Was schön war.

Das verliebte Paar im Wartezimmer des Hausarztes im Städtchen. Er lächelt sie an, sie lächelt ihn an, dann machen sie Witzchen über ihren Gesundheitszustand und kichern leise. Muss ja nicht jeder mithören können. Die eine Hand auf dem anderen Knie. Beim Rausgehen trägt er ihre große Handtasche und bietet ihr galant den Arm zum Unterhaken ein, sie geht etwas ungelenk, sie sind ja beide deutlich über Achtzig.

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Beim Heimfahren das Auto des Freundes entgegenkommen sehen. Lichthupe, winken, anhalten. Fenster runtersummen lassen, plaudern. Wir versperren mit den zwei Autos die ganze Straße und die halbe Kreuzung und plaudern und plaudern. Von hinten nähert sich ein weiteres Auto, der Fahrer bremst ab, manövriert etwas umständlich auf den Gehsteig, fährt langsam an uns vorbei, winkt und lacht und manövriert etwas umständlich vom Gehsteig wieder zurück auf die Straße.

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Essen bei Freunden. Als wir ankommen, ist es 19 Uhr, als ich das erste Mal auf die Uhr schaue, lang nach Mitternacht. Sich zuhause fühlen.

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Nur das Wetter ist nicht schön. Das ist und bleibt scheußlich. Nicht Fisch, nicht Fleisch. Kein Winter, kein Frühling. Nur grau und Matsch und nass. Und stürmisch noch dazu.

Unterwegs.

Sie müssen ja nicht gleich so dämlich sein wie ich, und nun ausgerechnet bei maximal scheußlichem Wetter losgehen. Aber wenn Sie sich das gefälligst bitte auf die To-Do-Liste für Frühjahr und Sommer schreiben wollen: Wacholderheide, Hardheim. Danke. Unten verlinke ich Ihnen noch ein paar nähere Infos.

Ich hatte mal wieder nur das Händi dabei, sorry.
Huch! Eine völlig fremde Landschaft, quasi vor der Haustür.

Die Hardheimer Wacholderheide stand schon lange auf meiner Liste, ich war vor gefühlt hundert Jahren mal dort und wollte unbedingt mal wieder. Jetzt werde ich wohl im Sommer nochmal da hinmüssen, die Landschaft ist unglaublich, man betritt eine fremde Welt, die derzeit fast unheimlich und unwirklich ist in ihrer eigentümlichen Schönheit. In Frühjahr und Sommer kommen hier Naturfreunde, Orchideenfans und Schmetterlingologen gleichermaßen auf ihre Kosten. Wenn Sie Näheres interessiert, inklusive Bildergalerie aus sommerlichen Tagen, bitte hier entlang:

Winterreise.

Ganz konzentriert stehen sie da vorne auf der Bühne, auf Socken und in ihren dunkelroten Trainingsanzügen. Einige schließen die Augen, andere richten die Blick irgendwo in die Ferne, vielleicht auch ins gleißende Scheinwerferlicht. Immer, wenn die Musik anfängt, erhöhen sie die Körperspannung nocheinmal, schauen auf die Pianistin, reagieren auf ihr leises, zurückhaltendes Kopfnicken. Oder auf das winzige Zeichen des Tenors neben ihnen. Euer Einsatz! Jetzt!, sagen die Zeichen. Und dann fangen die jungen Männer an zu singen. Einstimmig, mehrstimmig, klar. Und auswendig.

Die Musik: Lieder aus Schuberts Winterreise. Texte und Musik fast 200 Jahre alt. Die Lieder eines jungen Mannes auf der Reise, Lieder von Heimweh und Kummer, kleinen Freuden und großer Sehnsucht, von heißer Liebe und heißen Tränen, von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung.

Fremd bin ich eingezogen,
Fremd zieh‘ ich wieder aus.
Der Mai war mir gewogen
Mit manchem Blumenstrauß.
Das Mädchen sprach von Liebe,
Die Mutter gar von Eh‘, –
Nun ist die Welt so trübe,
Der Weg gehüllt in Schnee.

