mich hin, und die Hunde schnarchen im Wohnzimmer, wie sie das nach der ersten großen Morgenrunde gerne tun.

Wie ich da also so vor mich hinsitze, sehe ich im Augenwinkel plötzlich etwas durch unseren umzäunten Garten schleichen, eine große dunkle Gestalt, kaum zu erkennen zwischen Büschen und Bäumen.

Die Hunde schnarchen selig weiter, ich beneide sie manchmal um diese innere Ruhe, aber in solchen Momenten genieße ich nicht mehr das Alleinsein im Haus, sondern ich denke Ey, Leute, ich bezahle Euch fürs Aufpassen, nicht fürs Schlafen! Ihr werdet eines Tages noch verpennen, wenn ich von einem Einbrecher hinterrücks gemeuchelt werde. Aber letzten Endes hat das ja alles keinen Sinn, bei uns hapert es mit der Mensch-Tier-Kommunikation gleich auf mehreren Ebenen, so stehe ich also auf und gehe todesmutig und ohne Hunde in den Garten. Hallo, wer da?? 

Guten Morgen, ruft es fröhlich aus dem Gebüsch zurück, der Freund aus dem Nachbardorf ist es, mit seinem Traktor vor dem Tor und einem ganzen Haufen furchterregender Werkzeuge, jetzt reißt er auch schon an den übermannshohen, wackelnden, morschen Zaunpfosten herum, er reißt und stemmt und hämmert und sägt, er schnauft und ächzt und schwitzt, und zwischendurch pfeift er zu den Liedern, die plärrend aus seinem Traktoren-Radio herauskommen.

Was um aller Welt machst Du da?, frage ich ganz am Anfang, das ist zugegebenermaßen eine saudumme Frage, denn ich sehe ja, was er macht: er repariert unseren Zaun. Geo hat doch neulich erzählt, dass der Zaun in die Knie geht, also mache ich Euch das jetzt, sagt der Freund, und es klingt, als sei es das Natürlichste von der Welt.

Nach einer Stunde Ackerei fehlen dem Freund ein paar Stickl, und ich höre nach mehrmaligem Nachfragen heraus, dass es sich bei Stickl um handelsübliche HolzPfosten handeln muss, also machen wir einen kurzen Ausflug zum Raiffeisenmarkt ein paar Dörfer weiter, wir lachen und schwätzen im Auto und freuen uns diebisch auf die Gesichter, wenn uns beide jemand im Raiffeisenmarkt sieht. Die verheiratete Frau und der gutaussehende Mann aus dem Nachbardorf, sie treffen sich heimlich, um Stickl zu kaufen, und Legemehl und Körnerfutter und einen Topf Basilikum haben sie auch noch mitgenommen, sie hat das alles erstmal bezahlt, er lässt sich auch noch aushalten von ihr, mit Legemehl und Hühnerkörnerfutter, na, da hört sich doch wohl alles auf. 

Also, kurzum, wir amüsieren uns köstlich auf Kosten möglicher ländlicher Tratschmäuler (die es im Odenwald selbstverständlich garnirgends nie gibt), am Ende des Mittags steht der Zaun wieder wie festgemauert in der Erden, es gibt Kaffee und ein kühles Bier, und dann brummt nach ein paar Stunden der verschwitzte Freund davon.

Ich stehe in der Mitte der Dorfstraße und blicke dem Traktor noch einen Moment hinterher und winke, und dann weiß ich nicht, ob ich glücklich oder beschämt sein soll, wegen des kaputten Zaunes, der nun wieder ganz ist, ohne unser Zutun, nur dank andrer Leuts selbstverständlicher Hilfe. An manche Aspekte des Landlebens bin ich offenbar immer noch nicht so richtig gewöhnt.

 

 

 

Man kommt zu nichts.

Hier ist soviel los, man kommt zu nichts. Ich weiß nicht, wer das mit dem idyllischen Leben auf dem Lande erfunden hat, aber glauben Sie mir, es ist ein Märchen, im Zweifelsfall aus dem Hause der Gebrüder Grimm. Oder was weiß ich. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss weitereilen.

 

 

 

 

Flaschenkinder.

Sie kommen einem entgegengehopst auf staksigen Beinchen und mit wehenden Ohren und viel Geschrei, sie sind wie junge Hunde, die sich über jeden Besuch freuen. Sie kauen und saugen an allem herum, was man ihnen entgegenhält, Finger, Armbanduhren, Pulloverärmel, und sie sind natürlich extrem süß.

