Idylle oder so.

Was für eine liebliche Idylle, das Wasser plätschert, die Fischlein schwimmen im Teich, die Sonne lacht, das Licht blinzelt durch das Maigrün der Bäume, undsoweiter, undsoweiter.

Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein, und ich darf vorallen Dingen hier sein, weil ich den Forellenfreund mit seinen Forellen unterstütze. Ich füttere die lieben kleinen Fischlein, auf dass sie groß und stark werden, und genieße im Gegenzug täglich diese Teichidylle. Und ich kann Ihnen flüstern: Vergessen Sie das mit der Idylle. Gepfiffen is‘. Das hier ist keine Idylle, das ist ein Kriegsschauplatz.

Hier kämpft erbittert Mensch gegen Reiher, jeden Tag aufs Neue, und ich bin völlig unschuldig in diese Auseinandersetzung hineingeraten. Ich wollte das gar nicht, ehrlich, aber ich entwickle inzwischen einen heiligen Zorn, wenn ich Agathe nur sehe, das blöde Viech, vielleicht ist es auch ein Rudi oder ein Dieter, mir ist das alles wumpe, ich brüte über Angriffsstrategien und Abwehrmaßnahmen, ich fahre bis zu dreimal täglich an den Teich, zu jeder Tages- oder Nachtzeit, ich schreie, klatsche, hupe, hetze die ansonsten eher friedlichen Hunde, bis Agathe sich bequemt, in aller Ruhe aufzuflattern und mit einem glänzenden Fischlein im Schnabel davonzufliegen. Sie ruft mit vollem Maul und krächzender Stimme dann noch allerlei nicht-jugendfreie Unverschämtheiten über die angrenzende Wiese, und ich meine, auch Stunden später noch aus dem gegenüberliegenden Wald ihre dreckige, hämische Lache zu hören.

Der Forellenmann und ich, wir fahren an Geschützen auf, was uns zur Verfügung steht. Einen Zaun rund um den Teich, und ein Gewirr von Schnüren im Uferbereich. Gefühlte 364 Kilometer Schnur haben wir verspannt, wir haben keinerlei Mühen und Verwicklungen gescheut. Wer hier durchkommt, muss entweder Entfesselungskünstler sein oder amtierender Weltmeister im Gummitwist, und ich stelle mir vor, wie Agathe, das vermaledeite Drecksvieh, da feixend und frech über die Schnüre hopst, hops, hops, ins seichte Wasser, schnapp, schnapp, Forelle rausgeholt.

Um derlei feindliche Flugobjekte abzuwehren, hat der Forellenmann jetzt noch den potentiellen Landeplatz mit Schnüren überspannt, das ganze Grundstück verwandelt sich langsam aber sicher zu einem Stück Land-Art, das selbst den Verpackungskünstler Christo neidisch werden ließe. Nicht mal eine Drohne könnte hier noch landen, ohne sich maßlos zu verheddern. Und der Forellenmann hat als letzte, wirklich ultimative Warnung einen Plastikreiher in der Mitte des Teiches aufgehängt, koppheister, ein wahrhaft jämmerlicher und furchteinflößender Anblick, der eigentlich jeder vernunftbegabten Agathe den Appetit verderben müsste. Ich ahne allerdings, Agathe lacht sich eines Tages tot, damit wäre uns ja auch geholfen, aber noch ist es nicht soweit.

Nun höre ich schon das Weinen der Tierschützer, der arme Reiher, der hat Kohldampf, er hat daheim sieben hungrige Schnäbel zu stopfen, alleinerziehend ist er noch dazu – ja, das ist ja alles recht, aber Agathe, die blöde Kuh, soll doch gefälligst woanders die Teiche ausräubern.

Unsere interne Jahres-Forellen-Statistik verzeichnet: 500 Forellen eingesetzt, 150 eigenhändig rausgeangelt, See leer. L.e.e.r. Ratzeputz leer, leerer geht nicht. Selbst wenn Sie da mit der Lupe nach Forellen suchen würden, unter Wasser, Sie würden nichts mehr finden, ich habe das jüngst für Sie getestet.

Falls Sie selber es nicht mit dem Kopfrechnen haben: da fehlen satte 350 Fische, Agathe kommt also nahezu täglich zum Klauen, nur an 15 Tagen hat sie mal eine Pause gemacht, ich nehme an, da hatte sie Urlaub oder war auf Mutter-Kind-Kur im Bergischen Land.

