Susanna.

Ich kenne ihren Namen, ich kenne den Ort, wo sie gelebt hat, ich kenne die Geschichte ihres Todes, und ich kenne ihr Grab und war schon manches mal dort. Aber noch nie hatte ich ein Bild von ihr gesehen. Bis es dieser Tage auf meinem Rechner aufpoppte.

Susanna Stern. 
Foto: Bezirksmuseum Buchen, Bildarchiv Karl Weiß

Das Foto ist irgendwann um 1910 aufgenommen, vom Buchener Fotografen Karl Weiß. Susanna Stern wirkt schon da für mich wie eine vergleichsweise alte Frau. Geboren 1857 in der Pfalz, hat sie irgendwann den Viehhändler Moses Stern geheiratet, die beiden wohnen in Eberstadt bei Buchen im Odenwald.

Am 10. November 1938 ist Susanna schon 81 Jahre alt, eine verwitwete Greisin, wie es in den Archiven heißt. An diesem Tag bekommt sie, wie so viele Juden in der Region, Besuch. Bei der alten Frau erscheint der NS-Ortsgruppenleiter von Eberstadt, Adolf Heinrich Frey. Mit 26 Jahren vermutlich ein Bübchen in Susannas Augen. Noch dazu eines, das sie von Geburt an kennen dürfte. Wie das so ist auf dem Dorf.

Adolf Heinrich fordert die Alte auf, mitzukommen ins Spritzenhaus der örtlichen Feuerwehr, da hin, wo die Juden des Ortes eingesperrt und schikaniert werden sollen an diesem Tag, überall im Odenwald. Susanna weigert sich, sie setzt sich stur auf ihr Sofa und zankt mit dem Jungen. In Erzählungen habe ich gehört, sie sei geradezu höhnisch geworden dem bewaffneten Kerl gegenüber, schieß doch, los, schieß mich doch tot!, soll sie gerufen haben.

Das tut der junge Mann dann auch, mit drei Schüssen, zuerst in den Körper; als Susanna sich noch regt, feuert er angeblich einen letzten Schuss direkt in ihren Kopf ab, zwischen die Augen, aus nächster Nähe. Seine Heldentat meldet er danach den Vorgesetzten.

Diese Geschichte ist grauenhaft genug, aber seit ich das Foto von Susanna gesehen habe, kommt sie mir noch grauenhafter vor. Es ist ja eine alte Weisheit, dass wir auf Bilder nochmal neu und anders reagieren, hier bewahrheitet sich das für mich einmal mehr. Fotos dulden keinen Widerspruch, keine Ausflüchte, kein Naja, ist ja schon so lange her.

Umso wichtiger und großartiger finde ich die Arbeit eines Teams rund um das Buchener Bezirksmuseum. Tausende, zehntausende von Fotos lagern dort, aus dem Bestand des Fotografen Karl Weiß. Fotos von ganz normalen Bürgern, Fotos von Kriegsgefangenen, Fotos jüdischer Familien. Sie alle, jedes einzelne von ihnen erzählt irgendeine Geschichte, und seit Jahren recherchieren ein paar Ehrenamtliche diesen Geschichten hinterher.

Sie sortieren den Bestand, sie digitalisieren Fotos, versuchen mit detektivischer Akribie herauszufinden, wer da wo abgebildet ist, wenn die entsprechenden Vermerke fehlen. Sie fragen herum, suchen Zeitzeugen, besuchen Altersheime, halten Vorträge mit Dias, setzen Puzzleteil um Puzzleteil zusammen. Aus belichteten Glasplatten machen sie die Geschichten. Und Geschichte, Zeitgeschichte. Erwecken Menschen wieder zum Leben und erzählen von Schicksalen. Ein fotografischer Geschichtsunterricht.

Das alles kann man dann digital im Internet anschauen, und ich kann Ihnen das nur empfehlen, insbesondere, wenn sie aus der Region sind und Ihnen Namen und Orte geläufig sind. Wir alle kennen die Themen aus den Geschichtsbüchern und aus dem nicht selten stinklangweiligen Schulunterricht. Aber wenn Sie sich drauf einlassen und die Fotos anklicken, dann schauen Ihnen die Menschen direkt in die Augen und erzählen Ihnen die ganze Geschichte nochmal neu.