Die Sänger: Drogendealer und Einbrecher, Gewalttäter und Totschläger, Diebe und Erpresser. Strafgefangene der Jugendhaftanstalt in Adelsheim. Deutsche, Türken, Albaner, Russen, Araber, die halbe Welt ist da vertreten. Junge Männer, die meisten von ihnen normalerweise im dauerhaften Macho-Modus, testosteronüberflutet, laut und rotzig. An diesem Abend besingen sie inbrünstig die Liebe zu ihrem Feinsliebchen, sie singen vom Brunnen vor dem Tore, vom Fluss, der Du so lustig rauschtest, sie fragen singend Ihr lacht wohl über den Träumer, der Blumen im Winter sah?, und sie erzählen von der Krähe und der Todessehnsucht, musikalisch und szenisch, nach einer ausgeklügelten Choreografie.


Eine Krähe war mit mir
Aus der Stadt gezogen,
Ist bis heute für und für
Um mein Haupt geflogen.
Krähe, wunderliches Tier,
Willst mich nicht verlassen ?
Meinst wohl, bald als Beute hier
Meinen Leib zu fassen ?
Nun, es wird nicht weit mehr geh’n
An dem Wanderstabe.
Krähe, laß mich endlich seh’n
Treue bis zum Grabe !

Vor einigen Wochen war ich beruflich bei einer der ersten Proben zu diesem etwas anderen Konzertabend gewesen, hier können Sie das in aller Kürze mal anschauen. Solche Vorstellungen gibt es immer mal wieder in der JVA Adelsheim, das Gefangenen-Ensemble mit (naturgemäß) wechselnder Besetzung hat es inzwischen schon zu Auftritten im Festspielhaus Baden-Baden und in der Stuttgarter Liederhalle gebracht. Fanden die jungen Inhaftierten in den Anfangsjahren den Chor, das Singen, die Aufführungen und überhaupt das alles noch voll peinlich, scheint es inzwischen eine Ehre zu sein, dort mitzumachen, mitmachen zu dürfen.

Aber warum ausgerechnet Schubert, ausgerechnet die kitschige lyrische Winterreise bei den harten Jungs im Knast? Den Franz Schubert kannte ich auch nicht, den hab ich erst hier im Gefängnis kennengelernt, sagt mir ein richtig harter Kerl in gebrochenem Deutsch. Aber der passt, echt!, bellt er mit vor Begeisterung fuchtelnden Händen. Haben Sie nicht gehört, die gebrochene Musik? (Kunstpause.) Wir sind das auch: gebrochen. (Noch eine Kunstpause.) Aber wir haben auch Hoffnung. Wie der Typ auf seiner Winterreise. 


Einen Weiser seh‘ ich stehen
Unverrückt vor meinem Blick;
Eine Straße muß ich gehen,
Die noch keiner ging zurück.

Am Anfang des Abends werden wir gebeten, zwischen den einzelnen Liedern nicht zu klatschen, um den Spannungsbogen nicht zu unterbrechen. Mucksmäuschenstill ist es im Publikum, ich ertappe mich dabei, wie ich starr vor Spannung auf meinem Stuhl hocke und mich zwingen muß, keinen Applaus zu spenden.

Etwa nach der Hälfte der Vorstellung singen die Darsteller einen selbstgetexteten und selbst komponierten, fetzigen Rap, schon nach wenigen Takten fangen Zuschauer an, rhythmisch mitzuklatschen, endlich darf man was tun, endlich kann man seine Begeisterung zeigen. Als der Rap zu ende ist, bricht das dröhnende Chaos aus, das Publikum brüllt und klatscht und jubelt und klatscht und klatscht und klatscht und trampelt, es ist wie eine Befreiung zur Halbzeit, auch für die Darsteller. Nein, wir haben uns bisher hier nicht lächerlich gemacht mit unseren Schubert-Liedern, ja, die Leute hier verstehen, was wir sagen wollen.

Danach wird es wieder mucksmäuschenstill, und weiter geht es mit Franz Schubert, mit Klavier und Englisch Horn, mit Geige und Tenor, in Liedern und pantomimischen Szenen.


Gefrorne Tropfen fallen
Von meinen Wangen ab:
Ob es mir denn entgangen,
Daß ich geweinet hab‘ ?
Ei Tränen, meine Tränen,
Und seid ihr gar so lau,
Daß ihr erstarrt zu Eise
Wie kühler Morgentau ?
Und dringt doch aus der Quelle
Der Brust so glühend heiß,
Als wolltet ihr zerschmelzen
Des ganzen Winters Eis !