Wir kämpfen also weiter, wir werden uns doch nicht einer dahergeflogenen Agathe geschlagen geben, ich bitte Sie. Ich werde in den kommenden Tagen noch Transparente anbringen, Reiher go home!, werde ich auf ein Bettlaken schreiben, mit fettem Filzstift, und Ne touche pas a mon Forelle!, für den Fall, dass Agathe kein Englisch versteht. Außerdem habe ich vorgeschlagen, den Teich mit einer gegossenen Betonplatte hermetisch abzuriegeln, oder gleich ganz mit Estrich zu befüllen, da würde Agathe schön dumm aus der Wäsche gucken. Aber da zieht der Forellenmann nicht mit.

Noch nicht.

 

 

Hüffenhardt.

Ja, da kommen einige von Ihnen jetzt vermutlich arg ins Grübeln. What the hell ist Hüffenhardt? Ich nehme Ihnen das nicht übel, gleichwohl sollten Sie sich den Ortsnamen merken. Oder mal googeln unter der Rubrik news. Dann merken Sie gleich: Das winzigkleine Hüffenhardt am Rande des Odenwaldes liegt nicht nur ganz in meiner Nähe, sondern derzeit auch mitten im Zentrum eines bundesweiten Orkans.

Zumindest in Pharmazeutischen Kreisen. Interessiert Sie nicht? Naja, wann immer Sie in eine Apotheke gehen, haben Sie mit Pharmazie zu tun. Und wenn Sie das nächste Mal in eine Apotheke gehen, dann lassen Sie mal das Wörtchen Hüffenhardt fallen, der Apotheker bekommt dann vermutlich sooo eine Krawatte.

Foto: Claudia-Hautumm/pixelio

So oder so können Sie in diesem geheimnisvollen Hüffenhardt derzeit ein Lehrstück in Sachen Infrastruktur im ländlichen Raum verfolgen.

Die Geschichte, das Drama in mehreren Akten, geht in groben Zügen so:  Es war einmal eine Apotheke in der kleinen Gemeinde Hüffenhardt. Die machte aber eines Tages zu, und es fand sich beim besten Willen kein Nachfolger, niemand wollte eine Apotheke in der 2000-Seelen-Gemeinde übernehmen, nein, danke, der Hüffenhardter Bürgermeister war betrübt, und manch ein Hüffenhardter Bürger war es auch.

Nun aber bekam eine führende Versandapotheke mit Sitz in Holland Wind von der Apothekenflaute in Hüffenhardt und sah seine Stunde gekommen. Vielleicht ein bisschen Geld verdienen, kostenlose Publicity und außerdem die juristischen Grenzen in Sachen Deutsches Apothekenrecht ausloten und ausreizen – wo ginge das besser als hier? Die Versender bauten in den leerstehenden Räumen der Apotheke eine Art Internetterminal auf, der Kunde schiebt sein Rezept in einen Schlitz, unterhält sich vielleicht per Videochat mit einem freundlichen Mitarbeiter in Holland, und schwupps, kommt das gewünschte Medikament aus dem Automaten gepurzelt.

Foto: Mario Heinemann/pixelio

Schon im Vorfeld schrieen die deutschen Apothekerverbände Zeter und Mordio. Nein, mit Nächstenliebe und mit Begeisterung für die Pharmazie habe so eine Internet-Versandapotheke generell schon mal gar nichts zu tun, orakelte mit schicksalsschwerer Stimme und gesenktem Haupt ein Verbandsvorsitzender in die laufenden Kameras, die Zuschauer schwankten zwischen Erstaunen (ach so? keine Nächstenliebe?) und Empörung (die wollen Geld verdienen, gibts denn sowas?). Und überhaupt müsse man alles tun, um derlei Geschäfte zu verhindern. Schließlich sei ein solcher Automat ja auch gefährlich, wenn er die falschen Präparate ausspuckt. Hüffenhardt war schon in aller Munde, bevor das erste Medikamentenpäckchen überhaupt aus dem Automaten fiel.

Irgendwann wurde der hochmoderne Apothek-o-mat mit deutsch-holländischer Chatfunktion schließlich eröffnet und keine 48 Stunden später schon wieder geschlossen, das zuständige Regierungspräsidium Karlsruhe wollte es so. Es gibt da ein paar rechtliche Fallen und etliche Gesetze, die Lage ist für Laien reichlich unübersichtlich, jedenfalls machte der Laden wieder dicht. Um zwei Tage später wieder zu eröffnen, derzeit gibt es dort aber nur rezeptfreie Medikamente, wenn ich das richtig verstanden habe. Der Versandhändler hat Klage gegen die Schließung eingereicht, so lange das Verfahren in der Mache ist, soll es wenigstens auf Schmalspur weitergehen.