Hier ein paar Links:

Komplimente.

Nie bekomme ich hier im Odenwald Komplimente. Ich kann mich so schön machen, wie ich will, also, ich kann mir zumindest einen Haufen Mühe geben, größere Euro-Beträge in flüssiger und pudriger Form ins Gesicht schmieren, Haare stylen, dass es kracht, Fingernägel lasziv lackieren, schicke Schühchen, kurzes Röckchen, ach, es hilft alles nichts. Kein Kompliment, nirgends. Hier müssen Sie sich jetzt ein leises Schluchzgeräusch vorstellen.

Nicht, dass Sie meinen, ich bräuchte sowas. Also, Komplimente. Ich bin ja eine selbstbewusste, emanzipierte Frau, ja, nachgeradezu mit feministischen Zügen, und ich brauche diesen ganzen Komplimentequatsch natürlich überhaupt nicht, er ist mir so gesehen fast zuwider. Ehrlich, aber sowas von. Erneutes unterdrücktes Schluchzen.

Das heißt, manchmal bekomme ich natürlich doch Komplimente. Solche, die es vermutlich nur auf dem Lande gibt. Komplimente von echten Kennern der Materie. Wenn ich in verschlammter Gummihose und verdreckten Gummistiefeln* auftauche. Kenner der Materie schauen mir nur kurz in Gesicht, um mit ihren Blicken dann ausgiebig das Schuhwerk abzuscannen. Manche sagen sogar Oh! und nennen noch den Namen des Gummistiefelherstellers.

Ebenso bei diesen komplett unförmigen Lederbotten. Schwer, aber warm, handgemacht, aber klobig. Sündhaft teuer, aber eine Anschaffung fürs Odenwälder Leben. Ich habe mir sie mal zu einem runden Geburtstag schenken lassen. Mit denen an den Füßen geht frau nicht, sie latscht. John Wayne und so, naja, Sie wissen schon. Oder Spiel mir das Lied vom Schuh äh, Tod. Ladylike ist jedenfalls anders.

Neulich traf ich einen Landwirt, der seinen Blick kaum von dem Schuhwerk lösen konnte, der all seinen Mut schließlich zusammennahm und mir im Überschwang der Gefühle leicht mit seiner vermodderten Schuhspitze an meine vermodderte Schuhspitze tippte. Seeehr gut, sagte er und zwinkerte mir verschwörerisch zu.

Manchmal, wenn das Wetter oll ist und ich zu einem offiziellen Outdoor-Termin muss, dann sagt mein Geo morgens Aber Du kannst doch bitte nicht mit diesen Schuhen…. und er meint die dicken Botten. Ich kann nicht nur, ich muss sogar, erwidere ich dann, das ist eine Frage von Respekt und Anerkennung. Und fishing for compliments, zugegeben. Aber das muss mein Geo ja nicht wissen. Also ziehe ich aus Eitelkeit die hässlichsten Treter an.

Im Leben nicht wäre ich in Berlin in derlei Schuhen auf die Straße gegangen, ich bitte Sie. Durch Neu-Westend mit Gummi- oder klobigen Lederbotten? Es wäre zumindest merkwürdig. In der Stadt.

In der Stadt funktioniert das ja auch mit den Komplimenten noch ganz anders. Für meine Gummistiefel hat sich da, soweit ich weiß, noch niemand interessiert. Da gucken Männer offenbar einfach anders, da setzen sie andere Prioritäten. Da wird es noch gewürdigt, wenn unsereiner in Röckchen und Schühchen daher kommt, und vorher einen halben Tag damit zugebracht hat, sich ordentlich aufzudonnern. Ja, ja.

Ich war da zum Beispiel gestern bei einem Empfang in der großen Stadt, und dementsprechend angezogen und herausgeputzt. Lauter feine Leute, lauter Männer in führenden Positionen, lauter Regionalprominenz. Die wissen noch, was sich gehört.

Mit einem der Herren komme ich ins Gespräch, ein treuer Radio-Hörer, ich nenne meinen Namen, der ist ihm, ebenso wie meine Radiostimme, wohlbekannt. Nur hat er mich noch nie in Natura gesehen. Sie sind das?, fragt er mit maximaler Verwunderung. Ja, antworte ich, in der traurigen Gewissheit, dass die meisten Hörer bei meiner dunklen Stimme ein rassiges schwarzhaariges Vollweib erwarten und dann, nun ja, enttäuscht sind

Sie sind das??, fragt er nochmal entgeistert, und nochmal bestätige ich das.