Der ruppige Landwirt schimpft über sie, wie immer mit viel zu lauter Stimme, aber er steht nachts alle paar Stunden auf, um sie in seine riesigen Pranken zu nehmen und ihnen die Flasche zu geben, weil ihre Mütter, warum auch immer, nicht zur Verfügung stehen. Dabei flüstert er ihnen dann bestimmt heimlich beruhigend zu; wenn keiner zuschaut, kann er so weich sein.

Wenn sie dann eines Tages abgeholt werden, und wenn er sie dann noch von all den anderen Lämmern unterscheiden kann, dann verdrückt er vielleicht auch heimlich ein Tränchen, ich traue ihm das zu, aber auch das darf niemand sehen, schließlich verdient er sein Geld mit den Lämmern.

 

 

 

 

Volksfrömmigkeit.

Das Wort von der „Volksfrömmigkeit“ kenne ich auch erst, seit ich auf dem Lande lebe. Und was sich dahinter verbirgt, habe ich im Lauf der Jahre Stück für Stück verstanden. Zumindest erahne ich es, so ganz nachempfinden kann man es vielleicht gar nicht, wenn man nicht mit dieser tiefen Volksfrömmigkeit aufgewachsen ist.

Und so nehme ich einmal mehr, halb staunend, halb neidisch, zur Kenntnis, welche Aufregung der Brand einer winzigen Kapelle verursacht hat, dieser Tage in Walldürn. Die kleine Kapelle hat die Ausmaße einer geräumigen Bushaltestelle, vier Kniebänke haben darin Platz, eine Mutter Gottes steht da, an den felsenartigen Wänden viele kleine Bilder, und irgendwo ein Rosenkranz. Ganz Walldürn scheint in heller Aufregung, die Zeitungen sind voll von der Geschichte, das Feuer in der Wallfahrtstadt schlägt solche Wellen, dass die Story es sogar bis zu spiegel-online schafft.

Als ich als rasende Reporterin an den Ort des Geschehens gerast bin, ist das Feuer längst gelöscht, nicht einmal zwei Stunden dauerte der Einsatz, dann liegt der Wallfahrtsplatz wieder still und menschenleer in der Morgensonne. Oben, ein paar hundert Meter von der großen Wallfahrtsbasilika entfernt, an der kleinen ausgebrannten Kapelle, schauen Anwohner durch die Absperrungen der Feuerwehr auf die verrußte Mutter Gottes und den zerstörten Andachtsraum, mit betroffenen Gesichtern und einem tiefen Seufzen.

Noch gar nicht lange her, da wurde die kleine Kapelle saniert, viele in Walldürn haben dafür Geld gespendet, die Kapelle gehört zum Leben in Walldürn dazu, 365 Tage im Jahr, sagt ein Mitarbeiter des Rathauses. Als Ort der stillen Andacht, des Gebetes. 

Unglaublich, dass die Mutter Gottes das Feuer überstanden hat, sagen die Leute. Sie sei aus Porzellan, steht in der Zeitung. Nein, sie ist aus Gips, flüstert mir einer zu, und jetzt, mit all dem Löschwasser im Körper, wird sie vielleicht ein bißchen dicker. Und dann lächelt er verlegen, weil er auch nicht so recht weiß, was er davon halten soll.

 

 

Unterwelt.

Unserer heutiger Ausflugstipp tut nur so, als wäre er eine ganz harmlose Geschichte. In der zweiten Hälfte entwickelt er sich zur Horrorstory für Klaustrophobiker. Sie sollten dann lieber nicht weiterlesen. Anm.d.Red.).

Im Übrigen ist das ein Tipp für alle, die heute der Hitze entfliehen möchten. Ich sage nur: konstante 11 Grad oder sowas in der Art, das klingt doch sehr erfrischend. Deswegen habe ich diese Geschichte auch nochmal aus dem Archiv hervorgeholt. 

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Rudolf Gaukel hat sich schon seit ein paar Tagen gewundert. Immer, wenn der Sprengmeister im Eberstadter Steinbruch ein Bohrloch in den massiven Fels getrieben hat und nun seine Sprengstoffpatronen dort hineinsteckt, verschwinden sie auf Nimmerwiedersehen. Der Berg scheint die Patronen zu verschlucken, als wolle er sich von ihnen nicht zerreißen lassen; Gaukel linst in das schwarze Bohrloch, weg sind die Patronen.

Am 13. Dezember 1971 bereitet Gaukel wieder eine Sprengung im Steinbruch vor, diesmal fällt ihm nichts Außergewöhnliches auf, er steckt die Patronen in den Berg, drückt auf den Zünder, mit einem Knall explodieren die Patronen im Gestein. Als der Rauch sich verzogen hat, klafft im Fels ein riesiger Spalt.