Die Pharmaziebranche fährt währenddessen weiterhin alle Geschütze gegen den kleinen Automaten im klitzekleinen Hüffenhardt auf. Meiner aktuellen Lieblingszeitschrift, der Deutschen Apotheker-Zeitung (nicht zu verwechseln mit der Apotheken-Umschau, wann greifen die das Thema endlich auf?), meiner aktuellen Lieblingszeitschrift also entnehme ich, dass bayerische Verbandsvertreter sich nun fragen Wer beliefert eigentlich den bösen Automaten, da in Hüffenhardt in Baden-Württemberg?

Foto. I. Vista/pixelio

Aha, aha, nun also kommen wir der Sache langsam näher. Irgendwo sitzt da ein mieser Kerl, der das auch noch unterstützt, das Hüffenhardter Automatentreiben. Im Schutze der Dunkelheit müsse der wohl heimlich vorfahren, und husch, husch, den Automaten hektisch befüllen, um dann wieder in die rabenschwarze Nacht zu verschwinden. Vielleicht tut auch er es nicht einmal aus Nächstenliebe, sondern nur aus reiner Geldgier? Dem will man doch nun auf die Schliche kommen, der Präsident des Bayerischen Apothekerverbandes fordert jetzt alle deutschen Großhändler auf, an Eides statt zu erklären, dass sie damit nichts zu tun haben und ihre Hände in Unschuld waschen. Und wehe, einer weigert sich.

Das also ist das Hüffenhardter Drama in mehreren Akten, Ende völlig offen. Ich sitze davor und bin hin- und hergerissen von der Handlung, den Akteuren. Ich sehe da wie auf einer kleinen Bühne einen knallharten Geschäftsmann, der in Hüffenhardt und anderswo in Deutschland richtig Geld verdienen will. Ich sehe ein kleines Dorf, in dem es keine Apotheke mehr gibt, umgeben von kleinen Dörfern, in denen es in zehn Jahren vielleicht auch keine Apotheke mehr gibt. Ich sehe Herren in Anzügen, die sich die Haare raufen und laut schreien, auf Paragrafen verweisen, mit dem ausgestreckten Finger auf diese und auf jene zeigen und mit dem öffentlichen Pranger drohen.

Ich warte derweil noch auf den Auftritt eines weiteren Protagonisten, der mit kühlem Kopf ein bisschen Ruhe in die wirre Handlung und in das Geschrei bringt. Der wird dem Publikum dann erklären, warum so viele Apotheken auf dem Land denn überhaupt dichtmachen, und was denn da die Lösung wäre. Ob alternative Geschäftsmodelle denkbar sind. Und was sich an der Politik vielleicht auch ändern muss, damit es wieder reizvoll wird, Apotheker auf dem Land zu sein. Von wegen Nächstenliebe und so. Und vielleicht auch finanziell. Auf diesen Protagonisten in dem Drama warte ich jetzt also sehnsüchtig. Vielleicht tritt er ja im fünften Akt auf, nach der Pause.

 

 

 

Neues Spiel, neues Glück.

Neues Spiel, neues Glück, neuer Hahn und neue Hennen. Der Gatte konnte es nicht abwarten, und ich wollte ihm nicht schon wieder mit Begriffen wie Pietät  oder Trauerarbeit kommen. Schließlich war ich am dramatischen Hühnergemetzel quasi schuld, und während in irgendeinem Erdbau nun Herr und Frau Fuchs sitzen, mit ihren Jungen, und sie alle sich die dicken Bäuche halten, vor Lachen und wegen der XXL-Portion Hähnchenfrikassee, währenddessen also sind wir einmal quer durch die Region gefahren, um für Nachschub zu sorgen. Also, für uns, nicht für den fiesen Fuchs.

Die lieben Hühnchen schreien wie am Spieß, als sie ihr Ziehvater greifen und umzugsfertig machen will, es kam bereits die Vermutung auf, dass sie heimlich hier im Blog mitlesen (wie vermutlich viele Hühner auf der großen weiten Welt), und dass sie dementsprechend ahnen, was ihnen da blüht im Odenwald. Allein, das Geschrei hilft nichts, rein in die Kisten, Klappe zu, Affe tot, und Hühnchen brüllt.