Ich hatte Sie mir schlimmer vorgestellt, sagt er.

So gesehen: grundehrliche Komplimente – können die Städter also auch.

Schluchzgeräusch, fortissimo.

Ja, ich schreibe immer mal wieder über die Sache mit den Stiefeln, sorry, aber es ist so schön, ich komme da nicht drüber weg. Und die Gummi-Stiefel musste ich hier natürlich auch wieder erwähnen, für den Freundeskreis Gummi. Dessen Mitglieder landen immer mal wieder wider Willen hier auf diesem Blog, weil sie über die Eingabe des Wortes Gummi, in Kombination mit allerlei mehr oder eher weniger jugendfreien Begriffen von den Suchmaschinen hier hergelotst werden. Sie verstehen, dass ich die nicht ganz enttäuschen will.

Schockmoment.

Ja, so war das heute früh, ich starte zur Arbeit, ich denke an nichts Böses, und dann passiert es. Da steht eine Mülltonne. Rechts auf dem Bürgersteig. An einem Mittwoch. Ich meine: Hallooo?

Natürlich fährt mir augenblicklich auch der Schreck eiskalt in die Glieder. Ich kralle die Hände um das Lenkrad. Ist heute vielleicht doch Montag, Tonnentag? Oder wirklich Mittwoch? Irgendein Feiertag in Sicht? Haben wir überhaupt Januar? Welches Jahrzehnt? Und was ist das weiße Zeug am Straßenrand? Schnee? oder vielleicht doch Koks? Bin ich noch Herrin meiner Sinne? Eine Mülltonne, am Mittwoch?

Ich fahre langsamer, checke im Licht der unheimlich flackernden Scheinwerfer die Lage. Schaue unauffällig die Straße rauf, die Straße runter. Keine anderen Mülltonnen in Sicht. Alles still und leer wie immer. Mir fällt eine Mülltonne vom Herzen. Puh. Offenbar ein Versehen. Irgendso ein Wirrkopf hat seine Mülltonne seit Montag da stehen lassen und macht nun das ganze Dorf wuschig. Ich meine: Muss denn das sein? Mich so zu erschrecken in der morgendlichen Dunkelheit.

Vollgepumpt mit Adrenalin und erschöpft vom Schreck fahre ich ins Büro. Hake die Tonnenthematik aber fürs Erste ab. Freue mich auf die lustigen Witzchen, die mir der freundliche Notarzt aus dem Bekanntenkreis manchmal per facebook schickt, zur Guten-Morgen-Erheiterung. Öffne den Anhang, und bääääm.

So siehts aus. 🤣

Gepostet von Landlebenblog am Mittwoch, 23. Januar 2019

Das ist jetzt nicht Ihr Ernst, lieber Freund. Das waren doch Sie heute früh in Balsbach, geben Sie es zu, Sie wollen mich in den Mülltonnen-Wahnsinn treiben, wie einst der böse Gregory seine herzensgute Frau im Haus der Lady Alquist. So ein echter Hollywood-Gruselschocker, ehrlich. Übersetzt ins Odenwälderische.

Wahrscheinlich haben Sie grade wieder eine neue Ausbildung gemacht, zum Tonnentraumatherapeuten oder wasweißich. Aber ich werde nicht Ihre erste Patientin, nein, nein, das können Sie sich abschminken. Ich habe Ihren Trick durchschaut.

Und nun entschuldigen Sie mich bitte, ich muss den Abfallkalender auswendig lernen. Noch so ein Schreck in der Morgenstunde, und ich bin geliefert.

Die Siedlung.

Es gibt so Fälle, da treffen zwei auf ihre Weise geniale Menschen aufeinander, die sehen ein Problem, sie setzen sich hin, reden, denken quer, planen, verwerfen, planen neu. Und dann legen sie los. Allen Widrigkeiten, allen Unkenrufen, allen behördlichen Einwänden zum Trotz. Schwierigkeiten? Sind dazu da, gelöst zu werden. Ihr Motto: Einfach machen.

