Das Große im Kleinen.

Der Priester steht oben auf dem Kirchturm, mit weitem Blick ins Land. Es ist eine Nacht im Frühjahr 1945, und es wird eine Nacht, die sich in das Kollektive Gedächtnis des kleinen Odenwälder Dorfes Hettingen einbrennen soll, bis heute.

Pfarrer Heinrich Magnani steht also oben auf dem Turm der Hettinger Kirche und beobachtet, wie die amerikanischen Truppen aus der Ferne näherrücken. Der Geistliche weiß: Hettingen ist Kriegsgebiet, die verhassten Nazis haben es dazu erklärt, und wenn der Feind kommt und das kleine Dorf verteidigt werden soll, dann gibt es eine Katastrophe. SS-Leute liegen noch im Ort, bereit zu kämpfen bis zum Letzten.

Ich hatte Weisung gegeben, dass,  wenn ich mit einem Schlag auf die Glocke ein Zeichen gebe, alles in den Keller gehen muss. Das war dann in den frühen Morgenstunden des Karfreitags. Ich hisste auf dem Turm eine große weiße Flagge.

Magnani kann die SS-Einheiten mit einem Trick dazu bewegen, sich zurückzuziehen, raus aus dem Dorf, hektisch, mitten in der Nacht. Ich erklärte den SS-Männern, dass eben die Spähwagen des Feindes schon an drei Stellen vor Ort stehen und schon in den nächsten Minuten die Umzingelung des Ortes durch die Panzer erfolge. Wenn er mir schnell folge, zeige ich ihm einen sicheren Weg, um sich mit seiner Truppe noch dem Feind entziehen zu können. Der SS-Offizier glaubte mir und so führte ich ihn an der Friedhofsmauer vorbei direkt hinauf auf den Rinschheimer Buckel. (…) So war diese Gefahr gebannt. (…) Schließlich war wirklich der Ort von den deutschen Soldaten frei. 

Dann läuft Magnani los, mutterseelenallein, hinein in die mondhelle Nacht. Er hat eine Soutane an, ist als Geistlicher zu erkennen, und er trägt in der Hand einen Holzstab mit einer riesigen weißen Fahne. So geht er über die Hügel hinaus aus Hettingen, im Mondschein wilde Schatten werfend, eine einsame Gestalt in wehendem Gewand, die sich über Felder und Wiesen den schwerbewaffneten amerikanischen Truppen nähert.

Die Soldaten empfangen den Pfarrer mißtrauisch. Nach einigem Hin und Her kann er mit dem Chef der Truppe sprechen. Magnani beschreibt die Lage im Ort, verbürgt sich dafür, dass es beim Einmarsch keinen Widerstand geben wird, bittet um Gnade für das kleine Dorf. Hofft inständig und insgeheim, dass nicht irgendwer in Hettingen dann doch noch schießen oder aufbegehren wird.

So ganz trauen die Amerikaner dem deutschen Priester nicht. Während sich Panzer und Spähwagen im Schritttempo auf Hettingen zubewegen, muss Magnani vorneweglaufen, bis hinauf auf den Kirchbuckel. Hier stellen sich die Soldaten im Kreis um den 46jährigen auf, richten ihre Maschinengewehre auf ihn. „Beim ersten Schuss auf die Truppen“, so wurde mir erklärt, „ist Ihr Leben verwirkt.“ 

Die Panzer und Wagen fahren in endloser Kolonne durch das Dorf, Magnani starrt regungslos in unzählige Gewehrläufe, und die Minuten vergehen so träge wie Stunden.

Aber nichts passiert, kein Schuss fällt. Alles bleibt friedlich.

 

Pfarrer Magnani hat sich für uns verpfändet, und er hat unser Dorf gerettet, sagen die Menschen hier. Bis heute.

 

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Die kursiven Zitate habe ich dem Büchlein Heinrich Magnani – ein Dorfpfarrer entnommen, herausgegeben vom Caritasverband im Neckar-Odenwald-Kreis, leider nicht mehr erhältlich. Über den außergewöhnlichen Pfarrer ließen sich noch viele andere Geschichten schreiben, vielleicht mache ich das nochmal im Lauf der Zeit, ansonsten googlen Sie mal, hier zum Beispiel: http://www.pfarrer-magnani.de/show.php 

oder hier, da gibt es sogar enge Verbindungen zwischen Hettingen und Berlin:

http://www.dokumentation-eiermann-magnani.de/

 

Dieser Beitrag ist vor einigen Jahren hier schon mal erschienen, aber heute zum offiziellen Tag des Kriegsendes, fiel er mir wieder ein. 

 

 

 

 

 

3 Kommentare

  1. Danke für die Geschichtsstunde! Zu meiner Zeit in der Volksschule in A. War das alles verpönt. Und dann im Gymnasium in der damaligen Hauptstadt war es auch nicht viel besser. So wurde aus mir u.a. Eine Historikerin im Selbststudium. Allerdings war die Heimatregion da schon aus dem Blickwinkel geraten. ( Die jetzige Heimat war zum geschilderten Zeitpunkt schon drei Wochen befreit, aber in Trümmern…)
    Jetzt Schaubild mir die Links noch an.
    Ganz besonders liebe Grüße!
    Astrid

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