 

 

Jetzt ist es Abend geworden im Odenwald, alle vertragen sich soweit, die alten Hühner haben sich dem neuen Hahn gleich an den Hals geworfen, es war nicht mitanzusehen, das kokette Gegurre und Gemache, jede Feministin bekäme hysterische Pickel bei diesem Schauspiel. Und nun sitzen auch die zwei Hühnchen und Friedrich II  auf der Stange, als hätten sie nie etwas anderes gekannt. Ich habe das eben nochmal kontrolliert, – und JA, ich habe die Stalltür zugemacht, Himmelherrgottsackzementnochemol.

Bitte, danke, Sie mich auch.

 

 

Brennglas.

Stellen Sie sich vor Ihrem inneren Auge mal eine Weltkarte vor. Und zeichnen Sie im Geiste überall dort Flammen und Blitze ein, wo es in den vergangenen 70 oder 80 Jahren Krieg gegeben hat oder aktuell gibt, wo Menschen sich gegenseitig umgebracht haben auf irgendwelchen idiotischen Schlachtfeldern, oder wo auch heute Blut fließt im Namen irgendeiner Ideologie, irgendeines Wahns, wo Menschen hassen und töten und selber gehasst und getötet werden.

Und jetzt zoomen Sie mal rein in diese Weltkarte, zoomen Sie Richtung Europa, dann Richtung Deutschland. Jetzt vergrößern Sie Süddeutschland, Sie sehen bald ziemlich groß Heidelberg und Mannheim, und gar nicht weit davon zoomen Sie in dieses Mittelgebirge, den Odenwald, immer weiter hinein, immer weiter hinein, auf all die winzigen Dörfer, die vielen Felder und den Wald. Irgendwann entdecken Sie hier zwischen Wiesen und Wäldern Wagenschwend, ein winziges Nest, Sie zoomen noch ein bisschen näher ran, und dann erkennen Sie den Friedhof.

Wenn Sie jetzt ganz genau hingucken, dann sehen Sie ein Häufchen Menschen da beim Friedhof, es regnet in Strömen, die Menschen sitzen geschützt in der Friedhofskapelle, und der Musikverein spielt unter dem Kapellenvordach, damit die Noten nicht nass werden. Ein paar Polen sind da, und jede Menge Wagenschwender und auch ein paar Besucher aus den Nachbardörfern. Außerdem ein echter polnischer Konsul im feinen Zwirn, ein Landrat, der Bürgermeister, Journalisten, Fotografen.

Draußen, auf dem Friedhof, im strömenden Regen, steht das Grab von Hanka. Hanka Szendzielarz, die polnische Zwangsarbeiterin in Wagenschwend, die noch kurz vor Kriegsende bei einer Schießerei im Gasthaus Linde ums Leben kam. Seit Jahrzehnten pflegen die Frauen des Dorfes das Grab, sie pflegten es auch in all den Jahren, als die Hanka einfach nur die Hanka war.

Inzwischen aber weiß man: Hanka, das war die Frau von Zygmunt Szendzielarz, und der gilt heute als polnischer Nationalheld, jedes Kind in Polen kennt seinen Namen, sagt der polnische Journalist, der an diesem Tag in Wagenschwend dabei ist. Zygmunt befehligte die polnische Heimatarmee, die erst gegen die Deutschen, später gegen die Russen kämpfte – unter den Kommunisten galt er als Verbrecher, heute ist er posthum gefeierter Nationalheld.

Seine Frau Hanka, Mutter seiner kleinen Tochter, – Hanka also war einst von den Nazis von der Straße weg verhaftet worden, sie kam in KZs und schließlich über Umwege als Zwangsarbeiterin in den Odenwald, Zygmunt ging in den Untergrund und wurde Anfang der 50er Jahre von den Russen zum Tode verurteilt und umgebracht. Die gemeinsame Tochter hat erst vor wenigen Jahren und kurz vor ihrem eigenen Tod vom Grab der Mutter in Wagenschwend erfahren und es noch einmal besucht.

