Es gibt so Fälle, da treffen zwei auf ihre Weise geniale Menschen aufeinander, die sehen ein Problem, sie setzen sich hin, reden, denken quer, planen, verwerfen, planen neu. Und dann legen sie los. Allen Widrigkeiten, allen Unkenrufen, allen behördlichen Einwänden zum Trotz. Schwierigkeiten? Sind dazu da, gelöst zu werden. Ihr Motto: Einfach machen.

In unserem Fall sind es ein Pfarrer und ein Architekt, die sich da treffen und dann einfach machen, und sie tun das ausgerechnet im winzigen Ort Hettingen im Odenwald. Der Ortsname wird Ihnen jetzt unter Umständen nicht so viel sagen, keine Sorge, Sie sind nicht alleine. Wenn Sie allerdings Architektur-Fan sind, dann sagt der Ortsname Ihnen vielleicht doch was, und wenn Sie sogar noch Fan des weltberühmten Architekten Egon Eiermann sind, dann sollten Sie da bald mal hin.

Es ist 1946, und im klitzekleinen Hettingen ist nichts mehr, wie es war. Das Dorf ist verschont geblieben von schlimmsten Bombardierungen, aber jetzt, direkt nach Kriegsende, müssen die 1300 Einwohner mit Hunderten von Flüchtlingen zurechtkommen. Und die müssen erstmal irgendwo untergebracht werden. All die kleinen Bauernhäuser sind schon randvoll bis unters Dach mit freiwillig oder zwangsweise aufgenommenen Menschen, die Stimmung ist nicht grade bestens, neuer Wohnraum muss her. Aber wie?

Zu dieser Zeit ist Heinrich Magnani der katholische Pfarrer in Hettingen. Ganz freiwillig ist er seinerzeit nicht hier hergekommen, sein Widerstand gegen die Nazis, sein manchmal polternder Protest, seine oft kleinen Spitzen gegen die NSDAP beginnen, lebensgefährlich für ihn zu werden. So wird er versetzt ans vermeintliche Ende der Welt, zumindest ans Ende des Bistums, nach Hettingen.

Runter von der Kanzel, rein in die Not, das ist Magnanis Lebensmotto. Und die Not, das ist momentan die Wohnungsnot in Hettingen. Magnani spricht den Architekten Egon Eiermann an, der später weltberühmt werden soll. (Wenn Sie mal in Berlin waren, Gedächtniskirche und so, naja, Sie wissen schon. Oder der lange Eugen in Bonn, oder wie der heißt. Oder die Olivettitürme in Frankfurt)

Eiermann ist nach Kriegsende im benachbarten Buchen untergekommen, das Berliner Büro ist ausgebombt, zu Fuß hat er sich in die Heimatstadt des Vaters durchgeschlagen, um hier weiterarbeiten zu können, so jedenfalls will es die Legende.

In den Wirren der Nachkriegszeit, parallel zu all dem, was nebenher erledigt werden muss in dem kleinen Dorf mit den vielen Flüchtlingen, den Kriegsversehrten und Kriegswaisen, den Kindern, den Arbeitslosen, – parallel dazu also planen der unkonventionelle Pfarrer und der Architekt den Bau einer Siedlung. Kleine Häuschen sollen da entstehen, mit Kaninchenstall und Gemüsebeet im Garten. Häuser für Flüchtlinge und Einheimische gleichermaßen, für alle, die dringend Wohnraum brauchen. Schnell muss es gehen, die Not ist groß. Und gut muss es werden, nicht wacklig und husch-husch zusammengezimmert, sondern modern.


Ich halte es für falsch, Fehlinvestitionen in der Art zu machen, dass jetzt notdürftige Bauten, die später ersetzt werden müssen, erstellt werden. Der Bedarf ist so ungeheuer, dass kein neues Gebäude für Jahrzehnte frei sein wird. Darin liegt eine große Verantwortung der Menschheit gegenüber, die ein Heim, aber keine Baracke, keine Kaserne und keine Hundehütte haben soll (…)“ 

Egon Eiermann

Baustoffe sind knapp, das Geld auch. Magnani gründet eine Baugenossenschaft, die erste kirchliche ihrer Art in ganz Deutschland. Wer ein Häuschen haben will, muss Muskelkraft und Zeit investieren, das Material organisieren Eiermann und Magnani. Mitunter auf abenteuerliche Weise und nur selten zur Freude der beteiligten Behörden, denen Magnani zwischenzeitlich gewaltig auf den Zeiger gegangen sein dürfte mit seinen ständigen Forderungen. Auch, was die Finanzen angeht, Magnani ist halt Theologe, kein Betriebswirtschaftler. Um es mal vorsichtig zu formulieren.

Eiermann entwirft für das Projekt mit allerschlichtesten Materialien und vielen genialen Ideen eine Wohnhausarchitektur, die funktionale, ästhetische und innovative Ansprüche gleichermaßen modellhaft umsetzt, heißt es in einem Flyer. Als Türklinke ein Holzstab, Wände, in denen Schränke und Regale untergebracht sind, begehbare Ankleide statt sperriger Kleiderschränke. Genial einfach, einfach genial.

Magnani schafft es mit Charisma und Überzeugunskraft, dass Bürger und Neubürger an einem Strang ziehen, auf den Baustellen ihrer Häuser sind ohnehin alle gleich. Wer nicht baut, hilft auf andere Weise dem Pfarrer, dem Siedlungsprojekt. Endlich mal neue Glocken für die katholische Kirche, nachdem die alten doch für diesen grässlichen Krieg eingeschmolzen wurden? Kommt gar nicht in Frage, sagt Magnani, neue Glocken gibts erst, wenn in Hettingen jede Familie einen eigenen Herd hat. Die Hettinger Katholiken widersprechen nicht und schuften und helfen weiter.

Die Siedlungshäuser stehen bis heute und sind bis heute bewohnt, keine provisorisch-wackligen Hundehütten, siehe oben. Die meisten von ihnen inzwischen verschönert mit allerlei Carports und Zäunen und Wintergärten und schicken neuen Türen. Eines aber der Häuser war über all die vergangenen Jahrzehnte fast unverändert, daraus ist nun ein Museum entstanden. Gehn Sie da mal hin. Solidarität. Wohnungsnot. Zweckmäßige Architektur. Einfach machen. Und so. Naja, Sie wissen schon.

Ich verlinke Ihnen hier mal ein paar Hintergrundseiten, falls es Sie interessiert. Der Pfarrer Magnani muss ein ziemlich super Typ gewesen sein, und der Egon Eiermann ist auch sehr spannend. Ich mache das mal mit so feschen Buttons, das neue Gutenberg-Programm von wordpress machts möglich. Einfach die Buttons anklicken, husch, gehts zur entsprechenden Seite. Angeblich, so behaupten die das jedenfalls. Na, ich bin ja mal gespannt, ob das klappt.

3 Kommentare zu “Die Siedlung.”

  1. Ich frage mich sowieso, warum heutzutage sowas nicht mehr gebaut wird. (natürlich weiß ich es – Grundstücke sind teuer, da wird lieber in die Höhe gebaut). Das sind tolle kleine Häuschen mit bissel Garten drumrum.
    Danke für die interessante Geschichte!
    Einen schönen Sonntag
    Juliane

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