Durch diesen Spalt klettern Gaukel und seine Kollegen, und was sich ihnen da im Inneren des Berges präsentiert, soll schon wenige Tage später von Experten als „eine der schönsten und größten Höhlen Süddeutschlands“ eingestuft werden. Die Eberstadter Tropfsteinhöhle ist entdeckt, und Rudolf Gaukel hat eine Geschichte geschrieben, die sich noch seine Urenkel gegenseitig erzählen werden.

Danke, daß ich in der Höhle fotograferen durfte. Ist sonst nämlich nicht erlaubt.

Die Höhle ist damals groß und schön, aber leider völlig unbegehbar. Ein bis zwei Millionen Jahre hat die Erde hier unentdeckt vor sich hingetropft, und Tropfen für Tropfen sind urtümliche Gebilde entstanden, gigantische Stalagmiten und Stalaktiten, die merkwürdigsten Formen. Der Boden besteht aus tiefem Schlamm, der mit festem Griff die Stiefel derer packt, die nun als erste hier hineinkommen und mit dem Lichtkegel ihrer Taschenlampen atemlos die Gebilde an Decken und Wänden abtasten.

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Das winzige Eberstadt, weit ab aller Touristenströme, findet sich plötzlich in den überregionalen Schlagzeilen wieder, und die Eberstadter selber packen Leitern und Seile und klettern neugierig an der Felswand empor, um einen Blicks ins „Große Loch“ zu werfen.

Weil europäische Förderprogramme und Gelder für strukturschwache Regionen noch nicht erfunden sind, muß die Gemeinde selber zusehen, was mit der Höhle wird. Der Bürgermeister organisiert den Ausbau mit fast einhundert freiwilligen Helfern höchstpersönlich, mehr als 7000 Stunden schuften die Männer ehrenamtlich, um aus dem Loch im Berg die touristische Attraktion zu machen, die die Eberstadter Tropfsteinhöhle heute ist.

Nur knapp zwei Jahre, nachdem Rudolf Gaukel sich gewundert hat, wieso der Berg den Sprengstoff kurzerhand verschluckt, wird die Höhle feierlich für Publikum geöffnet. 3,5 Millionen Menschen waren seitdem hier und haben sich auf den rund 600 Meter langen Weg durch die Unterwelt gemacht.

PopArt in der Höhle. Gibts aber nur bei besonderen Anlässen.

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Langer Rede kurzer Sinn: ein Besuch lohnt sich. Grade bei und nach Sauwetter. Dann tropft und fließt und plätschert es überall, und der Besucher bekommt tief in der Höhle eine Ahnung davon, wie die Tropfsteine in den vergangenen Millionen Jahren entstanden sind. Aber auch bei den Temperaturen dieser Tage lohnt sich der Besuch, da drinnen ist es, siehe oben, herrlich frisch und angenehm kühl.

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Die Eberstadter Tropfsteinhöhle ist dabei nur der Anfang. In unmittelbarer Nähe haben Höhlenforscher in den vergangenen Jahren gleich zwei weitere Höhlen entdeckt, eine davon ist bereits auf einer Länge von fast dreieinhalb Kilometern erkundet und übertrifft damit die Dimensionen der Eberstadter Höhle deutlich.

 

„Die Befahrung dieser Höhle ist mit erheblichen Strapazen verbunden. Für Besucher ist sie derzeit nicht zugänglich“, heißt es dazu auf der HöhlenHomepage. Was die rasende Provinzreporterin einst natürlich umso mehr anregte, mal einen Blick in diesen Teil der Unterwelt zu werfen. Die Höhlenforscher waren von dem Interesse so begeistert, daß sie flugs einen lustigen kleinen Presseausflug in die neuentdeckte Höhe organisierten.

Hätte ich gewußt, was mich erwartet, hätte ich das Maul gehalten. Es war ein Albtraum, aber ein spannender, zugegeben. Und der einzige journalistische Termin in meiner bisher 25jährigen Karriere, nach dem ich gleich zwei Schnäpse brauchte.

Dabei hätte ich es ahnen können: denn schon gleich am provisorischen Eingang in die Neuentdeckung muss eine Kollegin passen und umkehren: zwei Kilo zu viel auf den Rippen, so kommt man nicht in eine Höhle. Felsspalten und Ritzen sind so eng, daß es anderthalb Stunden lang nur bäuchlingsrobbend vorwärts geht. Irgendwo vor- und irgendwo hinter einem hört man das Schnaufen und Ächzen derer, die mitrobben.