Am Ende tobt der ganze große Saal, die Sänger und Darsteller springen wie eine Mischung aus Gummibällen und kleinen Kindern aufgeregt über die Bühne, Mütter und Geschwister kommen dazu, Brüder und Kumpels, all die Freunde und Verwandten aus der Welt da draußen, es fließen Tränen, es wird geschrien und gelacht, umarmt und auf Schultern geklopft. Die Regisseurin, die zwei jungen Musikerinnen, die Choreografin, der Tenor, die vielen ehrenamtlichen Helfer bekommen von den Knackis jeweils eine Tafel Merci-Schokolade und begeisterten Applaus zum Dank.

Die Vorstellung ist zuende, die Besucher müssen gehen, vorbei an den vielen uniformierten Vollzugsbeamten, die den Weg zeigen, quer durchs eingemauerte Gelände, dann durch das schwere Tor, das sich wie von Geisterhand öffnet und sich hinter einem dumpf krachend schließt. Vorbei an der Panzerglas-Pforte, zum Parkplatz ins Auto, nach Hause.

Auf dem Heimweg frage ich mich, wie es sich wohl anfühlt, nach so einem Abend zurück in die Zelle zu müssen. Vielleicht schlimm. Vielleicht auch gar nicht schlimm. Vielleicht mit einem neuen Blick in die Zukunft. Mit Zuversicht. Und mit all den Schubert-Texten im Kopf. Und dem donnernden Applaus in den Ohren.

WMDEDGT.

Es ist ja immer sehr dumm, an Tagen, die man dokumentieren soll, an Tagen, die noch dazu grandiose Sonnenaufgänge versprechen, an solchen Tagen also (erstens) noch in der Dunkelheit, und (zweitens) im finstren Wald die morgendliche Hunderunde zu drehen. Da lässt sich dann nicht viel dokumentieren für die beliebte Bloggerreihe wmdedgt. Zu deutsch Was Machst Du Eigentlich Den Ganzen Tag?

Zum Glück ham wir ja für alles unsere Leute, würde meine Großmutter jetzt in unnachahmlicher, halb-überheblicher Art sagen, und ich hatte am Morgen die freundliche Frau Brigitte aus dem Nachbardorf, die ohnehin in der bitteren Kälte zum Fotografieren auf den Katzenbuckel wollte. Dankenswerterweise hilft sie mir mit Bildern vom Sonnenaufgangsspektakel aus.

Noch vor Bürobeginn schnell einen Urlaub gebucht. Wandern, schlafen, essen. Essen, schlafen, wandern. Arbeitstage könnten schlechter anfangen.

Hotel in the middle of nowhere

Die Redaktionsarbeit ist zäh und mühsam dieser Tage. Keinerlei Termine in Sicht, keine Themen auf dem Schirm, nur wenige gute Ideen. Vielleicht kann die ARD-Korrespondentin in Brüssel weiterhelfen. Die kommt nämlich aus dem Odenwald, ja, da staunen Sie, und sie hat eine Story aus der Heimat für mich. Da müssen wir mal telefonieren. Die Buchen-Brüssel-connection, sozusagen.

Ein halbe Stunde später habe ich tatsächlich ein nettes Odenwälder Thema direkt aus dem ARD-Studio Brüssel erfahren, es geht um Schafe und süße Lämmchen und um einen Wanderschäfer, der nicht aus noch ein wusste, bis ihm die Einheimischen zu Hilfe eilten. Oder irgendsowas in der Art, ich muss das noch ein bisschen recherchieren. Human-touch und Tiere gehen immer, Sie kennen das.

Nebenher befasse ich mich mit geplanten Riesen-Stromtrassen quer durch Deutschland und mit Traktoren, die satellitengesteuert alles mögliche machen. Unter anderem auch säen und ernten, nehme ich jetzt mal so an. Auch ein geplantes Literatur-Museum steht auf der To-Do-Liste, da geht es um die legendäre Augusta Bender, ein Bauernmädchen aus der Region, wirklich sehr spannend, hier können Sie mehr über die Dame erfahren. Die Eberstadter Tropfsteinhöhle beschäftigt mich, und der Landkreis als Bio-Musterregion, man höre und staune. Und Wanderwege, ich recherchiere auch über Wanderwege an diesem zähen Vormittag, was tut man nicht alles. Aber auch da warte ich auf Rückmeldungen, das halbe Leben einer Reporterin besteht ja quasi aus Warten. Warten auf Rückmeldung, Warten auf Termine, Warten auf Ergebnisse, Warten auf Ideen.