In unserem Fall sind es ein Pfarrer und ein Architekt, die sich da treffen und dann einfach machen, und sie tun das ausgerechnet im winzigen Ort Hettingen im Odenwald. Der Ortsname wird Ihnen jetzt unter Umständen nicht so viel sagen, keine Sorge, Sie sind nicht alleine. Wenn Sie allerdings Architektur-Fan sind, dann sagt der Ortsname Ihnen vielleicht doch was, und wenn Sie sogar noch Fan des weltberühmten Architekten Egon Eiermann sind, dann sollten Sie da bald mal hin.

Es ist 1946, und im klitzekleinen Hettingen ist nichts mehr, wie es war. Das Dorf ist verschont geblieben von schlimmsten Bombardierungen, aber jetzt, direkt nach Kriegsende, müssen die 1300 Einwohner mit Hunderten von Flüchtlingen zurechtkommen. Und die müssen erstmal irgendwo untergebracht werden. All die kleinen Bauernhäuser sind schon randvoll bis unters Dach mit freiwillig oder zwangsweise aufgenommenen Menschen, die Stimmung ist nicht grade bestens, neuer Wohnraum muss her. Aber wie?

Zu dieser Zeit ist Heinrich Magnani der katholische Pfarrer in Hettingen. Ganz freiwillig ist er seinerzeit nicht hier hergekommen, sein Widerstand gegen die Nazis, sein manchmal polternder Protest, seine oft kleinen Spitzen gegen die NSDAP beginnen, lebensgefährlich für ihn zu werden. So wird er versetzt ans vermeintliche Ende der Welt, zumindest ans Ende des Bistums, nach Hettingen.

Runter von der Kanzel, rein in die Not, das ist Magnanis Lebensmotto. Und die Not, das ist momentan die Wohnungsnot in Hettingen. Magnani spricht den Architekten Egon Eiermann an, der später weltberühmt werden soll. (Wenn Sie mal in Berlin waren, Gedächtniskirche und so, naja, Sie wissen schon. Oder der lange Eugen in Bonn, oder wie der heißt. Oder die Olivettitürme in Frankfurt)

Eiermann ist nach Kriegsende im benachbarten Buchen untergekommen, das Berliner Büro ist ausgebombt, zu Fuß hat er sich in die Heimatstadt des Vaters durchgeschlagen, um hier weiterarbeiten zu können, so jedenfalls will es die Legende.

In den Wirren der Nachkriegszeit, parallel zu all dem, was nebenher erledigt werden muss in dem kleinen Dorf mit den vielen Flüchtlingen, den Kriegsversehrten und Kriegswaisen, den Kindern, den Arbeitslosen, – parallel dazu also planen der unkonventionelle Pfarrer und der Architekt den Bau einer Siedlung. Kleine Häuschen sollen da entstehen, mit Kaninchenstall und Gemüsebeet im Garten. Häuser für Flüchtlinge und Einheimische gleichermaßen, für alle, die dringend Wohnraum brauchen. Schnell muss es gehen, die Not ist groß. Und gut muss es werden, nicht wacklig und husch-husch zusammengezimmert, sondern modern.


Ich halte es für falsch, Fehlinvestitionen in der Art zu machen, dass jetzt notdürftige Bauten, die später ersetzt werden müssen, erstellt werden. Der Bedarf ist so ungeheuer, dass kein neues Gebäude für Jahrzehnte frei sein wird. Darin liegt eine große Verantwortung der Menschheit gegenüber, die ein Heim, aber keine Baracke, keine Kaserne und keine Hundehütte haben soll (…)“ 

Egon Eiermann

Baustoffe sind knapp, das Geld auch. Magnani gründet eine Baugenossenschaft, die erste kirchliche ihrer Art in ganz Deutschland. Wer ein Häuschen haben will, muss Muskelkraft und Zeit investieren, das Material organisieren Eiermann und Magnani. Mitunter auf abenteuerliche Weise und nur selten zur Freude der beteiligten Behörden, denen Magnani zwischenzeitlich gewaltig auf den Zeiger gegangen sein dürfte mit seinen ständigen Forderungen. Auch, was die Finanzen angeht, Magnani ist halt Theologe, kein Betriebswirtschaftler. Um es mal vorsichtig zu formulieren.

