Hedwig.

Es fängt jetzt wieder diese Jahreszeit an, in der ich hierzulande nichts mehr verstehe. Also, fast gar nichts. Is so. Seit Jahren. Lässt sich nicht ändern. Also, bitte fragen Sie mich nicht.

In diesem Fall weiß ich allerdings inzwischen sogar, worum es geht. Oder zumindest, wer Hedwig ist. Ich musste aber auch erst wieder fragen.  Ich kannte Hedwig bislang nur mit Nachnamen. Aber ich fänds auch cool, wenn sie Sitzungspräsidentin würde.

Oder Bundespräsidentin, Hedwig, gell, Hedwig?, – das täte mir fast noch besser gefallen.

 

 

 

 

Wider das Vergessen.

Wir sind da neulich in einem Café, der Gatte und ich, an einem Werktag am helllichten Vormittag, und es sitzen dort, wie erwartet, nur Menschen oberhalb der Pensionsgrenze. An einem langen Tisch hocken gar acht Frauen im Alter von Siebzig-plus beieinander, sie haben Kaffee und Piccolöchen vor sich, nippen mal hier und mal da, sie quasseln und lachen munter quer über den Tisch miteinander, es geht um Früher, und um Weißt Du noch, sie quasseln und lachen, und zwischendurch senkt sich immer mal wieder ein kleines Schweigen auf den Tisch herab, eines von der Art, das man miteinander gut aushalten und teilen kann, wenn man sich seit Jahrzehnten schon kennt.

Wo ist eigentlich die Martha? fragt eine in die Stille hinein, die weiß doch, dass wir uns Freitags immer hier treffen.

Ach je, sagt eine andere, das hat die bestimmt vergessen. Die Martha ist so vergesslich geworden, ganz schlimm. Ich glaube manchmal, die ist nicht mehr dicht, da oben im Oberstübchen. 

Naja, sagt die Dritte versöhnlich, wir werden vielleicht alle vergesslich, so alt wie wir sind, deswegen ist man ja noch nicht gleich bekloppt. 

Hin und her geht die Frage, wie vergesslich, wie bekloppt man wohl wird mit dem Alter, jede hat ihre eigene Meinung, ihre eigene Erfahrung dazu. Also, so vergesslich wie die Martha sind wir hier jedenfalls noch lange nicht, fasst eine die Diskussion pragmatisch und mit resoluter Stimme zusammen. Dann legt sich wieder das kleine Schweigen über den Tisch, die Frauen nippen an Kaffee und Sekt und denken nach.

Foto: Klicker/pixelio.de

Und wieder in die Stille hinein sagt eine Ich weiß zum Beispiel alle Telefonnummern auswendig, die ich so brauche. Und gleich legt sie los.

Die Stefanie hat die Sieben-Zwo-Acht-Fünf-Null-Drei. Und im Büro die Acht-Acht-Fünf-Drei-Vier-Sieben-Null. Ihr Mann hatte früher dienstlich die Zwo-Sieben-Zwo-Drei-Acht. Aber neuerdings hat er die Zwo-Sieben-Zwo-Drei-Neun. Und die Nummer von der Krankengymnastik weiß ich natürlich auch, Neun-Fünf-Zwo-Sieben-Acht-Vier-Drei.

Die anderen Frauen wollen nicht nachstehen, jeder fällt plötzlich ein, wie viele Telefonnummern sie auswendig kennt und gibt sie sogleich zum Besten. Lange, komplizierte Zahlenreihen, manche aktuell, manche seit Jahren nicht mehr gültig. Der Erwin im Büro, der hatte immer die Vier-Vier-Acht-Zwo-Sieben-Vier-Neun, bis zu seiner Pensionierung 1985. Die Schwiegertochter hat die Null-Eins-Sieben-Eins-Fünfundzwanzig-Siebzehn-Dreißig, der Enkel die Null-Eins-Fünf-Null-Achtzehn-Achtzehn-Fünzig-Zwölf. 

Foto. Michael Grabscheit/pixelio.de

Schließlich werfen die Frauen nur noch mit Zahlen um sich, die Telefonnummern fliegen über den Tisch, Neun-Vier-Drei-Acht-Sieben, hin und her, die Frauen klauben immer mehr Telefonnummern aus ihrem Gedächtnis hervor und präsentieren sie wie der Zauberer im Zirkus das Kaninchen im Zylinder, keine hört mehr der anderen zu, Sieben-Sieben-Fünf-Acht-Drei-Zwo-Vier, die Zahlen fliegen durch das ganze Café, immer lauter werden die Stimmen, die Frauen schlagen sich Vorwahlen, Rufnummern Durchwahlen um die Ohren, Null-Sechs-Zwo-Zwo-Eins, immer schneller werden die Zahlenkolonnen heruntergerattert, minutenlang geht das so, bis selbst der Letzten am Tisch keine Telefonnummer mehr einfällt, die sie noch aufsagen könnte.