Und in der Regel kommt dann am Ende alles gleichzeitig, die Termine, die Rückmeldungen, die Ergebnisse, die Geistesblitze, dazu vielleicht noch ein unerwarteter Katastrophenfall, das alles muss man dann zeitgleich im Kopf und auf der Tastatur verarbeiten, Multitasking, naja, Sie wissen schon.

Erstmal Mittagspause.

Genauso kommt es denn auch, nach der Mittagspause gerate ich nachgeradezu in Wallung, von überallher ploppen die Rückmeldungen und die Aufträge und die Anrufe auf, ich produziere Nachrichten und Kurzbeiträge, der Terminkalender wächst nebenher zu.

Dabei wartet die wichtigste journalistische Herausforderung des Tages noch auf mich: Ein Wasserschaden im Büro im anderen Städtchen muss kontrolliert werden, ebenso wie das brummende Luftsauggerät, das der freundliche Vermieter direkt unter der nassen Stelle in der Decke aufgestellt hat. Und das im gesamten Büro eine olfaktorische Mischung aus Raubtiergehege, feuchtem Muff und warmem Puff verteilt. Es ist nicht schön. Ich frage mich, wann es für derlei Reportereinsätze eigentlich einen hochdotierten Journalistenpreis gibt, ich hätte ihn mir schon mehrfach verdient.

Ja, so in etwa müssen Sie sich den Arbeitstag einer Regionalreporterin in der vermeintlichen Provinz vorstellen, erstmal rumsitzen und warten, dann alles auf einmal und gleichzeitig machen und dann auch noch ein Wasserschaden. Naja, besser als ein Dachschaden. Aber den kriege ich früher oder später wahrscheinlich auch noch. Wenn ich ihn nicht längst schon habe.

Zum guten Schluss dann eine Verabredung mit einer lieben Freundin, kombiniert mit einem Portrait-Foto-Shooting, ich brauche geduldige, willige Models und übe da ein bisschen so herum, aus Gründen.

Und ganz zum Schluss dann nach Hause zu Hunden, Hühnern, Ziegen, Katze. Und zum Gatten natürlich, herrjeh, der Gatte, – nicht, dass ich den am Ende noch vergesse.

Und jetzt wissen Sie eigentlich alles, was Sie so wissen müssen.

Gute Nacht.

In Ermangelung anderer kultureller Angebote machen wir hier jeden Abend selber Theater. Und jeden Abend das selbe Programm. Hunde rauslassen, Hunde reinlassen, Katze rauslassen und nicht mehr reinlassen, Hühnerstall zu, Hühnertränke reinholen.

Und das alles derzeit im tiefen, bucklig-gefrorenen Schnee, mit der dunklen funzligen Taschenlampe, einmal quer durchs Gelände. Zum Schluss zu den Ziegen.

Fritzi und Luise müssen in den Stall, da hilft alles Meckern nichts. Zum Trost lese ich ihnen dann im Stroh noch ein Grimm’sches Märchen vor, gerne das mit dem Wolf und den fünf Geißlein, oder wieviele das waren. Oder ich singe ihnen ein Schlaflied vor, Aaabendstiiihiiiille üüühüberaaall, das wirkt sofort, sie fallen dann direkt in einen komatösen Schlaf. Oder stellen sich vielleicht auch bloss tot ob meiner Sangeskünste, wer weiss das schon.

Unterwegs.

Mal wieder die Windsors besucht, die Erfinder des gleichnamigen Castles. Und das steht ja bekanntlich im Odenwald, Sie kennen die Geschichte vielleicht, ansonsten kann man die nochmal hier nachlesen.

So ein Wetter war das heute.

Prinz Charles haben wir wieder nicht getroffen, die nette Nachbarin und ich. Vielleicht war das auch besser so, am Ende hätten wir beide uns noch gezankt um ihn. Dafür sind wir etlichen Patienten der Reha-Klinik hier oben begegnet. Burn-out, Erschöpfungsdepressionen, Angstzustände, die haben da alles im Angebot. In kleinen Gruppen waren Männer und Frauen aller Altersklassen unterwegs im weiten Gelände, man hörte ihr Quasseln und Lachen schon von Ferne. Ich bin kein Freund von lärmenden Waldspaziergängern, aber hier gefällt mir der fröhliche Krach jedes Mal ausgesprochen gut.