Seit 1945 also liegt Hanka auf diesem Wagenschwender Friedhof begraben, und jetzt hat der Museums- und Geschichtsverein dafür gesorgt, dass aus dem schlichten Grab eine kleine Gedenkstätte wird, mit deutsch-polnisch-englischer Informationstafel und einer Sitzbank, und das alles also wird heute auf dem Friedhof eingeweiht, es werden Reden gehalten, der Musikverein in grüner Lodentracht spielt die deutsche und die polnische Nationalhymne, und die Europahymne am Ende noch dazu, ein kleiner Männerchor singt, der Konsul bedankt sich im Namen der Republik Polen und mit einem Grabkranz dafür, dass die Wagenschwender Bürger sich all die Jahre so rührend und rührig um Hankas Grab und ihre Geschichte gekümmert haben. Landrat und Bürgermeister sprechen vom Krieg und vom Frieden, von Völkerverständigung und von Europa, und zwei Geistliche, ein Pole, ein Deutscher, erbitten den Segen dazu und weihen die neue Grabanlage, und alle zusammen sprechen das Vaterunser, wie das halt so geht auf dem Land.

Auch Mitglieder der Familie Szendzielarz sind aus Danzig angereist, eine ehemalige Lehrerin für polnische Literatur und eine junge Frau, die in Warschau Trickfilme für das amerikanische Fernsehen produziert, dazu ein Archäologe, der in seiner Freizeit nichts anderes tut, als nach den Knochen von gefallenen und verschwundenen Partisanenkämpfern in Polen zu graben, sie alle stehen da heute im Regen auf diesem Friedhof tief im Odenwald und erinnern an Hanka und Zygmunt und ihre Geschichte und an den Hass, der seinerzeit alles bestimmte, überall und immerzu. Es geht mal auf Deutsch, mal auf Polnisch, es wird hierhin und dorthin übersetzt, und alle verstehen sich, es wird auch gelacht zwischendurch, es werden unter den Regenschirmen Hände geschüttelt und Einladungen ausgesprochen, nach Polen, nach Deutschland.

Diese ganze Geschichte ist wirklich irre, sagt der polnische Journalist, der im großen Berlin für die deutsche Welle und deren Polnisches Programm arbeitet, er guckt sich nocheinmal um auf dem winzigen Friedhof, der Blick von hier oben geht weit ins Land, da sind der Musikverein und der Männerchor und die Leute aus dem Dorf unter ihren Regenschirmen, vielleicht wähnt sich der junge Reporter aus der Hauptstadt im falschen Film. Oder genau im richtigen, wer weiß das schon.

Irgendwann zerstreut sich die Gruppe, Konsul und Landrat steigen in ihre Autos und fahren davon, die Menschen gehen zu Fuß zurück ins Dorf, nach Hause. Und jetzt können auch Sie eigentlich wieder aus dem Bild hinaus-zoomen, ganz langsam, weg vom Friedhof und vom winzigen Wagenschwend, vergrößern auf Baden-Württemberg, dann auf ganz Deutschland, bis sie wieder die ganze große Weltkarte vor Ihrem inneren Auge sehen. Mit all den Flammen und Blitzen und all den Orten, an denen es kracht und knallt.

 

 

Herr Fuchs.

Wir sitzen da gestern abend bei Freunden, ein paar Dörfer weiter, es gibt feinstes Essen und guten Wein, die Freunde sind Hühnerhalter wie wir, und so kommen wir früher oder später ans Hühnerhaltungs-Fachsimpeln, wie das eben so geht unter Landmenschen, wir berichten vom elektronischen Stallwächter, den wir schon lange installiert haben, die Hühnerklappe ist in die große Stalltür eingebaut und öffnet und schließt wie von Zauberhand. Genauer gesagt, von einer Schaltuhr betrieben, wir müssen uns um nichts kümmern, die Klappe geht morgens auf und abends wieder zu, wir sparen uns viele Wege und können beruhigt schlafen, das ist alles wirklich sehr praktisch.

Die Freunde hören und staunen, ja, vielleicht sollten wir sowas auch einbauen, sicher ist sicher, auf die elektronische Hühnerklappe ist bei Wind und Wetter Verlass.  Wir fragen uns, wie wir es überhaupt so lange ohne elektronischen Stallwächter ausgehalten haben, wir schwadronieren und schwadronieren und malen die Vorzüge des Gerätes in den schönsten Farben aus, das ist nun wirklich sehr praktisch, sagen wir und nehmen noch einen Schluck Rotwein und ein Stück von dem frischgeschossenen Rehrücken.