Und wieder senkt sich das kleine Schweigen auf den Tisch hinunter, die Frauen gucken in Kaffeetassen und Sektgläser, Nee, so vergesslich sind wir noch nicht, sagt eine in die Stille. Dann rufen sie die Kellnerin und bezahlen Kaffee und Piccolo, sie ziehen umständlich ihre dicken Mäntel an und machen sich auf den Weg.

Im Rausgehen sagt eine zur anderen Wir müssen nächste Woche der Martha bescheid geben, dass wir uns treffen. Sonst vergisst die das wieder. Schlimm, wenn man so vergesslich wird. 

 

 

 

Cinema, Cinema.

Und nun sage noch einer, es täte sich nichts beim Buchener Kino. Also bitte: Vorher. Nachher.

Die Wandfarbe ist aber in Wirklichkeit die Gleiche wie vorher. Über Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte den automatischen Weißabgleich meines smartphones.

 

 

 

 

Sehnsucht nach dem Mehringdamm.

Ich habe da ja diesen extrem süssen Hund, Tante Lieselotte mit Namen, ein wahres Goldstück, das ich vor gut einem Jahr von einer Tierschutzorganisation übernommen habe. Lieselotte führte in früheren Zeiten angeblich ein Lotterleben auf südspanischen Strassen; als ich sie kennenlernte, saß sie bereits auf der Pflegestelle eines hiesigen Tierheimes, sie hatte ein paar unerfreuliche Macken, und wickelte aber mit ihren Cherry-eyes in Sekundenschnelle alle um den Finger, die ihr nahe kamen.

Nun hat es sich also ausgelottert, und Lieselotte zieht mit mir durch den Odenwald. Das mit dem Ziehen ist in diesem Fall leider nur allzu wörtlich zu nehmen, denn Tante Lieselotte zieht an der Leine wie der sprichwörtliche Ochse, es geht ihr nie schnell genug auf Wiesen und Feldern.

Dabei wird nahezu alles gejagt, was sich bewegt oder irgendwelche olfaktorischen Spuren hinterlassen hat, Mäuse, Hasen, Füchse, Rehe, Wildsauen, selbst die Vögelein am Himmel, Lieselotte rastet in freier Wildbahn komplett aus, bekommt den Tunnelblick und Schaum vorm Mund und rennt mit gefühlten 218 Stundenkilometern in die Schleppleine und zerrt und hört und sieht ansonsten nichts mehr. Und wenn ich sage nichts, meine ich nichts.

Wenn sie nicht gerade zerrt und jagen möchte, buddelt sie an jedem zweiten Quadratzentimeter, sie buddelt so närrisch und wildentschlossen, als gelte es, zum Erdkern vorzudringen, oder noch darüber hinaus, bis nach China, was weiss denn ich. Vor lauter Buddelei hat sie sich schon eine blutige Nase geholt, das dürfte beim Buddeln brennen wie die Sau, macht aber alles nichts, sie hat eine Mission und buddelt, Richtung China, Richtung Honolulu, in Sachen Ehrgeiz ist sie unübertroffen.

Ich kann derweil mit Schinken winken und mit allerlei anderen Leckereien, die ich in meiner Not mit mir herumschleppe und ihr feilbiete, ich kann ihr lustige Spielchen anbieten oder dahergelaufene Hundekumpel, es hat alles keinerlei Effekt, sie zerrt und buddelt und buddelt und zerrt, sie würdigt mich und ihr soziales Umfeld keines Blickes; es wäre zum Verzweifeln, wenn ich nicht schon jahrzehntelange Hundeerfahrung hätte und wenn Lieselotte nicht so ein Charmebolzen wäre, dem man am Ende doch wieder alles verzeiht.

Tante Lieselotte sei ja nun tatsächlich mal eine echte Granate, sagt mit gequältem Lächeln selbst die erfahrene Trainerin meines Vertrauens, die mir schon bei manch einem jagdlich motivierten Hund mit Rat und Tat beigestanden hat. Und das will ja nun was heißen. Ich übe und übe also weiter mit dem Berserker, ich wälze Fachliteratur und konsultiere die Trainerin, ich unterhalte mich mit Leidensgenossen und stoße mit schöner Regelmäßigkeit immer und immer wieder auf den gleichlautenden, entsetzlichen Rat: Trainieren Sie zunächst alles, aber wirklich !alles! in ablenkungsfreien Gebieten. 