Cool.

Die Wege des HERRN sind ja manchmal unergründlich, so behauptet es zumindest der fromme Volksmund, und ich kann das einmal mehr nur bestätigen. Mich hat es bei dem Wetter heute ins Freie gezogen, erst zogen mich die Hunde über ungeräumte Tiefschneewege, das war tatsächlich Schwerstarbeit heute früh, dann zog es mich am Mittag nochmal. Alleine, weil auf der Suche nach schönen Winterfotos.

Jedenfalls stand ich da etwas unentschlossen auf dem Wanderparkplatz oberhalb des Dorfes herum, unzufrieden mit der Motivauswahl, als dortselbst ein älteres Ehepaar, Typ rüstiger Rentner, das Auto abstellte und die Langlauf-Ski aus dem Kofferraum heraushob. Cool! sagte ich, während die beiden die Skier einwachsten, so cool!, wiederholte ich, während sie sich für die sportliche Waldrunde zurecht machten. Ich fand das alles wirklich ausgesprochen cool.

Sie sind doch noch viel jünger als wir, Sie können das doch noch lernen, das Langlaufen, sagte die drahtige Frau, und ich sagte ja, das wäre cool. Davon träume ich ja tatsächlich seit Jahren, vom Langlaufen in einsamen Wäldern.  

Dann starteten die beiden in den Wald hinein, ich schaute ihnen hinterher und fand es cool, und dann drehte sich die Frau nocheinmal um zu mir. Cool, cool, alles cool! rief sie laut von Ferne, fast klang es vorwurfsvoll. Aber wissen Sie, was wirklich cool ist? Sie betonte das Wörtchen wirklich mit ganzer Inbrunst. Wenn man Jesus Christus als seinen Herrn und Heiland gefunden hat. So wie mein Mann und ich. Unsere Namen sind in den Himmel geschrieben! DAS ist richtig cool! Dann schwenkte sie zum Abschied den Skistock und entglitt mit weit ausholenden Bewegungen in den Wald, heraus aus meinem Blickfeld.

Ich werde jetzt mal recherchieren, ob es in der Nähe eine Skilanglaufmissionszentrale gibt. Muss wohl so sein.

Abenteuer Wetter.

Ich finde das selber ja ein bisschen peinlich, aber für mich ist das Leben auf dem Lande auch nach all den Jahren immer noch mit allerlei Abenteuern verbunden. Und machmal fühle ich mich wie einer von den ersten Siedlern auf Roanoke Island, naja, Sie wissen schon, die Kolumbus-Roadies, vierzehn- oder fünfzehnhundertlangsam. Vor allem, wenn es Wetter gibt. Also, so richtiges Wetter, nicht so einen Regen wie in der Stadt, oder ein paar vereinzelte Schneeflocken, die sofort den Verkehr zum Erliegen bringen, weil die Städter komplett hysterisch werden, oder ein bisschen Zugluft in den Häuserfluchten. Das kann ja jeder. Nein, ich meine so richtiges, fettes Wetter. 

Heute ist so ein Wetter, wir sind fett eingeschneit, das kam sehr plötzlich. Gestern abend noch alles grün und nass, heute früh: zack! alles dick weiß. Während der Gatte rund um die Uhr schaufelt, erinnerte ich mich wieder an diesen Abend vor einem Jahr, als wir da mal mit ein paar Freundinnen schön aus Essen waren. Sagt man hier so, wenn man ins Restaurant geht. Ich schrieb damals schon darüber hier im Blog.

Wir also rein bei mildem Vorfrühlingswetter, schön gegessen, und an nichts Böses gedacht. Dann vor der Tür: tiefster sibirischer Winter. Auf der ungeräumten Bundesstraße ging gar nichts mehr. LKWs standen wimmernd und weinend mitten auf der Fahrbahn, Warnblinker blinkten rot und orange durch die Finsternis, Menschen eierten armwedelnd wie betrunkene Pinguine hin und her, vermummt und zugeschneit, durch Schneemassen, die sich meterhoch türmten. Ich schwöre, genauso war es.