Eiermann entwirft für das Projekt mit allerschlichtesten Materialien und vielen genialen Ideen eine Wohnhausarchitektur, die funktionale, ästhetische und innovative Ansprüche gleichermaßen modellhaft umsetzt, heißt es in einem Flyer. Als Türklinke ein Holzstab, Wände, in denen Schränke und Regale untergebracht sind, begehbare Ankleide statt sperriger Kleiderschränke. Genial einfach, einfach genial.

Magnani schafft es mit Charisma und Überzeugunskraft, dass Bürger und Neubürger an einem Strang ziehen, auf den Baustellen ihrer Häuser sind ohnehin alle gleich. Wer nicht baut, hilft auf andere Weise dem Pfarrer, dem Siedlungsprojekt. Endlich mal neue Glocken für die katholische Kirche, nachdem die alten doch für diesen grässlichen Krieg eingeschmolzen wurden? Kommt gar nicht in Frage, sagt Magnani, neue Glocken gibts erst, wenn in Hettingen jede Familie einen eigenen Herd hat. Die Hettinger Katholiken widersprechen nicht und schuften und helfen weiter.

Die Siedlungshäuser stehen bis heute und sind bis heute bewohnt, keine provisorisch-wackligen Hundehütten, siehe oben. Die meisten von ihnen inzwischen verschönert mit allerlei Carports und Zäunen und Wintergärten und schicken neuen Türen. Eines aber der Häuser war über all die vergangenen Jahrzehnte fast unverändert, daraus ist nun ein Museum entstanden. Gehn Sie da mal hin. Solidarität. Wohnungsnot. Zweckmäßige Architektur. Einfach machen. Und so. Naja, Sie wissen schon.

Ich verlinke Ihnen hier mal ein paar Hintergrundseiten, falls es Sie interessiert. Der Pfarrer Magnani muss ein ziemlich super Typ gewesen sein, und der Egon Eiermann ist auch sehr spannend. Ich mache das mal mit so feschen Buttons, das neue Gutenberg-Programm von wordpress machts möglich. Einfach die Buttons anklicken, husch, gehts zur entsprechenden Seite. Angeblich, so behaupten die das jedenfalls. Na, ich bin ja mal gespannt, ob das klappt.

1. FC Huhn.

Ich habe festgestellt, dass Schnee und eisiger Wind nahezu die idealen Bedingungen für ein paar Hühnchenfotos sind. Wieder was gelernt. Wenn Sie zum Fanclub Huhn gehören, wird Sie das erfreuen.

Ich dachte ja schon seit Jahren darüber nach, mir mal so einen tragbaren Studio-Hintergrund zu kaufen, in Weiss oder Tiefschwarz, und die Hühnchen da einfach davorzusetzen. Ich ahnte aber schon, dass die so ein Shooting nicht ohne Weiteres mitmachen würden. Naja, nun habe ich ja eine Lösung für Hühnchenportraits gefunden. Zumindest im Winter.

12 von 12.

Jetzt ist schon wieder fast Mitte Januar, genau gesagt der 12. Januar, und das bedeutet, dass unsereiner zwölf Bilder von diesem Tag verbloggen soll. So will es die Kollegin mit den Kännchen. Also bitte. Das wird heute ein bisschen schneelastig, Badisch-Sibirien, naja, Sie wissen schon.

Hunderunde.
Alle Fots: Händi.
Forellen füttern.

Und wieder zurück Richtung Parkplatz.
Am Vormittag in den Raiffeisen. Liebstes Kaufhaus.
Briketts brauchen wir nicht. Nur Hundefutter, Ziegenfutter, Vogelfutter, Stroh. Letzteres im Moment doppelt so teuer wie vor einem Jahr.
Dann noch schönes Cafe suchen. (Odenwälder Schenkelklopfgeräusch.) Das eine hat Winterpause, das andere schließt in einer Stunde (!) und kann deswegen leider keinen Kaffee mehr ausschenken. Hat auch schon die Stühle auf den Tischen.
Dann eben Kaffee daheim.
Mit vom Gatten gebackenem Apfelkuchen. Ätsch.
Dann aber doch noch mal raus.
Weils so herrlich ist.
Und jetzt: aufm Sofa abhängen. Falls wir da noch ein freies Plätzchen ergattern.
Und für den Rest des Tages: warm und trocken.

Der Spieler.