Auf Deutsch heißt das: Gehen Sie an einen Ort, wo es weder Hasen, noch Mäuse, keine Rehe, keine Wildsauen oder Vogelschwärme gibt. Ich lese und höre das immer wieder, dann muss ich hysterisch lachen, ablenkungsfreie Gebiete!, lieb Heimatland!, im Odenwald!, ich werfe mich aufs Sofa und weine in die Kissen.

Und dann bekomme ich Sehnsucht nach dem Mehringdamm. Ich sehe mich dann mit Tante Lieselotte durch die Straße gehen, mitten in Berlin, ganz entspannt an lockerer Leine, wir schlendern von Hundehaufen zu Hundehaufen, von vollgepullertem Baum zu vollgepullertem Baum, vorbei an Currywurstbuden und Dönerbutzen, über ausgerotzte Kaugummis und weggeworfene Kippen, es gibt hier und da ein bißchen was zu schnüffeln, Pippi, Hundehaufen, Currywurst und Autoabgase, wir schnüffeln und schlendern, gucken und horchen, schlendern und schlendern in friedlicher Eintracht. Am Ende der Hunderunde über den Mehringdamm habe ich zwar Hundescheiße am Schuh, aber Lieselotte die Nase befriedigend voll und keinerlei Schaum vorm Maul, wir sind beide glücklich und zufrieden, und wenn wir nicht gestorben sind, dann schlendern wir noch heute.

So. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muß mit dem Hund raus.

(*packt weinend Sicherheitsgeschirr, Ruckdämpfer und Handschuhe, Schinken, Hähnchenmägen, Trillerpfeife und Fachliteratur ein und verlässt schluchzend das Haus*)

 

 

 

12 von 12.

Am Zwölften des Monats zwölf Bilder zeigen, die den Tag beschreiben, das wünscht sich heute mal wieder die freundliche Frau mit den Kännchen.  Also, bitte. Heute ist Sonntag, erwarten Sie also nicht zuviel.

 

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Ortstermin.

Wir wollten mal wieder ins hessische Ausland, und wir wollten mal wieder auf einen schönen Wochenmarkt, und so hat es uns nach Hirschhorn verschlagen, zur Perle am Neckar. Gut, das mit dem hessischen Ausland hat ohne Probleme und Grenzkontrollen funktioniert, das mit dem Wochenmarkt war eher eine gewisse Pleite, oder wir hatten mal wieder was Falsches erwartet, das kommt hierzulande manchmal vor.

Der Wochenmarkt ist übersichtlich, wie auf dem Lande leider häufig üblich, das Städtchen ist es auch. Aber hübsch. Sie sollten sich aber besseres Wetter heraussuchen. Und ich werde das nächste mal nicht nur das smartphone, sondern eine echte Kamera bemühen.

 

 

 

Der Bieber wieder.

Wir hatten es hier auf dem Blog ja schon ein paar mal vom Biber, dem größten europäischen Nagetier, und davon, dass der auch hier im hintersten Odenwald inzwischen für Furore sorgt. Sogar mit einem Biber-Berater war ich in dieser Sache ja eben erst unterwegs, hier: Klick!, Sie erinnern sich vielleicht.

Heute nun bin ich im Wald auf ein Schild gestoßen, das die ganze Sache in ein völlig neues Licht rückt, und ich frage mich, ob ich vielleicht bei all meinen blödsinnigen Biber-Geschichten nicht einem blödsinnigen Irrtum aufgesessen bin.

Ich habe natürlich sofort auf der Website von Herrn Bieber recherchiert, was es mit diesem Schild auf sich haben könnte – und tatsächlich: Die Region Balsbach-Wagenschwend-Scheidental findet sich bislang nicht im Tourneeplan für 2017, ja, nicht ein einziges Konzert im ganzen großen Odenwald ist vorgesehen. Dabei wäre dieser Wald ja wie gemacht für eine große Open-Air-Show, siehe Foto, aber nein, der feine Herr Bieber gastiert in New York und in Cardiff und Paris und Mexico-City und Rio den Janeiro, und die Fans im Odenwald (falls es die denn gibt) glotzen wieder in die Röhre.

Aber die Odenwälder wären keine Odenwälder, wenn sich nicht Protest regen würde, das Schild im Wald spricht ja für sich. Oder haben Sie eine Ahnung, was es ansonsten damit auf sich haben könnte?

 

 

Update: Ich erfahre bei facebook, dass es eine Art Baumerntemaschine namens Biber/Bieber gibt. Das könnte eine Erklärung sein. Und nun sage noch einer, facebook diene nicht der allgemeinen Volksbildung.