Wir schaufelten also vor dem Gasthaus zu Viert das Auto frei und schlichen los, allesamt leicht angespannt und mit den Händen in die Kopfstützen der Vordersitze gekrallt, mit stierem Blick nach Vorne, durch die milchig-beschlagene Windschutzscheibe. Nicht bremsen!, riefen wir vor jeder Kreuzung der Fahrerin zu, nur runterschalten, jetzt! Laaaangsam!, und Ganz vorsichtig Gas geben!, wir alle wussten natürlich, wie man ein Fahrzeug am besten durch die Schneehölle manövriert, durch das geschlossene kniehohe Weiß, das nie zuvor ein Mensch befahren hatte, jetzt zügig weiter, immer weiter, nicht bremsen!!, konnten uns aber leider nicht auf den sinnvollsten Weg einigen.

Es sind diese Gespräche, die ich bei Wetter auf dem Land so liebe: Diskussionen über die meteorologisch-topografisch beste Wegführung, aufgeregte Dispute, die sich um Waldstücke, um Gefällstrecken und Steigungen drehen, um scharfe Kurven und Wendemöglichkeiten. Wer bei Wetter unterwegs ist, muss sich jedes Mal und je nach Lage entscheiden, mit welcher Kirche er wie um welches Dorf herumfährt, wo die Gefahr am größten, das Risiko am geringsten ist.

Fahren wir bei Wetter von Limbach direkt nach Laudenberg und Balsbach? Oder besser über Mosbach, Sattelbach und Trienz, wegen der Steigungen? Oder noch schlauer über Neckargerach? Was kümmern uns die 28 Kilometer Umweg, Hauptsache, wir überleben diese Fahrt? Welches Waldstück ist das riskanteste, wo stehen die wackligsten Bäume, und wie kommen wir am Ende um diese eklige Kurve zwischen Krumbach und Wagenschwend, Richtung Balsbach?

Wir haben die Fahrt seinerzeit hinter uns gebracht und überlebt, Sie erkennen das ja auch daran, dass ich jetzt diesen Beitrag schreibe. Obwohl wir nichtmal eine Kettensäge dabei hatten; jeder normale Odenwälder, der etwas auf sich hält, führt angeblich stets und ständig eine solche Kettensäge bei sich, man weiß ja nie. Sollte sich die Wahl des Weges von A nach B über D, F und H und Y als Fehler herausstellen und umgestürzte Bäume die Fahrbahn unpassierbar machen, hat man immernoch die Kettensäge, um sich gegebenenfalls den Weg freizusägen. Und Fußmatten und Decken, die das Anfahren am schneebedeckten Hang erleichtern, vergessen Sie die Decken und die Matten nicht!

Heute ist wieder so ein Wetter, so ein richtig fettes Wetter. Siebzehnmal musste der arme Geo rund ums Haus Schnee schaufeln, so hat er es jedenfalls berichtet, Sie dürfen gerne ein paar Mal abziehen, dann kommen wir der Wahrheit näher, es war aber vermutlich immernoch nervig genug. Rund ums Grundstück, im Hühnerauslauf, bei den Ziegen, die Garageneinfahrt, und dann alles wieder von vorne. Nun jammert und klagt er, ich weise ihn freundlich darauf hin, dass wir nun mal Winter haben. Und tröste ihn damit, dass es ja in rund drei Monaten wieder frühlingshaft wird. 

 

Susanna.

Ich kenne ihren Namen, ich kenne den Ort, wo sie gelebt hat, ich kenne die Geschichte ihres Todes, und ich kenne ihr Grab und war schon manches mal dort. Aber noch nie hatte ich ein Bild von ihr gesehen. Bis es dieser Tage auf meinem Rechner aufpoppte.

Susanna Stern. 
Foto: Bezirksmuseum Buchen, Bildarchiv Karl Weiß

Das Foto ist irgendwann um 1910 aufgenommen, vom Buchener Fotografen Karl Weiß. Susanna Stern wirkt schon da für mich wie eine vergleichsweise alte Frau. Geboren 1857 in der Pfalz, hat sie irgendwann den Viehhändler Moses Stern geheiratet, die beiden wohnen in Eberstadt bei Buchen im Odenwald.