Manchmal ist Stefan Schulz genervt. Wenn mal nur zehn oder zwölf Leute im Publikum sitzen, große und kleine, und die grossen dauernd mit dem smartphone herumdaddeln, anstatt mal Richtung Bühne zu schauen. Aber die kleinen Besucher sind meistens ganz gebannt von dem, was sie da sehen, und dann ist Schulz wieder zufrieden. Und glücklich, weil in seinem Element.

Wer mit Stefan Schulz spricht, bekommt den Eindruck, der Mann lebt für seine Marionetten. Und sie durch ihn, das ist ja klar. Er zieht die Strippen, er lässt die Puppen tanzen. Sie freuen sich durch ihn, sie springen juchzend in die Luft oder sacken weinend zusammen, sie verbeugen sich, sie rennen, sie sitzen, sie denken nach, sie reisen um die Welt, sie träumen von Fabelwesen und Zauberern, sie lenken Lokomotiven und Jumbos, sie schlagen und sie küssen sich. Und alles nur durch ihn.

Erst als Erwachsener ist Schulz auf das Marionettentheater gekommen, dann aber gleich richtig. Ich muss nicht auf die Bühne, man sieht mich nicht, und trotzdem kann ich in ganz viele Rollen schlüpfen und den Menschen eine Geschichte erzählen, sagt er in einer merkwürdigen Mischung aus Atemlosigkeit und tiefer Ruhe, die viel über seine Begeisterung verrät. Ja, die Geschichten da auf der Bühne sind Kinder-Geschichten, aber man lernt immer irgendwas Neues und immer irgendwas vom Leben. Wie das halt so ist, beim Theater. Wenn man sich nur drauf einlässt.

Vor einiger Zeit musste Schulz aus seinem ersten kleinen Theater raus und stand vor der Wahl: Entweder das Marionettenspiel aufgeben, oder nach neuen Räumen suchen. Natürlich hätte ich aufgeben können. Dann wären die Puppen, die wir alle selber gebaut und eingekleidet haben, all die Figuren und die vielen Requisiten auf den Müll geflogen. Da hätten Sie mich dann gleich dazuschmeißen können. Auf den Müll.

Alle seine Puppen kennt er mit Namen, er kennt die Charaktere der Figuren, ihre Stärken und Schwächen, ihre Gedanken, Hoffnungen und Wünsche. In großen Glasschränken hängen sie aufgereiht und warten auf den nächsten Auftritt. Der Florian ist und bleibt der Florian, der kann nicht morgen ein Andreas werden oder ein Postbote oder Polizist. Die Räuber bleiben Räuber, der Sultan bleibt Sultan, und das junge Mädchen im Rollstuhl bleibt im Rollstuhl. Die Unsympathischen bleiben unsympathisch, die Netten nett.

Fast ist es, als bildeten sie eine große Familie, er und die Puppen, an seinen Strippen und in den Schränken. Wie er mir die Schränke zeigt, aus denen all die Gesichter herausschauen, warte ich eigentlich nur darauf, dass im nächsten Augenblick eine von ihnen zu uns spricht, Hallo, Stefan! ruft oder mit der Pappmaschee-Hand winkt.

Die Tradition des Marionettenspiels ist uralt und weltumspannend. Schon in der Antike haben Menschen mit Hilfe von Gliederpuppen Geschichten erzählt, haben die Strippenzieher durch die Puppen zum Publikum gesprochen. Schulz möchte nicht, dass die Tradition verloren geht, er möchte sie mit modernen Mitteln weiterführen, weitervermitteln.

Er möchte auch Erwachsene dazu bringen, mal eine Stunde lang still zu sitzen und sich auf die Geschichte zu konzentrieren, auf die vermeintliche Kindergeschichte, die am Ende vielleicht gar keine reine Kindergeschichte ist. Sich Zeit nehmen für etwas, was im ersten Moment wie aus der Zeit gefallen wirkt.

Eine Stunde lang mal ohne Blick auf die neuesten news und Chats auf dem blöden smartphone, ja, ist denn das zuviel verlangt? Mit den blöden Smartphones steht Schulz auf Kriegsfuß. Da stehen tatsächlich Eltern während der Vorführung auf und gehen mit dem Handy raus. Der Zeitgeist. Es gibt Dinge auf der Welt, die versteht Stefan Schulz nicht. Die will er auch gar nicht verstehen.