Und während wir also so schwadronieren und stolz von der Hühnerklappe berichten, ein paar Dörfer von zuhause entfernt, schleicht der Herr Fuchs bei uns um den Stall, die elektronische Klappe hat ihren Dienst schon getan, sie ist um 21 Uhr leise heruntergesummt, was aber nicht so viel nützt, wenn die gesamte Stalltür sperrangelweit offen steht, weil man sie morgens sperrangelweit geöffnet und nicht wieder geschlossen hat, und so schreitet also Herr Fuchs durch die offene Tür mit der geschlossenen Klappe in den Hühnerstall und freut sich, und ihm läuft das Wasser im Munde zusammen, die Hühner sind nachtblind, sie ahnen nur, was da passiert, aber sie sehen es nicht, und ehe sie sichs versehen, sind drei Hühner und Friedrich der Hahn mausetot.

 

 

 

Unterwegs.

Der Freund in Mannheim freut sich auf den Grillabend mit den Nachbarn, Achtzehn Grad! flötet er ins Telefon, und ich meine, eine klitzekleine Gehässigkeit heraushören zu können. Aber vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet, wir hier oben in Badisch-Sibirien fühlen uns ja manchmal benachteiligt, obwohl wir es überhaupt nicht sind. Also, nur selten jedenfalls. Vielleicht beim Wetter. Aber sonst eigentlich gar nicht.

 

 

 

 

Jetzt neu!

Ich habe mich neulich ein bisschen mit Redakteuren aus dem eigenen Hause gezankt auseinandersetzen müssen, die mich zum gefühlt 265sten mal zu meinem Umzug von der Stadt aufs Land interviewen wollten, im Rahmen eines sogenannten Kollegengespräches. Die geplante Sendung trug den immer wieder gern gehörten Titel Landlust, Landfrust, und ich sollte also darüber berichten, wie es sich so anfühlt, als Großstädterin auf dem Dorf.

Ach, Kinder!, rief ich ins Telefon, wie so eine Großmutter, die von den Enkeln genervt ist, wobei die Enkel hier im Zweifelsfall älter und erfahrener sind als ich selber, Ach, Kinder!, rief ich also, das ist doch nun wirklich ausgelutscht, ich bin seit 17 Jahren hier, ich bin doch längst schon nicht mehr neu! Es entstand eine kurze Stille in der Leitung, es war erst ein sphärisches Rauschen zu hören, dann holte mein Gesprächspartner tief Luft, Wenn man bei Dir im Blog so liest, und wenn man Dich sonst so hört, dann klingt das alles aber immer neu. Sehr neu sogar. 

Ich sage es nur ungerne, aber der Kollege hatte recht. Es klingt nicht nur neu, es fühlt sich auch so an, nach 17 Jahren noch. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht Neues entdecke, sehe, erfahre, rieche, beobachte, höre, fotografiere. Oft ist es, als sei ich völlig neu hier, als ginge ich mit den Augen der staunenden Touristin durch die Gegend, obwohl ich nun schon 17 lange Jahre hier bin.

Umgekehrt stolpere ich zu Ostern durch Berlin, meine Heimatstadt, der ich vor 25 Jahren den Rücken gekehrt habe. Nichts hier ist mehr, wie es war, wie ich es in Erinnerung habe, alles, wirklich fast alles ist neu hier, aber ich sehe es nicht, ich bemerke es kaum, weil ich ja meine, ich kenne mich hier aus, ich komme von hier, ich habe das alles jahrelang schon gesehen, ich muss schon gar nicht mehr hingucken.

Mir scheint, dahinter steckt irgendein kleines Geheimnis. Jeden Tag neu schauen, auch auf vermeintlich  längst Gesehenes und längst Entdecktes. Vielleicht braucht es dafür einen Umzug, raus aus dem Vertrauten, rein ins Unbekannte. Von der Großstadt aufs Dorf. Vom Nordpol nach Hawaii, von Hamburg nach Bayern, was weiß denn ich.  Aber vielleicht braucht es auch gar keinen Um-zug, nur ein Um-denken. Ein Neu-Denken, Neu-Fühlen, Neu-Hingucken.

Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss mit den Hunden raus und schauen. Ob die Blüten der Obstbäume noch die selbe Farbe haben wie gestern. Ob der Reiher wieder am See ist. Wie die Wolken ziehen und ihre Schatten über die Felder werfen. Ob der kleine Ameisenhaufen im Unterholz schon größer geworden ist. Wie sich der Hahn schüttelt und plustert, wie ein nasser Hund, das sieht immer wieder witzig aus. Wie der Bussard über den Wiesen flatternd nach Mäusen Ausschau hält. Mit dem Bauern plaudern, ihn befragen, irgendetwas lernen. So tun, als wäre alles völlig neu. Undsoweiter, undsoweiter, naja, Sie wissen schon.