Am 10. November 1938 ist Susanna schon 81 Jahre alt, eine verwitwete Greisin, wie es in den Archiven heißt. An diesem Tag bekommt sie, wie so viele Juden in der Region, Besuch. Bei der alten Frau erscheint der NS-Ortsgruppenleiter von Eberstadt, Adolf Heinrich Frey. Mit 26 Jahren vermutlich ein Bübchen in Susannas Augen. Noch dazu eines, das sie von Geburt an kennen dürfte. Wie das so ist auf dem Dorf.

Adolf Heinrich fordert die Alte auf, mitzukommen ins Spritzenhaus der örtlichen Feuerwehr, da hin, wo die Juden des Ortes eingesperrt und schikaniert werden sollen an diesem Tag, überall im Odenwald. Susanna weigert sich, sie setzt sich stur auf ihr Sofa und zankt mit dem Jungen. In Erzählungen habe ich gehört, sie sei geradezu höhnisch geworden dem bewaffneten Kerl gegenüber, schieß doch, los, schieß mich doch tot!, soll sie gerufen haben.

Das tut der junge Mann dann auch, mit drei Schüssen, zuerst in den Körper; als Susanna sich noch regt, feuert er angeblich einen letzten Schuss direkt in ihren Kopf ab, zwischen die Augen, aus nächster Nähe. Seine Heldentat meldet er danach den Vorgesetzten.

Diese Geschichte ist grauenhaft genug, aber seit ich das Foto von Susanna gesehen habe, kommt sie mir noch grauenhafter vor. Es ist ja eine alte Weisheit, dass wir auf Bilder nochmal neu und anders reagieren, hier bewahrheitet sich das für mich einmal mehr. Fotos dulden keinen Widerspruch, keine Ausflüchte, kein Naja, ist ja schon so lange her.

Umso wichtiger und großartiger finde ich die Arbeit eines Teams rund um das Buchener Bezirksmuseum. Tausende, zehntausende von Fotos lagern dort, aus dem Bestand des Fotografen Karl Weiß. Fotos von ganz normalen Bürgern, Fotos von Kriegsgefangenen, Fotos jüdischer Familien. Sie alle, jedes einzelne von ihnen erzählt irgendeine Geschichte, und seit Jahren recherchieren ein paar Ehrenamtliche diesen Geschichten hinterher.

Sie sortieren den Bestand, sie digitalisieren Fotos, versuchen mit detektivischer Akribie herauszufinden, wer da wo abgebildet ist, wenn die entsprechenden Vermerke fehlen. Sie fragen herum, suchen Zeitzeugen, besuchen Altersheime, halten Vorträge mit Dias, setzen Puzzleteil um Puzzleteil zusammen. Aus belichteten Glasplatten machen sie die Geschichten. Und Geschichte, Zeitgeschichte. Erwecken Menschen wieder zum Leben und erzählen von Schicksalen. Ein fotografischer Geschichtsunterricht.

Das alles kann man dann digital im Internet anschauen, und ich kann Ihnen das nur empfehlen, insbesondere, wenn sie aus der Region sind und Ihnen Namen und Orte geläufig sind. Wir alle kennen die Themen aus den Geschichtsbüchern und aus dem nicht selten stinklangweiligen Schulunterricht. Aber wenn Sie sich drauf einlassen und die Fotos anklicken, dann schauen Ihnen die Menschen direkt in die Augen und erzählen Ihnen die ganze Geschichte nochmal neu.

Hier ein paar Links:

Komplimente.

Nie bekomme ich hier im Odenwald Komplimente. Ich kann mich so schön machen, wie ich will, also, ich kann mir zumindest einen Haufen Mühe geben, größere Euro-Beträge in flüssiger und pudriger Form ins Gesicht schmieren, Haare stylen, dass es kracht, Fingernägel lasziv lackieren, schicke Schühchen, kurzes Röckchen, ach, es hilft alles nichts. Kein Kompliment, nirgends. Hier müssen Sie sich jetzt ein leises Schluchzgeräusch vorstellen.

Nicht, dass Sie meinen, ich bräuchte sowas. Also, Komplimente. Ich bin ja eine selbstbewusste, emanzipierte Frau, ja, nachgeradezu mit feministischen Zügen, und ich brauche diesen ganzen Komplimentequatsch natürlich überhaupt nicht, er ist mir so gesehen fast zuwider. Ehrlich, aber sowas von. Erneutes unterdrücktes Schluchzen.