Wer jetzt darüber nachdenkt, in welcher Lage und in welcher Tiefe und mit welchem Felsgewicht über sich er hier durch Mutter Erdes Gebärmutter kriecht, hat verloren. Dann pumpt die Magengrube kleine Panikwellen nach oben, erst schnüren sie Dir den Hals zu und machen das Atmen schwer, dann wird der eingekeilte Brustkorb heiß, der Kopf. Die Höhle hat Dich im Schwitzkasten, in einer Art steingewordener Zwangsjacke, und nahezu bewegungsunfähig musst Du weitere Kraftreserven mobilisieren, um die Panik dahin zurückzuschicken, wo sie herkommt.

Einige Stellen sind so eng, daß man den Anorak ausziehen muß, den dicken Pulli auch, sonst ist kein Durchkommen. Der Fels reibt am Rücken, mal stößt das Kinn, mal der Hinterkopf an den Stein. Hinter manchem Spalt geht es koppheister in die Tiefe, man streckt die Arme noch ein bißchen weiter vor, irgendwann muß ja mal sowas wie ein Boden kommen. Wenn es mal auf allen Vieren statt direkt auf dem Bauch mit seitwärts gedrehtem Kopf vorangeht, sind wir schon froh. Die Kontaktlinsen beschlagen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit (in der man besser nicht darüber nachdenkt, daß man den ganzen Weg ja irgendwann auch wieder zurück muß), nach einer gefühlten Ewigkeit also können wir uns das erste mal aufrichten. Und stehen in einem riesigen Dom, in dem locker ein großes Mietshaus Platz hätte. Der Schlamm ist unberührt, seit Jahrmillionen, die Lichtkegel tasten sich durch die absolute Finsternis, leise tropft es hier und da, an Wänden und Decken wachsen die eigentümlichsten Gebilde. Ästhetik der Unterwelt. Uns bleibt endgültig die Luft weg. Die erheblichen Strapazen sind für einen Moment vergessen.

Nein, ich sehe nicht immer so aus. Im normalen Leben trage ich saubere Kleidung, und manchmal kann ich sogar lächeln.

Als wir nach Stunden wieder aus der Unterwelt auftauchen, ist es inzwischen später Abend, in einer kleinen Holzhütte auf dem Gelände des Steinbruchs gibt es Bratwürste und Schnaps.

Nach diesem Ausflug in die Nachbarschaft genieße ich die Eberstadter Tropfsteinhöhle heute umso mehr. Gut ausgebaute Wege, nur manchmal muß man den Kopf einziehen, ansonsten alles sehr bequem. Auf diese Weise auch die neuentdeckte Höhle auszubauen – undenkbar. Würde vermutlich Millionen kosten. So bleiben Hohle-Stein- und Kornäckerhöhle also für die Öffentlichkeit verschlossen. Und unsereiner gehört zu den ganz wenigen Menschen, die da mal einen Blick in die Erdgeschichte werfen durften. Hat ja auch was.
Insofern bin ich heute froh, daß ich nicht gekniffen habe.

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Hier gehts zur HöhlenHomePage.

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Vorbeifahren.

Treue Leser kennen das Procedere: Wir gondeln zwecks Ausflug durch die Gegend, der Gatte am Steuer, ich auf dem Beifahrersitz, und während der rasenden Fahrt halte ich die Kamera aus dem Fenster und knipse mehr oder minder willenlos alles, was mir vor die Linse kommt. So entstehen die etwas anderen Impressionen einer Region, mal verwackelt oder unscharf, oder schief und krumm, auf jeden Fall ungeschönt und ziellos. Also bitte. Vielleicht erraten Sie ja auch, wo wir diesmal unterwegs waren.

 

 

 

 

Was schön war.

Der Karl-Heinz ist ein redseliger Mann, ganz anders, als ich es bisher von Schäfern kenne. Er redet und redet, die Worte plätschern aus seinem Mund wie das Wasser eines Gebirgsbaches, und sein Dialekt ist so urig wie eine niederbayerische Almhütte. Am Anfang verstehe ich kaum etwas, aber dann geht es immer besser. Und es kommen eine Menge kluge Dinge aus dem Mund von Karl-Heinz.

Nur leider möchte Karl-Heinz nicht in mein Mikrofon sprechen, dafür war ich ja eigentlich gekommen, um über ihn und seine Arbeit als Wanderschäfer im Radio zu erzählen.