Vielleicht, ich weiß es nicht, aber vielleicht reicht es ihm manchmal sogar, mit seinen Puppen zu spielen, sie zum Leben zu erwecken, mit ihnen eine Geschichte zu erzählen, die von Glück und Trauer handelt, von Wagemut und Angst, von Liebe und Hass und davon, dass am Ende alles immer irgendwie gut ausgeht.

Und wenn dann noch kleine Kinder im Publikum sitzen, die mit offenen Mündern und weit aufgerissenen Augen den Puppen zuschauen, wie sie da über die Bühne laufen und schweben und tanzen, in ihrer etwas ungelenken Art, dann ist der Marionettenspieler wieder ganz in seinem Element.

Im Moment gibt es im Marionettentheater jeden Monat ein anderes Stück zu sehen. Fragen Sie mich nicht, wieder der Mann das macht, der hat ja nebenbei noch einen Beruf. Aber bitte. Nähere Infos bekommen Sie auf seiner Website. Und man kann das Theater auch mal für Gruppen mieten, eine kleine Bar gibts auch. Und für Kindergeburtstage. Und überhaupt. Naja, Sie wissen schon.

In the Wilderness.

Wir haben da diesen Bekannten. Ein Innenarchitekt, der ursprünglich aus Chicago kommt, und den ein eigenwilliges Schicksal und die Liebe nun ausgerechnet nach Buchen im Odenwald verschlagen hatten. Sowas kommt vor, man steckt da ja nicht drin, naja, Sie wissen schon.

Jener Bekannter hinterließ nach Besichtigung des Ateliers in des künstlerischen Gattens Gästebuch einst einen Spruch, der hier im Haus inzwischen zum geflügelten Wort geworden ist.

Daran musste ich denken, nachdem wir vor einiger Zeit in the wilderness einen Künstlerkollegen entdeckt haben, von dem wir zuvor nichts wussten. Ja, die Wildnis ist mitunter doch sehr groß, hier im Odenwald.

Enno Folkerts, der Name lässt ahnen, dass auch der nicht gebürtig aus dem Badischen ist, schon zweimal nicht aus dem Odenwald. Folkerts kommt von da oben irgendwo, Richtung Küste, Richtung Meer, und auch ihn hat irgendein merkwürdiges Schicksal in den Odenwald verschlagen. Genauer gesagt nach Hirschhorn, und noch genauer gesagt, nach Hirschhorn-Langenthal. Ich möchte den Hirschhorn-Langenthalern nun nicht zu nahe treten, habe aber doch das Gefühl, dass der Ort, – so rein, was die Kunstszene angeht -, nicht direkt mit Schauplätzen wie Chicago, Berlin oder Paris zu vergleichen ist. Zumindest nicht so ganz.

Da hat Folkerts jetzt sein Atelier in den Räumen einer ehemaligen Fabrik, ein ganz wunderbares Atelier ist das, aus allen Ecken lachen einen die Kunstwerke an, großformatig und realistisch, oder wild und abstrakt, Fummelsarbeiten auf Leinwand, oder mit großer Geste hingeworfene Farbverläufe.

Ich bin zwar mit einem Künstler verheiratet, und das auch schon eine ganze Weile, aber ich habe leider keine Ahnung, wie man über Kunst schreibt, ich bin ja bloß Regionalreporterin und keine Kulturredakteurin. Aber soviel weiß ich: selten einen Künstler erlebt, der so vielfältig und unterschiedlich arbeitet, zwischen den Extremen. Naja, Sie wissen schon.

Das Atelier empfängt die Besucher mit offenen Armen und einem warmen Händedruck, und Enno Folkerts macht es ebenso. Überhaupt würde Folkerts nicht wieder zurück in irgendeine Großstadt gehen wollen, beste Entscheidung ever, sagt er, wenn es um den Umzug seinerzeit in die vermeintliche Provinz geht.

Sie sollten ihn mal besuchen und sich selber überzeugen. Oder Sie schauen sich mal auf seiner Website um. Da findet man auch die Termine, wenn es mal wieder ein Konzert im Atelier gibt.

To cut a long story short: It’s great to find art in the wilderness.

(Hach, ich bin heute irgendwie sehr international drauf.)