 

 

 

GummihosenBiber.

Ich musste heute dienstlich die Gummihosen anziehen, und die Gummistiefel, ich erwähne das an dieser Stelle nur, damit der Fanclub Gummihose hier endlich mal wieder fündig wird, das Wort Gummihose nämlich zählt zu den am häufigsten wiederkehrenden Suchbegriffen in meiner Blogstatistik, der liebe Himmel weiß, warum.

Wie dem auch sei, ich war zu einem Spaziergang durchs überschwemmte Unterholz verabredet, auf der Suche nach Biber-Spuren, und da trägt die Frau von Welt natürlich Gummihose. (So, und nun sollte es aber genug sein, liebe Freunde der Gummihose.)

Ich folgte also mehr oder weniger willenlos dem freundlichen Biber-Berater des Landkreises, kreuz und quer ging es durch Wasser und Matsch, über Baumstämme und Äste unter der Wasseroberfläche, es war eine gewisse sportliche Herausforderung, ich rief dem Biber-Berater über das Platschen und Gurgeln des Wassers zwischendurch wankend und strauchelnd zu, dass ich im Erwachsenen-Becken des Berliner Olympiastadions den Freischwimmer gemacht habe, ich dementsprechend nicht ertrinken würde, – es war also eine Herausforderung, die aber reich belohnt wurde.

Biberdamm.

Der freundliche Biber-Berater berät nicht etwa die Biber, wie der Name zunächst vermuten ließe, das heißt, vielleicht berät er sie heimlich doch, aber in erster Linie berät er alle möglichen Leute, die sich durch den Biber gestört fühlen. Und es werden immer mehr, sowohl Biber als auch Gestörte, also solche, die sich gestört fühlen oder tatsächlich gestört werden.

Sobald der Biber auftaucht, gibt es immer erstmal einen kleinen Ärger, sagt der Biber-Berater. Manchmal auch gleich einen großen. Während sich die Naturschützer freuen, dass der Biber nach knapp 200 Jahren im Landkreis fast flächendeckend endlich wieder heimisch ist, ärgern sich Landwirte und Waldbesitzer über umgenagte Bäume, gestaute Bäche, nasse Flächen auf Äckern oder Wiesen. Und die erste Frage lautet immer Wer bezahlt mir das?, sagt der Biber-Berater mit etwas gequältem Lächeln.

Manchmal versteht er den Ärger, wenn der Biber ernsthaften Schaden anrichtet, in der Landwirtschaft, in der Nähe von Kläranlagen oder Forellzuchtteichen. Manchmal versteht er ihn nicht. Beraten tut er immer, es gibt Wochen, da wird er drei, viermal gerufen, in irgendeinen Wald, an ein Ufer, auf einen Acker. Ich bin ja froh, wenn die Leute mich rufen und nicht gleich selber kurzen Prozess machen mit dem Biber oder seinen Bauten, alles schon vorgekommen. So ein blöder Biberdamm ist schnell abgetragen mit ordentlichem Gerät.

Biberburg.

So um 1830 wurde der letzte baden-württembergische Biber erlegt, seitdem war es Essig mit dem dicken Nager. Irgendwann besannen sich Bayern und Hessen eines Besseren und siedelten wieder Biber an und aus, was daraus über die Jahre und Jahrzehnte an putzigen bilateralen Biberbabies entstand, zieht inzwischen also wieder durch Baden-Württemberg. So sehr, dass man im hiesigen Landwirtschaftsministerium schon laut darüber nachdenkt, wie einer möglichen Plage Herr zu werden wäre.  

Um all das geht es also, während wir da durch Wasser und Unterholz steigen, vorbei an Dämmen und Burgen und Höhlen und Gängen, vorbei an angenagten Douglasien, gefällten Weiden, rund um den kleinen versteckten See, den ich noch nie zuvor gesehen habe und den offenbar nur Ortskundige kennen, quer durch einsames, urwüchsiges Gelände. Im Gestrüpp liegen alte Benzinkanister und junge Plastiktüten, Kunststofffetzen und Getränkedosen, ein gelber Müllsack flattert im Wind, ich trete versehentlich in eine leergegessene Gut-und-günstig-Hähnchen-Lyoner-Verpackung.

Gibt es eigentlich auch einen Abfallberater für den hiesigen Wald und seine Besucher?, frage ich den freundlichen Biber-Berater, bei dem müsste ja auch ununterbrochen das Telefon klingeln.  Er werde das herausfinden, verspricht der Biber-Berater, und dann werden wir mal bei dem anrufen und uns beklagen. Und dann grinsen wir beide ein bisschen mühsam und vertiefen das Thema nicht weiter.