Aber Karl-Heinz will nicht, bitte haben Sie Verständnis, da war neulich ein Zeitungsartikel über ihn, und die Tage drauf ging es hier an der Weide zu wie auf dem Rummelplatz. Die Leute kamen zu Fuß über die Wiesen und Felder angelaufen, sie kamen in Autos angefahren, ganze Familien mit Kinderwägen, mit freilaufenden und kläffenden Hunden, mit Smartphones und Kameras, es war unglaublich, sagt er. Die Schafe, die Hunde und er, wir waren am Ende ganz narrrrisch.

Also packe ich das Mikrofon wieder ein. Bleiben Sie trotzdem einen Moment? Haben Sie Zeit?, fragt der Schäfer. Es ist noch nicht sehr lange her, da hätte ich spätestens jetzt gesagt, nein, ich muss dann leider weiter, die Arbeit ruft, und wo ich Sie ja eh nicht interviewen darf…. und dann wäre ich ein bisschen genervt von dannen gezogen, von der Dienstuhr im Nacken und dem schlechten Gewissen getrieben. Haben Sie Zeit?, fragt der Schäfer nocheinmal, klar!, sage ich und bleibe.

Karl-Heinz steht auf seinen Hirtenstab gestützt, wir plaudern und plaudern, über Gott und den Glauben und über die Kirche, über die Schäferei natürlich, über Bürokratismus und über die Liebe zum Beruf, zur Natur. Darüber, warum die Wanderschäferei ausstirbt, und darüber, dass all jene, die die Lämmchen so süß und den Schäfer so herrlich idyllisch finden, nach dem Besuch an der Weide ihr 99-Cent-Schnitzel beim Discounter kaufen.

Karl-Heinz erzählt mir von seiner Familie, seiner Frau, die das halbe Jahr alleine ist, während er mit den Schafen durch die Gegend zieht. Wie wunderschön sie damals aussah bei der kirchlichen Hochzeit, da hatte er sie in ein Dirndl gesteckt, sie war ein wahrer Augenschmaus, sagt er ganz weich und bayerisch, wie zu sich selbst.

Im nächsten Augenblick brüllt er mit scharfer Stimme die Hunde her, so laut, dass alle Pflanzen und Tiere im 10-Meter-Umkreis einen Hörsturz erleiden müssten, so laut, dass ich nicht mal erahnen kann, was er da überhaupt brüllt, die Hunde folgen aufs Wort und auf das Gebrülle, und dann redet er mit der weichen bayerischen Stimme weiter im Text.

Und am Ende kommen wir noch irgendwie darauf zu sprechen, was einen so trägt und leitet im Leben, wir sprechen da mal eben über die existentiellen Fragen, während vor, hinter und neben uns die Schafe blöken und geräuschvoll das Gras rupfen und während Karl-Heinz immer mal wieder die Hunde zurechtbrüllt.

Und Karl-Heinz als alter Katholik zitiert nun ausgerechnet mitten auf dieser Schafweide Dietrich Bonhoeffer, Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag, und er schaut mich aus weit aufgerissenen Augen an, als ich als alte Evangelische das Zitat fortführen kann Gott ist bei uns am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag, und dann streiten wir darüber, ob er gewiss oder bestimmt an jedem neuen Tag bei uns ist, es heißt „bestimmt“!, schreit Karl-Heinz mich lachend an, nein, schreie ich zurück, es heißt „gewiss“!, ganz sicher!

Und dann muss ich aber doch schnell gehen, bevor ich noch sentimental werde.

 

12 von 12.

Zwölf Bilder am Zwölften eines jeden Monats, das wünscht sich regelmäßig die Frau mit den Kännchen, und da wollen wir auch heute nicht Nein sagen. Also bitte, da sind die zwölf Bilder aus dem Leben einer rasenden Reporterlandpomeranze:

Morgenrunde mit den Hunden.

Sieht aus wie Spaziergang, ist aber knallhartes Leinenführigkeitstraining.

Zur Hütte am See. Forellen füttern.

Und im Geräteschuppen Mäuse und Siebenschläfer aufwecken.

Und wo wir grad bei Viechzeug sind: Das da auf dem Heimweg entdeckt.

Auch der Dienstwagen bekommt jetzt Sommerreifen, ja, da staunen Sie.

Ich bekomme einen Wartezeitüberbrückungs-Kaffee, der Köter Wasser. Service auf dem Lande.

Reportertermin bei Dreharbeiten für Kinofilm in Mosbach. Warten, warten, Rumsitzen, kurzes Interview.

Katharina Thalbach spielt übrigens im Film auch mit. War aber nicht da.

Bürokratenkram und Beitragsproduktion.

Durch die Mosbacher Altstadt kurz zum Arzt.

Im Wartezimmer.

Und dann: Feierabend.