Das heißt, manchmal bekomme ich natürlich doch Komplimente. Solche, die es vermutlich nur auf dem Lande gibt. Komplimente von echten Kennern der Materie. Wenn ich in verschlammter Gummihose und verdreckten Gummistiefeln* auftauche. Kenner der Materie schauen mir nur kurz in Gesicht, um mit ihren Blicken dann ausgiebig das Schuhwerk abzuscannen. Manche sagen sogar Oh! und nennen noch den Namen des Gummistiefelherstellers.

Ebenso bei diesen komplett unförmigen Lederbotten. Schwer, aber warm, handgemacht, aber klobig. Sündhaft teuer, aber eine Anschaffung fürs Odenwälder Leben. Ich habe mir sie mal zu einem runden Geburtstag schenken lassen. Mit denen an den Füßen geht frau nicht, sie latscht. John Wayne und so, naja, Sie wissen schon. Oder Spiel mir das Lied vom Schuh äh, Tod. Ladylike ist jedenfalls anders.

Neulich traf ich einen Landwirt, der seinen Blick kaum von dem Schuhwerk lösen konnte, der all seinen Mut schließlich zusammennahm und mir im Überschwang der Gefühle leicht mit seiner vermodderten Schuhspitze an meine vermodderte Schuhspitze tippte. Seeehr gut, sagte er und zwinkerte mir verschwörerisch zu.

Manchmal, wenn das Wetter oll ist und ich zu einem offiziellen Outdoor-Termin muss, dann sagt mein Geo morgens Aber Du kannst doch bitte nicht mit diesen Schuhen…. und er meint die dicken Botten. Ich kann nicht nur, ich muss sogar, erwidere ich dann, das ist eine Frage von Respekt und Anerkennung. Und fishing for compliments, zugegeben. Aber das muss mein Geo ja nicht wissen. Also ziehe ich aus Eitelkeit die hässlichsten Treter an.

Im Leben nicht wäre ich in Berlin in derlei Schuhen auf die Straße gegangen, ich bitte Sie. Durch Neu-Westend mit Gummi- oder klobigen Lederbotten? Es wäre zumindest merkwürdig. In der Stadt.

In der Stadt funktioniert das ja auch mit den Komplimenten noch ganz anders. Für meine Gummistiefel hat sich da, soweit ich weiß, noch niemand interessiert. Da gucken Männer offenbar einfach anders, da setzen sie andere Prioritäten. Da wird es noch gewürdigt, wenn unsereiner in Röckchen und Schühchen daher kommt, und vorher einen halben Tag damit zugebracht hat, sich ordentlich aufzudonnern. Ja, ja.

Ich war da zum Beispiel gestern bei einem Empfang in der großen Stadt, und dementsprechend angezogen und herausgeputzt. Lauter feine Leute, lauter Männer in führenden Positionen, lauter Regionalprominenz. Die wissen noch, was sich gehört.

Mit einem der Herren komme ich ins Gespräch, ein treuer Radio-Hörer, ich nenne meinen Namen, der ist ihm, ebenso wie meine Radiostimme, wohlbekannt. Nur hat er mich noch nie in Natura gesehen. Sie sind das?, fragt er mit maximaler Verwunderung. Ja, antworte ich, in der traurigen Gewissheit, dass die meisten Hörer bei meiner dunklen Stimme ein rassiges schwarzhaariges Vollweib erwarten und dann, nun ja, enttäuscht sind

Sie sind das??, fragt er nochmal entgeistert, und nochmal bestätige ich das.

Ich hatte Sie mir schlimmer vorgestellt, sagt er.

So gesehen: grundehrliche Komplimente – können die Städter also auch.

Schluchzgeräusch, fortissimo.

Ja, ich schreibe immer mal wieder über die Sache mit den Stiefeln, sorry, aber es ist so schön, ich komme da nicht drüber weg. Und die Gummi-Stiefel musste ich hier natürlich auch wieder erwähnen, für den Freundeskreis Gummi. Dessen Mitglieder landen immer mal wieder wider Willen hier auf diesem Blog, weil sie über die Eingabe des Wortes Gummi, in Kombination mit allerlei mehr oder eher weniger jugendfreien Begriffen von den Suchmaschinen hier hergelotst werden. Sie verstehen, dass ich die nicht ganz enttäuschen will.